Galerie
0 Kommentare

Achill Island – Baden auf Umwegen

In Irland tragen die Kinder auch im Winter keine Schuhe. Diese Beobachtung war in den 50er Jahren einem deutschen Schriftsteller vorbehalten. So bitter war die Armut im Nordwesten damals. Heute hingegen reicht es hier fast flächendeckend für ein sehr funktionales Kleidungsstück: den Ganzkörper-Neoprenanzug. Und dessen Einführung hatte laut Gerry Brennigan einen frappierenden Effekt: „Seit es preiswerte Wetsuits gibt, ist Irland ein Badeziel.“

Keel Bay

Wärmer als 15 Grad wird der Atlantik zwar auch im Hochsommer nur selten. Dennoch aber herrscht am Keel Beach erheblicher Betrieb. Vor allem Kinder nehmen den Kampf gegen die stattliche Brandung auf. Doch wo Wellen aufschlagen, sind auch Surfer nicht weit. Dutzende lauern liegend auf den Moment, in dem sich das Wasser viel versprechend auftürmt. Kurz vor dem Überschlag der Gischt holen sie mit den Armen Schwung. Erwischen sie die Welle, wagen sie den  glamourös anmutenden Wechsel in die Vertikale.

Der ertse Tag auf dem Brett

Gerry Brennigan beobachtet das Geschehen aus der oberen Etage eines Doppeldeckerbusses. Das türkise Wasser, der makellose Sandstrand und die Wellenreiter, das alles, scherzt er, könne von hier aus dem Vergleich mit der Karibik standhalten. Wäre die sichelförmige Bucht nicht auf der einen Seite von Mount Croaghan und auf der anderen von Mount Minaun eingefasst. Zwei schroffe, waldlose Berge, wie sie nun einmal eher für Irland typisch sind.

Gerry Brennigan

Die erste Surfschule

Auch an diesem makellosen Sommertag gehen gelegentlich – scheinbar grundlos – Regenschauer nieder. In diesen Momenten zieht sich der 47-Jährige in sein Vehikel zurück. Der himmelblaue Bus aber ist nicht nur Unterschlupf, sondern zugleich Umkleidekabine der Blackfield Surf School, die Brennigan auf Achill gegründet hat. Zudem ist er eine mobile Aussichtsplattform: Vom Oberdeck können Besucher über die Dünen aufs Meer blicken. Noch müssen sie sich dabei mit Tee und Kaffee begnügen, doch der Mann aus Belfast ist fest entschlossen, den Behörden eine Lizenz zum Ausschank von Alkohol abzuringen: „Dann gibt es nächstes Jahr eine Weinbar mit Blick auf den Sonnenuntergang.“

 

Auch wenn die Brandung ausbleibt, ist der sechs Kilometer lange Strand gut für manches Spektakel. Wie Connie Hebs erzählt, „tummeln sich dann gerne Delfine in der Bucht“. Auch Wale und bis zu zehn Meter lange Riesenhaie kann man zuweilen von der Küste aus sehen. Vor sechs Jahren ist die junge Frau aus Thüringen auf die größte vorgelagerte Insel Irlands ausgewandert. Nach einer ersten Ferienfreizeit konnte die Sozialarbeiterin nicht anders, als so oft wie möglich zurückzukehren. Schließlich mochte sie auf die schroffe Landschaft, die Leute, den melodischen Singsang des irischen Englisch und die frische Luft nicht mehr verzichten.

Mount Slievemore

Heute arbeitet Hebs im Tourismus, der sich zum wichtigsten Standbein für das County Mayo entwickelt hat. Beim Aufstieg auf den Mount Slievemore, den mit 671 Metern höchsten Berg der Insel, führt sie zu einem gespenstischen Ort: „Deserted village„, ein Dorf, das von seinen Bewohnern während der großen Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Die Ruinen von rund 100 Steinhütten erinnern sehr plastisch an das größte Trauma der Iren. „Hoffentlich“, sagt sie nachdenklich, „wiederholt sich die Geschichte nicht“. Durch die anhaltende Wirtschafts- und Schuldenkrise seien vor allem die Männer im Alter von 25 bis 40 heute wieder gezwungen, ihr Glück in einem anderen Teil der Welt zu suchen.

Orte der Krisenbewältigung

Zur vorübergehenden Krisenbewältigung haben die Iren alternativ immer noch ihre Pubs. Der kleinste im Nordwesten des Landes ist „Lynotts“, eine Kneipe, die ein ehemaliger Dorfpolizist in einem Steinhaus traditioneller Bauart betreibt. Auf einer Fläche von fünf mal neun Metern wird hier das Leben so gut es geht gefeiert. Mit frisch gezapftem Guinness, landestypischen Liedern und gebührendem Spott für die einstigen Besatzer: An einer Wand hängt ein Plakat, das die vermeintlich wahren Machtverhältnisse im europäischen Fußball zeigt. Wider besseres Wissen wurde darauf die britische Hauptinsel einfach ausradiert und durch ein vielfach vergrößert dargestelltes Irland ersetzt.

Postkartenlandschaft

Im entzückenden Städtchen Westport, das ein paar Kilometer weiter östlich auf dem Festland liegt, zeigt sich allerdings, dass der Ballsport, wie wir ihn kennen, hier ohnehin nur eine untergeordnete Rolle spielt. Schließlich wird auf der Insel „Gaelic Football“ gespielt, eine temporeiche und nur für manche Beobachter etwas grobschlächtig anmutende Abwandlung, bei welcher der Ball auch mit den Händen aufgenommen und bewegt werden darf. Die Mannschaften bestehen aus je 15 Spielern. Und während Tore mit drei Punkten honoriert werden, erhalten die Mannschaften auch für Schüsse über die Latte einen Zähler.

Westport - Hochburg des Gaelic Football

An diesem Tag tritt das Team des County Mayo in Dublin gegen den Erzrivalen aus Kerry an. Der Gegner gilt als eine Art Manchester United des gälischen Fußballs: Finanzstark und nahezu unbezwingbar. Dennoch sind die Pubs voller Optimisten, die im grünroten Trikot die heimische Mannschaft anfeuern. Vergebene Liebesmüh, die bald eine erhöhte Inanspruchnahme der Zapfhähne nach sich zieht.

Heinrich Bölls Tagebuch

Bliebe noch der deutsche Schriftsteller, der auf Achill Island eine zweite Heimat gefunden hat: Heinrich Böll, durch dessen „Irisches Tagebuch“ Land und Leute in Deutschland erstmals richtig wahrgenommen wurde. Ähnlich wie Connie Hebs konnte sich auch der aufstrebende Autor nicht mehr von Achill Island lösen, als er und seine Familie sich 1955 einen Urlaub am Keel Beach geleistet haben. Später sollte Böll ein kleines Anwesen nahe der Nordküste erwerben, das bis heute seinen Namen trägt und sich noch immer im Besitz der Familie befindet.

Seit 1992 dient das Domizil Kreativen wie David O’Donaghue als temporäre Bleibe. Der Historiker aus Dublin hat sich erfolgreich für einen Aufenthalt beworben, den er für Arbeiten an seinem ersten Roman nutzt. In dem gemütlichen Haus duftet es nach einem Torfofen. An den Wänden hängen Aquarelle, die Szenen aus Bölls Leben zeigen. Der Ausblick auf den Atlantik, der Böll so inspiriert hat, bleibt O’Donoghue allerdings versagt: Eine Hecke versperrt den Blick. Auf den Ozean mag der Schriftsteller dennoch nicht verzichten: „Ich lasse mich jeden Tag auf dem Fahrrad den Berg herunterrollen und nehme ein Bad.“ Ohne Neoprenanzug. Wie zu Bölls Zeiten.

Madonna auf dem Berg

Informationen:

Anreise mehrmals täglich per Flugzeug via Dublin, zum Beispiel mit Air Lingus oder Lufthansa. Weiter per Mietwagen (Vorsicht: Linksverkehr) etwa vier Stunden bis nach Achill Island. Die Insel ist über eine 200 Meter lange Brücke mit dem Festland verbunden.

Achill Island eignet sich auch zum Radfahren, Wandern, Fischen, Reiten und Golfen. Die Firma „Electric Escapes“ bietet kombinierte Outdoor-Touren zum Beispiel per E-Bike und Kajak an. Die Surfsaison auf Achill Island läuft von Juni bis Anfang September. Die Surfschule „Blackfield Surf School“ bietet 120-minütige Einführungskurse schon ab 15 Euro an.

Im Mai findet jedes Jahr ein Heinrich-Böll-Wochenende auf Achill Island statt. Philologen und andere Kenner kommen dann auf der Insel zusammen.

Bereits ab 250 Euro pro Woche sind kleine Ferienhäuser zu haben. Komfortabel ist das Mulranny Park Hotel zwischen Achill Island und Westport. Es handelt sich um ein ehemaliges Eisenbahnhotel, das gerade wieder eröffnet wurde.

Veröffentich via DAPD u.a. in den Aachener Nachrichten (http://goo.gl/emkaW) und Focus Online (http://goo.gl/WnUv1) und in der WAZ (http://goo.gl/HnUk7)

www.electricescapes.ir

www.blackfield.com

www.heinrich-boell.de/HeinrichBoellCottage.htm

www.visitachill.com

www.mulrannyparkhotel.ie

www.achilltourism.com

Alle weiterführenden Informationen zu Irland unter:

www.discoverireland.com/de

Das irische Fremdenverkehrsamt hat die Reise unterstützt.

Home is where the heart is

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.