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Die Nacht, in der ich beinahe verstanden hätte, warum Pablo Neruda ein weibischer Schwätzer ist

„Europäische Kommunisten sind für mich allenfalls Sozialdemokraten.“ Ich hebe die linke Augenbraue, als ich den Spruch höre. Vor mir steht ein Typ mit kahlem Kopf, melancholischem Blick und brauner Wildlederjacke. Er lehnt mit dem rechten Ellbogen auf dem Tresen, heißt Marcelo und ist Mitte 40. Ich ahne noch nicht, dass er mich abwechselnd Hans oder Franz nennen wird, nachdem ich mich vorgestellt habe.

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Wir sind in der Bar Cinzano, einer Spelunke in der City von Valparaiso. Ein Ort, an dem sich seit der Mitte des letzten Jahrhunderts nichts verändert hat. Die eine Wand wird vom Spielplan der Fußballweltmeisterschaft 2010 ausgefüllt. Auf der anderen sind Würfel und Kartenspiele zu sehen. Das Kleinod erinnert mich an „Man’s ruin“, ein Tattoo, das der formidable Reverend Horton Heat mit Stolz getragen hat.

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Marcelo trinkt Bier und flirtet mit einer Mitreisenden. Auf dem Podium steht Manuel Fuentealba mit seiner Band. Ein Crooner alter Schule, der hier ehrfurchtsvoll „El Maestro“ genannt wird, und dessen Augen wie die eines kleinen Jungen leuchten, sobald er ein Mikro in der Hand hat.

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Seine beiden Mitmusikanten sehen aus, als wären sie geradewegs den Sopranos entsprungen.

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Marcelo wundert sich ein wenig, dass wir Europäer die alten Musiker so anhimmeln. Aber er ist nicht abgeneigt, seinen Teil zu einem unterhaltsamen Abend beizutragen. „Franz“, blafft er in meine Richtung, „wart ihr auch im Hause Pablo Nerudas?“ „Ja“, antworte ich, „ganz hübsch. Ne Menge Kuriositäten. Toller Blick über die Stadt.“ „Ach“, sagt Marcelo. „Pablo Neruda war ein weibischer Schwätzer. Höchstens ein paar seiner Gedichte taugen.“

 

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Marcelo hat so seine Standpunkte. Er ist Journalist, sagt er. Aber er arbeitet schon lange nicht mehr für eine Zeitung, weil die in Chile alle rechts sind. Und er sei schließlich Kommunist. Deshalb arbeitet Marcelo für die Regierung. Die ist zwar auch rechts. Aber immerhin wird er anständig bezahlt. „Auch wenn ich die Regierung hasse.“

 

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Die Männer auf der kleinen Bühne spielen eine alte Tango-Nummer nach der anderen. Seit 60 Jahren treten die drei hier angeblich auf. Das Publikum wartet sehnsüchtig auf den Moment, wenn der ansonsten weitgehend regungslose Keyboarder einer speziell vorprogrammierten Taste ein Vogelzwitschern entlockt. Das macht er so drei bis vier Mal pro Abend – immer dann huscht ein Lächeln über seine Lippen. Das Publikum wartet auch auf den Gesang Manuels, der bestimmt einst ein großer Don Juan war. An den Tischen wird getrunken, gequatscht, gegessen und geraucht. So wie es einst normal war.

 

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Marcelos Skepsis gegenüber dem Staat ist nicht weiter verwunderlich. Unter Pinochet hat er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. Darum ist er ins Exil gegangen worden. Nach Buenos Aires. „Pinochet hat mir meine Jugend gestohlen“, sagt er mit Wut im Blick. In Argentinien aber gab es immerhin linksliberale Blätter, für die er arbeiten konnte. „Und die schönsten Frauen der Welt.“ Es scheint, dass Marcelo ein durchaus lebensfreudiger Kommunist ist. Sollte ich mal nach Argentinien kommen, müsse ich unbedingt den köstlichen schwarzen Tabak rauchen. Aber nicht vormittags, das ist schlecht für den Blutdruck. Vom Reisen allerdings hat Marcelo seit seinem Aufenthalt im Nachbarland genug. Auf gar keinen Fall will er jemals einen Fuß auf den Boden der verhassten USA setzen.

 

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Valparaiso bietet ihm alles was er braucht. Im Reiseführer, halte ich ihm entgegen, berichten Einheimische davon, dass es hier nachts nicht ganz ungefährlich sein soll. „Ach Hans“, sagt er, „alles halb so wild“. Allerdings gebe es Probleme genug. Die herrenlose Hunde, die durch die Stadt ziehen. Der Müll, der überall herumfliegt. Und nicht zu vergessen die Termiten, die im Gebälk der Häuser ihre Spuren hinterlassen.

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Trotzdem möchte er an keinem anderen Ort leben: „Valparaiso ist meine Welt.“ Ansonsten reicht es ihm, Bücher zu lesen. „Aber Franz, hör mir bloß auf mit Isabel Allende. Die hat nur Schrott geschrieben.“ Mario Vargas Llosa vielleicht? Marcelo denkt nach. „Hm. Allenfalls die frühen Sachen.“

 

Lass uns abhauen, Hans

Mittlerweile haben wir weit nach Mitternacht und die Bar leert sich. „Lass uns abhauen, Hans“, sagt mein neuer Freund. „Das Bier ist eh scheiße hier.“ Marcelo schlägt vor, dass wir beide und meine zwei weiblichen Mitreisenden in eine richtige Kneipe fahren. „Die gehört einem Kumpel von mir. Und der hat über 100 Sorten Bier.“ Zu viert steigen wir in seinen roten Peugeot, den er ziemlich genau vor der Bar geparkt hat. Als die Türen zu sind, fährt er mit quietschenden Reifen an. Es kommt mir vor, als würden wir vier Mal um denselben Block brettern, ehe wir nach 14 Neunziggradkurven stehen bleiben. „Scheiße Franz“, sagt Marcelo. „Schon zu.“

 

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Valparaiso mag einen großen Namen haben. Aber als Weltstadt geht es nicht durch. „Wir haben noch eine Möglichkeit“, sagt Marcelo. Die Bar Victoria, gegründet von Engländern. Ein gediegenes Etablissement. Marcelo wird per Handschlag begrüßt und trinkt Whiskey. Der Rest hält sich an prächtige Margharitas. Jetzt läuft unser Freund zu Hochform auf. Wieder schimpft er über Neruda und Allende, diese Nieten. Es folgt eine Tirade über Gabriel Garcia Marquez. „Kommerziell und sentimental. Fürchterlich.“ Nicht einmal Roberto Bolano, der Romancier, der uns das finstere Elaborat „2666“ hinterlassen hat, findet seine Gnade.

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Auftritt eines argentinischen Barden – natütlich ein Kommunist

Beim dritten Whisky dann naht die Apotheose. Auf mehrfaches Andringen gibt Marcelo uns den Namen des einzigen Schriftstellers preis, den es wirklich zu lesen lohnt: „Jorge Luis Borges“. Kein Kommunist zwar, aber immerhin ein Argentinier. Ein virtuoser Stilist, bei dem jedes Wort sitze und die Gesinnung stimme. „Das ist das wichtigste, wenn dir die Jugend gestohlen wurde.“

 

Un chien andalous

Un chien andalous

Als wir ausgetrunken haben, bietet Marcelo an, uns ins Hotel zu fahren. Wir lehnen nicht ab – allein schon wegen der ganzen Straßenköter, die es auf unsere Beinkleider abgesehen haben könnten. Wieder sitzen wir zu viert in den Peugeot. Diesmal aber brettern wir in Richtung Hügelkette. Ich stoße mehrmals mit dem Kopf an die Decke, denn genau wie alle anderen bin ich nicht angeschnallt. Wir fahren in einem irrsinnigen Tempo – und ich bin froh, dass Valparaiso auf nur 45 Hügeln gebaut wurde. Unterwegs stellt J. die Frage, was denn eigentlich Marcelos Lieblingsort in dieser so betörenden Stadt ist. „Mein Bett“, sagt er. Und man sieht ihm an, dass er das wie ein echter Latino meint.

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Leicht enttäuscht, dass die Passagiere in seinem Wagen das Thema nicht vertiefen mögen, spuckt er uns nach 15 Minuten aus. Dann brettert im Rückwärtsgang den Berg hoch. Wir drei lassen den Abend nochmal Revue passieren. „Alles richtig gemacht“, sage ich. „In einer südamerikanischen Hafenstadt unangeschnallt mit einem betrunkenen Fremden mitgefahren.“ So wie es im Lonely Planet steht.

Am nächsten Morgen treffen wir die depressive Hotelbesitzerin. Wir erzählen ihr unbefangen von unserem prächtigen Abend. Sie entgegnet trocken: „Yes, I heard you.“ Egal. Ich nehme mir vor, zurück in Deutschland das Gesamtwerk von Borges zu kaufen. Und irgendwann sein Grab in Genf zu besuchen.