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Tennessee Tendencies (Teil 1)

Desillusionierte Dienstleistungdrohnen schwirren in Dollywood umher. Die Line-Dance-Formationen sind abgekämpft, die Popcorn-Verkäufer müde. „The Show must go on“ und ähnliche amerikanische Plattitüden vorerst außer Kraft gesetzt. Bald werden die Pforten schließen an diesem sonnigen Tag in Pigeon Forge, Tennessee. Zuerst aber müssen die Besucher noch durch den Gift-Shop geschleust werden, in dem sie von allen Artikeln ein und dasselbe Gesicht anstrahlt. Egal obKaffeetasse oder Marmeladenglas – das Konterfei von Dolly Parton ist omnipräsent.

Dollywood - Desillusionierte Dienstleistungsdrohnen

Dollywood – Desillusionierte Dienstleistungsdrohnen

Dollywood ist einer dieser uramerikanischen Vergnügungsparks, die Spaß für die gesamte Familie verheißen. In diesem Fall sind die Folgen drastisch: Pigeon Forge, einst ein puritanisches Bergdorf an der Grenze zu North Carolina, hat sich zueiner Art Zweit-Las Vegas entwickelt: Mit einem endlosen Strip. Einem Hotel, in dem das gesamte Jahr Weihnachten ist. Und einem Haus, das auf dem Kopf steht. Nicht gerade der klassische Einstieg in den Music State, wie sich Tennessee stolz nennt. Aber doch mehr als eine skurrile Episode, schließlich wird Dolly Parton hier im konservativen Süden der USA abgöttisch verehrt. Und die Gipfel der Great Smoky Mountains als Kulisse können sich auch sehen lassen.

Ein konservatives Mini-Las-Vegas

Pigeon Forge liegt eine halbe Stunde südlich des Interstate 40, der liebevoll als „Music Highway“ bezeichnet wird, weil er mit Nashville und Memphis zwei Kapitalen der Musikgeschichte verbindet. Gut eine Stunde vor Memphis und dem mächtigen Missisippi liegt das unscheinbare Städtchen Jackson. Ein Nest, das Eingang in die Enzyklopädie der Missverständnisse der modernen Zivilisationsgeschichte hätte finden können, denn es wäre zweifelsohne hauptsächlich dafür berühmt, dass hier die „Pringles“ erfunden wurden, hätte nicht Johnny Cash das 50.000-Einwohnerstädtchen als Schauplatz für einen Song über juvenilen Überschwangauserkoren, durch den Jackson jedem Musikliebhaber ein Begriff ist.

Pigeon Forge - Mini-Las Vegas mit ausgehebelten Naturgesetzen

Pigeon Forge – Mini-Las Vegas mit ausgehebelten Naturgesetzen

Hauptattraktionen sind heute eine von drei noch im Originalzustand existierenden Greyhound-Stationen und der „Old Country Store“, ein zum Geschäft und Restaurant gewordenes Kondensat der Südstaaten, in dem Devotionalien des regional kultisch verehrten Opossums ebenso selbstverständlich sind wie frittierte Maiskuchen. Sichtlich wohl fühlt sich hier eine Erscheinung, die sich durch seine sehr fleischigen Hände, eine verspiegelte Sonnenbrille und eine ungewohnt souveräne Ausstrahlung deutlich vom Rest der Besucher abhebt.

Sun Studio in Memphis

Sun Studio in Memphis

Der Mann heißt W.S. Holland und er hat 40 Jahre lang das Schlagzeug in der Band von Johnny Cash bedient. Cash selbst hat dem heute 74-Jährigen den kleidsamen Titel „Father of the Drums“ verliehen. Musikhistoriker können dem kaum widersprechen, hat Holland doch auf zahlreichen Frühwerken mitgewirkt, die auf dem Sun Label veröffentlicht wurden. Unter anderem beim „Million Dollar Quartet“, das in imposanter Besetzung musizierte: Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Johnny Cash und Elvis Presley.

Die Rockabilly Hall of Fame

Heute genießt Holland sein Dasein als lokale Zelebrität – doch Pensionär allein möchte er nicht sein. Immer wieder kommen Besucher wegen ihm, nicht selten sind es Journalisten, die die Musikgeschichte neu schreiben möchten. Holland begleitet sie gerne in die Rockabilly Hall of Fame, einem völlig unamerikanischen Off-Museum. Hier baumeln die Singles vom Sun Label von der Decke und hier sind zahlreiche andere Memorablia vereint. Gesammelt hat sie Henry Harrison, der zufällig mit den späteren Superstars aufgewachsen ist. „Ich habe gegen Elvis geboxt und mit ihm Basketball gespielt.“ An den Wänden des Tanzsaals hängen sympathisch misslungene Porträts der Heroen von einst, darunter auch das Konterfei von Rayburn Anthony, einem weiteren Sun-Pionier.

WS "Fluke" Holland und Rayburn Anthony in der Rockabilly Hall of Fame

WS „Fluke“ Holland und Rayburn Anthony in der Rockabilly Hall of Fame

Holland klagt ein wenig über das verzerrte Bild, das im Film „Walk the Line“ von ihm gezeichnet wird: Ein rauchender und trinkender Drummer. „Beides“, sagt er, „habe ich in den 74 Jahren meines Lebens nicht ein mal angerührt.“ Verbittert ist er wegen der Geschichtsverfälschung nicht. Viel mehr freut er sich, als Rayburn Anthony ihn auffordert, sich ans Drumset zu setzen. Gemeinsam stimmen beide den „Folsom Prison Blues“ an. Und danach ertönt die Zeile „We got married in a fever“, die Jackson so berühmt gemacht hat.

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