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Die Elfstädtetour

Die Strecke der Elfstedentocht in Friesland ist nun für Boote befahrbar. Das kommt einer Entschleunigung in elf Schritten gleicht.

Der Jungkapitän nach der Bewährungsprobe

Mit Unbeholfenheit weiß Johan Potma umzugehen: „Kann man das Ding abschließen?“, möchte ein Anfänger wissen. Ein anderer fragt, ob das alles wirklich ohne Führerschein gehe. Doch selbst wenn die Worte der Wassersportnovizen noch so weltfremd klingen – der zwei Meter große Friese ist nicht aus der Ruhe zu bringen: „Fährt sich fast wie ein Auto“, meldet er knapp. Dann händigt er den Schlüssel aus. Dazu eine nautische Karte und ein paar Prospekte. Und los geht das Abenteuer.

Allerorten Hindernisse

Es herrscht kaum Verkehr an diesem sonnigen Sommermorgen.  Und weil sich die Schaluppe geschmeidig durch den Sporthafen von Heeg navigieren lässt, gewinnt die Zweimannbesatzung rasch Vertrauen. Bald steuert das 7,25 Meter lange Boot auf den ersten See zu: „De Fluezen“, ein stattliches Gewässer von zwölf Kilometern Länge und anderthalb Kilometern Breite. Rote und grüne Bojen weisen den Weg zum anderen Ufer. Dort signalisiert ein dreieckiges Schild, wo sich die Einfahrt zum Kanal nach Sloten befindet.

Kryptische Zahlen in Friesland

Während das Boot träge durch die Landschaft tuckert, kann die Crew eine gewisse Zufriedenheit nicht verbergen. Die kryptischen Zahlen auf der Wasserkarte wurden bislang richtig interpretiert: weder Schleusen noch Brücken blockieren den Weg. Das bescheiden motorisierte Gefährt durchkreuzt einen weiteren See. Und nach einer Stunde kommen an den Ufern des Kanals die Häuser des ersten Etappenziels in Sicht.

Von der Straßenansicht fast verschwunden: das "alte Holland"

Das Dorf Sloten gruppiert sich um wenige Grachten. Gepflegte Giebelhäuser zeugen von einer wohlhabenden Vergangenheit. Obwohl winzig klein, genießt der Ort Status, denn er markiert den südöstlichen Wendepunkt der „Elfstedentocht“, jenem Eisschnelllaufrennen, das über 200 Kilometer durch alle elf friesischen Städte führt. Ein Mythos, der wie kaum etwas anderes das „alte Holland“ verkörpert – auch wenn die bislang letzte Austragung wegen des ausbleibenden Dauerfrostes auf 1997 datiert.

Mit dem Holzschuh auf Geldfang

Puristen mag es nur ein schaler Trost sein, doch neuerdings ist die Strecke auch für den Bootsverkehr erschlossen. Zumindest für Gefährte, die eine Höhe von 1,20 nicht überschreiten – so wie unsere Camping-Schaluppe.

Friesische Siesta mit der Marekrite

Nur dann nämlich können die Brücken unterquert werden, die nicht über einen Öffnungsmechanismus verfügen. Am Ortseingang von Sloten wird die Besatzung erstmals Zeuge dieses immergleichen Vorgangs: Die Wasserampel springt auf grün. Nun darf das Boot passieren. Dann wirft der Brückenwärter eine Angel aus, an der ein Holzschuh befestigt ist. Und in diesen gilt es als Wegezoll ein paar Münzen zu werfen.

Bei der Weiterfahrt nach Stavoren wartet dann doch die erste Tücke: Den Ort Balk erreichen wir spät, der Brückenwärter hat Feierabend. Also muss improvisiert werden. Nach einem komplexen Wendemanöver entscheiden wir uns trotz Regen und Wellen für eine Alternativroute über De Fluezen. Bei einsetzender Dunkelheit erreichen wir einen Hafen in Koudum, wo die nächste Bewährungsprobe ansteht: Rückwärts einparken – bei geschlossenem Verdeck. Wind und teure Yachten in direkter Nachbarschaft schwächen das Selbstvertrauen zusätzlich.

Später im „Café Spoorzicht“ erkundigt sich Gerben Brouwer nach der Mission der Reisenden. Die Antwort macht ihn redselig: „Ich selbst habe die Elfstedentocht mehr als 20 Mal mitgemacht.“ Auf dem Rad, zu Fuß, ja sogar auf dem Roller. „Und zwei Mal auch auf Schlittschuhen. Das war 1996 und 1997.“ Auch im Alter von 55 Jahren wäre er gerne noch mal dabei – wenn sich auf Kanälen und Seen nur endlich wieder eine tragfeste Eisschicht bilden würde. Immerhin, sagt er, steige die Chance statistisch gesehen von Winter zu Winter.

Abendromantik in BolswardErfolgreiche Jung-Kapitäne

Tags darauf geraten die Jung-Kapitäne an die Grenzen ihrer Fähigkeiten. In Hindeloopen werden Kanäle, Kurven und  Brückendurchfahrten immer enger. An den Ufern stehen johlende Kinder, denen beim Anblick der „Adventurer Two“ nichts Gutes schwant. Doch die Durchfahrt gelingt ohne Kollision. Erleichtert machen wir am nächsten Anleger fest. An Land gewährt ein Abstecher ins größte Schlittschuhmuseum der Welt tiefe Einblicke in die Dramatik des Nationalsports. Ein gesonderter Trakt ist der Huldigung von Pionieren der Elfstedentocht vorbehalten. Die Fotos zeigen schmerzverzerrte Gesichter, akrobatische Brücken-Limbos und ein fanatisches Publikum.

In Ermangelung neuer Schikanen gewinnt die Weiterfahrt über Workum bis nach Bolsward zunehmend meditativen Charakter. So wie die Etappen nach Harlingen, Franeker, Leeuwarden und Dokkum zur puren Entschleunigung werden. Nach all dem Anfangsstress aber hat sich auch das Leben an Bord eingespielt: Nachtruhe mit den Füßen im Bug, Dusche in den sauberen Kabinen der Häfen, Frühstück auf dem Sonnendeck. Dann die Taue losmachen – und weiter geht es über kaum befahrene Kanäle. Wo Kühe mit gebührender Langeweile das Geschehen verfolgen. Wo tapsige Blesshühner bei dem Versuch scheitern, über das Wasser zu laufen. Und wo allenfalls das Missverhältnis von zehn Windrädern auf eine Windmühle an die moderne Zivilisation erinnert.

Friesische Siesta

Ritueller Höhepunkt eines jeden Tages ist die friesische Siesta: An einem der vielen Anleger festmachen, die manchmal mitten im Gewässer stehen. Dann ein Buch herausholen oder den Wolken beim Vorüberziehen zusehen. Bis zu drei Tage lang dürfen Boote hier liegen. Eine Versuchung, die nur von der Vorfreude auf die nächsten Städtchen behindert wird. Noch locken Sneek mit seinem Wassertor – und als letzte Station Ijlst, das sich genau wie Sloten als Dörfchen entpuppt.

Zurück im Heimathafen sagen die nunmehr arrivierten Binnengewässerkapitäne: „Im Winter kann es hier ja wohl kaum schöner sein“. Johan Potma nimmt diese Behauptung schweigend zur Kenntnis. So, wie er vor einer Woche naive Fragen geduldet hat.

Das Wohn- und Schlafzimmer

Informationen:

Die Strecke der Elfstedenroute ist 200 Kilometer lang, die reine Fahrtzeit beläuft sich auf etwa 22 Stunden. Unter Berücksichtigung von  Wartezeiten an Brücken und Schleusen kann sie bequem in einer Woche zurückgelegt werden. Geöffnet ist sie vom 1. April bis zum 1. November.

Vorbereitung und navigatorische Grundkenntnisse sind nicht erforderlich, aber ratsam. Ein Führerschein für Boote ist in den Niederlanden erst ab einer Länge von 15 Metern erforderlich, dies jedoch gilt nicht für das Ijsselmeer. Die Motoren sind auf zwölf Stundenkilometer gedrosselt.

Die Übernachtung ist in Häfen und an 550 Anlegern in freier Natur möglich. Erstere müssen beim Hafenmeister bezahlt werden, Duschen und Toiletten sind meist ebenso vorhanden wie Strom und Wasser, Details auf nautischen Karten.

Die Campingschaluppen werden vermietet von der Firma „Otten Home“ in Heeg. Die Kosten betragen je nach Saison zwischen 750 und 1000 Euro pro Woche.

www.frieslanderleben.nl
www.niederlande.de
www.ottenhome.nl

Für guten Geschmack ist es nie zu früh

 

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