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Gestrandet in Paris – Eine Anleitung zum Stop-Over

Sacré-Coeur ist das erste Monument, das ich erkenne.

Sacré-Coeur ist das erste Monument, das ich erkenne.

I’m stranded. Diesmal am Gare du Nord in Paris. Weil mein Flug mit Air Austral nach Charles de Gaulle ohne ersichtlichen Grund Verspätung hatte, habe ich meinen Zug verpasst. Und der Thalys fährt zwar am Flughafen vorbei, aber er hält dort nicht. Also nehme ich ein Taxi in die Stadt, um die unerwartete Fügung von zweieinhalb Stunden Freizeit in Paris zu nutzen. Vergeblich suche ich zunächst nach Gepäckschließfächern, ausgeschildert sind sie nicht. Wegen der Sicherheit, mutmaße ich. Schließlich will man den Durchreisenden heutzutage nicht explizit dazu ermuntern, sein Hab und Gut an einem öffentlich zugänglichen Ort zu verbarrikadieren. Nach ein paar Minuten aber werde ich im ersten Untergeschoss des Westflügels fündig.

Nach dem Aufstieg zum Montmartre erkenne ich erste Gebäude

Nach dem Aufstieg zum Montmartre erkenne ich erste Gebäude

Vor Ort stelle ich fest, dass mich meine Antennen nicht getäuscht haben: Ich muss Koffer, Rucksack und Tascheninhalt auf einen Gepäckscanner legen. Als wäre dies hier fuck*** America. Dann werfe ich 7,50 Euro in Münzen in einen Automaten (für einen Rucksack tun’s auch 5,50 Euro, für 9,50 Euro kann man für die Dauer von 24 Stunden einen halben Stall anmieten). Als ich endlich rauskomme, entdecke ich zu meiner Freude, dass es noch echte Franzosen gibt: Coffee and cigarettes zum Frühstück. Kein Müll aus den Laboren eines Nahrungsmittelkonzerns.

Immer bei der Arbeit: Die Maler auf dem Montmartre. Beklagenswert: Die Baskenmütze ist der Baseballmütze gewichen.

Immer bei der Arbeit: Die Maler auf dem Montmartre. Beklagenswert: Die Baskenmütze ist der Baseballmütze gewichen.

Ich lokalisiere mich auf einem Stadtplan und entscheide, dass es für einen Ausflug zur Seine oder ins Rodin-Museum zu weit ist. Stattdessen schlendere ich nordwestwärts zum Montmarte. Ich komme an der Metrostation Anvers vorbei. Ein Bild aus der Vergangenheit erscheint vor dem geistigen Auge: Es ist Sommer und my old man Ritchie legt in unserem Hotelzimmer seinen Camenbert zwecks Beschleunigung des Reifeprozesses auf die Fensterbank. Ansonsten ist der Weg hinauf zu Sacré Coeur ruhig – auch in den Souvenirläden, die vergeblich ihren Junk an den Mann zu bringen versuchen.

Der Montmartre: Freilichtmuseum in frühmorgendlichem Ruhezustand

Der Montmartre: Freilichtmuseum in frühmorgendlichem Ruhezustand

Auf der Treppe hinauf zur Basilika werde ich dann zum Statisten auf Hunderten von Fotos. Ich erinnere mich, dass ich das letzte Mal vor acht Jahren in Paris war. Ich blicke hinunter auf die Stadt. Centre Pompidou. Tour de Montparnasse. Invalidendom. Ich beschließe, dass ich der Stadt eine neue Chance geben muss. Vom östlichen Rand der Aussichtsplattform erblicke ich endlich den bislang vergeblich gesuchten Eiffelturm. Mission accomplished. Viele Gassen rundum die Kirche sind um 10.30 Uhr schon voller Touristen, die eines eint: ein völlig enthemmter Fotoauslöser.

Unweigerlich werde ich zum Statisten auf Hunderten von Fotos

Unweigerlich werde ich zum Statisten auf Hunderten von Fotos

Ich laufe vorbei an den mit Mützen und Staffeleien ausgestatteten Berufs-Parisern, die überall ihre Karikaturen an den Mann zu bringen versuchen. Doch zwei Ecken weiter ist es ruhig. Die Restaurants haben um diese Uhrzeit noch geschlossen. Einige Gassen sind wahrhaftig menschenleer. Ich habe kurz Blickkontakt mit einer Katze und werde sentimental. Hemingway, Truffaut, Rodin. Hach.

Einige Gassen sind wahrhaftig menschenleer

Einige Gassen sind wahrhaftig menschenleer

Nach gut einer Stunde suche ich – gegen meinen Willen – einen Weg hinab. Ich laufe zum Boulevard de Magenta, wo unkonfektionierte Textiliengeschäfte Folklore aufleben lassen. Vom afrikanischen Sari bis zum weißen Herrenlackschuh ist alles zu haben. Manche Heuschrecke dürfte hier noch viel Gentrifizierungsbedarf wittern. Doch ich hoffe, dass die Einsternehotels und all das andere erhalten bleiben.

Gentrifizierer, Hände weg von der Einsternezone am Boulevard de Magenta

Gentrifizierer, Hände weg von der Einsternezone am Boulevard de Magenta

Ein kleiner Junge, er ist vielleicht zwölf Jahre alt, hat auf dem Boulevard einen Einkaufswagen geparkt. Darin steht ein mit glühender Holzkohle gefüllter Metalleimer, auf dem er Maiskolben grillt. Ich drücke ihm zwei Euro in die Hand und nehme mir einen. Schmeckt gut. Ich denke: Das hier ist doch obwohl wir das Jahr 2012 schreiben eine völlig andere Art von Zivilisation. Undenkbar in Köln oder in Amsterdam, wo der Thalys hinrast. Auf der Ecke vor dem Bahnhof hole ich mir im Monop‘ noch eine Flasche Wasser und ein paar Madelaines. Damit durchkreuze ich wieder die Sicherheitsschleuse. Aber ein kleines Stück Frankreich fährt mit nach Hause. So wie die Absicht, bald wieder hierhin zu kommen.

Missmutig suche ich mir einen Weg zurück zum Bahnhof

Missmutig suche ich mir einen Weg zurück zum Bahnhof

10 Kommentare

  1. <3 Genau da waren wir erst letzten Samstag…hast du mein Foto von genau diesem Jungen mit dem Einkaufswagen zufällig gesehen? Du findest es hier:
    Und mit dem Thalys fuhren wir auch. 😉 Wir wollten mal einen Kaffee trinken…

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    • Ha, Deine Fotos aus Paris habe ich natürlich gesehen – und ich hatte sie vor Augen, als ich ein paar Tage danach durch Paris lief. War mal wieder eine schöne Sache, die Du eingefädelt hast. Der Maisverkäufer allerdings war mir entgangen – und es war definitv ein anderer, den ich gesehen habe. Viel jünger. Aber was für ein Zufall.
      Und wir können gerne mal einen Kaffee trinken gehen. Nächst Woche Montag oder Donnerstag? Danach bin ich erstmal im Urlaub…

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      • Hätt ich das gewusst, hätt ich dich gebeten, noch ein paar Macarons mit zu bringen. 🙂 Ich wollte das gar nicht so auf meine Aktion ziehen, musste nur bei dem Maisverkäufer grinsen. UND weil du aussprichst, was mir zu spät bewusst wurde: ja, man kann von Anvers zum Gare du Nord LAUFEN. Wir haben die Metro genommen, und sind nach ca 20 Sekunden Fahrtzeit angekommen. 😉 hast du denn ‚Dave‘, den Ballkünstler irgendwo an einer Laterne turnen sehen?

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        • Also an den Laternen war alles ruhig. Aber das es dann auch (von den beschrieben Ausnahmen abgesehen). Schon erstaunlich, was der Tourismus so aus einer Stadt machen kann.

          Aber ich fand die Idee wirklich gut, mit fünf Instagrammern einen Tag nach Paris zu fahren. Ein weiterer Schritt auf dem Weg, den glattgebügelten Printprodukten mit ihren immer gleichen Schönwetterhochglanzfotos den Rang abzulaufen – oder zu fahren, wenn es denn sein muss 🙂

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  2. Danke. Das freut mich natürlich. Next time: Brüssel! 😉 Und in Brüssel habe ich bisher nur Chaos erlebt, die City nicht gefunden, fragen müssen, wie ich wieder rauskomme. Ich bin gespannt… 😉

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    • In Brüssel war ich auch lange nicht mehr. Aber die Stadt eigent sich hervorragend zum Fotografieren: Verfall und 17.Jahrhundert-Glanz dicht beieinander. Besonders schön fand ich zuletzt das Botanique, ein Gewächshaus im Botanischen Garten, wo nun Konzerte stattfinden. Und den Schnellstraßenring um die Stadt, auf dem die Autos ständig wie Delfine auf- und abtauchen.

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  3. Pingback: Die besten Reiseblogs im September | Reiseblog von HostelBookers

    • Danke für den Pingback! Und es tatsächlich so: selbst an einem grauen Mittwoch im Spätsommer hat die Stadt in zwei Stunden genug ausgestrahlt, um schnell wieder dorthin zu wollen. All the best, Ralf

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  4. Pingback: Mit Hemingway in Paris: Immer noch ein Fest fürs Leben - BOARDING COMPLETED

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