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Fachwerk, Flammkuchen und ein frecher Held: Ein Rundgang durch Colmar im Elsass

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Colmar hat mit Frédéric-Auguste Bartholdi den Erschaffer der Freiheitsstatue hervorgebracht. Berühmte Kupferstecher wie Martin Schongauer und Dichter wie Ernst Stadler. Aber Colmars wahrer Held heißt Hansi.

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Hansi ist an jeder Ecke der elsässischen 70.000-Einwohner-Stadt präsent: an den Fassaden der restaurierten Fachwerkhäuser, auf Tellern, Schlüsselanhängern, Postkarten und Plätzchen-Packungen. Hansi, Hansi, überall Hansi.

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Der 1873 in Colmar geborene Zeichner und Karikaturist, der auf den bürgerlichen Namen Jean Jacques Waltz  hörte, wird an jeder Ecke verehrt – und vermarktet. Hansis Motive sehen auf den ersten Blick putzig aus.

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Auf den zweiten Blick verraten sie, warum Hansi von den deutschen Sicherheitsbehörden verfolgt und mehrfach inhaftiert wurde, in jenen Jahren vor dem Ende des Ersten Weltkriegs sowie zur Zeit des Nationalsozialismus, als die Region im äußersten Osten Frankreichs (mal wieder) unter deutscher Herrschaft stand.

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colmar17Appetit auf den Riesenguglhupf

Denn Hansi würzte die scheinbar unschuldigen Bilder mit einem gehörigen Schuss französischem Patriotismus und bisweilen beißendem Spott gegenüber der deutschen Obrigkeit: der riesige Gugelhupf etwa, vor dem ein sich die Finger leckender Junge steht, ist mit der Trikolore gespickt.

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Und der hagere Oberlehrer, den Hansi mit Lodenjäckchen und Nickelbrille als Deutschen karikiert, ist zu doof zum Rechnen: auf die Tafel hat er „2 x 2 = 5“ geschrieben; sehr zur Belustigung der französischen Kinder, die ihn unverhohlen veräppeln.

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Ein solch peinlicher Fehler würde Stephan Reitter sicherlich niemals passieren. Und dem mühelos zwischen Französisch und Deutsch sowie den beiden Professionen Lehrer und Stadtführer wechselnden Elsässer sind Ressentiments gegenüber Deutschen gänzlich fremd. Vielmehr weiß er während unseres Stadtrundganges mit feinem Humor über die schwierige Identitätsfindung der elsässischen Bevölkerung zu berichten.

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„Das Elsass war bis zum 17. Jahrhundert Deutsch, dann haben wir viermal hin und her gewechselt“, referiert Reitter lächelnd und verweist darauf, dass zwar die deutsche Sprache – „leider“ – auf dem Rückzug sei, sich aber dennoch viele Traditionen der östlichen Nachbarn gehalten hätten: allen voran die Weihnachtsmärkte, die im Winter Touristen aus aller Welt anlocken. Aber auch Feiertage wie Karfreitag oder der zweite Weihnachtstag sind den Deutschen zu verdanken, und nicht zuletzt die eigenartige Tatsache, dass die Eisenbahn im Elsass – anders als im Rest des Landes –  rechts verkehrt.

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Die kurzweilige Einführung in elsässische Historie und Befindlichkeiten erhalten wir im Kreuzgang des ehemaligen Klosters, das seit 1853 das inzwischen weltberühmte Museum Unterlinden beherbergt. Jährlich strömen über 200.000 Besucher in das Ausstellungshaus – um ein einziges Kunstwerk zu sehen: den Isenheimer Altar, der zwischen 1512 und 1516 vom Maler Matthias Grünewald geschaffen wurde und heute als Hauptwerk der deutschen Kunst gilt.

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„Der Wandelalter stellt einen Quantensprung der Malerei dar, viele sehen in ihm die Geburtsstunde der modernen Kunst“,  erläutert Reitter und ergänzt, dass Künstler wie Picasso, Emil Nolde oder Max Beckmann fasziniert waren von dem Werk. Was hat es mit dem zu Festtagen aufklappbaren Altar auf sich, dass er noch heute die Menschen anzieht? Es ist vor allem die erstaunlich moderne Farbgebung der 500 Jahre alten Gemälde, sowie die neuartige Schaffung von Licht und Perspektive.

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„Aber Grünwald gibt den religiösen Motiven auch seine eigene Interpretation, er löst sich von bisherigen Denk-Schemata“, begeistert sich unser Guide. Selbst der Faltenwurf der Gewänder – bei Künstlern wie dem als Kontrast zum Altar ebenfalls ausgestellten Colmarer Martin Schongauer (1445/1450-1491) noch völlig übertrieben – wirke bei Grünwald echt und lebendig.

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Wir lassen uns mitreißen vom Enthusiasmus unseres Begleiters und bleiben lange in dem Museum, das mit seinen Exponaten eine Verbindung zwischen dem Altar und der Modernen und Gegenwartskunst herstellt und bis 2014 derart umfangreich erweitert wird, dass nicht nur die gesamte Sammlung ausgestellt, sondern auch die doppelte Besucherzahl empfangen werden kann (den 40 Millionen Euro teuren Anbau verantworten mit Herzog & de Meuron die Architekten der Elbphilharmonie). Allerdings verweilen wir nicht so lange wie die Durchschnittsdeutschen: „Die sitzen manchmal drei Stunden vor dem Altar, während Japaner den in zehn Minuten schaffen“, hat Reitter beobachtet.

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Ganz unjapanisch schlendern wir gemütlich durch die im Stadtkern von rund 500 Fachwerkhäusern gerahmten Gassen. Während wir Anis-Plätzchen aus der Hansi-Geschenkpackung knabbern, entdecken wir, dass der Volksheld sich den Ruhm mit einem anderen teilen muss: dem Storch. Das Symboltier für das Elsass ist ebenso präsent wie die Karikaturen des rebellischen Colmarer Zeichners – nicht nur in Natura auf dem Kirchturm, sondern auch (und vor allem) in den Souvenirläden. In diesem Jahr trauert Colmar, weil die Storchenbabys den harten Winter nicht überlebt haben.

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Stephane Reitter leitet uns in Richtung des Stadtviertels, dass sich wie ach so viele Orte der Welt mit der Serenissima vergleicht: Petite Venise, Klein-Venedig.

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Wir schmunzeln über den Kanal, auf dem auch Plattbodenboote „gondeln“, ziehen es dann aber vor, statt einer Gondelfahrt die vielfältigen ureigenen Colmarer Spezialitäten auszuprobieren. Also lassen wir uns in Petite Venise nieder, nehmen als Aperitif einen fruchtigen Muskat und schauen versonnen auf die blumengeschmückten Fachwerkhäuser.

colmar18Eine kleine Freiheitsstatue im Elsass

Ein wenig bedauern wir, dass wir nicht noch dem Museum für den großen Sohn der Stadt – Frédéric-Auguste Bartholdi – einen Besuch abgestattet haben. Schließlich haben wir nur eine Miniatur seiner Freiheitsstatue am Ortseingang gesehen – als Schmuckstück eines Verteilerkreises.

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Aber wir kommen doch noch in den Bartholdi-Genuss – wenn auch nur in Form eines Besuchs des gleichnamigen Restaurants, das dem Sohn der Stadt huldigt. Der rustikale Gastraum strahlt elsässische Gemütlichkeit aus, und es kommt deftig-ehrliche französische Kost auf den Tisch: Sauerkraut auf elsässische Art, Entenbrust, Foie Gras…Zufrieden falten wir nach dem schmackhaften Menü die Hände über dem Bauch und fragen uns, wie Hansi uns jetzt wohl gezeichnet hätte.

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Als dicke, zufriedene Deutsche in Lederhosen, die sich an französischem Wein und Essen laben? Ach, Hansi, wir genießen jetzt einfach mal grade das Elsass. Und ob deutsch oder französisch – das ist jetzt grade mal egal, égal!

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Alexandra Klaus, Juli 2013. Wir waren auf Einladung von Tourismus Elsass in Colmar. 

Weitere Informationen:

tourisme-alsace.com

ot-colmar.fr

musee-unterlinden.com

restaurant-bartholdi.fr

colmar32Übernachtung:

Grand Hotel Bristol

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