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Wie ein Dieb in der Nacht

Ich bin ohnehin in Eile. Und dann fährt der Zug in Köln-Süd auch noch zu früh ein. Die Zeit für die Bedienung des Fahrscheinautomaten scheint mir zu knapp – schließlich bietet das Menü mehr als nur einen Fallstrick.  Bahncard-Kunden etwa sollen im Nahverkehr möglichst nicht in den Genuss von Vergünstigungen kommen. Aber als Smart-Phone-Benutzer habe ich ja das Handyticket-App schon erfolgreich ausprobiert. Also beschließe ich, den Regionalexpress zu betreten.

Ich sehe zwei Fahrscheinkontrolle in zivil, schreite selbstbewusst zu einer Frau und frage, ob es in Ordnung gehe, wenn ich mir jetzt hier ein Handyticket bestelle. „Moment“, sagt die Frau, von der sich später herausstellen wird, dass sie keinen Namen hat und sich stattdessen hinter der Zahl 314829 versteckt. Ich nehme Platz. Die Tür geht zu. Nach einer Minute kommt besagte Kontrolleurin und sagt: „Fahrschein.“ Ich bediene mein Smartphone, erinnere an meinen Hinweis beim Einsteigen und sage, dass ich bald fertig bin. „Geht nicht“, sagt die linkisch aussehende Frau. „Das kostet 40 Euro.“

Ich sehe sie fassungslos an. „Aber ich habe doch“, setze ich an. Interessiert sie nicht. Sie ruft nach Verstärkung. „Der Herr“, sagt sie zum Kollegen 314365, „hat keinen Fahrschein“. „Ausweis“, brummt der Kollege. Ich beginne abermals zu argumentieren. „Ich habe der Kollegin bescheid gesagt. Ich bin Bahncard-50-Kunde. Ich habe zuhause einen dicken Aktenordner mit alten Bahntickets. Ich lehne Schwarzfahren ab.“ Nutzt alles nichts. „Ausweis“, wiederholt der Mann tumb.

Ich gebe ihm meinen niederländischen Personalausweis. „Ach, Sie sind Ausländer. Dann rufen wir jetzt die Polizei.“ Ich traue meinen Ohren nicht. „Da steht keine Adresse drauf“, sagt der Schrat zur Rechtfertigung. „Oh“, antworte ich. „Nehmen Sie doch meinen Fahrzeugschein. Oder meinen Presseausweis.“ Ich erhalte keine Antwort. Sechs Minuten später werde ich am Bahnhof von zwei Polizisten empfangen. Wie ein Dieb. Doch statt sich um die Sache zu kümmern, fangen die nunmehr vier Ordnungshüter an zu smalltalken. „Ob sie damit nicht warten können“, frage ich höflich. „Spielen Sie sich nicht so auf“, entgegnet einer der Beamten. Genüsslich unterhalten sie sich über Belanglosigkeiten.

Mein Anschlusszug ist inzwischen weg, die „Prüfung meiner Daten“ dauert zehn Minuten. Unter anderem will 314365 wissen, wo mein Fahrtziel liegt. Ich sage es ihm. Nach rund einer Viertelstunde sagt ein kinnbärtiger Polizist mit süffisantem Grinsen: „So, Sie können gehen.“ Ich laufe die Treppe runter und schaue auf den Ausdruck, mein 40-Euro-Ticket. Als Enddestination steht darauf: Köln Hbf. Ich koche vor Wut, laufe zum Automaten und ziehe mir noch ein Ticket. Jetzt sind wir schon bei 44,60 Euro. Plus Demütigung. Und streng genommen auch mit Diskriminierung.

In der Halle treffe ich auf eine uniformierte Bahnmitarbeiterin (die mir sogar ihren Namen sagt) und erzähle ihr die Geschichte. „Unglaublich“, sagt sie. „Das würde ich auf keinen Fall bezahlen.“ Furchtbar seien die Kollegen, die ihre Provision um jeden preis durchboxen wollen. „Damit schaden sie unserem Unternehmen.“

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