Galerie
0 Kommentare

Riga rockt – ein Rundgang

Standing on the pavement, thinking about the government

Standing on the pavement, thinking about the government

Ohne Augen geht man nicht auf die Straße. Daher hat Ligita Toomik durchaus Verständnis für all die jungen Frauen, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, indem sie sich auf sichtbar übertrieben hohen Absätzen über das Kopfsteinpflaster von Riga bewegen. Auffallen, sagt sie, ist erlaubt im neuen Lettland.

Riga zählt 750 Jugendstilmonumente - Weltrekord

Riga zählt 750 Jugendstilmonumente – Weltrekord

Noch während die Dolmetscherin das erklärt jedoch zeigt sie bereits auf die Häuser in der „Alberta iela“, jener bürgerlichen Prunkstraße, in der sich im ausgehenden 19. Jahrhundert die Jugendstilarchitektur auf besonders extravagante Weise entfalten konnte. Hier das Abbild einer mythologischen Figur, da ein überdimensionierter Reptilienkopf, dann wieder eine Sinfonie origineller Ornamente, würdevolle Treppenaufgänge und dramatische Torbögen statt schlichter Türen.

Bauskulpturen galore

Bauskulpturen galore

Das sind die Ausdrucksmittel, mit denen Michail Ossipowitsch Eisenstein dem vornehmsten Viertel der lettischen Kapitale ein charismatisches Gesicht verliehen hat. Eine ganze Architektengeneration vermochte der Vater des Filmregisseurs Sergei Eisenstein mit seinen extravaganten Fassaden zu beeinflussen. Mit dem Erfolg, dass Riga heute rundum die „Elizabetes iela“ nicht weniger als 750 restaurierte Jugendstilpaläste zählt. „Weltrekord“, behauptet Toomik.

Sowjetischer Größenwahn

Das Antlitz der größten Stadt des Baltikums aber wird keineswegs nur von dieser Epoche bestimmt. Viel mehr hat die wechselvolle Geschichte überall in Riga ihre Spuren hinterlassen: Das Schloss an der mächtigen Düna, die quer durch die Stadt fließt, stammt aus dem Mittelalter. Ein Gebäudeensemble in der Altstadt, das im Volksmund „Die drei Brüder“ heißt, hält die Erinnerung an die Hansezeit wach. Doch auch die Schattenseiten der jüngeren Geschichte sind unvermindert präsent: Am Rande der City erhebt sich die Akademie der Wissenschaften, deren russischer Klassizismus als Mahnmal für fast ein halbes Jahrhundert Besatzung gilt. Und weit außerhalb der Stadt ragt dann noch der 370 Meter hohe

Die Düna und der Fernsehturm

Die Düna und der Fernsehturm

Fernsehturm in den Himmel, ein für sich gesehen eleganter Bau, der Letten wie Ligita Toomik jedoch nur noch als Fanal sowjetischen Größenwahnsinns gilt. Überhaupt können sich die Letten Seitenhiebe auf die ungeliebten Kommunisten nicht verkneifen: Im örtlichen Automobilmuseum zum Beispiel steht das Wrack jenes Rolls Royce, den Leonid Breschnew 1980 in Moskau persönlich zu Schrott gefahren hat. Hinter dem Steuer: Eine Puppe, die den ehemaligen Vorsitzenden der KPdSU mit schmerzverzerrter Grimasse zeigt.

 

Rückkehr der Lebensfreude

Derlei unsubtile Racheakte mögen ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass die Lebensfreude in die 700 000-Einwohnerstadt zurückgekehrt ist. Das gilt auch für die lettische Sprache, die laut Toomik vor 1989 allenfalls im Theater geduldet war. „Wir haben damals häufig auf die Signale zwischen den Wörtern gelauscht“, erinnert sich die 48 Jahre alte Frau. Und sei es nur, dass in die Musik ein paar Takte der lettischen Nationalhymne eingeflochten waren. „Dann sind die Leute aufgestanden und haben spontan applaudiert.“

Heute nun ist die Sprache des stolzen Volkes wieder allgegenwärtig. In den vielen Parkanlagen schnattern die Leute auf Lettisch vor sich hin. Vor allem aber bei den Sängerfesten, wenn bis zu 20 000 Stimmen gleichzeitig erklingen, wird das Lettische zelebriert. Die Feste, die im Fünfjahresturnus das ganze Land in Beschlag nehmen, sind laut Toomik „unser immaterielles Weltkulturerbe“.

Diese Relikte aus der Hansezeit haben Jugendstil und Sowjetzeit überdauert

Die „drei Brüder“ aus der Hansezeit haben Jugendstil und Sowjetzeit überdauert

Zudem wurde in Riga vieles, was an Bevormundung oder Freiheitsbegrenzung erinnert, abgeschafft. Eine Sperrstunde existiert nicht. Und so ist die Jugend bis tief in die Nacht auf den Straßen und Plätzen unterwegs, wo auf beheizten Freilichtbühnen Bands spielen. Anschließend geht es ab in die Keller-Bars. Touristen vor allem aus Großbritannien und Skandinavien wissen das preiswerte Bier zu schätzen.

Geräucherte Schweineohren

Doch das Riga der Gegenwart ist keineswegs nur eine lärmende Partystadt. Auch Folklore wird groß geschrieben: In der „Taverna Dzintara Zela“

Unwirklich schön: der nächtliche Blumenmarkt

Unwirklich schön: der nächtliche Blumenmarkt

hat es sich ein junges deutsches Pärchen gemütlich gemacht. Beide fragen nach landestypischen Spezialitäten und erhalten bald darauf eine „Jägerplatte“ mit Elchschinken, Wildschweinwurst und geräucherten Schweineohren. Dazu wird Schwarzbier aus dem Steinkrug serviert. Und zur Verdauung kommt ein Wodka auf den Tisch, dem die Letten die Schärfe nehmen, indem sie sofort nach Genuss in ein Stück Salatgurke beißen, das sie zuvor in Honig tunken. Rustikal.

Würzig: Wildschwein aus der Zeit des Ulmanis

Würzig: Wildschwein aus der Zeit des Ulmanis

Dann, auf dem Weg in die Neustadt, zeigt die Stadt ihre intimen Seiten. Weit nach Einbruch der Dunkelheit schimmert die orthodoxe Kathedrale im Mondlicht. Ganz in der Nähe dringt den Passanten plötzlich ein intensiver Geruch in die Nase. Es sind Tausende von Lilien, die hier ihr wuchtiges Bukett verbreiten, aber auch andere Blumensorten, die an einem Dutzend Stände auch nachts verkauft werden. Wenig ist den Letten der Gegenwart so wichtig, wie ein frischer Strauß Blumen. Trotz des neuen Selbstbewusstseins fürchten manche Letten, dass ihre Gesellschaft auf ähnlich wackligen Füßen steht, wie die Damen, die auf hohen Absätzen unterwegs ist.

Das Amsterdam des Nordostens?

Das Amsterdam des Nordostens?

Zwar sind die Ergebnisse der ersten offiziellen Volkszählung noch nicht publik geworden, doch ist laut Maren Diale-Schellschmidt, Geschäftsführerin der Deutsch-Baltischen Handelskammer, schon jetzt durchgesickert, dass das Volk weniger als zwei Millionen Menschen zählt. Viele junge Menschen, weiß sie, wandern auf der Suche nach dem Glück in den Westen aus. Dadurch fehlen Facharbeiter, ein Umstand, der wiederum Investoren abschreckt.

Auch Ligita Toomik kennt das Problem: „Wenn sich das nicht ändert“, sagt sie mit Gefühl für Galgenhumor, „dann gibt es in 70 Jahren gar keine Letten mehr“. Tief im Herzen aber ist sie überzeugt, dass die Zukunft dieser prächtigen Stadt gerade erst begonnen hat.

Informationen:

Obwohl Riga prinzipiell ganzjährig ein Reiseziel ist, entfaltet die Stadt ihren nordischen Charme am besten, wenn die Tage warm und zudem lang sind. Die Winter sind sehr kalt. Trips also sind von April bis Oktober am schönsten. Lettland ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Das Lettische ist Landessprache, als Tourist aber kommt man mit Deutsch oder Englisch sehr gut zurecht.

Die Währung ist nach wie vor der Lats, der zu einem festen Kurs an den Euro gekoppelt ist. Ein Lats entspricht etwa 0,7 Euro. Hotellerie und Gastronomie sind in Lettland eher preisgünstig, Waren aus Westeuropa sind jedoch teurer als in Deutschland.

Anreise: Per Fähre mit Scandlines ab Lübeck-Travemünde in 26 Stunden nach Ventspils, danach weiter per Pkw oder Bus. Per Flugzeug bis zu sechs wöchentlich ab Düsseldorf nach Riga, täglich ab Frankfurt.

Übernachtung: Im Radisson Blue Elizabete, das im Stile eines eleganten Boutique-Hotels allen Komfort bietet (etwa 85 Euro/Doppelzimmer). Das Hotel Neiburgs wurde gerade wieder eröffnet, es befindet sich wieder im Besitz jener Familie, die es im Jugendstil Rigas mitten in der Altstadt hat erbauen lassen (ab 100 Euro/DZ).

www.scandlines.de

www.airbaltic.de

www.radissonblu.com/elizabetehotel-riga

www.neiburgs.com

www.motormuzejs.lv (Automuseum, auch auf Deutsch)

www.baltikuminfo.de

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.