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Brüsseler Platz, Köln

Brüsseler Platz, Epizentrum der Open-Air-Party-Metropole Köln

Brüsseler Platz, Epizentrum der Open-Air-Party-Metropole Köln

Der Kastenwagen hat ein bulgarisches Kennzeichen. Er steht schräg auf wenigen freien Quadratmetern geparkt. Ein etwas matt aussehender Mann mit grauen, langen Haaren schleppt eifrig Tüten an, die er im Wagen abstellt. Es ist Freitagabend und der Brüsseler Platz ist wieder das Epizentrum der Open-Air-Party-Metropole Köln (OAPMK). Zwischen Hallmackenreuther, der Kirche St. Michael und der Neuen Maastrichter Straße sitzen so an die 1000 Leute, die es sich in der Frühsommernacht gut gehen lassen. Sie trinken mitgebrachten Frascati aus Plastikbechern, oder sie latschen im Halbstundentakt zu den umliegenden Kiosken, um sich mit Kölsch und Pils einzudecken. Sobald die Flaschen leer sind, sammelt der Bulgare sie ein.

Das artgerechte Zwischenlager

Das artgerechte Zwischenlager

Wenn jeder, der hier im öffentlichen Raum seine Drinks zu sich nimmt, auch nur eine Flasche zurücklässt, macht der Mann also seinen Schnitt. Wir malen uns aus, wie er die Fracht immer wieder in ein Zwischenlager bringt. Und wie er am nächsten Morgen die Pfandrückgabe in seinem Supermarkt für Stunden blockiert. Das Partyvolk lässt sich davon nicht stören. Das hier ist schließlich nicht Amerika, das Land, von dem aus sich James Murphy als Mastermind von LCD Soundsystem zu einer neidischen Beobachtung veranlasst sah: We can’t have parties like in Spain where they go all night/Shut down in North America/Or like Berlin where they go another night, alright, un huh un huh (aus North American Scum). Nur eben, dass die allabendliche Party nirgendwo derart zentralisiert stattfindet, wie hier im Belgischen Viertel.

Es ist eine notgedrungenermaßen geduldete Institution geworden, was eine unübersehbare Infrastruktur nach sich gezogen hat. So ist am ein oder anderen Laternenmast ein Bierkasten befestigt, der die artgerechte Zwischenlagerung der Flaschen ermöglicht. Auch befindet sich neuerdings ein durchaus ansehnlich gestaltetes Pissoir auf dem Platz. Und die Kioskbesitzer lachen sich natürlich ins Fäustchen.

Trotz des Betriebes ist es angenehm hier. Neimand spielt auf der Klampfe „No woman, no cry“. Es gibt weder Feuerschlucker noch Bongotrommler. Aber es hat auch keiner sein IPad dabei.

Viel Spaß beim Pfandautomaten

Viel Spaß beim Pfandautomaten

Es ist eine abgeklärte Großstadtparty, die zweifelsohne bis zum Sonnenaufgang andauern würde, hätten die Anwohner nicht ihr Recht auf Ruhe. Also trudeln so um 23 Uhr die ersten Gesandten des Ordnungsamtes ein – der Versuch der Stadtväter, die Party standardmäßig an den Aachener Weiher zu verlagern, war ja in 2011 grandios gescheitert. Gelbe Warnwesten und ein Schriftzug verraten die Herkunft der Ordnungskräfte. So wie beim Grillaufseher, den die Stadt zur allgemeinen Heiterkeit im Inneren Grüngürtel beschäftigt. Nicht ohne Schüchternheit weist uns einer von ihnen darauf hin, dass hier bald Schluss sei. Er sieht ein wenig aus wie Dewey aus den Scream-Filmen, aber das mindert unseren Willen zum Gehorsam nicht. Zu den größeren Gruppen, die munter weiter vor sich hinlärmen, traut er sich nicht vor. Wir verübeln es ihm nicht.

Als das Bier leer ist, trollen wir uns. Nach anderthalb Stunden aber wagen wir noch mal einen Blick auf den Platz. Viel hat sich nicht getan. Es stehen und sitzen immer noch ein paar Hundert Leute herum.  Der Ordnungshüter scheint fast ein wenig froh, dass er bekannte Gesichter sieht. Er zuckt mit den Achseln und sagt, dass er für morgen wohl Verstärkung wird anfordern müssen. Der Bulgare und sein Kastenwagen sind weg. Es ist eine merkwürdige Recyclingkette. Wir nehmen uns vor, ihn demnächst mal nach seiner Lebensgeschichte zu befragen. Und was er von dem Schauspiel hier hält. Ganz ehrlich.

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