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Tennessee Tendencies (Teil 2)

In Memphis sehnt man sich vergeblich nach einer solch kleinen, heilen Welt. Die City ist seit Jahrzehnten verödet, manch alter Wolkenkratzer steht verrammelt in der Gegend herum. Sobald die Dämmerung einsetzt, steht an jeder Kreuzung ein Cop. Die Beale Street am Rande des Zentrums aber ist wieder intakt – auch wenn die Brutstätte des Blues ein wenig einem Musikthemenpark gleicht. In B.B. Kings Club spielt an diesem Abend eine namenlose Band U2-Coverversionen: „Where the streets have no names“.

Der Narziss trägt Goldjacket

Der Narziss trägt Goldjacket

Auf der Liste legendärer „locations“ noch weiter oben ist das Sun Studio notiert, das sich unbescheiden aber nicht ohne Berechtigung Geburtsstätte des Rock’n’Roll nennt. In dem unscheinbaren Backsteingebäude, das sich an der Union Avenue ein paar Blocks entfernt von Downtown befindet, haben von Elvis bis zu Roy Orbison und Johnny Cash alle ihre ersten Platten aufgenommen. Wenn Musik eine Religion wäre, heißt es, dann wäre Memphis Jerusalem – und das Sun Studio der wertvollste Schrein. Wer Glück hat, wird von Cora durch die erfreulich abgerockten Räume geführt: Die tätowierte Amazone steht für einen anekdotenreichen Rundgang mit Klangprobe.

Ein bisschen langweilig: BB King's Club in downtown Memphis

Ein bisschen langweilig: BB King’s Club in downtown Memphis

Ein paar Blocks Richtung Süden röhrt eine typische 70ies-Limousine über die Straße – auf drei Reifen und einer Felge. Wir befinden uns ein paar Straßen weiter südlich. „In einer der ärmsten Viertel des Landes“, wie Tim Sampson erklärt. Sampson arbeitet im Stax Museum, einem weiteren Haus, das der Konservierung einer musikalischen Institution dient. Hier haben Otis Redding, Isaac Hayes und Booker T. and the MGs ihre Platten aufgenommen, bevor das Studio in den 70er Jahren dem allgemeinen Niedergang der Stadt zum Opfer fiel, der mit dem Mord an Martin Luther King eingesetzt hatte.

Ein anonymer Musikfreund hat vor einigen Jahren den Bau einer Erinnerungsstätte ermöglicht und damit die schrittweise Erholung des Viertels eingeleitet. Sampson und seine Kollegen unterhalten hier auch die Stax Academy, in der Ghetto-Kids die Tugenden beigebracht werden, die für das Leben allgemein und für das eines Berufsmusikers vonnöten sind. Ähnlich philantropische Tendenzen sucht man in Graceland vergeblich. Das Anwesen des King ist gnadenlos durchkommerzialisiert, alle Produkte sind mit Echtheitssiegel ausgestattet. Am Grab nölt eine ältere Frau: „Das hier ist sehr emotional, oder?“ Nun, sagen wir: es ist traurig.

Graceland - das Vortor zur Hölle

Graceland – das Vortor zur Hölle

Gegen das traurig gestrige von Memphis wirkt Nashville wie eine moderne Metropole: Eine Skyline aus Glas und Stahl, Suburbs mit geräumigen Villen – und eine intakte Innenstadt. Am Broadway reihen sich die Honkytonks aneinander, jene Live-Clubs, die dem Klischee getreu bis heute nur der Country Music vorbehalten sind. Aus einigen schallen tatsächlich seichte Sounds. Nicht so aber aus „Layla’s Bluegrass Inn“, wo Meta-Countrybands wie die „Drive-by-Truckers“ groß geworden sind.

Gibson Gitarrenfabrik in Nashville

Gibson Gitarrenfabrik in Nashville

Hier steht gegen Mitternacht ein von oben bis unten zutätowierter Berserker auf der Bühne, der seine Gitarre malträtiert und von einer fünfköpfigen Band tatkräftig unterstützt wird. Dieses Naturereignis nennt sich Hank III. und ist niemand anders als der Enkel von Hank Williams, dem früh verunglückten Übervater der melodramatischen Country-Ballade. Hank III. tritt fast jede Woche hier auf, um seine ebenso heißblütige wie sehenswerte Fan-Gemeinde mit mächtigem Lärm zu befriedigen. Im Ryman Auditorium tritt am selben Abend Jack White von den White Stripes mit seiner Zweitband auf, den Raconteurs.

Auch in Nashville aber stößt der passionierte Musikhistoriker auf reichhaltige Jagdgründe. Von Ernest Tubb’s Plattenladen am Broadway über die legendäre Konzerthalle „Grand Ole Opry“ bis zur „Country Music Hall of Fame“, einem High-End-Museum für die ganze Familie. Dennoch spielt die Vergangenheit kaum eine Rolle in Nashville – zu kraftvoll ist die Gegenwart. Bliebe die Frage, was aus dem Erbe jenes Mannes geworden ist, auf den sich alle einigen können – vom jungen Hiphopper bis zum ältlichen Rockabilly-Aficionado: Johnny Cash.

Garantiert ungentrifiziert: Das Viertel, in dem das Stax Museum liegt

Garantiert ungentrifiziert: Das Viertel, in dem das Stax Museum liegt

Der „Man in Black“ residierte Zeit seines Lebens in Hendersonville, einem kleinen Städtchen nordöstlich von Nashville. Vor Ort allerdings deutet wenig auf den bekannten Bewohner hin, außer dass ein Teil der Main Street nach ihm benannt ist. In einer rührigen Bücherstube verrät eine junge Verkäuferin den Weg zu Friedhof und jener Villa, die seit den Aufnahmen zu „Walk the Line“ so bekannt geworden ist.

Nach ein paar Meilen taucht auf der rechten Seite der Woodlawn Cemetry auf. Abermals weist nichts darauf hin, dass hier June Carter-Cash und Johnny Cash nebeneinander ruhen. Nach einigem Suchen aber findet man den Grabstein und ein die Ruhestätte, auf der ein paar Plektrons liegen. Das Anwesen, auf dem der Mann residierte, allerdings ist Geschichte. Ein Bauzaun umgibt das Areal an einer Ausbuchtung des Cumberland River. Brandstifter, so die Vermutung, haben es dem Erdboden gleichgemacht. Ein Verlust. Aber vielleicht zugleich die Garantie, dass Johnny Cash der Nachwelt nicht in einem zweiten Graceland in Erinnerung bleibt. Tröstliche Aussichten für eine würdevolle Zukunft des Music State.

 

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