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Treiben, dösen, genesen – Der Heilsee in Hévíz in Ungarn

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Ich sitze im Reisebus. Wir schaukeln gerade durch den kleinen ungarischen Ort Hévíz, als die Mitfahrenden plötzlich loslachen. Ich sehe aus dem Fenster und verstehe sofort. Rechts von uns hat sich ein kleiner See aufgetan. Auf der Wasseroberfläche wimmelt es von Menschen mit Schwimmreifen. Es sind allerdings keine Kleinkinder, die sich im Nass vergnügen. Es sind auf den ersten Blick ausschließlich ältere Herrschaften, die dort scheinbar geräuschlos treiben. Ein gewöhnliches Freibad kann das nicht sein. „Das ist der Hévízer Heilsee“, knarzt es durchs Busmikrophon.  Den muss ich mir ansehen.

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Hinter mir zischt die Bustür zu. Als einziger lasse ich mich an Eingangsgebäude des Sees rauswerfen. Meine Mitreisenden sind offenbar von der gerade irgendwo in der Nähe des Plattensees absolvierten Weinprobe noch ausgenockt. Ein verwegener Hobbywinzer hatte uns in seinem Weinkeller, dessen Zugangstreppe wir durch einen Wandschrank betraten, arglistig abgefüllt.

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Auch ich bin benebelt, da kommt der Hévízer Heilsee gerade recht, denke ich mir. Schön warm soll das Wasser sein, habe ich gehört und setze auf den Chill-Effekt eines Whirlpools. Los also. Ich bezahle der Eintritt und lasse die freundliche Kassendame im weißen Kittel zurück. Dann die erste Ernüchterung.

Gesunde Kost nach gesundem Bad?

Gesunde Kost nach gesundem Bad?

Ohne ärztlichen Rat sei ein Bad von über 30 Minuten nicht empfohlen, lese ich in der Badeordnung. Kinder unter zwölf dürften gar nicht rein. Und damit nicht genug: Anstrengende Bewegung seien nicht empfohlen,  das Wasser sei leicht radioaktiv. Ich erwäge, mich zurück zu den Betäubten in den Bus zu legen.

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Nach der Umkleide treffe ich zum Glück Herrn Berg aus Butzbach, der mir alles erklärt. Nein, ungesund sei ein Bad nicht, ganz im Gegenteil. Nur dürfe man die schwefeligen Dämpfe nicht unterschätzen. „Die Inhalation geht auf den Kreislauf, wer labil ist, kippt um“, sagt er und deutet mit einem Nicken auf den Schwimmreifen über seiner Schulter.

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Der Hesse kommt in Plaudern. Dass er seit Jahren immer wieder ins Hévízer Wasser steige, erzählt er. Weil er es mit den Bandscheiben habe. Und das, weil er sich vor Jahren verhoben habe, als er eine Autoachse mit einem Freund in einen Transporter wuchten wollte. „Da hat es hinten knacks gemacht.“ Seitdem er aber regelmäßig zur Kur hierher komme, habe er sich nie wieder vom Arzt hochspritzen lassen müssen.

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Ungeduldig verabschiede ich mich von Herrn Berg, dem ich weiterhin alles erdenklich Gute wünsche. Ich will ein Bad nehmen. Ich greife mir eine Styroporwurst und wähle eine der Leitern am begradigten Teil des Ufers. Ich lasse mich ins leicht stinkende Wasser gleiten. Ein Abkühlungseffekt bleibt aus, im Gegenteil: Das Wasser ist wärmer als die Luft. Dafür fühlt sich es sich weich an auf der Haut.

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Dann spüre ich eine leichte Strömung, die von den unerlässlich aktiven Quellen am Boden herrühren soll. Manche der Badegäste haken sich an Haltestangen fest, andere treiben umher. Ich riskiere ordnungswidrig ein paar Schwimmzüge und überhole das Rettungsboot – ein Ruderboot, in dem sich ein Zivi oder so ähnlich sonnt.

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Dann stoße ich zu einem bereiften Ehepaar aus Kassel vor. Die beiden dümpeln schon seit einer Stunde herum, sind aber noch nicht in Ohnmacht gefallen, sonst könnten sie mir dies ja nicht erzählen. „Die Reifen haben wir nur zur Gemütlichkeit dabei“, sagt der Mann waghalsig.

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Ich verabschiede mich erneut mit einer gewissen Krankenhaushöflichkeit und paddele weiter. Ein schwimmendes Kaffeekränzchen von fünf Damen mit Hüten rückt zwischen den Seerosen ins Sichtfeld. Man sinniert über die Jugend, die am Plattensee wenigstens den ganzen Tag baden könne – und zum Glück nicht hier.

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Als ich wieder aus dem Hévízer Heilsee steige, fühle ich mich irgendwie anders. Wahrscheinlich liegt es aber nur daran, dass ich 47 Minuten älter geworden bin. So lange war ich gegen allgemeine Empfehlung im Wasser.

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Informationen zum Hévízer Heilsee:

Das Seebad ist 365 Tage im Jahr geöffnet. Der Eintritt zum Beispiel für drei Stunden kostet umgerechnet knapp 9 Euro. Aus Sicht der Fachwelt ist der See „ein ausgesprochen seltenes Phänomen“, wie bei der Deutschen Geologischen Gesellschaft in Hannover zu erfahren ist. Erst wieder im Norden Neuseelands im Distrikt Rotorua gibt es mit dem Echó-Kratersee ein ähnliches Gewässer, das mit Temperaturen von über 50 Grad Celsius aber zum Baden nicht geeignet ist.

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Der ungarische Badesee hat ungefähr die Fläche von sechs Fußballfeldern und wird selbst im Winter dank warmer Quellen am Grund nie kälter als 24 Grad. Seinem Wasser, das Schwefel, Kohlensäure, Kalzium, Natron, Magnesium, Hydrokarbonat und Radon enthält, wird eine gesundheitsfördernde Wirkung bescheinigt.

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Erstmals im 18. Jahrhundert hieß es in einer wissenschaftlichen Arbeit: „Hévíz ist gut für die nach der harten, täglichen Arbeit ermüdeten, weil das Wasser des Sees sie frisch macht, aber Hévíz tut auch den Nichtstuern gut, weil das Wasser sie zur Arbeit aufmuntert.“ Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde erwiesen, dass sich regelmäßiges Baden bei Rheuma, Osteoporose, Erkrankungen des Bewegungsapparates und nach Operationen positiv auf die Gesundheit auswirkt.

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Den Grundstein für das Kur- und Heilbad Hévíz – und damit die ganze Spa-Industrie am Ort – legte Graf György Festetics Ende des 18. Jahrhunderts, als er damals am noch unbefestigten Ufer ein erstes hölzernes Umkleidehäuschen errichten ließ. „Hévíz ist noch heute der einzige Thermalsee weltweit ist, der zu balneologischen Zwecken genutzt wird“, sagt Fremdenführerin Adelheid Tóth.

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Anreise:

Den Flughafen FlyBalaton (Sármellék) wird in der Saison von mehreren Fluggesellschaften von Deutschland aus angeflogen. Ein Flughafentransfer gewährleistet die Weiterreise. Wer den Winter bevorzugt, muss über Budapest anreisen.

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Wer mit dem Auto kommt, hat ab Berlin 880 Kilometer vor sich, ab Frankfurt 900, ab München 620, ab Hamburg knapp 1200 und ab Köln knapp 1100 Kilometer. Auf Ungarns Autobahn gilt eine Vignettenpflicht.

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Unterkunft:

Der Ferienhausanbieter Novasol hat Häuser und Wohnungen in Hévíz. In den Mietpreisen sind alle Nebenkosten (Strom, Gas, Wasser) sowie die Endreinigung, Handtücher und Bettwäsche inbegriffen. Wer es luxeriös mag, checkt im Fünf-Sterne-Hotel Rogner Lotustherme ein, das 2007 als „bestes Wellnesshotel Ungarns“ ausgezeichnet wurde.

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