Galerie
0 Kommentare

Mein Hurtigruten-Tagebuch. Tag 1: Bodø – Trollfjord

HurtigrutenTag121

Wir zerren unsere Rollkoffer über einen Eispanzer, der gerade von strömendem Regen geflutet wird. Rückenwind beschleunigt unseren Gang geringfügig. Nach einer Viertelstunde erreichen wir den Fähranleger von Bodø. Es ist Ende November und wir befinden uns im Norden Norwegens. HurtigrutenTag103

Das Licht ist diffus, obwohl die Uhr halb zwei am Nachmittag anzeigt. Und wir sind glücklich, dass wir die MS Finnmarken erreicht haben. Das Flaggschiff der Hurtigruten wird uns die nächsten Tage beherbergen und bis an die russische Grenze bringen.  

HurtigrutenTag104

Der Check-in im Bauch des Schiffes verläuft unbürokratisch. Ein Ausweis. Eine Kreditkarte. Keine Paranoia. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Bald stehen wir in unserer Kabine.  

HurtigrutenTag105

Noch bevor der Kahn um 15 Uhr ablegt, inspizieren wir Deck 7: Zwei Hot Pods, ein Pool. Keine Passagiere. Eine schöne Vorstellung, aus dem Whirlpool auf die Hafen- und Universitätsstadt zu blicken, hinter der sich schneebedeckte Berge aufbauen, die vereinzelt von Skipisten durchzogen werden.

HurtigrutenTag216

Als um 15 Uhr das Schiffshorn ertönt, konstatiere ich zu meiner Verwunderung: Es ist heller geworden. Nur eine Nuance, doch kurz bevor sich der Tag endgültig verabschiedet, ist die Wolkendecke aufgerissen. Fragmente der Dämmerung sind zu sehen.  

Hurtig11

Als die Finnmarken ausläuft, nehmen wir auf Deck 8 Platz. Umgeben von Panoramafenstern, mit Ohrensesseln und in Gesellschaft einiger anderer Passagiere, die versonnen nach draußen blicken und sich das Ihre zu der urban-arktischen Umgebung denken.  

HurtigrutenTag108

Seit 1893 schon haben die Hurtigruten diesen abgelegenen Teil Norwegens erschlossen. Die heute aus zwölf Schiffen bestehende Flotte transportiert Waren, Autos und schon seit den Anfangstagen auch Touristen.

Hurtigroute1Mit der Finnmarken zu den Lofoten

Während die Natur in Kanada oder Russland oberhalb des Polarkreises den rauen klimatischen Bedingungen nur mit einer tundraartigen Vegetation zu trotzen vermag und Permafrostboden die Erschließung fast unmöglich macht, versorgt der Golfstrom die Küste Norwegens mit immerhin so viel Wärme, dass das Meer nicht zufriert. Die Finnmarken nimmt Kurs auf die Lofoten. Ein altes Traumziel von mir, weil hier gigantische Kolonien von Papageientauchern leben. Die Inselgruppe liegt etwa vier Fahrstunden in nordwestlicher Richtung. Es ist zugleich die längste Strecke, die über offenes Meer führt.

Hurtigroute2

Ich starre schon seit einer Stunde in Richtung Süden, wo die Bergrücken immer noch ein bisschen Licht abbekommen. Zaghaft und blass, als wollte die Sonne noch einmal leise an ihre Vorzüge erinnern, ehe sie sich in wenigen Tagen zum letzten Male in diesem Jahr zeigt. Ich schrecke erst auf aus meiner Lethargie, als sich das Bordpersonal mit der Ansage meldet, dass es ruppig wird in den kommenden Stunden: Windstärke 8 bis 9. Es ist unsicher, ob wir im Hafen von Stamsund werden anlegen können.  Tatsächlich geht es anständig rauf und runter. Im Panoramadeck wird es leer. Ein anglophoner Kreuzfahrer mit Rauschebart kann sich bei der Flucht in seine Kabine nur an der Außenfront entlanghangeln. „I lost my sense of balance“, sagt er entschuldigend.

Hurtigroute1

Doch gegen 19 Uhr können wir anlegen. An Land wartet ein Bus. Trotz Dunkelheit und Schneedecke wirkt der Ort nicht sonderlich abgelegen. Wir fahren vorbei an hell erleuchteten Häusern. Wir passieren ein Autohaus und ein Fitnessstudio. Wir durchqueren Tunnels und wir passieren Brücken. Kristian ist an Bord gekommen, um uns ein wenig über seine Heimat zu erzählen. „Die Lofoten“, sagt er, „haben sich in den vergangenen 30 Jahren dramatisch verändert“. Die einst so abgelegenen Inseln sind heute untereinander und mit dem Festland verbunden. Bis zur nächsten Stadt nach Närvik aber bleiben es weit über 300 Kilometer. Trotz aller neuer Infrastruktur aber ist das Leben in seinen Grundfesten traditionell geblieben. Von Dezember bis März ist Fischfangsaison. „Früher“, sagt Kristian, „kamen bis zu 25 000 Männer hierhin, um ihr Glück zu suchen.“  

HurtigrutenTag112

In diesen Monaten hat das Wasser genau die richtige Temperatur für den arktischen Dorsch, den die Norweger Skrei nennen. Einst kam der Fisch in rauen Mengen vor, doch der Mensch hat es beim Fang auch hier übertrieben. Nun gelten strenge Quoten. Auch die nunmehr nur noch 2000 zugelassenen Fischer kommen auf ergiebige Quantitäten. Der Kabeljau wird zu Stockfisch verarbeitet. Eingeweide raus, dann für acht bis zehn Wochen auf die Holzgestelle, denen er seinen Namen verdankt. Danach ist er bis zu zehn Jahre haltbar. Er wird nach Italien exportiert, nach Portugal und sogar bis nach Nigeria, wo die Menschen ihn mit einigem Aufwand zubereiten: Bis zu eine Woche wässern, klopfen, dann kochen und schließlich braten oder frittieren. „Kein Fast Food“, sagt Kristian lakonisch.

HurtigrutenTag109

Rund 35 000 Menschen leben auf den Lofoten. Der Fischhandel ist noch immer der wichtigste Wirtschaftszweig. Doch der allgemeine Wohlstand des Landes hat das Leben hier auch im langen Winter um einiges erleichtert. Überhaupt scheint die Jahreszeit hier nicht als Last wahrgenommen zu werden: „Wir kochen. Wir pflegen Traditionen. Wir spielen.“ Und die Lofoter freuen sich über die Passagiere der Hurtigruten, die Abend für Abend das Wikingermuseum besuchen. 

HurtigrutenTag117

Der längliche Holzbau befindet sich auf einer Anhöhe mitten in der Pampa. Er ist mit allerlei Memorablia ausstaffiert: Fischskelette, Brettspiele, Werkzeuge. Die Besucher gruppieren sich um ein Lagerfeuer. Hier wird ihnen keine Kreuzfahrtilllusion verkauft. Viel mehr können sie sich einen groben Eindruck verschaffen, wie das Leben im hohen Norden früher einmal war.

HurtigrutenTag111

Das gilt auch für das Essen: Lammhaxe mit Gerste, Kohlrabi und Moltebeerenkompott. Alles Zutaten aus der Region. Dazu wird Met getrunken.  

HurtigrutenTag115

Nach Ende der Mahlzeit fahren wir zurück zum Schiff, das mittlerweile weitergefahren ist nach Svolvaer, dem größten Ort der Insel. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, die Lofoten, wo ich solange hinwollte, wieder zu verlassen.

HurtigrutenTag119

Zurück an Bord aber wartet Entschädigung. Die Finnmarken nämlich passiert auf dem Weg nach Norden den Trollfjord, eine zwei Kilometer tiefe und nur 60 Meter breite Meereseinbuchtung, die an beiden Seiten von bis zu 1000 Meter hohen Bergen flankiert wird. Die nahende Ankunft wird an Bord mit Fischküchlein und Punsch regelrecht zelebriert. Dazu gibt der Mond sein Bestes, den Fjord zu erleuchten.

HurtigrutenTag122

Doch weil sich nicht alle Schneeflocken vertreiben lassen, wirft die Crew die Suchscheinwerfer an. Nach vielen Ahhs und Ohhs kann die Nacht beginnen. Ungefähr zehn Stunden nach Einbruch der Dunkelheit.

HurtigrutenTag123

Die Fortsetzung folgt hier.
Der Autor war auf Einladung von Hurtigruten an Bord.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.