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Im Land der drei Zinnen: Das Hochpustertal in den Dolomiten

Wir wollten ihn nicht reizen. Doch nachdem wir dem Summerer Herbert bescheinigt haben, dass uns sein Tempo bislang nicht vor unlösbare Herausforderungen stellt, scheint er noch ein wenig schneller bergauf zu kraxeln.

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Die Sonne hat sich noch nicht blicken lassen an diesem späten Vormittag im Hochpustertal. Doch der Nebel hüllt die Dreischusterspitze nicht gänzlich ein. Vorbei an einem Bach, schreiten wir über einen felsigen Weg durch die schroffe Landschaft. Noch also besteht Hoffnung.

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Bald erreichen wir die Baumgrenze. Auf mehr als 1900 Metern Höhe gedeihen auch auf der Alpensüdseite keine Fichten, Lärchen und Zirben mehr. Dafür benötigen wir nun immer wieder kürzere Verschnaufpausen, die wir für verstohlene Blicke auf das Panorama der Dolomiten nutzen.

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Und der im Tal eher verschlossene Herbert wird zunehmend gesprächig. „Schon als Kinder“, sagt er, „sind wir im Sommer jeden Tag hier hinaufgestiegen“. Das macht er auch mit Anfang 40 noch, denn Herbert ist Leiter der örtlichen Alpinschule. Und er weiß, dass wir eilen sollten, wenn wir unser Tagesprogramm schaffen wollen.

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Die Dreizinnenhütte

Nach weniger als zwei Stunden nähern wir uns der Dreizinnenhütte. Während der Himmel immer weiter aufreißt, berichtet Herbert davon, wie seine Vorväter das Refugium im ausgehenden 19. Jahrhundert auf 2400 Metern errichtet haben, um den Pionieren des Alpintourismus einen gesicherten Ausblick auf einen der markantesten Gebirgsstöcke der Alpen zu ermöglichen: Die Drei Zinnen, die aus einer mit Geröll bedeckten Hochebene rund 700 Meter stolz emporragen.

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Zur Jause nippt der Südtiroler bei einem Speckpfannkuchen an einem Gläschen Rotwein. „Das“, sagt Herbert, „ist noch übrig geblieben von früheren Gepflogenheiten.“ Damit meint er jene Zeit, als Sexten ein Dorf der Bergführer war, deren zwei hervorstechendste Eigenschaften diese waren: „Sie haben geschwiegen. Und sie haben geraucht.“ Damals freilich hatte die Dreizinnenhütte auch noch nicht den Charakter eines viel frequentierten Rastplatzes, den sie heute der guten Erreichbarkeit über eine Straße aus Südwesten schuldet – der Preis für die Ausweisung des Gebiets als UNESCO Weltnaturerbe.

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Doch wer auch gegenwärtig noch das Abenteuer sucht, ist bei Herbert gut aufgehoben. Dutzende Male hat er Kletterer in den Steilwänden zu den Gipfeln der Zinnen geführt. Wobei auch er selbst zuweilen in Extremsituationen gerät – als Mitglied der Bergwacht. „Vor ein paar Jahren“, erinnert er sich, „haben wir einen Franzosen aus der Wand gerettet“. Im Helikopter, nachdem unerwartet Nebel und Kälte eingebrochen waren.

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Wir begnügen uns heute mit der Fortsetzung einer Wanderung. Von der Hütte aus folgen wir den Schildern zum Innerkofler Steig. Bald sagt Herbert: „Jetzt braucht ihr eure Kopfleuchten.“ Er führt uns in einen Stollen, den Soldaten im Ersten Weltkrieg in den Berg gesprengt haben.

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Durch völlige Dunkelheit steigen wir den Gipfelgrat des Paternkofel hinauf. Ein eindrucksvoll gespenstisches Relikt aus dem beispiellosen Stellungskrieg, den sich Soldaten aus dem Königreich Österreich-Ungarn und Italien hier von 1915 bis 1918 geliefert haben.

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Nachdem wir das obere Ende des Schachts erreicht haben, weist und Herbert in die Kunst der Benutzung von Kletterseilen ein, deren Hilfe wir auf einigen kurzen Passagen benötigen.

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Wir passieren ein Geröllfeld und blicken alsbald auf jene Berge, die merkwürdige Namen wie Neuner, Zehner, Elfer, Zwölfer und Einser tragen. „Die Sextner Sonnenuhr“, sagt Herbert. Ein archaisches Instrument zur Bestimmung der Zeit.

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Nun heißt es wieder Klettern – mit inzwischen durchaus schweren Beinen. Unser Ziel ist die Büllele-Joch-Hütte, die sich in 2528 Metern Höhe auf den Flanken des Einsers befindet.

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Keine 200 Kilometer bis Venedig

Hier, im Land der Moose und Flechten, scheinen die Dolomiten noch unwirtlicher und die Felsformationen noch unwirklicher. Als wir versonnen gen Süden blicken, aber reißt uns Herbert mit dem Hinweis aus den Träumen, dass Venedig keine 200 Kilometer entfernt ist. 

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Ein bisschen Dolce Vita erleben wir auch im Innern der höchstgelegenen Hütte der Sextner Dolomiten.

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Hier nämlich überrascht uns Steffi Rogger mit einem köstlichen selbstgebackenen Apfelstrudel. Drei Monate pro Jahr harrt die Studentin in der bizarren Landschaft aus. „Es ist fantastisch“, sagt sie. „Das einziges, das mir fehlt, sind ein paar warme Tage, wie wir sie im Tal haben.“

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Abstieg ins Fischleintal

Gestärkt nehmen wir die letzte Etappe in Angriff: Den Abstieg zurück ins Fischleintal. Und der hat es in sich, denn es handelt sich um 1200 Höhenmeter. Herbert erzählt noch ein wenig von den Expeditionen, die Reinhold Messner zu Beginn seiner Karriere hier unternommen hat. Dann verfällt er – wie einst seine Ahnen – in Schweigen.

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Erst als wir am späten Nachmittag eine unscheinbare Wand passieren, hält er inne. Hier, erzählt er, ist vor langen Jahren einer seiner Schulfreunde ums Leben gekommen. Der war in den Fels geklettert, um Gemsen zu jagen. Ein Lausbubenstreich. Und eine immerwährende Warnung, welche Gefahren die Berge bei Leichtsinn mit sich bringen.

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Wenig später arrivieren wir im Tal, wo wir die Expedition im Dolomitenhof mit einem kalten Bier abschließen. Es war ein anstrengender und leicht melancholischer Tag inmitten von Naturgewalten.

Sexten35Reiseinformationen Sexten/Hochpustertal:

Allgemein: Das Hochpustertal zieht sich östlich von Bozen bis in den östlichen Winkel Südtirols hinein. Die Orte Sexten und Innichen befinden sich auf mehr als 1300 Höhenmetern, weshalb auch die Sommer angenehm kühl sind. Die Wandersaison dauert von Juni bis September – gut markierte Wege sind in allen Schwierigkeitsgraden vorhanden. Die beschriebe Route kann bei mittlerer Kondition in sechs bis sieben Stunden absolviert werden, geführte Touren bei der Alpinschule Sexten, Tel.: 0039 474 710 375 (zurzeit keine Internetpräsenz)

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Anreise:

Mit dem Auto über die Brennerautobahn, ab Bozen dauert die Fahrt etwa 75 Minuten. Mit der Pustertalahn via Bozen bis Innichen. Die nächstgelegenen Flughäfen sind Innsbruck (zum Beispiel mit Air Berlin), Venedig und Verona (zum Beispiel mit Germanwings).

Sexten25Unterkunft:

Hotel Grauer Bär in Innichen, schönes familiengeführtes Traditionshaus mitten im Ort, 135 Euro inklusive Halbpension für zwei Personen im Doppelzimmer.

Dreizinnenhütte, einfache Unterkunft zu Füßen des Gebirgsstocks, ab 49 Euro mit Halbpension

Restaurants:

Schützhütte Büllele-Joch, einfache aber leckere Gerichte von beiden Seiten der Alpen

Weisses Rössl, leckere Südtiroler Küche im Ortskern von Innichen

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Internet:

hochpustertal.info

orsohotel.it

dreizinnenhuette.com

rogger.info

weissesroessl.com

Ralf Johnen, April 2013

Die Reise wurde vom Tourismusverband Hochpustertal unterstützt.
 

 

 

 

 

 

   

 

 

 

 

 

 

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