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Mit Handgas und Schnauzbart – Spazierfahrt in Fords Model T

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„Sie sehen diese drei Pedale?“, Paul Labbadie, weißer Schnauzbart, Schiebermütze und antiquierte Kleidung, hat angehalten. Er deutet mit seinem dicken Zeigefinger in den Fußraum. „Wenn Sie das linke Pedal durchtreten, ist der erste Gang eingelegt, die mittlere Position ist der Leerlauf, und der oberste der zweite Gang.“ Labbadie blickt auf, als wolle er fragen, ob alles klar ist, und fährt fort: „Das mittlere Pedal ist für den Rückwärtsgang, und das rechte betätigt die Getriebebremse.“

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Wir sind unterwegs in Greenfield Village, einer Art Themenpark der Industrialisierung, wie ihn einst Henry Ford sich vorstellte, und sitzen auf der mit Büffelleder bespannten Bank eines Autos, in dem nichts so funktioniert, wie man es heute gewöhnt ist. Es ist nicht irgendein Auto. Es ist ein Exemplar des lange Zeit meistverkauften Autos der Welt, das in dieser Hinsicht erst 1972 vom VW Käfer abgelöst wurde: ein Model T von Ford.

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Mein Chauffeur musste zwei Jahre üben, um das Model T fahren zu können. „Das Kniffeligste ist der Gashebel am Lenkrad. Aber er ist wie ein primitiver Tempomat.“ Unser Chauffeur verschiebt den dünnen Metallhebel, bis er wieder in einer der Rillen einrastet. Der Oldtimer ist jetzt ein bisschen schneller und hält das Tempo.

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Greenfield Village ist ein künstliches Dorf in Henry Fords Geburtsort Dearborn nahe Detroit und eine Sammlung all dessen, was die Neue Welt aus Sicht Fords groß gemacht hat. Der Autokönig begann Ende der Zwanziger Häuser und Labore berühmter Erfinder, so von Edison oder Firestone aufzukaufen und in Dearborn wieder aufzubauen.

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Auch die erste Ford-Fabrik von 1903 ließ er hierher versetzen. Gedacht war die Immobiliensammlung als Anschauungsmaterial hauptsächlich für Schulklassen – ein Akt größenwahnsinniger Pädagogik und Fütterung des Mythos Amerika. Heute sind Touristen unter den Besuchern in der Überzahl.

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Sie lassen sich mit einer Dampflok im Karree ziehen, fahren in alten Bussen durch die breiten Straßen. Der Renner aber ist das Model T. Für Spritztouren stehen ein gutes Dutzend der Oldtimer bereit, und wer will, bekommt die Geschichte des Model T erzählt. Am 27. September 1908 verließ das erste, handgefertigte Model T die Piquette Avenue Plant in Detroit.

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„Tin Lizzy“ wurde Fords Geniestreich auf vier Rädern schon bald liebevoll genannt zu deutsch: Blechliesel. Er sollte zum ersten Massenauto der Geschichte werden, das sich bis zum Produktionsende in den USA im Jahr 1927 über 15 Millionen verkaufte. Auch viele Aufbauformen gab es: Cabrios, kleine Laster, Limousinen, Zweisitzer, Coupés.

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Wir aber sitzen in einer Touring-Variante, Baujahr 1925, und mein Chauffeur ist in Plauderlaune: Rund 24 000 Dollar sei unser herausgeputzter Vierzylinder wert, 2,89 Liter sei der Hubraum groß, seine 20 PS genügten immerhin für 65 Stundenkilometern. Dem Model T fehlten Bauteile, die in einem modernen Auto unverzichtbar scheinen: Benzinpumpe, Wasserpumpe, Ölfilter und anfangs sogar die Fahrertür.

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Scheinwerfer, Frontscheibe und Reserverad waren zunächst Extras, und der Motor wurde noch per Handkurbel gestartet – bis es ab 1919 elektrische Anlasser gab. Die Bremse wirkte nicht auf die Vorderräder, sondern direkt am Antriebsstrang. Ford war der Meinung, dass die Räder nicht gebremst werden dürften, um die Lenkkraft zu erhalten.

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Zu seiner Zeit galt das Model T als äußerst bedienfreundlich und ließ sich einfach reparieren. Neben Benzin vertrug es Ethanol. Fords Credo war: Simpel und erschwinglich. Sicher war es weniger Altruismus, der den Automogul antrieb, als Kalkül: Fords Arbeiter sollten ihre eigenen Produkte nachfragen. Ein Automobil zu fahren, war bis dato ein Privileg der Reichen gewesen. Dann aber revolutionierte Ford das Produktionsverfahren. Ganze Gesellschaften wurden von einem auf den anderen Tag mobil.

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1913, vor 100 Jahren, startete Tin Lizzy richtig durch: Ford verlegte Ford die Produktion an den Highland Park in Detroit wo die Massenproduktion begann. An Fließbändern fügten die Arbeiter Messingkühler, Holzräder, Leiterrahmen, geschmiedete Achsen, Blattfedern, Planetengetriebe und Grauguss-Motor an Fließbändern zusammen. Ford erfand zwar das Fließband nicht, aber er machte es effizienter als Ransom Eli Olds, der das Prinzip 1901 erdacht hatte, die Karossen jedoch noch per Seil ziehen ließ.

Vor 100 Jahren begannen die Schornsteine zu rauchen - Gedenkschild in Detroit

Vor 100 Jahren begannen die Schornsteine zu rauchen – Gedenkschild in Detroit

Ford installierte eine Dampfmaschine, die den Takt vorgab. Zu Hochzeiten verließen 9000 Lizzies die Fabrik. Heute schlummert sie von Pflanzen umrankt einen tiefen Dornröschenschlaf und wartet auf den erlösenden Kuss eines willigen Restaurators. Damit damals alles am Schnürchen lief, ließ Ford seine Arbeiter bis ins Privatleben überwachen und bei unangekündigten Besuchen von Agenten seiner „Soziologischen Abteilung“ verhören. Ein schlechter Lebensstil wirkt sich auf die Produktivität der Ford Motor Company aus, schwante es Ford, der auch die Bildung von Gewerkschaften zu verhindern suchte.

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Das Ergebnis der eintönigen Arbeit waren konkurrenzlos günstige Autos, sagt Labbadie. „1925 konnte man ein brandneues Modell T für 265 Dollar kaufen.“

Stefan Weißenborn, Juli 2013

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Information: Greenfield Village

Eintritt:

Erwachsene: 24 US-Dollar

Kinder, 5 bis 12 Jahre: 17,5 US-Dollar

Kinder unter 4: frei

Tagespass für Fahrten im Model T und allen anderen Fahrzeugen:

14 US-Dollar, Kinder unter 4 Jahren bezahlen nichts. Eine Fahrt in der Blechliesel dauert 10 bis 15 Minuten.

Öffnungszeiten:

Bis 3. November hat das Dorf täglich geöffnet, bis Ende Dezember dann nur noch freitags bis sonntags, jeweils von 9.30 bis 17 Uhr. In der Wintersaison zwischen Januar und Mitte April ist Greenfield Village geschlossen.

Für an Automobil- oder Technikgeschichte Interessierte lohnt ein Besuch im angrenzenden Henry Ford Museum.

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