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Rabauken im Wohnzimmer

Meister mit mephistotelischem Blick

Meister mit mephistotelischem Blick

Markus Lüpertz und seine Band wüten im Privathaus einer Galeristin

Das Wort „underground“ mag Markus Lüpertz nicht. Er ist „antiamerikanisch eingestellt“, weshalb sich Anglizismen verbieten. Also erklärt er seine keineswegs gewöhnliche Liebe für die Galerie Radicke damit, dass es hier ziemlich „untergrundmäßig“ zugehe. „Ein bisschen so wie früher.“ Was genau er damit meint, will der Grandseigneur der Gegenwartskunst an diesem Abend zeigen.

Mürrische Beethoven-Statue. Lüpertz hat bei der Gestaltung einfühlsam die Syphilis-Erkrankung des Komponisten berücksichtigt

Mürrische Beethoven-Statue. Lüpertz hat bei der Gestaltung einfühlsam die Syphilis-Erkrankung des Komponisten berücksichtigt

Der 71-Jährige nämlich hat den Weg zum Niederberg bei Bonn nicht nur auf sich genommen, um 53 neue Arbeiten zum Verkauf anzubieten. Nein, er möchte den Anlass nutzen, um mit seinen Kumpels Gerd Dudek, Samuel Dünsler und Frank Wollny ein wenig zumusizieren.

Eine gewisse Selbstzufriedenheit kann der Gesichtausdruck nach dem Rundgang durch die eigene Ausstellung nicht verbergen

Eine gewisse Selbstzufriedenheit kann der Gesichtausdruck nach dem Rundgang durch die eigene Ausstellung nicht verbergen

Der Meister allerdings rümpft die Nase, als er im voll besetzten Wohnzimmer Jutta Radickes vergeblich nach einem Flügel sucht. Die Galeristin wittert Ungemach, weil ihr Gast mit einem Piano vorlieb nehmen muss, und fragt verunsichert: „Du gehst doch jetzt nicht sofort wieder, oder?“ „Theoretisch schon“, antwortet der kapriziöse Künstler. „Aber dir kann ich ja nichts abschlagen.“ Bassist Wollny ergänzt: „Mich wundert sowieso, dass sie uns Rabauken hier spielen lassen.“

Wenig später erklingen die ersten Töne. Tenorsaxofonist Dudek, der noch mit Miles Davis gespielt hat, gibt die Richtung vor. Lüpertz stimmt am Klavier ein, die beiden anderen Musiker bilden mit Schlagzeug und Bass die Rhythmussektion. Nach verhaltenem Auftakt spielt sich das Quartett in einen extatischen Free-Jazz-Rausch, der in beträchtlicher Lautstärke rund 20 Minuten andauert. Die mehr als 100 Kulturenthusiasten, die sich in der Kombination aus Wohnhaus und Salon eingefunden haben, lassen das Klanggewitter mit unterschiedlicher Gemütsregung über sich ergehen. Doch alle scheinen sich sicher: Das hier ist untergrundmäßig. Nachdem sich Lüpertz und Freundegebührend haben feiern lassen, geht es nun eine Etage tiefer – in die schwarz gestrichenen Kellerräume der Radickes, die seit nunmehr 37 Jahren immer wieder auch der Kunst von Georg Baselitz, Günther Grass und anderen Zelebritäten ein Zuhause bietet.

Eminenz am Tenor-Saxophon: Gerd Dudek

Eminenz am Tenor-Saxophon: Gerd Dudek

Lüpertz selbst stellt zum fünften Mal bei Radicke aus. Nicht ohne Genugtuung stellt er fest, dass seine Arbeitengut zur Geltung kommen. Siebdrucke und Farbradierungen , die zum Teil schon für weniger als 1000 Euro zu haben sind. Aber auch eine Serie vonBeethoven-Skulpturen,die der Künstler auf charakteristische Weise bunt bemalt hat.

Hierfür muss der Liebhaber etwas tiefer in die Tasche greifen: Die Galeristin hat den Preis auf 8950 Euro festgelegt. Als ein Gast bemerkt, dass der Komponist reichlich sauertöpfisch dreinblickt, kontert Lüpertz: „Beethoven war taub und er hatte Syphilis. Da wäre ich auch mürrisch.“

Der Text ist zuerst im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen.

http://www.ksta.de/html/artikel/1336138642092.shtml

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