Galerie
0 Kommentare

Georgia on my Mind (Teil 1)

Die Virginia-Eiche vor dem Haupthaus lässt ihre Zweige hängen. Sie wirkt müde, so mancher Ast liegt auf dem Boden auf. Doch Gogo Ferguson gönnt dem Baum diese Nachlässigkeit. Schließlich hat er die Last von mehr als 300 Jahren zu tragen. Und jede Menge „Spanish Moss“, ein gräuliches Farn, das zwar weder aus Spanien kommt noch zu den Moospflanzen gehört. Aber es ist das allgegenwärtige Erkennungsmerkmal der Südstaatenvegetation. „Beautiful“, stellt sie lapidar fest.

Verlassener Neoklassizismus: Das Ferienhaus der Carnegies

Verlassener Neoklassizismus: Das Ferienhaus der Carnegies

An diesem warmen Frühlingstag suchen die Gäste von „Greyfield Inn“  unter der kapitalen Eiche Schutz vor der Sonne. Die weiß getünchte Villa mit der geräumigen Veranda ist das einzige Gasthaus auf Cumberland Island. Wie Ferguson erzählt, haben hier in den 1880ern die Carnegies gesessen. Das Eiland war das Sommerdomizil der philanthropischen Industriellenfamilie. Wie sich die Golden Isles vor der Küste des US-Bundesstaats Georgia überhaupt großer Popularität beim Geldadel erfreuten.

Gogo Ferguson ist die Ururenkelin von Lucy und Thomas Carnegie. Eine Frau Ende 50, die mit ihren Gästen ein Leben teilt, das nicht aus dieser Zeit scheint: Der Südstaatenprunkbau ist mit dem Mobiliar aus einer längst vergangenen Epoche ausgestattet: Freistehende Badewannen, Himmelbetten und plüschige Fauteuils.

Aus der Gründerzeit desTourismus: Greyfield Inn auf Cumberland Island

Aus der Gründerzeit desTourismus: Greyfield Inn auf Cumberland Island

Bei jedem Schritt knarzen die Holzdielen. Internet, Fernsehen und andere Geißeln der Gegenwart fehlen. Dafür stehen in der Bibliothek die Erstausgaben 100 Jahre alter Romane. Und den Speisesaal betreten die Gäste am Abend stets im feinen Zwirn.

Wilde Pferde und stoische Austernfischer

Cumberland Island ist nur mit einer Personenfähre erreichbar, asphaltierte Straßen sind nicht vorhanden. Dafür streunen wilde Pferde auf der Insel umher. Die weißen Strände werden von stoisch dreinblickenden Austernfischern und lustig umhertapsenden Strandläufern bevölkert. Wenn

Trampelpfad durch den mystischen Wald aus Virginia-Eichen

Trampelpfad durch den mystischen Wald aus Virginia-Eichen

einmal eine einmotorige Propellermaschine auf der 29 Kilometer langen Insel landen will, muss der Pilot mit einer Wiese vorlieb nehmen. Wie ein Abenteurer, der eine afrikanische Hochebene anfliegt. Diese Rahmenbedingungen weiß die High Society immer noch zu schätzen: 1996 hat John F. Kennedy Junior seine Freundin Gogo gebeten, die Insel mitsamt ihrer klapprigen Kapelle für seine Hochzeit nutzen zu dürfen. Das schützte ihn vor den Paparazzi. Erst durch die Nachberichterstattung ist das in Vergessenheit geratene Eiland wieder in den Blickpunkt gerückt. Doch die Intimität der Insel ist mittlerweile sogar gesetzlich verbrieft: niemals dürfen sich mehr als 300 Personen hier aufhalten.

Ausgrabungen der Zukunft: Ruinen von Luxus-Bauten auf Cumberland Island

Ausgrabungen der Zukunft: Ruinen von Luxus-Bauten auf Cumberland Island

 

Nicht ganz so exklusiv ist die Nachbarinsel Jekyll Island. Über das Marschland hinweg führt eine Brücke in dieses Paralleluniversum. Die windgeschützte Seite dieser Insel diente im ausgehenden 19. Jahrhundert den Vorreitern des amerikanischen Kapitalismus als Spielwiese. Im örtlichen „Club“ gaben sich John D. Rockefeller, J.P. Morgan, Joseph Pullitzer und William K. Vanderbilt die Klinke in die Hand. Die Nordlichter aus New York nutzten Jekyll Island als Bühne für einen kleinen Hahnenkampf, durch den Bau immer opulenterer Villen wollten sie sich gegenseitig zu übertrumpfen.

Stille Zeugen am Strand

Die Überbleibsel dieser Eskapaden sind mittlerweile ein Hotel – der Jekyll Island Club. Ein herrschaftliches Anwesen mit einem Haupttrakt, der mit seiner viktorianischen Architektur und dem sandgelben Anstrich alle Urlaubsinstinkte aktiviert. Die Strände der Insel aber werden trotz der Anbindung ans Festland überwiegend von Ausflüglern

Angerostet: Die Pionier der individuellen Mobilität

Angerostet: Die Pionier der individuellen Mobilität

aus Georgia bevölkert. Die Touristenmassen folgen brav dem Lockruf des nahen Florida. Sogar die große Attraktion findet kaum Beachtung: Driftwood Beach, ein Strand im Nordosten. Hier trotzen die Überbleibsel von längst abgestorbenen Virginia-Eichen Tag für Tag den Fluten. Es sind stille Zeugen der schleichenden Wanderbewegung der Insel. Eine monumentale maritime Kulisse mit bizarrem Schattenspiel.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.