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Heiß die Haut, kühl das Bier: Saunagang in Reykjavik

Diese Geschichte hat sich längst selbst überholt. Das Hotel, in dem sie spielt, ist renoviert. Alles, was ich über die Herberge in direkter Nähe zum Flughafen Reykjaviks (Reykjavíkurflugvöllurschreibe, gilt nicht mehr. Ob das, was ich im März 2008 im Keller des ehemaligen Icelandair Hotel Loftleidir erlebte, lokaler Brauch eines Sportclubs oder doch eine einmalige Begebenheit war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich aber handelte es sich nur um ganz normales Saufgebahren, wie es überall auf der Welt aufritt. Bis auf einige merkwürdige Details.

„Sauna. Männer und Frauen getrennt. Bei den Männern riecht es in den Duschen nach Abfluss. Eine räumliche Trennung zu Pissoirs und Umkleiden gibt es nicht. Der ganze Bereich ist leidlich herunter gekommen, gekachelt wurde wahrscheinlich in den 70ern, vielleicht Anfang der 80er. Man vermisst die vergessenen Badelatschen. Der Rest des Hotels in nordisch-minimalistischem Schick hat sich besser gehalten.

Loftleidir 2008 - Das Flughafen-Hotel vor seiner Renovierung

Loftleidir 2008 – Das Flughafen-Hotel vor seiner Renovierung

Der Ruheraum, düster, vielleicht zwölf Meter im Quadrat groß, sechs Liegen mit unangerührten, filzigen Decken, ist verödet. Aus den kleinen Boxen an der Wand quillt Metalmusik. Die Sauna selbst bietet Platz für fünf, sechs Leute. Als ich mich auf die obere Bank setze, fläzt ein Glatzkopf und auch ansonsten Rasierter auf der untersten Bank. Er lässt den Blick über mich huschen, dann unverhohlenes Anstarren, eine Suche nach Erwiderung der Blicke.

Ein weiterer Mann, der es vorrangig mit dem Saunen ernst zu meinen scheint, kommt rein, setzt sich auf das von Hitze und Schweiß verfärbte Holz. Der Glatzkopf verlässt die Sauna und zieht sich dabei demonstrativ den Hodensack lang. Kurz darauf – es ist wohl eine Minute verstrichen – betritt er den Brutkasten erneut.

Rein kommt auch ein Typ mit Bauch und Brille und Badehose und Bierdose. Sich setzt er hin, die Brille ab, die Dose nach zischendem Öffnungsritus an. Vom Glatzkopf beäugt setzt er sich schnell wieder ab, die Tür scheppert. Der ernstmeinende Saunierer hat den Schauplatz bereits verlassen. Der Rasierte kommt mir einen Bankabsatz näher und geht dann erneut unvermittelt raus. Fürs erste habe ich genug sauniert. Ich dusche kalt.

Diese Aufzüge führten in den Keller - dort war die Sauna

Diese Aufzüge führten in den Keller – dort war die Sauna

Ziehe die Badehose an, gehe in den Poolbereich, für Männer und Frauen gedacht. Dort geht es skurril weiter. Im Abkühlbecken schwimmt die einzige Frau weit und breit. Der Whirlpool ist überfüllt. Zehn Männer um die 30, mittendrin der mit Brille und Bauch, sitzen gedrängt in der brodelnden Brühe. Brodelt die überhaupt? Ich kann es von meinem Plastikstuhl aus, auf dem ich mich am Beckenrand wie betäubt niedergelassenen habe, nicht ausmachen. Fest steht: Die Jungs feiern. Faxe- und Tuborg-Dosen säumen den Pool.

Der Bademeister – offenbar lädiert – kommt hinkend herüber, bringt Pappbecher zum Pool. Der Bauch geht in den Männerbereich, um kurz darauf mit noch mehr Bier zurückzukommen, das sogleich auf die Becher aufgeteilt wird. Es wird palavert und getrunken. Ich bin von einer Viertelstunde 95 Grad ruhig gestellt und verstehe nicht ganz, warum sich der Bademeister als Kellner andient statt über Gesundheitsrisiken aufzuklären. Was natürlich auch wieder uncool wäre.

Vorher noch schnell einen Softdrink - dann durch die Pforte zum Schwitzkasten

Vorher noch schnell einen Softdrink – dann durch die Pforte zum Schwitzkasten

Durch den Männerbereich verlasse ich die Szene. In einem Waschbecken liegen Bierdosen zur Kühlung, der Wasserhahn läuft, auf kalt gestellt, unbeaufsichtigt. Wasser ist ja bekanntlich keine Mangelware in Island. Auf dem Weg ins Hotelzimmer, passiert auf der Wendeltreppe nach oben die nächste Gruppe Spunde, rund zehn Mann. Mit Badeutensilien, einer eine Bierpalette tragend, kommen sie im locker-bestimmten Schritt dessen, der etwas Tolles vorhat, lautstark und gut gelaunt die Stufen hinunter.“

Das Icelandair Hotel Loftleidir heißt mittlerweile Icelandair Hotel Reykjavik Natura und erstrahlt seit 2010 in neuem Glanz. Der Saunabereich heißt jetzt Sóley Natura Spa und bietet Treatments mit Ölen und Kräutern, Yoga und Solebäder. Dort, in Reykjaviks modernstem „Tempel der Sinne“ glaubt man daran, dass Geist, Seele und Körper eng miteinander verbunden sind“. Ganz neue Sinneserfahrungen seien im Sóley Natura Spa möglich.

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