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Schweigen ist Gold: Eine Nacht auf der Pistenraupe in Norwegen

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Ich kann es den kleinen Rackern förmlich von den Lippen ablesen. Obwohl sie ihre Worte auf Norwegisch sprechen. „Wer ist dieser Freak da drüben?“, fragen sie ihre Eltern. Der Typ, der alleine am Tisch sitzt, sich hinter einem Buch versteckt, ein Carlsberg für 10 Euro trinkt und sich sichtlich unentspannt das Essen vom Büffet reinschaufelt, während doch sonst im Speisesaal nur festlich gekleidete Familien sitzen. Mutter im kleinen Schwarzen, Vater im Smoking, und sie, die Kinder, in einer Art Kommunionstracht.

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Nun, der Freak bin ich, der Reisejournalist. Der Typ mit dem glamourösen Leben, das ihn im Januar nach Skeikampen bei Lillehammer in Mittelnorwegen getrieben hat. An und für sich eine schöne Sache. Wäre ich nicht ganz alleine. Würde es nicht um 16 Uhr dunkel. Und wäre ich nicht in einem Familienwintersportort, wo außer einem spärlich bestückten Supermarkt und ein paar verrammelten Cafés nichts, aber auch gar nichts an öffentliches Leben erinnert.

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Doch zurück in den vollbesetzten Speisesaal mit den farblosen Möbeln und dem blassen Licht, wo sich etwa 50 seltsam verstockte Familien über eine mexikanisch-skandinavische Schlachtplatte hermachen, und wo mich die Kinder mit ihren Blicken durchbohren. Ich komme mir vor wie in einem dieser Dogma-Filme. Nur dass dieser hier schon 72 Stunden dauert.

Obwohl ich schon Abende in behaglicherer Gesellschaft erlebt habe, scheue ich den Gang zurück ins Zimmer. Dort nämlich funktioniert die Heizung nicht. Es ist etwa 14 Grad. Und außer einem Sixpack, das ich in dem Schneeberg neben dem Fenster vergraben habe, warten dort nur mein Laptop und mein Buch auf mich.

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Ein minimalistisches Leben, dem ich mit dem Lüften meiner Langlaufklamotten und gelegentlichem Tabakkonsum etwas Struktur verleihe. Über mangelnde Aufmerksamkeit kann ich nicht klagen, denn stets wenn ich vor die Türen des nüchternen Funktionsbaus trete, hat die Concierge ein freundliches „Hello“ für mich übrig. Draußen werfe ich einen Blick auf den einzigen Berg weit und breit. Er ist hell beleuchtet, eine Art Monument, das 300 Meter hoch in den Nachthimmel ragt. Der Anblick regt mich zur Art Meditation über die Jahreszeiten und das Leben ganz allgemein an.

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An diesem Abend gehe ich früh ins Bett. Schließlich bin ich um 5 Uhr mit Arlid verabredet, der mich zu einer Spritztour auf seiner Pistenraupe nehmen will. Gegen 22 Uhr mache ich das Licht aus. Ich werfe einen Blick auf die leeren Bierdosen und denke mir: Das müsste klappen mit dem Schlaf. Kurz nachdem ich weggedämmert bin aber stehe ich senkrecht im Bett. Musik in ohrenbetäubender Lautstärke. Erst „Dancing Queen“, dann „Voulez vous“. Und so weiter. Ich schlussfolgere: Zum Höhepunkt des Familienurlaubs spielt am späten Samstagabend eine Abba-Coverband. Auch die Ohrstöpsel halten die Beschallung nicht ab.

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Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Wenig später steht Arlid mit der Pistenraupe vor der Tür. Übernächtigt stelle ich mich kurz vor. Dann fahren wir los. „Not very cold today“, sage ich. „No“, antwortet Arlid. Das war’s wohl erstmal in Sachen Konversation. Es ist stockfinster. Ich rieche den Diesel und lausche der Maschine. Wir fahren eine andere Runde, als die ich tags zuvor auf Langlaufskiern absolviert habe. Etwas wacklig, aber bis auf den Sturz auf meinen Schädel weitgehend ohne Zwischenfälle. Ich versuche es nochmal: „How long have you been doing this job?“ „For a long time.“ OK, denke ich, dann meditiere ich halt wieder.

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Nach zwei Stunden Monotonie haben wir den Wendepunkt der Strecke erreicht. Noch immer ist kein Schweif am Himmel zu sehen. Arlid schweigt weiter. Doch ihm scheint langsam langweilig zu werden, denn er macht das Radio an. Ich höre die letzten Takte irgendeines Bruce Springsteen-Songs. Dann zucke ich zusammen, denn es erklingt die Titelmelodie der Vampir-Serie „True Blood“. Refrain: „I wanna do bad things with you.“ Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und schaue selbstbewusst zu Arlid rüber. Der bleckt kurz die Zähne und konzentriert sich wieder auf die Loipen. Die Serie scheint er nicht zu kennen. „Puh“, denke ich. Plötzlich aber wird Arlid hektisch: „Look“, ruft er. Unwillkürlich suche ich nach einer Blutspur. Stattdessen aber sehe ich die Ohren eines Schneehasens, der gerade ich Flucht erfreift. Arlid lacht.

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Kurz vor 9 Uhr wird es langsam hell. Wir haben etwa 40 Kilometer Loipe gespurt. Mein Puls geht wieder ruhig. Kurz bevor er mich am Hotel rauslässt, fragt Arlid noch, wie ich es so gefunden habe. „Unique“, sage ich wahrheitsgetreu. Zum Abschied reicht er mir die Hand. Dann schnalle ich mir die Bretter an, um mir den Parcours nochmal im Hellen anzusehen. Mit Abba-Songs im Ohr umrunde ich den Berg. Dabei sehe ich weder Schneehasen noch Blutspuren. „Was für eine erhabene Landschaft“, denke ich.

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Diesmal gehe ich völlig entspannt zu meinem Tisch im Speisesaal. Sollen sie doch gaffen. Doch als ich den Raum betrete, staune ich nicht schlecht. Außer mir hat dort nur eine Familie platzgenommen. Es ist Sonntag und die Belegung des Hotels verbietet ein Büffet. Als das Essen kommt merke ich, dass ich angestarrt werde. „Papa“, fragt ein Junge auf Deutsch, „was macht der Mann da so ganz alleine?“. „Der ist Reisejournalist“, antworte ich, ohne dass jemand es versteht.

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5 Kommentare

  1. Irgendwie kann ich das sehr gut nachvollziehen. Mir ging es als Reiseblogger so einmal in Bad Füssing. Dort waren es nicht die Familien, sondern die Ehepaare höheren Alters, die mich wie ein Tier im Zoo neugierig beäugt haben. Ich passte halt irgendwie nicht. Dieses True-Blood Lied möchte ich aber auch nicht mitten in der Nacht hören wollen. Und vor allem nicht einsam auf einer Loipe mit einem schweigsamen Gegenüber. Der Sonnenaufgang ist wirklich toll…

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  2. So erging es mir früher sehr oft, als ich noch als Reiseleiterin unterwegs war, wenn ich nicht gerade bei meiner Gruppe war. Heute bin ich – endlich – mit meinem Mann auf Reisen und genieße das sehr. Aber nachfühlen kann ich das sehr gut. Deine Beschreibung des Pistenraupenfahrers finde ich wunderbar anschaulich, fast so als ob man neben ihm sitzt. Der hatte bestimmt auch nicht ausgeschlafen 😉

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  3. „Nun, der Freak bin ich, der Reisejournalist.“ – Köstlich! Definitiv einer meiner Beiträge der Woche.
    LG, Kristine

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