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Stop-Over als Städtetrip – Toronto per Pedale

Pedalrittertum in Toronto

Schon mal in Miami, Singapur oder Toronto umgestiegen? Und dabei gerade soviel Wartezeit am Flughafen abgesessen, dass es richtig nervt und ein Abstecher in die Stadt doch nicht lohnt? Dann den Stop-Over bitte um eine Nacht verlängern. Macht enorm Spaß, wie 24 Stunden Pedalrittertum in Toronto zeigen. Ein Selbstversuch.

Meine Sitznachbarin im Flugzeug verdreht beim Landeanflug die Augen: „Mit dem Fahrrad wollen Sie Toronto kennenlernen? Passen Sie um Gottes Willen auf, das ist gefährlich!“ Auch Bruce, der Besitzer des Fahrradverleihs, blickt ernst drein, als er das betagte Mountainbike, einhändig am Sattel gepackt, später schließlich herbei balanciert. „Egal, wo Du das Rad anschließt, nimm immer den Sattel mit!“

Um Punkt 15 Uhr begrüßen sich Sitzfleisch und Sattel. Die Schläfen umfasst ein Helm – vorschriftsmäßig. In der Hosentasche steckt ein Zettel – die Route ist grob abgesteckt – und ein Stadtplan. Mit dem ersten Tritt in die Pedale läuft der Countdown. Eine Verlängerung wird des nicht geben – der Flug gen Heimat geht in knapp 30 Stunden.

Ich kreuze die Yonge-Street, die am Ontario-See beginnt und irgendwo an der Grenze zu Minnesota endet. Es soll die mit 1896 Kilometern „längste Straße der Welt“ sein, zumindest das Guinness-Buch der Rekorde und die Frau im Touristenbüro behaupten das. Ich frage mich kurz: Kann das sein? Es gibt doch auch die Panamericana von Alaska nach Feuerland. Das grobe Reifenprofil surrt.

Hinter der Hochtrasse Gardiner Express Way wird das Fahrrad erstmals an einem der vielen in der Innenstadt installierten Metallbügel justiert – nach 1,5 Kilometern. Der berühmte Fresstempel St. Laurence Market in der Old Town muss einen verfrühten Boxenstopp wert sein.

Weich und "weltbekannt": Schinken-Brötchen der "Carousel Bakery"

Weich und „weltbekannt“: Schinken-Brötchen der Carousel Bakery

Der Ort war einst ein Umschlagplatz der Indianer. In der später gebauten Backstein-Markthalle wird neben allerlei Kulinarischem – Snacks aus der Ukraine, Italien, England –  bei der Carousel Bakery das „world famous Peameal Bacon Sandwich“ angeboten. Für fünf Dollar dreißig plus Tax bekomme ich fünf aufeinander gepappte Schinkenscheiben umhüllt von labbrigen Brötchenhälften. Meine Speiseröhre schmerzt , so trocken ist die Weltdelikatesse.

Mehr geschröpft als gestärkt versenke ich die Sattelstange wieder im Rahmen. Die Finger sind von Schmiere schwarz, ich beschließe den Sattel ab sofort an seinem Platz zu lassen. Es ist 15.45 Uhr. Eine Sehenswürdigkeit ist geschafft. Die Front Street führt mich zum Destillery District. Man sagt, es handele sich um „die besterhaltene viktorianische Industriearchitektur in Nordamerika“. Auf fünf Hektaren wurde einst die größte Whiskey-Brennerei der Welt betrieben. Gerade an Fahrt aufgenommen, muss ich in Höhe der Feuerwache in die Eisen gehen: Von rechts fährt mir ein heulender Löschzug in die Parade. Irgendwo brennt es.

Das hausgemachte Schokoladeneis vom Soma Chocolate Maker in dem mittlerweile reanimierten Distrikt schmeckt vorzüglich, und es hilft mir nach weiteren anderthalb Kilometern beim Runterkommen vom Rennfahrergebahren: Anstelle schleckend zu radeln, bleibt ein Moment für die Inaugenscheinnahme der 44 aufgehübschten Gebäude, in die mittlerweile Boutiquen und Galerien eingezogen sind. Der Pförtner ruft mir aus seinem Kabuff nach: „Bis halb sieben hat die Hockey Hall of Fame geöffnet.“ Ich weiß, was ich zu tun habe. Es ist fünf nach fünf.

Ein Toronto-Trip ist unvollständig, huldigt man nicht Kanadas Nationalsport Eishockey in dessen Ruhmeshalle. Der Polizist auf der Front Street nimmt keine Notiz davon, dass der Helm mittlerweile am Rucksack baumelt. Die Wolken hetzen eilig über die Skyline. Um exakt 17:19 Uhr drücke ich meine Nase in einem Kellergeschoss am Sam-Pollock-Square an einer Scheibe platt – das museale Eishockey-Mekka hat geschlossen – wohl seit 19 Minuten. Mir rinnt der Schweiß vom Haaransatz.

Auf zur geilsten Aufzugfahrt der Welt - lahmer als erwartet

Auf zur geilsten Aufzugfahrt der Welt – lahmer als erwartet

Jeder Verlust birgt eine Chance in sich: Es ist Zeit gewonnen – Zeit zum shoppen. Ein kurzes Stück die „längste Straße der Welt“ entlang, und schon öffnen sich die Pforten zum Paradies der Konsumgesellschaft: Ich durchschreite die Glastür des Eaton Center. Schon die Anfahrt zeugt von tiefer Befriedigung. Hoch zu Drahtesel gleite an den sich gen Norden aufreihenden Blechkameraden vorbei – Stau, aber nicht mit mir.

Eine Stunde später brummt der Kopf: Im Eaton Center kann man, kurz gesagt, alles kaufen. Gekauft habe ich nichts – obwohl ein Verkäufer in der Best Buy-Filiale inbrünstig zu verklickern suchte, dass am Flughafen doch die Tax wieder ausgezahlt würde. Draußen neigt sich die Sonne. Höchste Zeit, ihr auf dem CN Tower in schwindelerregender Höhe noch ein paar mehr Minuten abzutrotzen. 1,8 Kilometer in der Horizontalen sind in 7 Minuten zurückgelegt. Dann geht’s in 61 Sekunden auf 346 Meter Höhe. So kurz ist laut „National Geographic“ die deshalb „geilste Aufzug-Fahrt der Welt“.

Besser als beim Flugzeugstart werden die Wolkenkratzer zu Bauklötzchen degradiert. Doch was Enttäuschung: meine Stoppuhr zeigt oben angekommen eine Fahrtdauer von über zwei Minuten. „Wir mussten das Tempo wegen des Sturms ein bisschen drosseln“, informiert das Begleitpersonal. Besuchern des rotierenden Restaurants sagt sie scherzend: „Lasst das Portemonnaie nicht auf der Fensterbank liegen, sonst wandert es zum Nachbarn.“ Ich bin zweimal mehr gewarnt.

3D-Tetris im Realraum

3D-Tetris im Realraum

Seafood als Vorspeise, Ente als Hauptspeise, der Shiraz aus Südafrika – alles schmeckt so wie der Kellner letztlich daherkommt: mehr Schein als Sein. Doch die Aussicht vom insgesamt 553 Meter hohen und damit einst höchsten freistehenden Gebäudes der Erde ist eine adäquate Würze. Während der Ontario-See in tiefes Schwarz abgleitet, fangen die Straßenschluchten an zu glimmen. Die immer noch hastigen Wolken schmälern die Sicht und das Vertrauen in die Baukünste der Siebziger. Wie ein gigantischer Grashalm schwingt der Turm, auf dessen Panzerglas-Boden die Kinder arglos umhertollen, im Wind. Zumindest in meiner Vorstellung.

Mit Pedalen unter den Füßen fühle ich mich trotz des Regens wieder wohler. Die Reifen rollen den nassen Asphalt entlang – 20 Minuten Regen, 3,1 Kilometer die Queens Street West entlang. Um auch ihm eine sichere Nacht zu gönnen, gebe ich den Drahtesel an der Rezeption ab. Man hat Verständnis.

Der Wecker klingelt um halb neun. Cappuccino und Burrito schmecken im Café des Gladstone Hotels, der letzten verbliebenen Herberge aus der Eisenbahnära Torontos. Die Gegend West Queen West wird seit einigen Jahren wiederbelebt und gilt als hip – man wähnt sich im „Art & Design District“. Ich fühle mich frisch und mittendrin und bereit für Teil 2 des Toronto-Parcours.

Noch frischer wird’s auf dem Rad. Der Wind hat nicht nachgelassen. Eine Anzeige macht es amtlich: 11 Grad. Nicht wenige Straßen haben Fahrradspuren: etwa die Spandida oder die College, auf der reger Zweiradbetrieb Richtung Zentrum herrscht. Mein Routenplan verordnet den Weg durch Little Portugal und Chinatown zum Bata-Schuhmuseum – fünf Kilometer Frühsport. Danach zeigt die Uhr zehn. Das Museum hat soeben geöffnet.

Vom Treppchen in den Schaukasten - Alberto Tombas Rennstiefel im Bata Shoe Museum

Vom Treppchen in den Schaukasten – Alberto Tombas Rennstiefel im Bata Shoe Museum

Es zieht in den Bann, die Menscheitsgeschichte in der Evolution des Schuhwerks gespiegelt zu sehen – von Ötzis Rehhaut-Latschen bis zu Roger Federers Tennis-Schluffen. Nur Radrennschuhe fehlen, ich könnte eine Diskussion mit der Frau an der Kasse anfangen. Aber die Zeit drängt. Wieder auf dem Rad, ist der Blick für die Schuhe ringsherum geschärft. Auf der Bloor Street, dem Pendant zu Chicagos Magnificent Mile, trägt man schicke Exemplare gern zur Schau. Der Autoverkehr stockt. Schnell sind Meter gut gemacht.

12 Uhr, Kensington Market. Der Stadtteil, gefangen im Flashback, darf in keinem Reiseführer „als buntester Stadtteil“ fehlen. Es riecht wie tausend und einem Räucherstäbchen, der Prozentsatz der Passanten mit Dreadlocks scheint erhöht, muffige Designer-Klamotten sind die Spezialität der Second-Hand-Läden. Einst war Kensington Market das Wohnviertel jüdischer Einwanderer, hinzu kamen Immigranten von überall. Heute ist es Hort der „alternativen Szene“. Essen gibt es aus aller Herren Länder. Es ist ein lukullisches Abbild Torontos als Einwandererstadt gemalt. Beim Bummeln vergeht die Zeit und dann irgendwann die Lust. Der Drahtesel ruft.

Stadtteil im Retro-Fieber

Stadtteil im Retro-Fieber

In meiner Vorstellung läutet jemand mit der weißen Flagge die letzte Runde ein: Die Toronto Islands! Doch fast wird nichts draus. Auf der Baldwin Street, steht das Fahrrad zwar angeschlossen, doch fehlt der Sattel! Ich sehe schon Bruce vor mir, rechthaberisch zeternd. Da fällt mir ein anderes Rad ins Auge, das meinem noch ähnlicher sieht. Ich hatte ein paar Meter weiter vorn geparkt. Geläutert setze ich den Helm auf. Um halb drei nehme ich nach 3,5 Kilometern Fahrt die Fähre.

Auf dem untersten Deck sind Fahrradständer montiert, was von einer gewissen Frequenz der Radler zeugt. Sollte Toronto sich gar als fahrradfreundlich herausstellen? Auf Centre Island gibt es zunächst eine tierische Kettenreaktion: Eine Gans ist vom heranrasenden Radler verschreckt, flattert hoch, macht ein schwarzes Eichhörnchen panisch, das fast in die Speichen gerät, dann einen Haken schlägt und – so fehlgeleitet – der Gans fast wieder ins Gefieder hüpft. Dazu musizieren die Grillen. Natur kann so schön sein.

Es ist die Ruhe nach der Stadt. Die Skyline liegt in sicherer Entfernung majestätisch da. Autos sind verpönt. Der Drahtesel blüht auf und findet fast allein den Weg – vorbei an einem alten Vergnügungspark mit Streichelzoo, um schließlich auf der langen Holzpromenade nach Wards Island die Weite des Ontario Sees zu erfassen. Bis zum Horizont nur Wasser. Im Jahr 1858 machte der Lake Ontario die Inseln überhaupt erst zu solchen. Bei einer Sturmflut riss er die Landbrücke ein.

Wartende Drahtesel - Anleger auf Wards Island

Wartende Drahtesel – Anleger auf Wards Island

Mein finales Wadentraining auf den Toronto Islands hat sich gewaschen. In knapp einer Stunde sind neun Kilometer und alle Hauptwege geschafft. Während die Segelyachten noch im seichten Wasser glucksen, nehme ich die Fähre von der Westinsel namens Hanlan’s Point, die Torontos Stadtflughafen beherbergt. Es riecht nach Kerosin.

Ich denke an den Heimflug. Ein bisschen überzogen habe ich, als ich das lieb gewonnene Mountainbike aushändige. Es ist 15.30 Uhr. 24,5 Stunden sind vergangen,  30,6 Kilometer gefahren, je nach Einschätzung rund zehn Sehenswürdigkeiten geschafft. Und eine Freundschaft wurde geschlossen – die zu Toronto. „Toronto per Bike – das ist perfekt!“, sagt Bruce im Verleih. Eine Erdrotation früher, ich hätte dies als fahrlässiges, da lebensgefährliches Verkaufsmotto abgetan. Jetzt bin ich überzeugt: Die Dame im Flugzeug hatte unrecht.

Der Text ist in gekürzter Fassung zuvor in der Taz erschienen.

(Die Reise wurde unterstützt von der Canadian Tourism Commission)

1 Kommentar

  1. Scheint ein richtig schöner Trip gewesen zu sein, dass macht Lust nach mehr. Hoffe es geht mit dem Fahrrad in Toronto nicht so wild zu, wie hier in Berlin.;)

    LG

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