Artikel
0 Kommentare

Ein Tag mit David Sedaris

Lesungen, das hat David Sedaris gelernt, können für das Publikum ein Höllenritt sein: „Zum Beispiel wenn ein Autor mit einem dicken Bündel Blätter auf die Bühne schreitet. Und alle denken: Oh nein, das wird er doch nicht wirklich alles vortragen wollen.“ Doch auch für einen Schriftsteller kann ein solcher Abend seine Tücken haben: „In Paris, da war dieses Arschloch im Publikum. Der hat mich vor allen Leuten gefragt, wie es sich denn anfühlt, dass mein Buch in der »New York Times« so verrissen wurde.“

In aller Regel aber genießt der freundliche Mann aus North Carolina seinen Status als reisender Geschichtenerzähler. Vor allem im englischsprachigen Raum hat er dabei den Rang eines Popstars erreicht: Vor mehr als 5000 Zuschauern liest Sedaris aus der jüngsten Episodensammlung, die ein Spiegel seines eigenen Lebens ist. Mal beobachtet er nur das seltsame Treiben um ihn herum. Dann wieder kompiliert er Ereignisse so, dass sie eine Sinneinheit ergeben, die zu überraschenden Einsichten führt. Gerne aber kramt er auch nur tief in seiner eigenen Erinnerung.

So wie in der Geschichte „Per Anhalter unterwegs“: Mit aufgerichtetem Daumen will Sedaris durch North Carolina trampen. Irgendwann steigt er in den Wagen ein Pärchens. Bald darauf überrumpelt ihn der Fahrer mit der Frage, ob er Interesse an einem Sexualakt mit seiner Gattin habe. Der junge David lehnt ab, indem er sich auf seine Homosexualität beruft. „Seit Ewigkeiten“, heißt es in der Geschichte, „hatte ich das loswerden wollen, und während der Wagen zur Seite ruckte und mit quietschenden Reifen am Straßenrand hielt, spürte ich eine unendliche Erleichterung.“ Auf ähnlich merkwürdige Weise anrührend, entwaffnend und vielsagend sind die meisten der Episoden, die der 51 Jahre alte Autor seinem Publikum anvertraut. Nicht selten sind sie witzig – obwohl dieser Faktor überbewertet wird.

Für seine Bücher zehrt der kleine Mann mit den schiefen Zähnen, wie Sedaris oft apostrophiert wird, von einem umfangreichen Konvolut an Tagebucheinträgen, die er seit nunmehr 31 Jahren anreichert. Warum diese so voluminös sind, zeigt sich im Gespräch: Er ist ein unprätentiöser, geradezu neugieriger Mann, der sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufrieden gibt. Und einer, der gerne seine eigene Sicht auf die Dinge anbietet.

Wenn David Sedaris sich zum Beispiel mit Barack Obama befasst, führt ihn dieser Gedanke an Bord eines Flugzeuges. Eine Stewardess, seufzt er, könne seinen Landsleuten noch so oft sagen, dass bitte jeder nur ein Handgepäckstück im dafür vorgesehenen Fach verstauen möge. Damit für jeden ein bisschen Platz da sei. „Und was ist: Kaum sind wir gelandet, sehe ich, dass doch jeder zwei Stücke hervorkramt.“ Diese Art von Egoismus habe sich unter George W. Bush epidemieartig ausgebreitet. „Barack Obama aber könnte zu der Stewardess werden, die alle davon überzeugt, eine Tasche unter den Sitz zu packen.“ Vielleicht, ergänzt er, könnte Obama die Leute auch davon überzeugen, dass sie nicht zwangsweise einen Geländewagen fahren und in einem Haus mit 400 Quadratmetern Wohnfläche leben müssen. „So wie meine Schwester, die alleine lebt. Und als Grund für die Wahl eines solchen Hauses angegeben hat, dass sie zwar auch das Kleinere hätte nehmen können. Dann aber hätte sie jeden Tag auf das größere blicken müssen.“

Sedaris selbst wohnt mit seinem Lebensgefährten Hugh Hamrick, der auch in seinen Büchern auftaucht, abwechselnd in Paris, in der Normandie und in London. Vielleicht gerade weil er ein Expatriierter ist, hört er nicht auf, über seine Landsleute zu staunen, wie er im Kölner Hotel berichtet. Merkwürdige Beobachtungen aber macht der Autor, dessen Erstverwertungsrechte sich das renommierte Magazin „New Yorker“ gesichert hat, überall auf dem Planeten. Die Landsleute seines griechischen Vaters etwa erstaunen ihn durch ihre Dreistigkeit, sogar bei Lesungen zu telefonieren. Die Deutschen amüsieren ihn mit Wortschöpfungen wie „Sitzriese“ oder „Lebensabschnittsgefährte“. Und die Franzosen überraschen ihn damit, dass sie vermeintliche Straftäter „einfach so, ohne Prozess“ ins Gefängnis stecken können.

Leute wie Jackie, ein verschrobener älterer Mann, dem Sedaris häufiger in jenem normannischen Dorf begegnet ist, wo er teilweise lebt. Als „Der Mann in der Hütte“ hat Jackie Eingang in das neue Buch gefunden. Eines Tages, schildert der Autor dort verwundert, sei der Mann von der Polizei abgeführt worden. Weil er seine Enkelkinder missbraucht haben soll. Jahre später kehrte er dann wieder in die verfallene Hütte zurück. Statt dem Mann bei seinen Spaziergängen aus dem Weg zu gehen, hat Sedaris das Gespräch gesucht. Dies würden ihm die Leute jetzt zum Vorwurf machen. Wie er Mitgefühl mit einem Kinderschänder haben könne. „Mir aber scheint es auch deshalb das Schlimmste, was es gibt, weil ich denke, dass man nicht wirklich eine Wahl hat, wovon man sich angezogen fühlt.“ Es müsse die größte Qual sein, wenn die Neigung bei Kindern liege. Auch wenn es unverzeihlich sei.

Diese Geschichte ist ebenfalls im „New Yorker“ erschienen. Es ist die mutige Seite eines Schriftstellers, der allzu oft auf seinen „Witz“ oder seine „Skurrilität“ reduziert wird. Und der es mit seinem neuen Buch – Verriss hin, Verriss her – übrigens auf Platz 1 der Bestsellerliste der „New York Times“ gebracht hat.
Vita:

David Sedaris wurde 1956 in Johnson City (New York) geboren. Aufgewachsen ist er in North Carolina. Im Alter von 20 Jahren hat er begonnen, Tagebücher zu führen, erst seit 2000 vertraut er seine Gedanken einem Computer an. Seine Karriere begann, als 1992 einer seiner Beiträge in der Radiosendung „National Public Radio“ ausgestrahlt wurde.

Seine Bücher „Nackt“ (1997), „Holiday on Ice“ (1997) und „Ich ein Tag sprechen hübsch“ (2000) brachten ihm Weltruhm ein. Die Gesamtauflage seiner Bücher liegt bei über sieben Millionen. Seine Texte, betont er, legt er den betroffenen Personen stets zur Ansicht vor. Zurzeit arbeitet Sedaris erstmalig an einem Band mit fiktionaler Prosa. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Fabeln. Die Arbeiten, räumt er ein, gestalten sich allerdings schwierig. Den avisierten Veröffentlichungstermin im kommenden Jahr wird er wohl nicht einhalten können.

 

Veröffentlicht im „Kölner Stadt-Anzeiger“ am 13. Dezember 2008

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.