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Schwerhörig und reisesüchtig – Australiens Rentner im Wohnmobil

Morgendunst

Pat Shaw ist schwerhörig. Immer wieder beugt sich der Mann mit der getönten Brille nach vorn und dreht leicht seinen Kopf: „Wie war das?“ Pat steht vor seinem Swagman Australien Dream, 10 Meter lang, und wenn er seinen Trailer mitsamt dem Toyota Rav4 hinten dran hat, dann ist das tonnenschwere Motorhome 14,5 Meter lang. „Wie lässt es sich denn manövrieren?“ „Wie war das?“ „Na, wie fährt sich Ihr Swagman denn so?“ „Etwas behäbig, aber die 233 PS reichen.“

Greta und Pat sind frisch verliebt

Greta und Pat sind frisch verliebt

Pat Shaw ist 84 Jahre alt und seit sieben Jahren auf Achse. Neben ihm steht „sein liebenswürdiges Mädchen“, die 81-jährige Greta Hudson, die seit ihrem Treffen vor zwei Jahren im Caravan-Park in Sarina nicht von seiner Seite weicht. Sie arbeitete dort an der Theke, er hatte mit seinem Swagman für die Nacht eingeparkt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Greta und lächelt Pat an. Seitdem haben die beiden Australien einmal umrundet. „Wir haben jede Minute genossen“, sagt Greta.

Wer mit dem Wohnmobil durch Australien fährt, begegnet Menschen wie Pat und Greta schnell, und man erkennt sie an den noch größeren Wohnmobilen. Wer dort an die Tür klopft, bekommt nicht selten geöffnet von Leuten mit faltigen Händen und Gesichtern, aus denen Lebenserfahrung spricht. Und eine jugendliche Aufgeschlossenheit. Denn für sie hat nach der Pensionierung ein zweiter Frühling begonnen – sie leben ein selbst gewähltes Nomadenleben. In Australien sind sie bekannt als „Grey Nomads“ – die grauen Nomaden.

Unser Trip beginnt in der Küstenstadt Cairns im Bundesstaat Queensland. Unterwegs in unserem Camper Van auf Fiat Ducato-Basis vom kontinentweit aktiven Verleiher Britz geht es entlang des Captain Cook Highways, eine geschwungene Küstenstraße mit schönen Ausblicken auf den Pazifik.  Am Meer ist auch unserer erster Campingplatz bei Palm Cove. Vor der Küste liegt „Double Island“, eine teure Urlaubsinsel, die auch Nicole Kidman und Beyoncé schon aufgesucht haben sollen.

Mit dem Wohnmobil nicht zu erreichen: Das Urlaubsdomizil manchen Celebretys Double Island

Mit dem Wohnmobil nicht zu erreichen: Das Urlaubsdomizil manchen Celebretys Double Island

Mehr interessiert uns aber Lynn Barber. Wir treffen sie beim Einchecken. Für zwölf Monate arbeitet die 63-Jährige an der Rezeption des Camping Ground, und auch sie ist eine Graue Nomadin, die bald wieder los will. Wenn es im Winter in südlicheren Gegenden kühler wird, zieht es viele in den tropischen Norden Australiens. „Dann sind die Straßen hier voll von Wohnmobilen. Nach Palm Cove kommen jedes Jahr die gleichen Nomaden. Wir sind wie eine Familie“, sagt Lynn. Die Grauen Nomaden wehren sich mit Lenkrad und Schaltknüppel gegen die Vereinsamung im Alter und den strukturierten Alltag in einer Altersresidenz.

Seit 18 Jahren ist Lynn nun schon mit ihrem Mann unterwegs. Der hatte damals einen Arbeitsunfall und verlor seinen Job. „Wir wollten etwas tun. Nicht zu Hause rumsitzen.“ Den Kontakt zur Familie halten sie per Telefon und Computer. „Am liebsten fahren wir die Küste entlang und suchen uns ein schönes Plätzchen“, sagt Lynn, „dort bleiben wir dann zwei Wochen – oder zwei Tage.“

Wohnmobilisten on tour

Wohnmobilisten on tour

Wir aber müssen schon am nächsten Tag wieder los. Die 157 Diesel-PS des Ducato mit Alkoven-Aufbau haben mit den Hügeln des Hinterlandes leichtes Spiel. Vorbei geht es an Avocado- und Shrimps-Farmen, und Hinweisschildern, die Mangowein anpreisen. Fruchtbar ist das Land in der Savannengegend um die Kleinstadt Mareeba. Nur einmal sehen wir ein Känguru. Urplötzlich taucht es während der Fahrt rechts vor dem Camper Van auf und kann zum Glück mit einer zackigen Bewegung entkommen, die aussieht, als hätte es sich dabei eigentlich alle Knochen verrenken müssen.

Ein Känguru kreuzte die Straße auf der Tour durch Quensland, es war zu schnell für einen Schnappschuss

Ein Känguru kreuzte die Straße auf der Tour durch Quensland, es war zu schnell für einen Schnappschuss

In Yungaburra, einer Siedlung im Hochland der Ausläufer des Großen Australischen Scheidegebirges, machen wir Halt an Queenslands ältestem Pub „Lake Eacham Hotel“. Ein paar Gestalten trinken ihr Mittagsbier in der 1910 eröffneten Kneipe und beäugen die Besucher. Unser Reiseplan zwingt uns zur Weiterfahrt – als Graue Nomaden könnten wir uns Zeit lassen.

Gedanken wie solche haben auch Pat angetrieben, als er 2005 sein Haus in Cloncurry im Nordwesten Queenslands verkaufte und 320 000 australische Dollar in seinen Swagman steckte, das rollende Statussymbol der Alten. „Ich fahre, bis ich ins Gras beiße“, dachte ich mir damals. Pat sitzt in einer Sofalandschaft, die auch in einem Wohnzimmer stehen könnte, nur das ausladende Lenkrad hinter der Lehne passt nicht ganz ins Bild. Die Küchenzeile erstreckt sich mit Spülmaschine, Trockner und Waschmaschine bis in den hinteren Bereich des Fahrzeugs, wo das Schlafzimmer mit Doppelbett liegt. Dort schlafen Pat und Greta wie ein altes Ehepaar – nur steht das Motorhome mal in Sarina im Norden, mal in Sydney, und die beiden sind noch frisch verliebt. „Wir bleiben an einem Platz, bis wir genug davon haben“, sagt Pat.

Pat und Greta posieren vor dem Swagman, mit dem sie kreuz und quer durch Australien fahren

Pat und Greta posieren vor dem Swagman, mit dem sie kreuz und quer durch Australien fahren

Als noch nicht ganz ergraute Kurzzeitnomaden, die wir auf unserem zehntägigen Tripp vom Norden bis nach Brisbane im Süden Queensland sind, wird uns niemals langweilig. Für die alten Hasen auf den Highways ist das ein alter Hut, wir aber wundern uns über die Ampelmännchen aus Fleisch und Blut: In Australien sind viele große Überlandstraßen einspurig; wird gebaut, dürfen Verkehr und Gegenverkehr wie auf einer deutschen Landstraße nur abwechselnd an der Baustelle vorbei. Anstelle einer Lichtzeichenanlage sind Menschen in leuchtender Warnkleidung mit Sonnenbrille zur Stelle und lassen immer wieder ein Schild in der lockeren Faust rotieren: Mal ist „Slow“ zu lesen, mal „Stop“.

Kein sehr schneller Job - Ampelmännchen aus Fleisch und Blut

Kein sehr schneller Job – Ampelmännchen aus Fleisch und Blut

Ansonsten kann auf den weiten Wegen durch den fünften Kontinent der Tempomat seine Arbeit verrichten. Absurde Hinweise des Navis verdeutlichen die Dimensionen: „In 318 Kilometern scharf rechts abbiegen“, meldet sich die blecherne Frauenstimme. Bevor wir den Blinker setzen, soll es Nacht werden. 196 Kilometer vor Rockhampton, der australischen Kapitale des Rindfleisches, umgeben von weitem Weideland, machen wir kurz Halt an einem marode wirkenden Flachbau: „Kalarka Roadhouse Fuel“ steht an der Wand. Das Benzin kostet 1,54 Dollar, Diesel 1,50 Dollar, und es gibt „Real Coffee“, so steht es auf einer Tafel zwischen den Zapfsäulen. Vier Dollar kostet das Getränk, 18 Dollar die Schachtel Kippen.

Tankstopp mitten oft bemühten Nirgendwo

Tankstopp mitten im oft bemühten Nirgendwo

Mit der wässrigen Brühe in der Hand stehen wir herum. Dann fährt ein Automobilist der anderen Art vor. Als Brendon aus Rockhampton stellt er sich vor, sein Auto als Ford SRX V6. Es ist ein Ute (steht für Utility). Diese Fahrtzeuggattung, eine Art Pick-up auf Pkw-Basis mit einer Haube über der Ladefläche, ist durch und durch australisch und wurde der Legende nach in den Dreißigern auf die Anregung einer Schweinefarmer-Gattin in Victoria hin als Arbeitsgerät bei Ford entwickelt. Es sollte als Transportmittel dienen, als Gefährt zum sonntäglichen Kirchgang auf der anderer Seite aber auch nicht zu grob wirken. Heute sind die Ute die Lieblinge der „Countryboys“, der Jungs vom Lande.

Als Brendon aus Rockhampton und sein Auto als Ford SRX V6 -  ein "Ute"

Brendon aus Rockhampton und sein Auto Ford SRX V6 – ein „Ute“

Auf der Weiterfahrt versinkt das Land neben dem Highway in Dunkelheit. Die Schilder am Straßenrand reflektieren das Scheinwerferlicht. Es sind für den dünnen Verkehr verblüffend viele Schilder. Alle Nase lang wird gewarnt: „Rest if sleepy“ oder „Don’t sleep and drive“. Die Behörden scheinen große Angst vor dem Sekundenschlaf zu haben. Sie ließen auch Schilder aufstellen, die Reisende zu Ratespielchen animieren sollen. “Wie heißt der höchste Berg in Queensland?“, leuchtet es uns entgegen. Einige Kilometer später die Antwort: „Mount Bartle Frere“. Wir werden trotzdem müde. Nachts wirken die Highways tatsächlich wie Schlafmittel, da hilft auch kein „Real Coffee“. Und auch das Fahren mit dem Lenkrad auf der rechten Seite macht uns nicht mehr nervös.

Rest if sleepy - bei Müdigkeit pausieren

Rest if sleepy – bei Müdigkeit pausieren

Die Nachtluft ist frisch, und das Konzert der nachtaktiven Insekten groß. Und es ist stockfinster. Wir haben auf einem einsamen Parkplatz als einziges Vehikel angehalten, um uns mit einigen Kniebeugen wiederzubeleben. Der südliche Sternenhimmel leuchtet, wie ein gigantischer Schweif zieht sich die Milchstraße durch das Schwarz über uns.

Wie so oft entzündet sich auch an diesem Abend eine philosophische Diskussion am Sternenhimmel. Beim Abendessen auf Campingstühlen unter der Wohnmobil-Markise tauchen Fragen auf wie diese: Sind wir Teil der Milchstraße, obwohl wir sie doch auch aus Milliarden von Kilometern quasi von außen sehen können? Wir kommen zu keiner Antwort.

Moderate Preise an der Zapfsäule - Das Benzin kostet 1,54 Dollar, Diesel 1,50 Dollar

Moderate Preise an der Zapfsäule – Das Benzin kostet 1,54 Dollar, Diesel 1,50 Dollar

Pat und Greta haben irdischere Sorgen. Nach zwölf Monaten an der Gold Coast in Queensland sind sie auf dem Weg in ihre Winterresidenz. Die liegt in Sarina, dem Ort, wo sie sich kennenlernten. Dort lebt auch Gretas Sohn. Das Stückchen Heimat ist am Strand gelegen, es gibt Geschäfte für den täglichen Bedarf und: Ärzte. Bis Pat nicht mehr fahren kann, so lang wollen die beiden aber immer wieder aufbrechen. Wie dagegen haben nur noch wenige Hundert Kilometer vor uns. Und dann einen Tausende Kilometer langen Rückflug in eine Welt, wo es keine Grauen Nomaden gibt und sich die Milchstraße nur selten zeigt.

Ich seh' den Sternenhimmel - na ja, fast

Ich seh‘ den Sternenhimmel – na ja, fast

(Eine gekürzte Fassung des Textes ist am 28. Juli in der Tageszeiting „Die Welt“ erschienen. Die Reise nach Australien wurde unterstützt von Tourism Queensland und dem Wohnmobilverleiher Britz.)

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