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Adrenalinkick im Atlantik: Mein Surfkurs in Irland

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Waimea. Mavericks. Oder Byron Bay. Das sind die Orte, die ich seit einigen Jahren mit dem Surfen verbinde. Begonnen zu interessieren habe ich mich für den edlen Sport, nachdem eine von mir verehrte Band einen Song geschrieben hatte. Und seitdem der Autor Robert Forster „Surfing Magazines“ bei Konzerten mit einer Auflistung der bekanntesten Hotspots ausgeschmückt hat, wusste ich auch, wo ich hinmusste, sollte ich jemals auf einem Brett stehen wollen: Nach Hawaii, nach Kalifornien oder nach Australien.

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Das klang nach Sonne. Nach Sommer. Nach Hitze. Und auch ein klein wenig nach Haien. Mit Heinrich Böll hingegen hatte ich die hohe Kunst des Wellenreitens nie in Verbindung gebracht. Doch ist es in dessen einstigem Wohnhaus auf Achill Island, wo ich mich folgenden Satz sagen höre: „Okay David, Danke für die kleine Tour. Aber jetzt muss ich weg. Ich gehe Surfen.“

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David ist ein freundlicher Schriftsteller aus Dublin, der damals gerade als Artist in Residence das Böllsche Haus bewohnt. Er hatte mich dabei ertappt, wie ich um das unscheinbare des kölnischen Nobelpreisträgers Anwesen herumscharwenzelte, und weil er seine Schwimmübungen im nahen Meer bereits absolviert hatte, bat er mich hinein in das sonst nicht öffentlich zugängliche Haus.

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Wenig später stehe ich an der Südküste von Irlands größter Insel. Die baumlosen Berge im Hinterland sind in wuchtige Nebelschwaden gehüllt. Zu meiner Rechten breitet sich ein verlassener Jahrmarkt aus. Ein etwas morbider Anblick, sodass ich mit einem mulmigen Gefühl in Richtung Dünen schreite, wo ich eine Verabredung mit Gerry habe. Für einen Augusttag ist es nicht wirklich warm.

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Gerry hat sein Büro in einem ausgemusterten Linienbus. Er scheint mir ein bisschen kurz angebunden: „Hallo. Ich kümmere mich später um Dich. Geh Du erst mal mit Kieran mit.“ „Klar“, antworte ich. Kieran ist ein junger Typ, der mich auf Anhieb an Wayne Rooney erinnert. Nicht nur was die Frisur betrifft, sondern auch in Sachen Athletik. Ohje, denke ich. Das könnte ein anstrengender Nachmittag werden.

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Nach einem festen Händedruck schickt mich der Mittzwanziger zum Umziehen. Ich soll mir einen Wetsuit aussuchen. Nach einigen Fehlversuchen werde ich fündig. Modisch nicht der letzte Schrei. Aber es kommt ja ohnehin noch ein gelbes Leibchen drüber, damit ich in der Gischt nicht verloren gehe. Zu meiner Beruhigung stelle ich fest, dass ich nicht der einzige bin, der das Surfen in Irland lernen will: Ich befinde mich in der Gesellschaft einer Familie mit zwei etwa sechs uns acht Jahre alten Jungs.

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Bevor es losgeht, hält Wayne (oder Kieran) einen kleinen Vortrag. Der praktische Teil beinhaltet die Information, dass das Board mit einer Schlaufe an meinem Bein befestigt wird. Der theoretische, dass wir nicht erwarten sollten, bereits nach ein paar Stunden wie Laird Hamilton unterwegs zu sehen. Das ist einer dieser verwegenen Big-Wave-Surfer mit langen blonden Haaren und makellosem Körper.

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Ehe es ins Wasser geht, sagt Wayne, werden wir uns noch ein wenig aufwärmen. Wir sollen uns bäuchlings auf das Board legen, dann den Kopf zu den Knien ziehen und uns langsam aufrichten. Wegen der Automatismen. Nach einigen Wiederholungen wird es ernst: „Jetzt versucht mal aus den Knien auf die Füße zu springen“, sagt der Lehrer unbekümmert.

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Ich zögere. Wann habe ich so was wohl zuletzt gemacht? Mit elf vielleicht. Aber ich will es versuchen – obwohl ich mir in meinem Neoprenanzug vorkomme wie einer von den Incredibles. Ihr wisst schon, diese Comic-Figuren, die in ihren viel zu engen Anzügen ein tragikomisches Bild abgeben. Doch ich habe mich umsonst gesorgt: Der Wetsuit hält und ich komme einigermaßen schadlos in die Vertikale. Zumindest an Land.

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Nach einer brutalen Trainingseinheit von etwa 20 Minuten Dauer bin ich mit meinen Kräften am Ende. Aber Wayne hat sein Ziel erreicht: Mir ist warm. Höchste Zeit also, ins 14 Grad kalte Wasser zu gehen. Ich nehme mein Board unter den Arm – und komme mir mit einem Mal saucool vor. Ich singe meinen Song: „We used to wet our fingers on surfing magazines. Going to get a kombi and go from beach to beach, Be the kind of people the authorities can’t reach.“

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Als ich meinen nackten Fuß ins Wasser tauche, empfinde ich vor lauter Euphorie keine Spur von Kälte. Ich blicke auf die erhaben kahlen Felsen, die sich im Wasser aufbauen. Auf die vielen Menschen, die ebenso wie ich eine Welle erwischen wollen. Und erst als ich bis zum Bauchnabel im Atlantik versunken bin, halte ich inne: Wie soll ich es bloß schaffen, in diesem aufgewühlten Ozean auf diesem schmalen Brett zu stehen?

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Ich beschließe klein anzufangen: Auf die Welle warten. Ein wenig Anlauf nehmen. Und mich dann mit meinem Bauch ungelenk auf das Board plumpsen lassen. Schon der erste Versuch klappt nahezu perfekt. Bis auf die Tatsache, dass ich neben dem Board lande, von der Welle überspült und anschließend von der Strömung fast bis an den Strand gespült werde.

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Der Sechsjährige, der mich schon beim Aufwärmen etwas mitleidig beäugt hatte, schüttelt den Kopf. Doch ich lasse mich nicht entmutigen. Ich renne gegen das Meer an, wieder und wieder. Ich taumle, springe und japse nach Luft. Bald gelingt es mir, die Wellen so abzupassen, dass ich mich sogar traue, mich auf den Knien aufzurichten. Als ich mit einiger Geschwindigkeit an dem Knirps vorbeisurfe, strecke ich triumphierend die Hände in die Luft. Kannste mal sehen. Zwar scheitern alle Versuche, auch nur annähernd auf die Füße zu kommen. Doch als er meint, dass es nun mal bald genug sei, muss Wayne mich fast mit Gewalt aus dem Wasser zerren.

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Ein paar Minuten später stehe ich zitternd in Gerrys Bus. Er reicht mir eine Tasse Tee: „Du bist nicht der Erste, der hier die Zeit vergessen hat“, sagt er lächelnd. Wir sitzen im Obergeschoss seines Doppeldeckers und blicken auf die immer noch aufgewühlte See. Den Bus hat Gerry 2011 in Dublin erstanden. Damals wusste er schon, dass seine Surfschule am Keel Beach eine Zukunft haben würde. „Die Bucht“, sagt er, „ist nach Westen und Süden offen. Wellen haben wir fast immer hier“.

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Er selbst stammt aus Belfast und surft schon seit mehr als 20 Jahren. „Seit es preiswerte Wetsuits gibt, ist der Sport hier durch die Decke gegangen.“ Nicht nur auf Achill Island, wo die Wellen eher moderat sind. Viel mehr ist die gesamte Küste voller Surfspots, die es ganz schön in sich haben. „Vor allem Sligo ist legendär.“ Die Wellen oben im Nordwesten werden von Kennern als „Prowlers“ (Herumtreiber) bezeichnet. Zwischen 40 und 50 Fuß werden sie hoch. Wie in Hawaii oder in Kalifornien. Ich denke, dass ich Robert Forster eine E-Mail schreiben werde. Schließlich gibt er hin und wieder Konzerte in Dublin. Und auf seinem ersten Soloalbum hat er als James Joyce posiert. Vielleicht wird er dann eines Tages singen: „Waimea. Mavericks. Byron Bay. Sligo.“

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Informationen:

Achill Island befindet sich im Westen Irlands etwa vier Autostunden von Dublin entfernt. Hier hat Heinrich Böll sein „Irisches Tagebuch“ geschrieben.

Gerry’s Surfschule heißt Blackfield Surf School, Gruppenkurse kosten ab 30 €, Privatstunden 55 €.

RobertForsterJamesJoyceDer Song „Surfing Magazines“ befindet sich auf dem Album „The Friends of Rachel Worth“ von den Go-Betweens (2004).


Ralf Johnen, Dezember 2013. Der Autor war auf Recherchereise in Irland. Der Trip wurde vom irischen Tourismusbüro unterstützt, das auch über die Teilnahme an einem Surfkurs in Irland informiert. 

Eine weitere Irlandgeschichte: Belfast und das Titanic-Museum.

 

 

 

 

 

 

 

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