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Danke, dass Sie trotzdem mit uns fliegen

Easyjet Flug über Europa - Der Blitz hat eingeschlagen
Bild: Easyjet

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Easyjet arbeitet mit Hochdruck an seinem Image. Aber erst einmal funkt der britischen Billigfluglinie am 16. Mai 2012 in Sachen Flug Nummer EZY4513 von Berlin nach Madrid höhere Gewalt dazwischen. Ein Blitz hat „über Europa“ in den Airbus A319-100 eingeschlagen, wie Steward Stefan den Passagieren später in der Luft sagen wird. Jetzt aber erst einmal sitzen oder schlurfen die baldigen Fluggäste versprengt auf dem reichlich heruntergekommen Flughafen Schönefeld (Bordkarte: Sch’feld) herum und dürfen aus dem von vielen Gewerbetreibenden schon verlassenenen DDR-Gebäude selbst nicht hinaus.

15.20 Uhr ist Abflug in die spanische Hauptstadt, die Frau am Check-in sagt um 14.15 Uhr, wir hätten Verspätung. Es gehe um 17.30 Uhr los. Vielleicht deshalb, und weil ich meinen zweijährigen Sohn auf dem Arm habe, kommentiert sie die Gewichtsanzeige für unseren Koffer nicht: 22,8 Kilo. Nur 20 wären erlaubt. Mehr kostet extra.

„Hören Sie aber bitte auf die Durchsagen, es könnte früher losgehen.“

Irgandwann um 16.47 Uhr ist die Zeit tot geschlagen, und die Anzeige lässt hoffen: es werde bald geboarded. Wir laufen in Richtung Gate 60, der Weg schleust sich durch eine Burger King-Filiale und eine gut besuchte Kneipe. Auch am Gate ist der Andrang groß. Pässe und Bordkarten vorzeigen, und sich dann doch noch einmal eine halbe stunde wie gepferchtes Vieh fühlen. Von Boarding keine Spur, von Toiletten auch nicht. So hält es sich für weitere 30 Minuten prima aus im Terminal B, in diesem engen Gebilde von Blechcontainern Marke Schönefeld-Easyjet.

Dann öffnet sich die Glastür, manche Tante sprintet übers Flugfeld, denn wir wissen ja: Platzkarten wären bei Easyjet zu viel verlangt. Nur Busfahren ist schöner. In der Kabine warten die Cabin Manager, so heißt das Dienstleistungspersonal bei der Fluglinie. Besagter Stefan redet noch vor dem Abheben Tacheles: Vielen Dank für ihre Geduld, bla, bla, ein Blitz habe in den Airbus eingeschlagen „über Europa“, aber nun sei alles sicher, alles sei auf Herz und Nieren von den Technikern überprüft worden.

Gemischte Gefühle bei den Passagieren, vielleicht hätte manch einer mit diesem Wissen ja den Schwanz eingezogen. Ich denke, na gut, fast drei Stunden hatten die Techniker ja Zeit, diese totschlagen zu müssen war vielleicht eine Investion ins Leben. Dass die Crew für die Unannehmlichkeiten aber noch nicht einmal ein Freigetränk anbietet, finde ich dann aber auch wieder blöd.

Der Flug bleibt ruhig, den Elektroschock hat die Maschine offenbar gut verdaut. Zwischendurch hat mein sohn Durst. Stefan füllt aus einem Hahn im vorderen Bereich des Fliegers Wasser in einen Plastikbecher, den ich ungläubig anstarre, als ihn mir der Cabin Manager hinhält. Kann das sein? Es gibt etwas für lau bei dieser Airline, die für jeden Pups Moneten verlangt? „Kann man das trinken?“, so meine verdutzte Frage. „Nee, das ist Benzin“, schickt Stefan mit dem Becher zusammen rüber.

Dann die Landung auf dem Aeropuerto de Madrid-Barajas. Sanft wie nix. Der Kommentar des Ossis hinter mir: „Dös wor fänomenaal.“ Recht hat er, und das findet auch Stefan, der den vorgeschriebenen Text à la „bleiben Sie angeschnallt bis…“, aber auch durchsagt: „Wir feiern mit ihnen die beste Landung in der 100-jährigen Geschichte von Easyjet.  Und es ist sogar der richtige Flughafen.“ Gelächter. Als die Maschine die Parkposition fast erreicht hat, greift der Cabin Manager nochmal zum Hörer: „Es dauert nur noch kurze Zeit, bis sie sich abschnallen dürfen. Danke, dass sie trotzdem Easyjet gewählt haben. Tres, dos, uno. Happy new year.“ Die Maschine steht. Das übliche Klappern der hektisch aufgerissenen Gurtschnallen wird von Applaus und lachenden Passagieren übertönt, die gerade zwei Stunden später als geplant gelandet sind. Wie schaffen sie das nur bei der britischen Billiglinie? Easyjet arbeitet mit Hochdruck an seinem Image.

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