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Zurück in die Flasche – St. Patrick’s Day in Savannah

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Savannah, Georgia ist „the most haunted city“ in den USA. Zumindest vermarktet sie sich als die am meisten von Geistern heimgesuchte Stadt der Vereinigten Staaten – wegen der für amerikanische Verhältnisse langen Geschichte. Savannah5

Die 1733 von James Oglethorpe gegründete Stadt machte den amerikanischen Bürgerkrieg mit, eine verheerende Gelbfieber-Epidemie und erlebte die Piratenzeit – viel Leid, viel Tod, viele Friedhöfe, viele Häuser, die auf ehemaligen Friedhöfen gebaut wurden. Und in denen spukt es nun.

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Für den Transport von Touristen umgebaute Leichenwagen rollen nach Einbruch der Dunkelheit durch die planquadratisch angelegten Straßen mit den hübschen viktorianischen Villen. Menschen wie Laura, die einen Lincoln-Leichenwagen mit abgesägtem Dach und Plastiksitzschalen für die zahlenden Gäste steuert, versichert: „Savannah ist übersät mit Massengräbern.“

Savannah6Und erzählt ihre Geschichten von Häusern, in denen sich Möbel bewegen oder Handabdrücken an Fenstern, die immer wiederkommen, ledert man das Glas auch noch so oft. Von Gestalten, Schatten, Stimmen, Phänomenen. „Ghost Tour“ nennt sich das touristische Produkt und Laura ihre lebenden Insassen Opfer. Und es spukt wirklich in Savannah! Abgerufen wird das paranormale Phänomen durch Alkohol. Savannah4

 

Die River Street, am Savannah River, ist eine der wenigen Straßen in den USA, wo der Konsum öffentlich erlaubt und zelebriert wird, braune Papiertüten zur Tarnung der Pulle waren gestern. Und wenn man sie lässt, dann machen sie. Vor allem am St. Patrick’s Day am 17. März wird der Flaschengeist gerufen – zu Ehren des irischen Nationalfeiertages.

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Wie viele US-Städte pflegt Savannah die irische Kultur, die der Einwanderer, manchmal mit seriösem Anliegen wie beim Savannah Irish Festival mit traditioneller Musik von der Insel.

Savannah going green, Part 2

Anders mit Anbruch eines jeden 17. März: Während des St. Patrick’s Day in Savannah stolpern Baseballkappenträger mit glasigen Augen umher. Beim Bullriding auf einem elektro-mechanischen Dummy ohne Beine und abgewetzem Fellimitat machen sich Mädchen in knappen Jeans zum Objekt des kollektiven Voyeurismus, an Bierständen bilden sich Trauben. Es riecht nach Frittierfett, Körperlotion, Erbrochenem. Ein Jesusjünger mit fusseligem Vollbart und labbriger Kutte irrt umher und verkündet inbrünstig qua Megaphon, dass das alles doch Sünde sei, und man in der Hölle lande bei all der Feierei.

Boardwalk-Nickerchen am Savannah River

In der Luft kreisen Hubschrauber. Sie überwachen das Treiben gottgleich von oben. Lichtkegel huschen über die menschenpralle Promenade. „Die Nacht vor der Prohibition“ heißt ein Buch von Schriftsteller Conrad Aiken, der in Savannah begraben liegt und 1930 den Pulitzer Preis für Poesie bekam. Der Titel passt ganz gut auf das, was auf der River Street passiert.

Immer dem Bier nach - es weiset den Weg durch Savannah bis in die Dunkelheit

Um Punkt 3, als alle Leichenwagen von den Straßen längst verschwunden sind, versuchen die Cops dem Ganzen ein Ende zu bereiten. „Geht doch jetzt einfach mal nach Hause.“ Mit diesen oder ähnlichen Worten durch staatstragende, weiß anlaufende Lippen gepresst, sichern Uniformierte Plätze und Straßen. Die barsch vorgetragene Forderung scheint manchem Opfer in der Umsetzung unmöglich. Doch der Geist soll zurück in die Flasche. Zur Not mit Gewalt.

Savannah going green

Paranormalität, Kollektivrausch, Belustigung, Missionsarbeit, Staatsmacht. Es kommt alles zusammen – nicht immer gewährt die amerikanische Gesellschaft so viel Einblick. Oft ist mehr Schminke im Spiel. Schon Stunden vorher hat Laura ihre zahlenden Opfer entlassen. Stieg aus dem Leichenwagen, zückte das mobile Kreditkartengerät und sagte zum Abschied: „Ihr habt eine 80-Prozent-Chance, dass es in Eurem Hotel spukt – egal wo Ihr unterkommt in Savannah.“ Die Nacht im President’s Quarters Inn verläuft ruhig. Nur ein paar Betrunkene stolpern unter dem Fenster vorbei und machen mordsmäßigen Radau. Das ist ja fast schon wieder normal.

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Stefan Weißenborn, 2013. Der Autor war auf Einladung des Tourismusbüros von Georgia in Savannah.

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