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Almost famous in Alberta: Wie ich in Edmonton beinahe gelyncht worden wäre

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Plötzlich teile ich an diesem Vormittag einen Bus mit einem guten Dutzend amerikanischer Frauenzeitungsredakteurinnen. Unser gemeinsames Ziel ist die Erkundung der Einkaufslandschaft von Edmonton. Weil ich mich für artifizielle Parallelwelten interessiere, habe ich mich für den Tagesausflug angemeldet. Schließlich ist die mit 830 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Bundesstaats Alberta Heimat der größten Mall Nordamerikas – und wer konnte schon voraussehen, ob ich nach der Reisejournalistenmesse Go Media jemals wieder nach Edmonton kommen würde.

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Ich wusste nicht viel über die Stadt. Klar, ungefähr sechs Monate pro Jahr muss man hier mit Temperaturen von unter minus 20 Grad rechnen. Die Sommer hingegen können heiß sein, obwohl Edmonton geografisch auf einer Höhe mit Hamburg liegt. In Alberta werden große Mengen Ölsand abgebaut, weswegen das Geld in Edmonton wie auch in Calgary recht locker sitzt und die Suburbs in alle Richtungen wuchern. Der famose Jasper National Park ist nicht fern. Und dann gibt es da noch die Edmonton Oilers, die in den 80er Jahren die Heimat von Wayne Gretzky war, dem größten Eishockeyspieler aller Zeiten. Damals haben sie fünf Mal in Folge den Stanley Cup gewonnen.

Es ist noch keine 9 Uhr und meine Begeisterung über den ersten Zwischenstopp hält sich in Grenzen. Wir steuern das Haus eines Edelsteinschleifers in irgendeiner Vorstadt an. Gelangweilt schaue ich mir seine Vitrinen an – bis ich erkenne, dass sich in zwei der vier Schaukästen nicht etwa Amulette, Ringe oder Broschen befinden, sondern Memorablia aus dem Zweiten Weltkrieg. Auf der Mehrzahl prangen Hakenkreuze. Edmonton04

Außer mir scheint sich niemand an diesem Detail zu stören, die Damen sind mit ihrer Recherche beschäftigt. Ich werte das Indiz dafür, dass der schwergewichtige Besitzer aus hiesiger Betrachtungsweise kein finsterer Nazi sondern allenfalls eher ein verstrahlter Waffennarr ist. Dennoch aber möchte ich wissen, was es damit auf sich hat. Das Oberhaupt der Händler- und Handwerkerfamilie geifert, dass ihn der Krieg fasziniere.

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Ich entgegne, dass ihn seine Sammlung in Deutschland in den Knast bringen würde. Außerdem sehe der Krempel, den er hier herstellt, echt scheiße aus.

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Ein paar Stunden später sitze ich in der West Edmontal Mall. Eine Kunstwelt fast so groß wie das mittelalterliche Köln, aber angesichts besagter Wintertemperaturen ein Zufluchtungsort, für dessen Existenz ich ein gewisses Verständnis aufbringe. Mittlerweile habe ich entdeckt, dass yich zwischen den Frauenzeitschriftenredakteurinnen auch noch ein mexikanischer Hipster versteckt hatte. Und der bestellt sich zum vorgezogenen Mittagessen um halb zwölf erstmal einen Tequila. Die minderjährige Serviererin weiß nicht ob das geht. Und natürlich will sie wissen, ob alle Mexikaner morgens Tequila trinken. „Klar“, sagt Nicolas. „Vor dem Essen und nach dem Essen.“

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Kurz darauf fragt mich eine Lady vom lokalen Tourismusbüro, ob ich mir vorstellen könnte, dem Fernsehen ein Interview zu geben. Schließlich beherberge Edmonton erstmals die Go Media – und das rufe in der ganzen Region viel Interesse hervor. Ich erzähle ihr von der Nazi-Episode und frage sie, ob das vielleicht ein gutes Thema wäre. Dann sage ich: War nur ein Witz. Tatsächlich erzähle ich drei Minuten lang eine Menge netter Dinge über Edmonton: Das Restaurant in dem alten Backsteingebäude war echt cool. Außerdem lief da Belle & Sebastian.

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Die Whyte Avenue in Old Strathcona mit den ganzen inhabergeführten Geschäften ist total funky. Die Art Gallery of Alberta, ja die sieht sogar aus, als hätte sie niemand geringeres als Frank O. Gehry entworfen. Das Wetter sei toll, ebenso sie Farben des Herbstlaubs. Und so weiter. Dann ergänze ich knapp: Euer Eishockyteam übrigens ist wirklich miserabel. Nicht mehr und nicht weniger als eine Tatsache, wenn man in einer Liga von 30 Teams zwei Jahre in Folge auf Rang 30 endet.

Das Ergebnis ist klar, oder? Die lieben Kollegen haben die Nettigkeiten rausgeschnitten und sich auf das griffigste Zitat des Gastes beschränkt. Und ich brauche mich bis zum Ende meines Aufenthalts nicht mehr um Gesprächspartner zu mühen, denn der Schnipsel lief in heavy rotation im Fernsehen. Eigentlich jeder hatte den Beitrag schon vor dem Frühstück mindestens drei Mal gesehen. Ich war almost famous in Edmonton. Obwohl ich lediglich die Wahrheit gesagt hatte. Wie in: „Euer Dom ist ganz schön groß“ (Köln) oder „Die Geschichte eures Reichstags ist ganz schön wechselhaft“ (Berlin). Trotzdem war ich mir nicht sicher, was passieren würde, wenn ich abends alleine auf die Straße gehen würde.

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Ein Lynchmob aber hat sich schließlich nicht formiert. Tatsächlich hat mein kleiner Spaß auch meine Arbeit nicht sonderlich beeinflusst: Zwei Tage mit je 24 Kurzpräsentation à 15 Minuten. Eine Menge Informationen über Kanada. Dialoge auf Englisch und Französisch. Stoff für die nächsten zwei Jahre. Mit schwer ramponierter Stimme habe ich jeweils am späten Nachmittag das Konferenzzentrum verlassen, habe mir die Joggingschuhe angezogen und mich in unweiter Entfernung zum Hotel etwa 150 Treppenstufen hinunter zum North Saskatchewan River gestürzt.

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Der hat sich ganz tief ins Land eingegraben und wird von waghalsig aussehenden Brückenbauwerke überspannt. Beide Ufer werden von schmalen Wegen flankiert, die wiederum von Villen gesäumt werden. Der Lärm der Großstadt ist fern. Ich denke: Das hier ist nicht weniger als eine zweite Stadt. Noch eine Paralellwelt. Ich habe gehört, dass auch ein paar Spieler der Oilers hier unten wohnen sollen. Edmonton hat viele schöne Seiten. Sag ich doch.

Informationen:

Die Einkaufstour wurde von Visit Edmonton organisiert. Der Inhalt wurde inzwischen geändert. Edmonton hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Und sogar die Oilers flirten mittlerweile wieder mit respektablen Ergebnissen. Ich war im September 2011 auf Einladung der Canadian Tourism Commission in Edmonton. Als Resultat der Go Media bin ich schon im Oktober 2011 in Manitoba auf Eisbärenexpedition gegangen. Und ich freue mich auf weitere Besuche.

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