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Der Gardasee – Ein Selbstversuch in Technicolor (2)

Als wir zurück in unserem Domizil sind, werden wir umquartiert. Unsere Koffer stehen nun in den Murialdo Suites, einem Neubau auf dem Hotelgelände. Ein veritabler Tapetenwechsel, denn während das Interieur der Zimmer im Haupthaus grünblau gehalten ist, was mich – ohne dass ich es je gesehen hätte – an Urlaub in Jugoslawien erinnert, residieren wir nun in dezidiert modernem Ambiente.

Parkett und elegante Möbel verleihen den Suiten eine zurückgenommen stilvolle Aura, die dem Vernehmen nach jüngst die Profis eines deutschen Fußballvereins zu goutieren wussten, der in der vergangenen Saison drei zweite Preise zu gewinnen wusste. Auch die Küche ist an diesem Abend besser in Form: Das Vorspeisen-Büffet mit gegrillten Artischocken und Vitello Tonnato fällt ebenso angenehm auf wie die Gardasee-Forelle. Der Moscatello von Manincor aus dem Trento ist eine Granate.

Für den nächsten Tag haben wir uns den Monte Baldo vorgenommen. Doch wir überlegen es uns anders. Ganz gewiss haben wir ein wenig Scheu vor den 2200 Höhenmetern (OK, bis zur Gipfelstation der Bergbahn sind es machbare 1600 Meter), auch hängen ein paar Wolken am Berg. Der wahre Grund aber ist, dass wir gekommen sind, um die Urlaubstauglichkeit des Gardasees zu prüfen. Also nehmen wir die nächste Härteprüfung in Angriff: Bootstour nach Malcesine. Vorbei an den trinkenden Teutonen und den musizierenden Indios bahn en wir uns unseren Weg zum Ableger am bergseitigen Ende des Hafens von Riva. Wir kaufen Halbtagestickets für die Nordhälfte des Sees (20,70 Euro) und reihen uns ein in die Schlange nervöser Passagiere, die bereit sind für den Kampf um die 20 nicht überdachten Plätze im Bug des Schiffes.

Weil es ja Nebensaison ist, gelingt es auch uns Pazifisten einen passablen Platz zu ergattern. Schon geht es wieder los: Das grüne Wasser, die Berge, der blaue Himmel.

Die Synapsen arbeiten und arbeiten. Als wir in den Hafen von Limone einfahren, beugt sich in einem gelb angestrichenen Hotel ein alter Mann (er erinnert mich an Pablo Picasso) über die Reling eines Balkons. Ich bekomme Herzrasen. Die Auswertung meines Gehirns lautet: „Es ist zum Sterben schön.“ Obwohl ich mir solche Gedanken sonst gemeinhin verkneife. Schließlich bin ich Journalist.

In Malcesine folgt die Abkühlung. Es ist nicht das winzige Hafenbecken, in dem nur wenige Boote Platz finden, das den Synapsen nun Einhalt gebietet, nein, es sind die saufenden Touristen, die diesen Job übernehmen. Als ich höre, wie ein (abermals völlig dekontextualisiertes) Duo ihnen „No woman, no cry“ vordaddelt, beneide ich plötzlich Goethe. „Das ist eine Premiere“, denke ich kurz. Doch der Dichter hat diesen Ort zeitlebens in einem unberührten Zustand erlebt, was ihn zu einer Schwärmerei veranlasste.

Wir dagegen nehmen die Beine unter die Arme: Nichts wie weg hier. Vorbei an Lederfachgeschäften und Universal-Nippesläden mit Schaufensterlängen von gefühlten 60 Metern schreiten wir gen Süden.

Schon nach etwa fünf Minuten sind wir nahezu allein. Am Ufer des Sees stehen patinabefallene Villen, in deren verwunschenen Gärten Olivenbäume ihre Früchte großziehen. Der Gardasee produziert einige windbedingte Wellen, die mit einem angenehmen Plätschern die Aufmerksamkeit unserer Ohren erheischen. Unser Blick fällt auf knorrige Zedern und Zypressen, die vorwitzig in die Luft ragen. Dann nehmen wir auf einem Miniaturfelsen platz und vergessen die Zeit. An was ich gedacht habe, weiß ich nicht mehr. Beinahe aber hätten wir das letzte Boot zurück nach Riva verpasst.

Das Hotelrestaurant serviert Penne mit Zucchini und Kürbis-Risotto, danach ein gutes Saltimbooca. Inzwischen habe ich den Saal lieb gewonnen. Ich stelle mir vor, welch hippes Publikum hier verkehren würde, wenn das Ding in Köln oder Berlin stünde. Auch Giancarlo, der stets diskrete Kellner, der das Essen meist unter einer braunen Plastikabdeckung hervorzaubert, wird mir fehlen. Der Spagat zwischen Tradition und Gegenwart ist an diesem Ort halt nicht einfach. Doch wer in der Nebensaison reist und auch dann zu einigen Ausweichmanövern bereit ist, kann sich dem Gardasee ausliefern. Und das ist nur die kurze Version.

Informationen:

Die Übernachtungspreise variieren je nach Ssison und Zimmer stark. Ein einfaches Doppelzimmer im Haupthaus ist in der Nebensaison für 110 Euro zu haben, das große Penthouse mit Whirlpool auf dem Balkon kann in der Hauptsaison mit 1000 Euro (für vier Personen) zu Buche schlagen. Der prächtige Park, die drei Pools, der Marmorspeisesaal und die Frühstücksveranda stehen allen Gästen offen. Die Halbpension kostet 45 Euro pro Person und Tag. Die Weinkarte ist umfangreich und beinhaltet zahlreiche Positionen für den Kenner mit gehobenen Ansprüchen.

www.dulacetduparc.com

Der Autor hat auf Einladung des Hotels drei Nächte im Hotel du Lac et du Parc verbracht.

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Posieren und Polieren – Für mehr Durchblick auf Automessen

Auf einer Automesse laufen sich die Besucher die Füße wund, doch die Hostessen stehen sie sich platt. Als blickebündelndes, oft eng bis dürftig bekleidetes oder manchmal verkleidetes Beiwerk fürs heilige Blech stehen sie den ganzen Tag, schmiegen sich wie Katzen an die blanken, kalten Flächen und müssten eigentlich eine Versicherung gegen Schäden durch Fotoblitze abschließen. Manche sind so schön, dass selbst notorische Motorjünger erst einmal ihre Linse auf die Damen zentrieren.

Dass ihr Lächeln im Messemarathon früher oder später etwas android anmutet, sei ihnen verziehen. Wahrscheinlich passiert es aus Selbstschutz. Denn so viel Verbindlichkeit, wie ein einziges Lächeln erzeugen kann, tausendfach abgerufen, würde an den psychischen Grundfesten rütteln und früher oder später zwangsläufig zur Selbstauflösung führen. Dann also lieber auf Roboter vom Planeten Grinsebacke machen.

Zu den Finessen gehört auch, dass manche ihr Grinsen am Zenit einrasten lassen können. Das beugt der Übersäuerung der Gesichtsmuskulatur durch zu viel Bewegung vor. Der ein oder andere Reflex ist ihnen also gestattet, den Hostessen. Gerade auch in Anbetracht manchen männlichen Messebummlers, der so viel Appeal bis zu den Präsentiertellern weithin hörbar zum Leid der Ladys nur mit einem unkontrollierten Lippenzucken oder Wildkatzenbrummen verarbeiten kann. Ist das nicht furchtbar? Wir finden: jein.

So viel also zur durchaus und leider menschlichen Implikation der Libido im artifiziellen Kontext der Parallelwelt einer Automesse. Und dann gibt es noch eine andere Spezies, die andere Abwehrroutinen entwickeln muss. Es sind die unablässig wie ein Störfeuer um die schillernden und stets von Meteoriteneinschlägen im Nano-Maßstab bedrohten Autos schwirrenden Reinigungskräfte, die bei den Fotofreaks schockartig Allergie auslösen. Schon wieder so ein hässlicher Idiot mit Staubwedel ins Bild gelatscht!

Die oft mit Billighonoraren abgespeisten Polierer haben Sprühflaschen am Gürtel baumeln und unter den Achseln bunte Puschel klemmen, die auf ihren Einsatz gegen Staubpartikel warten, wenn gerade der Lappen Fettabsonderungen von Fingern eliminiert. Die Polierer selbst müssen nicht schön sein, nur das, was sie bearbeiten. Und da sie nicht schön sein müssen, passen sie nicht ins Bild, werden angepflaumt, pflaumen zurück, oder ziehen einfach ihren Stiefel durch, egal wie viele Finger an den Auslösern lauern. Was eine tragische Verkettung und Verkennung! Sie sorgen doch für den eigentlichen Glanz im ganzen Zirkus der Vehikel! Sehen Sie eine Fotoreihe vom Mondial de l’Automobile 2012 gegen den Cyrano-de-Bergerac-Effekt auf Automessen: