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„Die sterblichen Verliebten“ von Javier Marias

Die sterblichen Verliebten

Im Verlag muss sich Maria mit Schriftstellern herumärgern, die ihr zu „Recherchezwecken“ die Besorgung von Kokain abverlangen. Oder die sie nach ihrer Meinung zu vorgefertigten Reden befragen, mit denen sie König Carl Gustav von Schweden zu beeindrucken gedenken, falls ihnen endlich der wohlverdiente Nobelpreis zugesprochen werden sollte. Um den prätentiösen Quälgeistern aus dem Weg zu gehen, zögert die Lektorin den Beginn ihres Arbeitstages mit den Besuchen des immergleichen Cafés hinaus, wo sie es sich zur Gewohnheit gemacht hat, ein vermeintlich mustergültiges Ehepaar bei der Frühstücksroutine zu beobachten. Irgendwann aber kommen die beiden nicht mehr – was Marias Kopfkino aktiviert: Sind sie in Urlaub? Haben sie sich getrennt? Ein Kellner verschafft ihr Gewissheit: Der Mann, Miguel, wurde an seinem 50. Geburtstag von einem Obdachlosen ermordet.

Maria informiert sich im Internet über die Ereignisse. In langen inneren Monologen sinniert sie über die Endlichkeit auch der größten Liebe, über die Vergänglichkeit des Schmerzes und die immerwährende Präsenz der Toten. Als sie die Witwe nach langen Monaten wieder im Café erspäht, kann Maria nicht mehr umhin, sie anzusprechen.

Die Frauen verbringen ein paar Stunden miteinander, wobei Maria auch den besten Freund des Ermordeten kennenlernt: Javier, mit dem sie sich auf eine Affäre einlässt. Als Maria eines Tages bei ihm im Bett liegt, bekommt dieser unerwarteten Besuch von einem Mann. Sie belauscht das Gespräch, das ganz offensichtlich nicht für sie bestimmt ist, bekommt aber nur Bruchstücke davon mit, wie in einem Hitchcock-Film, wenn bei den entscheidenden Dialogen ein Zug vorbeirauscht. Der Tod Miguels erscheint für sie nun in einem anderen Licht. Maria malt sich aus, was wirklich geschehen sein könnte. Steckt etwa doch nicht die Willkür eines Hoffnungslosen hinter dem tragischen Tod, sondern Eifersucht und unerfüllte Liebe? Sie überlegt, ob sie Javier zur Rede stellten soll. Es ist der Startschuss zu einer Gedankenreise, die kaum eine große Frage der Existenz auslässt. Diese gewinnt weiter an Fahrt, als sie Javier über ihr Wissen informiert.

Die Imagination liegt hier im Clinch mit den Fakten. Ein Konflikt, dem der Spanier Javier Marias (Jahrgang 1951) in seinem neuen Roman „Die sterblichen Verliebten“ zusätzlich zuspitzt, indem er den philosophischen Exkursen immer wieder Einhalt gebietet, um pointiert die Handlung voranzutreiben. Schuld und Sühne, Treue und Versuchung, Verrat und Erlösung sind Thema von oft seitenlangen Sätzen, von denen es nicht wenige verdienen, in Stein gemeißelt zu werden. Unangestrengt spiegelt Marias seine Geschichte zudem in Werken von Balzac, Shakespeare oder Dumas. Somit erzeugt er einen literarischen Tiefgang, der dem Leser das Dilemma beschert, sich permanent zwischen dem Genuss des einzelnen Satzes und der Neugierde auf das Ende der Geschichte entscheiden zu müssen.

Anders gesagt: „Die sterblichen Verliebten“ mag zwar vordergründig ein Krimi sein. In Wahrheit aber ist der zentrale Fixpunkt des Romans nicht ein Mord, sondern das menschliche Sein als solches – mit all seinen Abgründen, seinen Ängsten und der Allmacht seiner Fantasien.

Javier Marias: „Die sterblichen Verliebten„, S. Fischer, 430 Seiten, 19,99 Euro.

Lesung auf der lit.Cologne am 19. März, 20 Uhr, WDR.

Aus dem Kölner Stadt-Anzeiger, 13. März 2012

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