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Der Gardasee – Ein Selbstversuch in Technicolor (1)

Grünlich schimmerndes Wasser eingerahmt von 2000 Meter hohen Bergen. Dörfer voller ockerfarbener Bauten aus längst vergangenen Jahrhunderten. Promenaden, Yachten und Vespas. So kommt der Gardasee auf den Postkarten rüber, die mir schon meine Großmütter geschickt haben. Aber kann man da auch Urlaub machen? Ich hatte meine Zweifel. Doch nun lag der See auf dem Heimweg. Die Gelegenheit für ein Experiment.

Während der Fahrt ist das Dach offen. 23 Grad Anfang Oktober nehmen dem Palmenbewuchs am Seeufer das Angeberische. Über dem See bei Toscolano Maderno liegt ein milchiger Schleier. Die Straßen bis nach Riva del Garda sind leerer als erwartet. Es zwängen sich keine Reisebusse durch die engen Tunnels. Im Hotel du Lac et du Parc weist uns die Rezeptionistin ein Zimmer im fünften Stock zu. „Mit Seeblick.“

Vor allem aber mit Blick auf jenen Berg, der das Sonnenlicht im Herbst schon am späten Nachmittag abfängt. Etwa auf halber Höhe des Steilhangs entdecke ich einen weißen Farbfleck, eine Kapelle, deren Errichtung einige Willenskraft gekostet haben muss.

Wir trinken eine Flasche Weißwein aus dem Trento. Gegen 20 Uhr wird es Zeit, den Speisesaal aufzusuchen. „Candlelight-Dinner“ frohlockt die Speisekarte. Schon aus der Ferne hören wir, dass sich ein Pianist um eine anlassgerechte Beschallung müht. Der Saal ist mit Marmor ausgelegt, von der Decke hängen übergroße Kandelaber.

Ein Batallion fein livrierter Kellner wetzt dienstbeflissen durch den Saal, einer von ihnen sieht aus wie Dean Martin. Das Essen ist ein wenig ideenlos an diesem Abend: Als Appetizer ein kleines Croissant mit Schinken und Käse, eine passable Kürbissuppe, später mit Dill gewürzter Steinbutt. Dass der Saal nur zur Hälfte eingedeckt ist, hebt die Stimmung ebensowenig wie die Anwesenheit fast ausschließlich älterer Urlauber. Dennoch resümiere ich: Dieser vorwiegend mintgrüne Saal hat Charme. Ich stehe kurz davor, mich im Jahr 1971 zu wähnen und blicke sehnsuchtsvoll zum Eingang, wo ich Grace Kelly erwarte. Oder wenigstens Cary Grant.

Später sitzen wir mit einem Bier am See. Es ist windstill und mild. Ich bemerke, dass zwei Lichtkegel auf das Wasser fallen. Einer stammt von der hell erleuchteten Burg, der andere von besagtem Kapellchen. Ich beginne über Italien zu sinnieren, dass die Bauwerke hier so offensichtlich alt sind und was es für enorme Anstrengungen bedeutet haben muss, sie zu errichten. Die meisten, denke ich, sind aus religiöser Motivation entstanden, aus Ehrfurcht vor Phänomenen, die mittlerweile längst wissenschaftlich geklärt sind. Erst als vor mir ein Fisch aus dem Wasser auftaucht, kehre ich zu irdischeren Gedanken zurück. Soso, denke ich, auch das also vermag die Nähe zum Wasser mit dir anzustellen.

Am nächsten Morgen packen wir die Rücksäcke. Wir wollen hinauf zu dieser Kapelle. Der Himmel ist blau, das Wasser des Sees unverändert grün. Die entmotorisierte Promenade von Riva ist nur mäßig bevölkert. Als ich mich zwecks Digitalisierung des Moments ans Wasser knie, werde ich umzingelt: Eine verzogene Entenfamilie hat es auf mein iPhone abgesehen.

Als wir uns dem Ortskern nähern, wird es plötzlich rummelig. In einer Dönerbude wartet jemand auf Kundschaft. Eine dekontextualisierte Indio-Kombo traktiert ihre Panflöten. Die Bars sind schon um 11 Uhr von Männern bevölkert, die kurze Hosen, weiße Socken und Sandalen tragen.

Mit leerem Blick kippen sie die erste (?) Maß Bier in sich hinein. Mir fallen zwei Sätze ein, die ich kürzlich gehört habe: Die Deutschen lieben die Italiener, respektieren sie aber nicht. Die Italiener hingegen lieben die Deutschen nicht, aber sie respektieren sie. Nun weiß ich, was damit gemeint war. Ich frage mich, was mit dem „deutschen Kaffee“ gemeint ist, mit dem eine Bar wirbt.

Über enge Serpentinen gelangen wir zu der Burgruine, deren nächtliche Beleuchtung ich bereits bewundert habe. Von der Bastion aus führt ein steiniger, durchaus steiler Weg hinauf zu Santa Barbara, die 1928 fertiggestellt wurde. Immer wieder blicke ich hinab auf den Ort.

Die unregelmäßige Anordnung der rötlich bedächerten Häuser. Das Hafenbecken mit dem Torre Apponale, einem Turm aus dem Jahr 1220. Hach, geht das schon wieder los. Nach gut einer Stunde haben wir die 550 Höhenmeter überwunden.

Zwar ist Santa Barbara aus der Nähe betrachter weniger beeindruckend, als vom nächtlichen Seeufer. Doch für den inneren Frieden war der Aufstieg ebenso unverzichtbar wie die Erkenntnis, dass nur wenige Schritte hinter dem Städtchen die Welt der Trekker, Mountainbiker und Kletterer beginnt.

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