Artikel
21 Kommentare

Ein Bahnhof mit Geheimnissen: 100 Jahre Grand Central Station in New York

2001312

Von Alexandra Klaus

Den Kopf im Nacken, starren wir an die Decke. Unsere Augen suchen den türkisfarbenen Sternenhimmel ab, der sich knapp 40 Meter über uns in der Haupthalle des New Yorker Grand Central Terminal erhebt. Irgendwo am nordwestlichen Deckenstück des berühmten Bahnhofsgebäudes, so hat unser Guide Joseph Svehlak verraten, soll sich mitten im Firmament ein kleiner schwarzer Fleck befinden.

GCT - Zodiac ceiling

Also stehen wir in der pompösen Beaux Arts-Halle von 1913, ignorieren die Passanten, die an uns vorbei zu den Zügen hasten und gucken in die Luft. „Da ist er“, ruft eine ältere Amerikanerin, sie hat den kleinen Schönheitsmakel ausgemacht, der bei der Restaurierung in den 1990er Jahren freigelassen wurde – „als Erinnerung an jahrzehntelanges Qualmen in der Halle, bevor Rauchen in öffentlichen Gebäuden verboten  wurde“,  erläutert Svehlak. 24

Damit haben wir das erste von zahlreichen Mysterien entdeckt, die der gebürtige New Yorker uns bei einer Tour durch Grand Central zeigen will. Denn der am 2. Februar 1913 eingeweihte Kopfbahnhof, zu dessen Eröffnung über 150.000 Menschen strömten, ist mit seinen 44 Bahnsteigen, an denen 67 Gleise enden, bis heute nicht nur der größte Bahnhof der Welt.

[Grand Central Terminal - Interior View - Hyatt Passageway Teleg

Sondern er birgt auch zwischen den Gleisanlagen, Infoschaltern, Geschäften und Restaurants das ein oder andere Geheimnis, das den meisten der 500.000 Menschen verborgen bleibt, die Grand Central täglich frequentieren.

IMG_5398

Svehlak schreitet mit langen Schritten in die Mitte der Halle, wir hecheln hinter dem groß gewachsenen 73-Jährigen her, der schon als Kind mit den Vorortzügen in Grand Central ankam und seit Jahren als ehrenamtlicher Führer Touren durch den Hauptbahnhof in Manhattan  anbietet. Der Historiker stoppt an der goldenen Standuhr in der Mitte der Halle: „Und, was fällt Ihnen hier auf?“, fragt er, und wir suchen das schmucke, in der opulenten Halle aber bescheiden und beinahe fragil wirkende Zeiteisen mit den Augen ab.

GCT - Information Booth Clock

Svehlak hilft uns auf die Sprünge, indem er darauf hinweist, dass die Uhr vier Zifferblätter an jeder Seite hat. „So können Reisende aus allen Himmelsrichtungen sehen, wie spät es ist.“ Dass die Uhr  einen vom Auktionshaus Sotheby’s geschätzten Wert von 10 bis 20 Millionen Dollar hat, weil die Zifferblätter aus Opal gefertigt sind, würden wohl die wenigsten vermuten. Ebensowenig wie eine geheime Treppe, die unter der Uhr in die zweite Ebene des Infoschalters führt.

2001.31.103

Apropos Zeit: für die meisten Einheimischen ist es ein offenes Geheimnis, dass die Uhren in Grand Central allesamt eine Minute vorgehen – so will man diejenigen Passagiere austricksen, die stets auf die letzte Minute zum Gleis rennen, um noch den Zug zu erwischen und dadurch sich und andere gefährden. Wenn der Zug also um 14.30 Uhr abfahren soll und die Uhren auf halb drei stehen, hat man tatsächlich noch eine Minute, um in aller Ruhe einzusteigen.

31

Während die Treppe unter der Hallenuhr versteckt ist, zeigen sich die beiden Hauptportale in der Halle in ganzer Pracht. Und auch sie sind einen genaueren Blick wert: die marmorne Treppe im östlichen Teil wurde erst nachträglich bei der umfangreichen Restaurierung in den 1990er Jahren gebaut, obwohl in den ursprünglichen Plänen bereits Stufen vorgesehen waren. Auf den ersten Blick wirkt die neue Treppe wie ihr Gegenüber von 1913. Doch sie ist an den Seiten ein paar Zentimeter schmaler als ihr Zwilling – volle Absicht der Planer, die damit zum Ausdruck bringen wollten, dass die Bauwerke aus unterschiedlichen Epochen stammen.

Diners at Oyster Bar & Restaurant

Treppen gibt es übrigens wenige in Grand Central, denn die Architektenbüros „Warren & Wetmore“ und „Reed & Stern“ dachten schon lange vor der Ära der Rollkoffer an die vielen Passagiere, die ihr Gepäck nicht über zahlreiche Stufen schleppen sollten. Über eine der Rampen also gelangen wir in den unterirdischen Teil, wo es zu den Gleisen geht und wo sich kleinere Dienstleistungsunternehmen und Imbisse niedergelassen haben.

IMG_0704

Kurz vor dem berühmten Restaurant „Oyster Bar“, in der Touristen wie Promis gerne Austern schürfen, wartet eines der bekanntesten „Geheimnisse“ auf uns: die Flüster-Galerie. Wer sich hier am einen Ende des niedrigen Gewölbes gegen einen der Rundbögen lehnt und etwas gegen die Wand flüstert, kann sicher sein, dass jemand an der diagonal gegenüberliegenden Säule seine Worte klar und deutlich hört – ein durch die Bauweise erklärbares akustisches Phänomen, dass Generationen von Paaren zu gehauchten Liebesschwüren verführte.

Whispering 2

Wir verlassen das warme Gewölbe und rennen hinter unserem Guide her, der uns auf dem Weg nach draußen erläutert, dass der größte Bahnhof der Welt schon mehrfach in Gefahr war. Ende der 1960er Jahre beispielsweise sollte das Gebäude neuen Hochhäusern in Manhattan Platz machen – New Yorker Persönlichkeiten wie die Präsidentenwitwe Jacqueline Kennedy Onassis setzten nach jahrelangem Kampf durch, dass Grand Central 1976 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

IMG_5394

Svehlak führt uns nun einmal herum um das Gebäude, biegt in einen schmuddeligen, dunklen Durchgang ein. Schüchtern gehen wir durch eine schmucklose Tür, steigen dann ein paar steinerne Stufen hoch, wo uns das letzte Geheimnis erwartet: das „Campbell Apartment“.

CAMBELL APARTMENT 3/14 SHOT BY BENJAMIN HILL

Heute eine elegante Bar, war der Raum einst das Büro des Finanziers John W. Campbell. Er hatte die Räumlichkeiten vom steinreichen Unternehmer Cornelius Vanderbilt gemietet, dem Erbauer des ersten Bahnhofs, der durch Grand Central ersetzt wurde, als elektrisch betriebene Loks die Dampfzüge ablösten. Nach Campbells Tod im Jahre 1957 verschwanden die opulenten Möbel, der Raum wurde zeitweise als Büro für Signalwärter, Waffendepot der Polizei und sogar als Gefängnis benutzt. Erst 1999 wurden die Räumlichkeiten aufwändig restauriert.

CAMPBELL APARTMENT PHOTO

Wir nehmen also Platz in den breiten Sesseln der Bar, genehmigen uns einen Drink und sinnieren darüber, dass uns als Normalbürgern eines der größten Geheimnisse von Grand Central unzugänglich ist: der Geheimgang, der für den ehemaligen damaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt gebaut wurde und der direkt von seinem Privatgleis zum Nobelhotel Waldorf Astoria führt – so konnten er und seine Nachfolger unerkannt dem Trubel im größten Bahnhof der Welt entkommen.

Grand Central Terminal

Informationen:

Es werden verschiedene Touren durch Grand Central Terminal angeboten: The Municipal Art Society of New York (MASNYC) bietet regelmäßig jeweils mittwochs um 12.30 Uhr 90-minütige Rundgänge an; unser Guide Joseph Svehlak arbeitet ehrenamtlich für die Organisation.

Selbstgeführte Audiotouren werden in Grand Central angeboten (7 Dollar für Erwachsene)

grandcentralterminal.com

nycgo.com

mas.orgGCT - Inside View

Fotos: MTA Metro North Railroad (14), Alexandra Klaus (2)

21 Kommentare

  1. Grand Central Station ist schon ein sehr beeindruckendes Gebäude. Aber viel mehr bin ich jetzt über die kleinen Geheimnisse beeindruckt. Wenn ich also mal dort sein sollte, werde ich auf jeden Fall eine geführte Tour durch den Bahnhof nehmen.

    LG Christina

    Antworten

  2. Grand Central Station ist schon ein sehr beeindruckendes Gebäude. Aber viel mehr bin ich jetzt über die kleinen Geheimnisse beeindruckt. Wenn ich also mal dort sein sollte, werde ich auf jeden Fall eine geführte Tour durch den Bahnhof nehmen.

    LG Christina

    Antworten

    • Freut mich, dass dir Geschichte gefällt :-)! Die Credits gehen aber auch an unseren tollen Guide!

      Antworten

  3. mega beeindruckend! Falls es im nächsten Jahr mit NYC klappen sollte, werde ich den Bahnhof in jedem Fall auf meine „must see“ liste setzen 😉

    Antworten

    • Mach das! Ich war auch beeindruckt, wie viel es in Grand Central zu entdecken gibt, normalerweise hab ich’s nicht so mit Bahnhöfen 😉

      Antworten

  4. mega beeindruckend! Falls es im nächsten Jahr mit NYC klappen sollte, werde ich den Bahnhof in jedem Fall auf meine „must see“ liste setzen 😉

    Antworten

    • Mach das! Ich war auch beeindruckt, wie viel es in Grand Central zu entdecken gibt, normalerweise hab ich’s nicht so mit Bahnhöfen 😉

      Antworten

  5. Wow, ein toller Artikel! Auch ich werde das nächste Mal mit einem anderen Blick durch den Grand Central laufen!!

    Antworten

  6. Wow, ein toller Artikel! Auch ich werde das nächste Mal mit einem anderen Blick durch den Grand Central laufen!!

    Antworten

  7. Ich bin platt – ich hatte ja keine Ahnung.
    Ich war ja noch nie in New York, aber allein wegen dem Bahnhof, will ich da jetzt unbedingt mal hin.
    Super schöner Artikel. Danke fürs Staunen.
    LG Simone

    Antworten

  8. Pingback: New York im Winter: Christmas is all around! - Crappy Radio Stations and Candy Bars

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.