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Ein Liebesbrief an Cathey (American Airlines-Flug 70 nach Dallas)

Die diabolische Pipette mit dem entölten Öl
Ein Teigfladen, der vage an eine Pizza erinnert

Ein Teigfladen, der vage an eine Pizza erinnert

Lunch klingt so glamourös. Daher fragt Cathey schon seit Jahren: „What do you want as your airplane meal?“ Cathey trägt eine US-Betonfrisur, aber ihr Humor ist unamerikanisch subversiv. Sie weiß, dass die Verpflegung an Bord von Langstreckenflugzeugen zu einer würdelosen Abfütterung verkommen ist. Das ist auch an Bord von American Airlines-Flug 70 nicht anders. Doch Cathey meint, es habe schon Schlimmeres gegeben als heute. Das stimmt milde, schließlich gibt es sonst an Bord nicht viel zu lachen. Ich sitzee in wenig großzügiger Entfernung zu jener Barriere, die Economy von Business Class trennt. Der Hobel, in dem wir nach Dallas fliegen, stammt aus den 80ern, als individuelle Unterhaltungssysteme noch eine ähnlich kühne Vorstellung wie der nahende Kollaps des Kommunismus waren. Der Etat für Lektüre konvergiert im Jahre 2012 gegen Null. Da kann man bei elf Stunden Flug schon mal kratzbürstig werden als Passagier.

Aber es gibt ja noch Cathey, die mir gut gelaunt einen blauen Beutel aushändigt. Der Hersteller hat die Verwegenheit besessen, diesen mit der Aufschrift „Gourmet Snack Mix – A delicious blend of blah blah blah“ zu versehen. Darin befinden sich bei näherem Hinsehen salz- und fettlose Krümel, denen man mit einiger Phantasie vielleicht eine Vergangenheit als Cracker oder so etwas ähnlichem attestieren kann. Die ein oder andere ranzige Nuss vermag von dem

Fata Morgana im Flugzeug: Entbutterte Butter

Fata Morgana im Flugzeug: Entbutterte Butter

Elend kaum abzulenken. Cathey erinnert sich wehmütig an die Zeiten, als sie den Passagieren noch Erdnüsse aushändigen durfte. Doch all die Allergien der Neuzeit, sagt sie, haben

Wo Gruyere draufsteht...

Wo Gruyere draufsteht…

dieser Gewohnheit ein jähes Ende bereitet. Sie fragt nach dem Getränk meiner Wünsche, ich bitte um ein Bier. „Mal sehen, was wir da haben. Budweiser? Amstel light.“ Ich bin skeptisch. Dann fischt Cathey eine Dose Bitburger aus der Schublade, die sich in den Trolley verirrt hat.

Meine Augen müssen ziemlich geleuchtet haben, denn als Cathey mit apologetischem Blick das Mittagessen verteilt, stellt sich heraus, dass sie noch so eine reserviert hat. Extra für mich. Ich werfe einen Blick auf das Tablett. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es beim Airline-Catering nunmehr darum, eine möglichst gefällige (also weithin geschmacksneutrale) Mahlzeit zu komponieren, die zumindest im physikalischen Sinne „leicht“ (also kerosinsparend) und zugleich hochgradig sättigend ist. Warum also nicht mal ein paar mit Soßenfragmenten angereicherte Teigblätter so weich kochen, dass sie mit Plastikbesteck bequem zerlegt werden können? Das müssen sich die Verantwortlichen in der Großküche gedacht haben. Dazu für den Gesundheits-Appeal in einem Extra-Schälchen ein paar welke Salatblätter – und schon ist es angerichtet.

Doch halt, da ist ja noch etwas. Andächtig betrachte ich ein pipettenhaftes Konstrukt, das ich in dieser Form nur als Einwegbehälter für Nasentropfen kenne. „Italian Dressing“ steht darauf. Ich nehme an, dass es sich um eine Mischung aus entöltem Olivenöl und entessigtem Essig handelt. So wie sich die Substanz in dem Plastikdöschen, das meine Sehgewohnheiten eindeutig klassifizieren zu können glaubten, als entbutterte Butter entpuppte. Ich frage mich, warum ich meinen – zugegebenermaßen giftgrünen – Kiwi-Smoothie nicht mit an Bord bringen durfte, diese diabolisch aussehende Substanz hingegen wohl das OK der Security bekommt.

Gar nicht so schlecht: Die Cuvee aus Semillon und Sauvignon Blanc

Gar nicht so schlecht: Die Cuvee aus Semillon und Sauvignon Blanc

Dank Michael Ondaatje verstreichen die nächsten Stunden unerwartet schnell. Cathey zweigt noch ein Bitburger ab, danach ist Schicht, sagt sie. Trotz des frühen Aufstehens hat mein Magen den Tag bislang leidlich gut verkraftet. Einzig der Vorfall am Gate macht mir noch zu schaffen: Nach dem Ausziehen der Schuhe, dem Aufklappen des Laptops und dem Lösen des Gürtels bleibe ich plötzlich an Flatterband hängen. Wie sich herausstellt, ist dieses zu Ehren eines Mitreisenden vom indischen Subkontinent gespannt worden. Der Mann liefert sich gereizte Wortgefechte mit uniformierten Gorillas, der Rest muss eine halbe Stunde ausharren. Warum, wird nie jemand erfahren.

Etwa 90 Minuten vor der Landung wabert erneut der markante Geruch erhitzter Öfen durch den altersschwachen Flieger. Das ist gemeinhin der Zeitpunkt, an dem bei den meisten Reisenden das Volumen der Magengase bereits unerträglich geworden ist. Vor meinem geistigen Auge erscheint ein Batallion linkisch aussehender Lebensmittelchemiker, die sich im Labor ausmalen, wie sie den Passagieren nun den Rest geben können. Ihre Wahl ist auf einen dicklichen Fladen gefallen, dessen äußeres Erscheinungsbild vage an eine Pizza erinnert. Diese Suggestion allerdings hält einer näheren sensorischen Erkundung nicht stand. Viel mehr scheint es sich um einen etwas ungaren Teig zu handeln, der außer mit Paprikamolekülen und Tomatensoßen-Surrogat auch mit einer amorphen, weißliche Melasse bedeckt ist. In erhitztem Zustand ist diese eine Gefahr für den Aggregatzustand des Gaumens, die zudem bemerkenswert lange Fäden zieht. Eine Fata Morgana von biblischen Ausmaßen. Die Folgen für die Darmflora sind in Kombination mit den gleichfalls zum Verzehr vorgesetzten Weintrauben verheerend.

Gourmet-Krümel mit einer Cracker-Vergangenheit

Gourmet-Krümel mit einer Cracker-Vergangenheit

Cathey betrachtet skeptisch die immer länger werdende Schlange vor den Toiletten. „So, what was your favourite airline meal of the day“, fragt sie beim Abräumen. Ich hebe die linke Augenbraue. Dann gibt sie mir noch eine Dose Bitburger. Hat sie in der Business Class gefunden.

Dieser Text ist Mark E. Smith gewidmet, der einzig mir bekannte Songwriter, der sich in „Couldn’t get ahead“ mit dem Scheitern des Verrichtens einer Notdurft an Bord eines Flugzeuges beschäftigt hat.

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