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Small Two statt Big Five: Die ausgefallene Safari in Tansania

Die Suche nach der Safari

Die Suche nach der Safari

Eine tiefschwarze Nacht in Masasi, einer Kleinstadt im Süden Tansanias. Wieder einmal ist der Strom ausgefallen, seit Stunden erhellt kein Lichtschein den Ort. Ich sitze mit einem holländischen Cashewnuss-Farmer im Kibo Pub, einer einfachen Freiluftbar.

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Sie hat uns wegen ihrer – aus unserer Sicht – luxuriösen Ausstattung angelockt: einem dröhnenden Generator und einem winzigen Fernseher. Ein Länderspiel Deutschland-Niederlande verfolgen wir also unter dem Palmen-gedeckten Dach bei warmen Bier, wir starren auf den Bildschirm, während Bongo-Musik aus den Boxen wummert.

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Eigentlich sollte ich jetzt an einem Lagerfeuer in einem der Nationalparks sitzen, mit denen der Süden Tansanias aufwartet. Anders als der Norden des Landes mit seiner berühmten Serengeti ist dieser Teil noch touristisch unberührt. Hier warten keine glamourösen Lodges auf zahlungskräftige Kundschaft, hier telefonieren sich keine Guides bei einer Safari zusammen, wenn einer von ihnen einen Löwen erspäht hat. Hier muss man selbst nach Wild Ausschau halten, sein Zelt aufbauen und den ein oder anderen Sack Reis als Gastgeschenk mitbringen.

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Hügel mit Aussicht auf Masasi

Aber statt Safari sitze ich schon seit einer Woche in einer Ortschaft von 40.000 Einwohnern, deren touristische Attraktion drei Hügel sind, die auf unwirkliche Weise aus der flachen Landschaft aufragen. Was war passiert? Afrika war passiert. Schon zwei Tage vor dem Start meiner Reise über Doha (Katar), die tansanische Hauptstadt Daressalam und Mtwara nach Masasi raufte ich mir die Haare: von der Airline mit dem viel versprechenden Namen „Precision Air“ kam eine SMS, dass man den Flug ein paar Stunden vorverlegt habe.

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Nach viel hin und her mietete ich mich für eine Nacht im Trinity Hotel ein, das mitten im Botschaftsviertel von Daressalam am Meer liegt. Ein perfekter Ort für den sanften Einstieg ins afrikanische Leben: die gut ausgestatteten Hütten sind um eine Grünanlage und ein Freiluftrestaurant gruppiert, das Gelände ist umzäunt und bewacht, so dass man sich auch als allein reisende Frau sicher fühlt. In der Umgebung gibt es nicht nur einen Strand, sondern auch ein Einkaufszentrum mit einem Café, wo sich Expats zum Latte Macchiato treffen und zwischendurch afrikanische Handwerkskunst kaufen.

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Als der Hotel-Hahn zum ersten Krähen ansetzt, mache ich auf dem Weg zum Flughafen. „Precision Air“ macht diesmal ihrem Namen Ehre und fliegt pünktlich ab, Richtung Mtwara.

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Die quirlige Hafenstadt mit ihren 100.000 Einwohnern ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt im Südosten des Landes und auch ein Handelszentrum. Am Flughafen erwartet mich mein Bruder. Ben lebt seit zwei Jahren als Entwicklungshelfer mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in Masasi, etwa eineinhalb Fahrtstunden von Mtwara entfernt.

Der Fischmarkt von Mtwara ist quirrlig - aber nicht alles läuft optimal

Der Fischmarkt von Mtwara ist quirrlig – aber nicht alles läuft optimal

Von dort aus wollen wir Safaris unternehmen, die Landschaft an der Grenze zu Mozambique erkunden. Doch schon bei der Begrüßung schwant mir, dass ich eine Weile auf die Wildbeobachtung werde warten müssen: die Familienkutsche ist defekt, eine Zylinderkopfdichtung ist in der entlegenen Ecke des ostafrikanischen Landes nicht einfach mal so erhältlich, man wartet auf die Lieferung aus Daressalam – und fährt derweil wie die meisten Einheimischen Fahrrad.

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Ich gehe also zunächst auf eine Entdeckungstour der anderen Art: auf Menschensafari. Schon beim ersten Gang durch das von Lehmhütten geprägte Masasi sieht man bestätigt, was der „Chronicle“ am Tag meiner Ankunft veröffentlichte: Tansania ist bitterarm. 37 Prozent der Landbevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, nur zwei Prozent der Haushalte verfügen über Elektrizität, weniger als 40 Prozent der Menschen auf dem Lande haben Zugang zu Trinkwasser.

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Und doch brummt hier das Leben, die Straßen sind voll mit Frauen in bunten Wickelkleidern. Auf dem Markt sind neben den appetitlich  arrangierten Lebensmitteln auch Stoffe und Handwerksutensilien erhältlich. Es gibt in Masasi Schulen, Kindergärten, Restaurants und sogar kleine Gasthäuser.

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Schnell passe ich mich dem afrikanischen Lebensrhythmus an: abends krieche ich gegen 22 Uhr unter das Moskitonetz, zum Sonnenaufgang sitze ich am Frühstückstisch und esse Mango, winke den Kindern, wenn sie mit einem Bajaji – einem motorisierten Dreirad – zur Schule kutschiert werden. Lerne die Begrüßungsrituale, die zuweilen Minuten dauern können, wenn sich Nachbarn auf der Straße begegnen.

Yummie - endlich frittierte Fischköpfe

Yummie – endlich frittierte Fischköpfe

Probiere die Nationalspeise Ugali, einen klebrigen Brei aus Maismehl, und esse mutig frittierte Fischköpfe – und zuweilen auch im Ganzen gegrillte Ziege.

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Kaufe Holzschnitzereien von Stammesangehörigen der Makonde. Und staune über die neu erworbene Gleichmut meines Bruders: etwa, wenn er dem Wasserlieferanten augenzwinkernd unterstellt, dass auf dem Weg vom Reservoir bis zum heimischem Tank ja wohl ein paar Liter „verloren“ gegangen seien.

Abzocke? Bruder Ben überwacht die Wasserlieferung

Abzocke? Bruder Ben überwacht die Wasserlieferung

Gelassenheit ist wohl eine der wichtigsten Eigenschaften, die man für das Leben in der tansanischen Provinz mitbringen muss. Etwa angesichts der ständig auftretenden Stromausfälle. Dann läuft die Familie Minenarbeitern gleich mit Stirnlampen im Haus umher, gegessen wird bei Kerzenschein. Doch Romantik verbindet niemand hier mit diesen teilweise stundenlangen Phasen ohne Elektrizität. Wenn der Kühlschrank seinen Dienst quittiert, die Ventilatoren still stehen und man sich im Dunkeln durchs Haus tastet, erlischt nach einer Weile auch bei den fröhlichsten Naturen die gute Laune.

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Martin, ein befreundeter Arzt aus dem Schwabenland, wird jedes Mal unruhig, wenn das Licht ausgeht. „Ich muss nach den Babys sehen“, sagt er dann häufig und fährt in das örtliche Krankenhaus. Mit enormem Einsatz hat der junge Arzt hier eine Frühchenstation aufgebaut, ein Novum in der Region, wo Frühgeburten normalerweise keine Chance haben. Winzige Menschlein liegen hier in einfachen Brutkästen, versorgt von ihren Müttern. Und betreut von einem Pflegeteam, das Martin angeleitet hat, um die Kleinen im Notfall zu reanimieren, damit sie wieder selbständig „schnaufen“.

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Ein Sonntagsausflug führt uns nach Ndanda, etwa eine halbe Stunde Fahrtzeit von Masasi entfernt. Der Benediktiner-Orden prägt den Ort, die Mönche haben neben dem schmucken Kloster auch ein Krankenhaus, Schulen und Werkstätten aufgebaut. Ich traue meiner Nase kaum, als ich das weißgetünchte Kloster betrete: es riecht nach Sonntagsbraten! Auf den Tisch kommt deftige Kost: Fleisch, Kartoffeln,  deutsches Brot. Ein Festtag für meine Verwandten, der für die Kinder durch das Nachmittagsprogramm noch getoppt wird: ein Bad im kühlen Bergsee der Mönche.

Abkühlung im Bergsee: Flying Lenny

Abkühlung im Bergsee: Flying Lenny

Wir hoffen weiter auf das Autoersatzteil. Und beschließen, dass ich lange genug auf die „Big Five“ gewartet habe. Cashewnuss-Farmer Machiel, seine Mitarbeiterin Elita, mein Bruder und ich treffen uns zur Vorbesprechung: wir wollen zum Lukwika-Lumesule Wildreservat fahren, etwa 100 Kilometer südlich von Masasi entfernt, nahe der Grenze zu Mozambique. Es ist ein relativ unbekannter Naturpark von rund 400 Quadratkilometern, in dem auch Löwen, Leoparden und Elefanten zu sehen sein sollen. Voller Vorfreude beladen wir Machiels Auto: Zelte und Schlafsäcke, Wasser, Gaslampen, Macheten, Kochbananen als Verpflegung, einen Sack Reis als Gastgeschenk – und natürlich eine Kiste „Serengeti Beer“.

Lilly ist afrikanische Meisterin ihrer Altersklasse im Kochbananenstemmen

Lilly ist afrikanische Meisterin ihrer Altersklasse im Kochbananenstemmen

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The big two. Oder so.

Als wir bei Morgengrauen aufbrechen wollen, die niederschmetternde Nachricht: kurzfristig hat die Regierung eine Prüfung aller Nationalparks angesetzt – ein Besuch des Wildreservats ist nicht möglich. Bevor ich ein wenig frustriert werde, setzen wir uns also alle doch ins Auto und fahren nach Newala, eine auf dem Makonde-Hochplateau gelegene Stadt. Auf dem etwa zweistündigen Weg genieße ich nicht nur die fantastische Aussicht von dem Plateau, sondern sehe tatsächlich „Wildlife“: auf der Straße sonnt sich ein Chamäleon.

Meine zweite Begegnung mit tansanischer Fauna habe ich beim Mittagessen in Newala: über dem Eingang hat eine kapitale Spinne ihr Netz aus drahtseilartigen Fäden gewoben, so dass wir uns im Limbotanz zum Tisch bewegen, wo köstliches Ingwer-Hühnchen auf uns wartet.

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Da das 40.000-Einwohner-Städtchen außer einem halbverfallenen Fort nicht viel zu bieten hat, befolgen wir den Rat einer befreundeten Entwicklungshelferin, zum Fluss an der Grenze zu Mozambique zu fahren, wo Flusspferde zu sehen sein sollen.

Der Zahn der Zeit nagt am deutschen Fort

Der Zahn der Zeit nagt am deutschen Fort

Doch ach: nach einer Stunde waghalsiger Fahrt über steile Serpentinen setzen wir kurz vor dem Ziel im Sand auf. Wir beschließen, dass es zu gefährlich sei, weiterzufahren.

Noch mehr deutsche Spuren

Noch mehr deutsche Spuren

Ich bin dennoch guter Dinge: Statt der „Big Five“ habe ich immerhin die „Small Two“ gesichtet. Eine Spinne und ein Chamäleon.

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Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu, da kommt auch schon wieder eine SMS von Precision Air: der Flug wurde um einen Tag verschoben! Drei Wochen tansanischen Lebens haben mich so gelassen werden lassen, dass ich die SMS kalt lächelnd zur Kenntnis nehme und beschließe, die schlappen 600 Kilometer nach Daressalam mit dem Überlandbus zu fahren, um meinen Flug nach Frankfurt zu erwischen. Mein Bruder, der ebenfalls in die Hauptstadt muss, schließt sich zu meiner Erleichterung an.

You take the plane - I take the bus tonight

You take the plane – I take the bus tonight

Und so stehen wir um 5 Uhr am Busbahnhof von Masasi, steigen in den vertrauenswürdig aussehenden Reisebus, klappen uns in den engen Sitzen zusammen. Acht Stunden sollen wir so verbringen? Wir fahren durch das dunkle Masasi, vor den Häusern flackern Feuer. „Ähnlich wie wir nach dem Aufstehen einen Kaffee trinken, zünden die Leute hier zum Wachwerden ein Lagerfeuer an“, erklärt Ben.

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Es wird hell, grünes Land mit majestätischen Baobab-Bäumen und vereinzelten Strohhütten zieht vorbei; später erblicke ich die palmengesäumte Küste. Der Bus donnert über die Sandpiste, aus dem Bord-Fernseher schallt tansanische Comedy, über die sich die anderen Fahrgäste königlich amüsieren. Wir beginnen zu schwitzen, die Klamotten kleben an den Plastiksitzen.

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Als wir grade in einen tranceartigen Dämmerzustand zu fallen drohen, reicht uns die „Stewardess“ einen Softdrink und einen Schokoriegel – freudig-überrascht stärken wir uns. Der Bus ist jetzt voll, an jeder Siedlung sind Passagiere zugestiegen. Gegen Mittag halten wir an einem Truckstopp: schnell auf die Toilette, ein Teigtäschchen gekauft, dann sitzen wir wie die meisten anderen wieder auf unseren Plätzen. Unsere Eile war begründet: als der Bus losfährt, rennen ein paar Nachzügler panisch hinter uns her, werden aber freundlicherweise noch eingesammelt.

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Nach acht Stunden sind wir noch nicht mal am Stadtrand Daressalams. Die Piste ist nicht besser geworden, und aus dem Fernseher dröhnt der Kriegsfilm „Broken Arrow“. Wir sehnen das Ende der Fahrt herbei. Doch es wird noch etwa eine Stunde dauern, bis wir am Busbahnhof aussteigen.

Ohne Worte

Ohne Worte

Erschöpft greifen wir unsere eingestaubten Koffer. Die anderen Gäste wirken entspannt, winken ihren Verwandten zu. Was werden die Einheimischen wohl von der Fahrt erzählen, frage ich meinen Bruder. „Es war eine schöne Reise“, antwortet er und grinst. Und ich lächle auch.

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Reiseinformationen:

Direktflüge von Frankfurt/Main aus zum Beispiel mit Qatar Airways über Doha nach Daressalam, ca. 760 Euro, Weiterflug nach Mtwara mit Precision Air, ab 318 US $ (etwa eine Stunde, genügend Zeitpuffer einplanen wegen möglicher Flugplan-Änderungen)

Visum:

Für die Einreise nach Tansania ist ein Visum erforderlich. Ein normales Visum ist drei Monate gültig und kostet 50 Euro. Nähere Informationen bei der tansanischen Botschaft in Berlin: http://www.tanzania-gov.de/

Unterkunft:

Daressalam: Trinity Hotel, Msasani Rd 26 | Oysterbay, Daressalam 123456, Tansania

Mtwara: Msemo Hotel, Shangani, Mtwara, Tel. : +25 023-233 3206, msemoproject.com

The Old Boma, hübsches Hotel mit Pool im alten deutschen Fort direkt am Indischen Ozean, mittlere Preiskategorie, mikindani.com

Masasi: Masasi Inn +255783536330 oder Razakazone Guest House +255717199713 (beides einfache, aber saubere Gästehäuser)

Im Anflug auf Daressalam

Im Anflug auf Daressalam

Nationalparks

Lukwika-Lumesule: schriftliche Erlaubnis  des „Officer for Natural Resources“ in Mtwara oder Masasi erforderlich. Es gibt Campingplätze für Selbstversorger. Anreise nur mit Geländewagen. Zwischen Februar und Mai können die Straßen wegen Überschwemmungen unpassierbar sein. Beste Zeit für Wildbeobachtung ist zwischen Juni und Dezember. Eingang am Dorf Mpombe.

southern-tanzania.com

Selous Wildreservat Nationalpark, Tansanias größtes Wildreservat, aber sehr viel weniger touristisch als die nördlichen Nationalparks, zwischen Daressalam und Mtwara gelegen, gute Lodges, relativ hohe Park- und Campinggebühren.

Informationen:

tanzaniaodyssey.com

afrika-pur.de

Tourismusbüro: tanzaniatouristboard.com

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Oklahoma City: Renaissance einer Stadt voller Mythen

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Bill Hudspeth trägt einen Strohhut mit hochgestellten Krempen. Sein rundliches Gesicht zeugt von großer Zufriedenheit. Der Cowboy aus Marietta, Oklahoma, hat an diesem Montagvormittag ein Vermögen gemacht: 1200 Rinder der Spezies Texas Long Horn hat er verkauft – zum Stückpreis von 855 Dollar.

Ein Lächeln wie JR - Bill Hudspeth

Ein Lächeln wie JR – Bill Hudspeth

Knapp 1.000.000 Dollar reicher lässt Hudspeth den Arbeitstag ausklingen. Entspannt sieht er sich an, was die Konkurrenz so aufzubieten hat.

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Im Minutentakt erhalten die Viehherden Einzug in eine kleine Arena, wo sie wie Sportwagen vorgeführt werden. Für das ungeübte Ohr anfangs kaum verständlich, reiht ein Auktionator mit enormer Geschwindigkeit Silben aneinander. Nach wenigen Sekunden reagieren die Anwesenden mit einschlägigen Handzeichen auf das Kauderwelsch. Ist der Zuschlag erteilt, werden die Rinder von Cowboys durch ein Labyrinth von Gängen zum Truck des neuen Besitzers getrieben.

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Über Hunderte von Metern reihen sich in den National Stockyards von Oklahoma City Parzellen aneinander, die Viehherden ein temporäres Zuhause bieten. Dabei geht es kaum anders zu, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Durch ihre Lage inmitten des Kontinents stieg die Stadt seinerzeit erst zu einem Eisenbahndrehkreuz und dann zu einem Handelsknotenpunkt auf.

Ein Lächeln fast wie Bill Hudspeth: Darrin Williams

Ein Lächeln fast wie Bill Hudspeth: Darrin Williams

2400 Menschen waren in den Stockyards einst beschäftigt. Und obwohl es heute nur noch ein Bruchteil ist, hat die Wildwest-Romantik imer noch Bestand – genau 100 Jahre nach der Eröffnung. Darrin Williams, ein kerniger Cowboy mit Karo-Hemd und Sporenstiefeln, verdient sein Geld bei einem der acht hier tätigen Kommissionäre. „Das Ganze“, meint er, „ist eine Art Broadway-Show“. Live-Auktionen seien wohl nicht mehr nötig, aber die Leute hätten halt ihren Spaß daran.

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Ein Backstein-Portal, auf dem ein riesiger Rinderschädel thront, signalisiert unmissverständlich, wo das frei zugängliche Gelände der Stockyards beginnt. Auch außerhalb des Areals jedoch ist die mythenreiche Epoche der amerikanischen Geschichte greifbar: Über eine Handvoll Blocks präsentiert sich Stockyard City im Südwesten der Stadt wie im Western von gestern: Bei „Langston’s Western Wear“ kaufen Cowboys ihre ornamentierten Hemden, bei „Little Joe Boots“ ihre wild gemusterten Stiefel. Und „Shorty’s Caboy Hattery“ ist der Laden ihres Vertrauens, wenn es die Wahl der charakteristischen Hüte geht.

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Eine weitere Institution ist „Cattleman’s Café“, das älteste Restaurant der Stadt. Waren es in den Anfangsjahren noch Rodeoreiter und Poker-Helden, die in dem schummrigen Lokal zwischen den Viehhändlern speisten, so haben später von John Wayne über Ronald Reagan bis hin zu Lyle Lovett Zelebritäten unterschiedlichster Ausprägung hier ihre Steaks gegessen. Glaubt man einem populären Reisebuch, ist das ruhmreiche Restaurant gar einer jener 1000 Orte, die man als Amerikaner gesehen haben muss.

Pops galore

Pops galore

Ein Monument aus einer anderen Epoche hat hingegen kaum Spuren in der Stadt hinterlassen: die Route 66. Inzwischen weitgehend verblichen, hat sich die „Mutter aller Straßen“ einst auf fast 700 Kilometern ihren Weg durch den Bundesstaat Oklahoma gebahnt.

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Nur wenige Meilen außerhalb der Metropole jedoch lebt die „66“: Auf Original-Asphalt führt sie bei Arcadia vorbei an der überdimensionierten Nachbildung einer Limo-Flasche.

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Die Neonbeleuchtung lenkt die Aufmerksamkeit der Reisenden auf eine Tankstelle mit Diner hin. Mit mehr als 500 Sorten verfügt „Pops“ über die angeblich größte Softdrink-Vielfalt weltweit.

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In Stroud geleitet die Straße zum „Rock Café“, einem klassischen Biker-Imbiss.

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In Chandler können Nostalgiker eine Original-Tankstelle aus den 30er Jahren bewundern. Und in Clinton steht an ihrer Seite das „Oklahoma Route 66 Museum“, das dem Mythos mit allerlei Memorablia huldigt.

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Im Schatten der Wolkenkratzer von „Downtown“ trotzt auch jenes liebenswert kleine Art-deco-Gebäude dem allgemeinen Modernisierungseifer, das als Bahnhof fungiert. Noch – denn obwohl mit dem „Heartland Flyer“ neuerdings wieder Züge nach Fort Worth in Texas fahren, will die Auto-Lobby das Terminal zugunsten einer neue Schnellstraße abreißen.

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Alternativ diskutieren die Stadtväter den Bau einer Schnellbahn, die laut Elisa Milbourn viel besser in das Wiederbelebungsprogramm passt, das der republikanische Bürgermeister Mick Cornett seiner Stadt verordnet hat: Seit 1993 erhebt Oklahoma City eine zusätzliche Mehrwertsteuer, die ausschließlich für Investitionen in der Innenstadt verwendet wird. Wie die Studentin erzählt, hat der erhoffte Effekte schon bald eingesetzt: „Die Verödung der City hatte ein Ende und es gab eine regelrechte Renaissance.“
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Der einst kläglich vernachlässigte Oklahoma River etwa besitzt nun eine Promenade. Die Stadt konnte ein zugkräftiges NBA-Team für sich gewinnen. Und die in 2009 bewilligte dritte Stufe des Masterplans umfasst neben dem Schnellbahnbau auch ein Budget von 130 Millionen Dollar für die Anlegung eines Stadtparks. Am sichtbarsten manifestiert sich die Wiederauferstehung von Oklahoma City in „Bricktown“: Nachdem die Stadtväter den Industriedistrikt mit einem kleinen Kanalsystem durchzogen haben, siedelten sich in den Waren- und Packhäusern am Ufer Restaurants, Clubs und Bars an. In den Lofts darüber residieren die Kreativen.

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Glaubt man Elisa Milbourn, ist Oklahoma City inzwischen eine der angesagtesten Städte des Mittleren Westens. Die Bewohner schätzen nicht nur die vitale Innenstadt, sondern auch das Klima: „Im Sommer ist es sehr heiß, die Winter sind kühl und nur manchmal eisig.“ Auch daher werde ihre Heimatstadt mittlerweile von vielen Amerikanern als preiswerte Alternative zu Florida oder Kalifornien geschätzt.

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Eine erstaunliche Entwicklung, sagt die 30-Jährige, denn die Stadt lag 1995 so tief wie nie am Boden. Am 19. April des Jahres hatte Timothy McVeigh das Attentat auf das Murray Federal Building des FBI verübt. 168 Menschen starben bei dem Anschlag. Immer noch klafft an der betreffenden Stelle eine Lücke.

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Ein gelungenes Monument mit angeschlossenem Museum erinnert an die schmerzhafte Wunde. Der Moment, den sie selbst in der Schule erlebt habe, werde immer Teil der Stadtgeschichte bleiben, sagt Milbourn. Auch wenn diese sich noch so positiv entwickeln werde.

Bewegend: Ein Zaun in Oklahoma City wurde zu einer Gedächtniswand

Bewegend: Ein Zaun in Oklahoma City wurde zu einer Gedächtniswand

Informationen:

Oklahoma City hat rund 560.000 Einwohner, der Bundesstaat ist etwa halb so groß wie Deutschland und zählt 3,7 Millionen Einwohner. Die Stadt wird nicht direkt von Deutschland aus angeflogen, günstige Verbindungen führen über Houston oder Atlanta. Die beste Reisezeit sind die Monate Mai, Juni, September und Oktober. Im Hochsommer kann es mit über 40 Grad Celsius extrem heiß werden, die Winter sind kühl.

Oklahoma City eignet sich als Ausgangspunkt für den Besuch der Attraktionen, die sich sowohl westlich als auch östlich der Stadt entlang der Route 66 aneinanderreihen.

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Die frei zugänglichen Auktionen in den Oklahoma National Stockyards finden an Montag- und Dienstagvormittagen statt. Am 3. Oktober vor genau 100 Jahren wurden sie eröffnet.

stockyardscity.org

oklahomaroute66.com

route66.org

visitokc.com

travelok.com

onsy.com

Die Reise wurde von teilweise von Travel Oklahoma unterstützt.

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Auf der Sonnenseite des Arlbergs

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Die Schaumkrone auf dem Gipfelbier beginnt einzufrieren. Während sich die Sonne langsam senkt, leert sich die Terrasse auf der Ulmer Hütte rapide. Das sind die Minuten, die Don nach einem langen Tag auf den Skiern besonders genießt. Er weiß, dass er gleich mit uns nach Stuben abfahren wird. Über die Valfagehr, die mit fast fünf Kilometern zu den längsten Pisten am Arlberg gehört.

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Obwohl die Strecke als „blau“ klassifiziert ist, hat sie es in sich. Aufgrund der Länge, aber auch weil der Hang ziemlich zerpflügt ist, nun, da bald die Pistenraupen anrücken und das Alpenglühen die Lechtaler Alpen melodramatisch einfärbt. Dafür kann Don jetzt, da nur noch eine Handvoll Skiläufer unterwegs sind, endlich die ganze Breite ausnutzen – bis er nach einer anstrengenden Viertelstunde am Ziel ist.

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Stuben ist der kleinste Ort am Arlberg. Das Dorf fristet ein Außenseiterdasein, weniger, weil es genau wie Lech und Zürs zu Vorarlberg und nicht zu Tirol gehört, sondern viel mehr, weil in Stuben keine Könige und Zelebritäten ihren Winterurlaub verbringen. Auf die Sonnenseite des Arlbergs kommen nur Skiläufer wie wir, denen die mondänen Nachbarorte zu vornehm sind – und St. Anton auf Dauer zu turbulent.

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Nur ein paar Dutzend Häuser schmiegen sich an den Westhang des Arlbergs. Entsprechend fällt der Einstieg ins Skigebiet rustikal aus: Keine Sechsersesselbahn mit Sitzheizung, sondern ein Zweiersessellift. Doch die alpinen Herausforderungen lassen nicht lange auf sich warten: Nach einem kleinen Umweg über den Stubener Hausberg Albona sitzen wir schon um kurz nach 9 Uhr in der leistungsstarken Valfagehr-Bahn.

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Von der Bergstation geht es erst einmal durch Steissbachtal und Zammermoos hinunter nach Sankt Anton. Die Piste ist so etwas die örtliche Ski-Autobahn: Ideal zum aufwärmen, wenn noch nicht so viel Verkehr ist, und zugleich Einfallschneise zur Galzigbahn. Schon 1937 führte eine Kabinenschwebebahn vom Ort direkt hinauf zu diesem Gipfel des Arlbergs. Einer von mehreren Faktoren, die seinerzeit dazu führten,  dass sich St. Anton einen Ruf als führender Wintersportort erweisen konnte.

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Seit 2006 setzt die Galzigbahn abermals Maßstäbe: Die Talstation wird nun von zwei mächtigen Riesenrädern dominiert, die in einem futuristischen Glasbau prahlerisch in Szene gesetzt werden. Im Inneren laufen die Kabinen von oben kommend über ein Gewinde, wonach ein ebenerdiger Einstieg möglich wird. Über ein zweites Gewinde starten sie durch, um innerhalb von neun Minuten knapp 800 Höhenmeter zu bewältigen.

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Gemeinsam nutzen wir die Bergstation zum Umstieg in die Vallugabahn, die uns auf 2650 Meter befördert. Die Hasardeure unter den Skiläufern und Snowboardern klettern noch ein paar Höhenmeter weiter hinauf, vor allem dann, wenn sie den einzigen Weg hinüber nach Zürs in Angriff nehmen wollen. Dieses waghalsige Unterfangen aber ist nur in Begleitung eines Skilehrers möglich.

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Wir entscheiden uns für den Vallugagrat, der lediglich als rote Piste klassifiziert ist, aber schon manchem Nicht-Tiroler die Tränen in die Augen getrieben hat. Don jedoch wedelt geschmeidig über den buckligen Hang. Am rautenförmigen Schild mit der Nummer 15a hält er kurz inne: Der Schindlerkar Steilhang flößt auch routinierten Fahrern wie ihm Respekt ein. Es ist einer jener Hänge, auf denen St. Antons Reputation als Freeride-Areal für Fortgeschrittene fußt. Mit geübtem Auge aber findet er Traversen, durch die er sicher ins Tal kommt. „Das“, sagt Don, „tue ich mir nur einmal am Tag an“.

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Nach dem erfüllten Skitag entscheiden wir uns diesmal für eine grundlegend andere Abfahrt ins Tal. Diesmal geht nicht ins stille Stuben, sondern zu einer Institution in St. Anton: den Mooserwirt. Die rund 150 Höhenmeter über dem Ort gelegene Hütte besitzt in Sachen Après-Ski Legendenstatus. Zur Auswahl stehen eine Arena unter freiem Himmel und das Ladenlokal. Hier gehen um 16.30 Uhr die Rollos runter. Dann erklimmt DJ Gerhard seine Kanzel, um das Publikum mit Gassenhauern unterschiedlicher Herkunft zu erfreuen. Zumeist handelt es sich um Lieder, die sich im rheinischen Karneval einiger Beliebtheit erfreuen. Nicht selten jedoch entscheidet sich Gerhard auch für deren niederländische Interpretationen.

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Das Party-Publikum belohnt den Einsatz mit exstatischen Tanzbewegungen – auch auf den Tischen. Kellner mit auffällig gut trainierten Oberarmen bahnen sich auf engstem Raum ihren Weg, sie tragen bis zu 20 halbe Liter Bier auf ihren Tabletts. Lange nach Einbruch der Dunkelheit nimmt das Publikum die verbleibenden Höhenmeter in Angriff. Wir aber entscheiden uns fürs Taxi. Den Transfer nach Stuben lassen sich die Fahrer teuer bezahlen. 45 Euro kostet der Spaß.

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Doch bei minus zwölf Grad sind ihnen die Skiläufer ausgeliefert. Und ohne wenigstens einen Abend in der Après-Ski-Hölle (Eigenwerbung: „Die wahrscheinlich schlechteste Skihütte am Arlberg“) wäre der Aufenthalt in Sankt Anton unvollständig. Auch wenn Don darauf hinweist, dass die regelmäßig dort stattfindenden Fernsehaufzeichnungen für Privatsender ein falsches Licht auf die „Wiege des alpinen Skisports“ werfen könnten. Als solche nämlich bezeichnet sich die Region am Arlbergpass, seit am 3. Januar 1901 sechs Freunde den 1. Skiclub Arlberg St. Christoph gegründet haben.

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Der nächste Tag steht im Zeichen einer anderen Herausforderung: Die Abfahrt vom Kapall gehört zu den Klassikern des alpinen Skisports, hier wurde 2001 die Weltmeisterschaft ausgetragen. Mit einer Länge von über drei Kilometern zieht sich die Strecke empfindlich. Doch die schwarzen Pisten sind in den österreichischen Alpen meist ein Genuss: Wenig befahren, ausreichend breit und gut präpariert.

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Einen ähnlich hochqualitativen Anspruch erhebt die gesamte Tourismusregion für sich. Damit leidenschaftliche Skiläufer trotz wachsender Konkurrenz immer wieder kommen, geizen die Verantwortlichen nicht mit Investitionen: Seit 2008 ist der gegenüber liegende Rendl, der bis dahin nur umständlich erreichbar war, mit einer Hochleistungsbahn vom Ortskern St. Antons neu erschlossen.

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Am letzten Tag erinnert Don bei der erneuten Einkehr in die Ulmer Hütte an eine Geschichte, die ihm gerade zu Ohren gekommen ist: „Genau hier war 1904 der Ausgangspunkt zum ersten Skirennen, das je in den Alpen stattgefunden hat.“ Die Athleten fuhren ab nach St. Christoph, ackerten sich mit schwerem Sportgerät durch den tiefen Schnee hinauf zu mehreren Gipfeln, um schließlich in St. Anton zu finishen. Das waren laut Don noch Zeiten für ganze Kerle. Kaum hat er das gesagt, fährt er hinab nach Stuben. Die Valfagher-Abfahrt scheint komfortabler denn je. Mag sie auch no so zerpflügt sein.

Informationen:

Stuben liegt mit 1407 Höhenmetern knapp 100 Meter über St. Anton. Der Arlberg gilt als schneesicheres Spitzenskigebiet mit hohem Après-Ski-Glamourfaktor. Während Lech und Zürs vor allem bei der High Society beliebt sind, mischt sich das Publikum in St. Anton. Die Orte St. Christoph und Stuben sind ruhiger und preiswerter. Die Saison dauert bis Mitte April.

Insgesamt stehen 280 Kilometer Abfahrten und 84 Lift-Anlagen zur Verfügung. Der Ski-Pass (inklusive Lech und Zürs) kostet 47 Euro am Tag und 228 Euro für sechs Tage. Sportgeschäfte verlangen für Leih-Ski nicht selten horrende Preise, besser zuhause ausleihen oder im Internet zu festgelegten und meist reduzierten Preisen vorbestellen.

Die Anreise ist an Samstagen beschwerlich, die Autos stauen sich vor allem am Pfändertunnel. Routinierte Skireisende fahren bereits freitags bis kurz vor das Skigebiet und übernachten dort in einer Pension.

stuben.com

stantonamarlberg.com

www.arlberg.net  

www.mooserwirt.at

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