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Reunited: Palais Schaumburg

Die Elbphilharmonie der Herzen

Das Palais und die Philharmonie

Alle reden über die Elbphilharmonie. Wie toll sie wird. Wie wichtig sie für die Zukunft Hamburgs ist. Wie viel Geld sie kostet. Und wie prächtig die Architektur von Herzog & de Meuron ist.

Dabei steht an der Elbe schon seit Jahrzehnten ein kleiner Club, der im Sinne von LCD Soundsystems Hit „Us vs. them“ deutlich wichtiger ist. Ein Freund in Berlin hat das neulich demonstriert. Seine Vinylsammlung hat er nach geographischen Kriterien sortiert, so wie es ausschließlich Fans elektronischer Fans machen. Und unter der handschriftlich gesetzten Marke „Hamburg“ findet sich eine Serie mit dem Namen „Operation Pudel 2001“, die das rührige Label Ladomat publiziert hat.

Nicht ohne Stolz hat er mir die Sachen, die in Zusammenarbeit mit dem Golden Pudel Club entstanden sind, neulich in seinem Wohnzimmer vorgespielt. Meine längst vergessene Bewunderung für „Phantom/Ghost“ erlebt seitdem ihren zweiten Frühling.

Ein paar Tage zuvor waren vor Ort in Hamburg Palais Schaumburg angekündigt. Palais Schaumburg? Ja. 30 Jahre nach „Wir bauen eine neue Stadt“, „Kinder der Tod“ und „Grünes Winkelkanu“ sollte Holger Hiller im Pudel Club auf der Bühne stehen. Mit der Band „von damals“.

Schon lange vor Beginn tummeln sich die Berufsjugendlichen am Eingang. Ein Typ in Jeansjacke, mit grauem Bart und grauer Mähne bereitet die Abendkasse vor. Das ist hier die einzige Möglichkeit zum Ticket-Erwerb. Fuck Ticketmaster  und Eventim. „Wie mir das auf den Sack geht“, schnauzt er den Wartenden entgegen. Im Sinne von: Habt ihr kein Zuhause? Ein bisschen elitäres Gehabe gehört halt dazu. Kann er sich aber auch leisten, denn es ist derselbe Mann, der mit ein paar Freunden den Pudel zur Institution und die Ladomat-Reihe zu Sammlerstücken gemacht hat. „Steht doch hier“, knurrt er, „es geht erst um acht los.“ Er verschwindet.

Eine halbe Stunde danach öffnet der Mann widerwillig die Kasse. „Kostet nen Zehner“, sagt er mit unwesentlich besserer Laune. Immerhin dürfen sich die Hipster nun um einen Platz vor der improvisierten Bühne prügeln. Es ist eng und verraucht. Die Wände sind komplett zutätowiert. Eine exaltierte DJane legt anstrengenden Kram auf.

Als keiner mehr Platz zum Stehen hat, dauert es immer noch eine Stunde, bis Palais Schaumburg sich zur Bühne vorkämpfen. Hiller teilt sich den spärlichen Platz mit Timo Blunck, der einen Bass spielt, der so 80er Jahre-mäßig hässlich ist, als hätte er ihn von Don Johnson persönlich geerbt. Am hinteren Rand des winzigen Podiums müssen Ralf Hertwig und Thomas Fehlmann ihre Instrumente hinter irgendwelchen Tischen spielen. Sie sehen aus wie Musikschullehrer.

Das Reunion-Konzert wird fulminant. Die vorweggenommene Dekonstruktion der Neuen Deutschen Welle klingt in 2012 funky. Hiller, inzwischen 56, scheint zu spüren, dass die Zeit nun vielleicht reifer ist für seine Musik. Auch weil Palais Schaumburg  im heutigen Kontext weniger entrückt daher kommen – und plötzlich tanzbar sind. Die Band vertont sogar ein Gedicht von Hillers Mutter. „Eine einfache Frau“, sagt er. „Leider ist sie gestorben, letztes Jahr.“

Am Ende jubeln die kritischen Hamburger. Es war das Warming-up für eine größere Tour, die in diesem Jahr geplant ist. Der Golden Pudel Club ist dafür der richtige Ort. Es ist tatsächlich die Elbphilharmonie der Herzen. Da verspricht der grauhaarige Misanthrop nicht zu viel.

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