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Les Anis de Flavigny: Eine zuckersüße Geschichte aus Burgund

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Sie heißen Vianne oder Angélique. Sie sind in kleinen Dörfern beheimatet. Und sie führen ein simples Leben. Weil alles in ihrer Umgebung so ländlich und so ursprünglich ist, sind sie, die Protagonistinnen französischer Provinzdramen, oft ziemlich verschüchterte Personen.  Und mit der Liebe scheint es grundsätzlich erst dann zu klappen, wenn sie sich dem Essen zuwenden. Meist mit großen Kulleraugen und nicht selten mit leicht entrücktem Blick, formen sie Pralinen oder Pasteten, bis Charmeure wie Daniel Auteuil oder Johnny Depp, die sie sonst nie wahrnehmen würden, ihnen hörig sind. Nicht wegen der Kulleraugen natürlich, sondern weil die Speisen, die sie zubereiten, so unwiderstehlich gut sind, dass dies nur mit einer ebenso spontanen wie dauerhaften Verliebtheit enden kann.

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Flavigny-sur-Ozerain ist eines der Dörfer, in dem ich mir spontan so vorkam, als wäre ich Teil einer solchen Geschichte. Eingebettet in sanfte Hügellandschaften und umspült von drei Bächen, frönen hier in Burgund 340 Menschen einem Dasein, das fernab von der verschmähten Gegenwart liegt. Es sind Schreiner und Dachdecker, Antiquitätenhändler und Galeristen. Und weil das französische Provinzdrama ja von der Realität genährt wird, lebt in Flavigny auch die Produzentin einer einzigartigen Süßigkeit: Les Anis de Flavigny.

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Bei Westwind duftet das ganze Dorf nach dem Gewürz. Der Geruch weht aus einer alten Abtei herüber, die schon im 9. Jahrhundert gesegnet wurde. Mit der französischen Revolution endete in Saint-Pierre das Klosterleben, bald darauf aber setzten acht Fabrikanten die von den Mönchen eingeführte Anisproduktion fort.

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Mit der Einführung der Drageetrommel im Jahr 1846 trat jene Manufaktur ihren Siegeszug an, die bis heute in den den dicken Gemäuern beheimatet ist.

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Die Bonbons sind kleiner als Murmeln und größer als Kapern. Und sie sind steinhart. Wie Catherine Troubat erzählt, ist das Rezept bis heute unverändert. Kernbestandteil ist ein einziger Anissamen, der keine zwei Milligramm wiegt. Nach einem – natürlich geheimen – Rezept betten die Dragierer dies in eine zuckrige Melasse ein. 15 Tage dauert dieser Prozess.

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Anfangs, so Troubat, gab es nur die eine Geschmacksrichtung, doch weil man ja in einem mit natürlichen Reichtümern gesegnetem Land lebt, sollten weitere Aromen folgen. Lange bevor der Kommerz unserer Zeit die endlose Variation von Produkten zum kaufmännischen Alltagsgebot machte, kamen aus Flavigny auch Bonbons, die nach Rosen oder Veilchen und später auch nach Orangenblüten, Ingwer und Zimt schmeckten. Nur das Aniskorn und die Größe blieben unverändert.

Flavigny04Ein kleines Bonbon-Imperium

Nachdem sie das Geschäft zunächst von ihrem Vater erlernt hatte, leitet Catherine Troubat das Unternehmen heute gemeinsam mit ihren drei Geschwistern. Immer wieder, sagt sie bei Croissants und Café au Lait, musste sich die Familie in jüngerer Vergangenheit der Avancen großer Nahrungsmittelkonzerne erwehren, die das kleine Bonbon-Imperium schlucken wollten. „Aber das“, sagt sie, „kommt für uns nicht in Frage“. Obwohl die Lebensmittelmultis damit gedroht haben, Konkurrenzprodukte auf den Markt zu werfen, um die kleine Firma ausbluten zu lassen.

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Um die eigenen Chance zu wahren, habe man stattdessen beschlossen, Kundenakquise und Vertrieb personell aufzustocken. „Auch in Deutschland. Wenn Ihnen jemand einfällt, der unsere Bonbons verkaufen könnte, sagen Sie es ruhig.“

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Zusätzlich dazu bieten die Troubats Führungen durch die Abtei an, die jede andere Nahrungsmittelproduktionsstätte, die ich bisher gesehen habe, in Sachen Charme um Längen schlägt.

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Neuen Auftrieb übrigens, wie könnte es anders sein, hat die Familie durch die Filmindustrie erhalten. Flavigny nämlich war tatsächlich der Drehort von „Chocolat“, jenem Provinzdrama … – aber das brauche ich ja wohl nicht zu erzählen.

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Der Ruhm hat dazu geführt, dass Flavigny zuweilen von trampeligen Touristenhorden überrant wird. An diesem Frühlingstag aber ist davon nichts zu merken. Als wir in einer Ferme zu Mittag essen, sitzen außer uns nur Franzosen an den Tischen. Vom Patron lernen wir, dass er ausschließlich Produkte aus der Region verwendet, die die Bäuerinnen Tag für Tag persönlich vorbeibringen.

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Als wir das Lokal verlassen, muss der Wind aus Westen kommen. Denn es riecht nach Anis in Flavigny.

Weitere Informationen:

burgund-tourismus.com

anis-flavigny.com

Die Anis de Flavigny werden in Deutschland unter anderem in großen Kaufhäusern und in Apotheken verkauft.

Ralf Johnen, Juni 2013. Der Autor war auf Einladung des Tourismusbüro Burgund in Flavigny.

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