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Last Exit: Tegel

Es gibt kein schlimmeres Leben, als das Taxifahrerleben

Der Countdown läuft: Irgendwann bald eröffnet der neue Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg. Ob der Ausweichtermin 17. März 2013 gehalten wird, ist derzeit ungewiss, aber eines ist sicher: Früher oder später wird niemand mit Flugabsichten mehr ein Taxi bestellen und sagen: „Einmal zum Flughafen Tegel.“ Ein nächtlicher Trip mit steigendem Seltenheitswert.

Die Fahrt beginnt um 3.45 Uhr. Das am Vorabend bestellte Taxi stand schon seit zehn Minuten vor der Tür, der Dieselmotor der in die Jahre gekommenen Mercedes E-Klasse war gut zu hören zu nachtschlafender Zeit in der ruhigen Tempo-10-Zone. Wie ein Schattenriss steht der Fahrer hinter dem Auto im Nebel, der vom nassen Asphalt aufsteigt. Seine Beine glimmen rot im Schein der Rücklichter. Zurückhaltend höflich, Koffer in den Gepäckraum gehoben, Türen zu und los.

Sobald Tegel schließt, wird es dieses Bild nicht mehr geben

Sobald Tegel schließt, wird es dieses Bild nicht mehr geben

„Möchten Sie über die Autobahn oder durch die Stadt?“ Durch die Stadt sei es günstiger, aber auch etwas langsamer. Ich bin gut in der Zeit, um sechs geht der Flug, also einmal querbeet. Der Fahrer erzählt von einem „Geschäftsmann“, der mit ihm einmal irrtümlich nach Tegel gefahren war, aber eigentlich von Schönefeld fliegen musste. „Eine Dreiviertelstunde haben wir von Flughafen bis Flughafen gebraucht. Zum Glück, ging sein Flug erst in drei Stunden.“

Ich erzähle von einer ähnlichen Geschichte, die mir passiert ist. Die Gesprächsbasis ist geschaffen, unsere Blicke treffen sich, wenn es die Lichtblitze der Straßenlaternen und Leuchtreklamen zulassen, über den Umweg des Rückspiegels.

Standardfrage: Ist es eigentlich schwer, Taxifahrer zu werden? „Das ist einfach.“ Der Fahrer referiert das Prozedere, den ganzen Papierkram mit den Behörden, als wenn er alles erst gestern eingetütet hätte. „Zwei Monate hinsetzen und lernen, das muss man schon machen. Aber die Lernunterlagen sind so logisch aufgebaut, dass man schnell die wichtigsten Straßen, die Ministerien, wichtige Hotels, Kneipen und Restaurants und die Krankenhäuser drauf hat.“ Zudem gebe es in der Hauptstadt immer Bedarf an Taxifahrern. „Wegen der vielen Veranstaltungen.“ Jetzt weiß ich es, falls ich doch einmal aus meinem Beruf aussteigen sollte: Der Plan B steht.

Doch dann das: „Es gibt kein schlimmeres Leben als das Taxifahrerleben“, dringt es von vorn etwas unvermittelt in den Fond. „Sie kommen nach einer Nachtschicht nach Hause, schlafen zehn Stunden und müssen nach zwei Stunden wieder zur Arbeit. Sie gehören nicht mehr so richtig zur Familie, da ist zwar einer, der kommt mal nach Hause, ist dann aber sofort wieder weg.“ Dass Taxifahren derart sozial entwurzelt, ist mir neu. Mein romantisches Bild vom kaffeeschlürfenden Zeitungsleser, der bei Sonnenschein in der Taxiwarteschlange gut gelaunt ein Bein aus der offenen Fahrertür baumeln lässt, bekommt Risse.

Der Mann, der da gerade meine Droschke pilotiert, hört sich grundlegend resigniert an, dabei ist er erst 24 und erst seit drei Jahren dabei. „Das ist auch so eine Sache: Seitdem ich Taxi fahre, habe ich zehn Kilo zugenommen. Das werde ich auch so schnell nicht wieder los.“ Zum unheilbaren Koffeinjunkie sei er geworden, „hier mal einen Kaffee, da mal ein Red Bull, aber das nützt natürlich irgendwann nichts mehr.“ Der Mann, der seinen Namen nicht nennen mag, plaudert aus einer Parallelwelt, die ihm das eigentliche Leben verweigert. Und von der auch Kunden manchmal keinen blassen Schimmer haben.

Gepäckwagen auf Beton, 2012

Gepäckwagen auf Beton, 2012

„90 Prozent der Kunden wollen keine Quittung. Da bleibt viel Platz für Schwarzarbeit – die ist sehr verbreitet in unserem Gewerbe.“ Manchmal würden von einem Schichtumsatz von 150 Euro nur 50 versteuert.  „Als Fahrgast merken Sie davon nichts, nach außen ist das eine ganz normale Taxifahrt mit laufendem Taxameter.“ Was aber der Chef später mit den Angaben des Fahrers über Fahrten, Zeiten und Kilometer mache, das wisse manchmal selbst der Fahrer nicht.

„Ich hole alles nach, wenn ich mit dem Taxifahren aufhöre.“ Derzeit hat sich der Fahrer selbst auf Entzug gesetzt, er fährt nur noch am Wochenende. Und auch sein Resozialisierungsprogramm läuft: Er macht eine Ausbildung zum Bürokaufmann, erzählt er. Bis zum Abschluss, sitzt der Berufschauffeur manchmal noch zwölf Stunden am Tag am Steuer, wobei die effektive Fahrzeit bei rund fünf Stunden liegt – früher waren es fünf, manchmal sechs Tage die Woche. „Manche nehmen sich 200 Euro Umsatz für eine Schicht vor, auch wenn sie dazu 16 Stunden brauchen. Wenn sie mit dieser Ideologie unterwegs sind, dann ist das sowieso Selbstmord.“

Hellen denn die Gäste, man sei ja mit so vielen unterschiedlichen Typen unterwegs, nicht wenigstens die Laune zwischendurch mal auf, will ich wissen: „Manche bedanken sich für die angenehme Fahrt, andere wollen wissen, warum hier und nicht da lang. Dann zeige ich denen, da ist eine Sperre und die und die Straße kann nicht befahren werden. Vor allem Touristen denken, man wolle sie übers Ohr hauen, dabei haben sie gar keine Ahnung.“

Nach einer knappen halben Stunde taucht die Anzeigentafel für die Flüge auf, die kurz vor der Betonrampe am Flughafen aufgestellt ist. Es ist 4.12 Uhr. Abflug ist um sechs, und der Check-in-Schalter öffnet erst in einer halben Stunde.  „Es war angenehm. Jetzt haben Sie noch Zeit für einen Kaffee“, sagt der Fahrer und drückt mir die Quittung über 27,40 Euro in die Hand. Mit ein bisschen Glück ist der Mann kein Taxifahrer mehr, wenn der Flughafen Berlin Brandenburg seinen Betrieb aufnimmt.

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