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Mein Hurtigruten-Tagebuch. Tag 3: Von Hammerfest zum Nordkap

„Hier oben“, sagt Kai Albrigtsen, „wächst gar nichts mehr“. Leicht versonnen blicken wir aus den Fenstern auf kahle, weiße Berge. Der Kapitän der MS Finnmarken erklärt, dass wir uns jenseits des 70. Breitengrades befinden. In einem Landstrich ohne Bäume und Sträucher. Vor etwas mehr als drei Stunden haben wir den Hafen von Hammerfest verlassen. Das ist der Ort, der in meinem Schulatlas etwas inakkurat als nördlichster Hafen Kontinentaleuropas ausgewiesen war.

Hurtigruten-Tagebuch

Es ist kurz vor 10 Uhr und das Licht ist deutlich anders, als an den beiden vorangegangenen Tagen: Trotz der erheblichen Erdkrümmung gelingt es der Sonne, einige Strahlen in den hohen Norden zu senden. An diesem Naturereignis, sagt Albrigtsen, kann er sich nicht sattsehen.

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Wir stehen auf der Brücke der MS Finnmarken, wo der freundliche Norweger das Schiff gemeinsam mit der Ersten Offizierin Ina Clemens steuert. Er ist ein freundlicher Mann von eher zierlicher Statur, der sein gesamtes Leben den Hurtigruten verschrieben hat.

Hurtigruten-Tagebuch

„Angefangen habe ich als Küchenjunge. Doch als ich älter wurde, bin ich zu der Einsicht gelangt, dass ich das nicht dauerhaft machen möchte.“ Also hat er die Marineschule besucht. Und seit einer Handvoll Jahren ist er Kapitän dieses beachtlichen Schiffes.

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Bis nach Australien hat Albrigtsen die MS Finnmarken bereits navigiert. Dort ist sie einige Zeit fremdgegangen, als die Hurtigruten leichte Überkapazität hatten. Über die Jahre ist das Schiff für ihn eine Art Zuhause geworden.

Hurtigruten Tag 306

Albrigtsen speist im Bordrestaurant. Er nutzt den Whirlpool auf Deck 7 und auch das angrenzende Fitnessstudio – schließlich dauert sein Dienst stolze 22 Tage. Da will etwas Bewegung den Geist frisch halten. „Es ist ein Lebensstil“, sagt der 49-Jährige. „Wenn ich – ebenfalls 22 Tage – daheim bin, habe ich meine Familie. Und hier auch.“

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Heute navigiert Albrigtsen die Finnmarken hinauf zum Nordkap. Der Himmel ist klar, das Wasser ruhig. Ideale Bedingungen für die Tour durch die vereiste Landschaft. Das ist nicht immer so: „Wenn der Wind aus Südwest kommt, ist es eine Herausforderung.“ Dann können die fünf Propeller nur Schwer der Strömung standhalten. Das Schiff droht abzudriften.

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In Richtung der nahen Felswände, durch Wasser, das auch im Sommer nicht wärmer als sechs bis sieben Grad warm wird. Höchste Konzentration ist dann gefragt, denn die Gefahr ist größer als Sturm auf hoher See. „Das Schiff, kommt auch bei 50 Meter hohen Wellen noch nicht in Probleme.“

Hurtigruten-Tagebuch

Im Frühjahr, sagt Albrigtsen, queren an dieser Stelle häufiger Rentiere und Elche das Wasser. Sie vertrauen darauf, dass auf den Inseln im Westen ausreichend Nahrung zu finden ist. Im Winter hingegen kann es so garstig sein, dass die Finnmarken als Rettungsboot fungiert.

Hurtigruten Tag 310

Einmal hat Albrigtsen die Besatzung eines französischen Expeditionsbootes aufgespürt, das in Not geraten war. Kaum vorstellbar an diesem Tag, an dem er und seine Assistentin Ina gemächlich in Richtung Honningsvåg steuern. Hier legen wir gegen Mittag an. Wieder einmal weiß ich nicht, ob es gerade hell oder dunkel wird.

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Es ist der nördlichste Hafen der Hurtigruten, gelegen auf der Insel Máhkarávju. Rund 3500 Menschen sind hier zuhause. Honningsvåg verfügt über ein Krankenhaus, einen Supermarkt, einen Flugplatz und über die nördlichste Tankstelle Europas.

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Wenn es das Wetter erlaubt, schlendern die Passagiere der Hurtigruten Tag für Tag zu einem Busterminal, das sie durch die karge Landschaft zum Nordkap kutschiert.

Hurtigruten Tag 323

Die letzten zwölf Kilometer, die durch bergiges Terrain führen, wird der Bus von einem Schneepflug begleitet. Die Fahrt dauert 40 Minuten.

Hurtigruten Tag 325

Sie endet vor einem Besucherzentrum mit bizarrem Tiefgang. Auf vier Etagen haben die Norweger hier einen Polarlichtsimulationsraum, ein 3D-Kino, ein Thai-Museum (!) und einen riesigen Memorablia-Laden in die Erde gegraben.

Hurtigruten Tag 326

Draußen weht ein empfindlich kalter Südwind. Das ist die mildere Wettervariante, doch obwohl das Thermometer nur ein paar Grad unter Null anzeigt, ist es auch in einer Schutzhülle aus winterlicher Funktionskleidung kaum auszuhalten.

Hurtigruten Tag 327

Auf der letzten Landzunge steht die Skulptur eines Globus, der das Ende der Welt stilisiert. Ein tolles Fotomotiv vor allem dann, wenn die Mitternachtssonne über dem Norden steht.

Hurtigruten Tag 328

Davon sind wir weit entfernt, denn heute ist der 24. November – und somit der vorletzte Tag, an dem sich die Sonne wenigstens für ein paar Minuten über den Horizont erhebt. Es ist ein beruhigender Gedanke, dass das riesige Land hier endet und keine Menschen in noch kälteren und dunkleren Gefilden leben.

Hurtigruten Tag 331

Am Abend wird die Küchencrew ein Meeresfrüchtebüffet auffahren.

Hurtigruten Tag 332

Mit King Crab, der aus dem Osten Russlands eingeführten Delikatesse, die langsam die Vorherrschaft auch über diesen Teil der arktischen Gewässer übernommen hat.

Hurtigruten Tag 333

Nicht ohne Sinn für Show werden die Passagiere schon vorab mit dem Tier vertraut gemacht: Ein Fischer nähert sich der Finnmarken, um diese in Begleitung zweier ausgewachsener Königskrabben zu entern.

Hurtigruten Tag 334

Er erzählt allerlei über die Tiere und ihren Siegeszug, der einem Mangel an natürlichen Feinden geschuldet ist – und der die heimischen Arten zusehends gefährdet.

Hurtigruten Tag 336

Bei Tisch ist die Stimmung an Bord gemäßigt festlich, es gilt das Erreichen des nördlichsten Punktes der Reise auch kulinarisch zu zelebrieren. Das Dinner verläuft unaufgeregt. Gegen 20.30 Uhr aber ist die Gesellschaft in blitzartigem Aufbruch begriffen. Alle springen von ihren Plätzen auf, stürmen ihre Kabinen, holen Mäntel, Kameras, Handschuhe und Mützen, und bringen sich auf Deck 5 und 8 in Stellung.

Hurtigruten Tag 337

Was passiert ist? Nun, aus den Lautsprechern ist die Durchsage gedrungen, dass das Personal auf der Brücke an Steuerbord gewisse Aktivitäten beobachtet hat: „There are some northern lights!“ Im späten Herbst für die meisten Passagiere die Hauptattraktion der Reise.Ein Steward hält die Massenflucht auf seinem Mobiltelefon fest – für Norweger scheint die Hysterie nur schwer greifbar. „Nice way to clear the tables“, sage ich im Vorbeigehen, womit ich ein Schmunzeln ernte.

Hurtigruten Tag 338

Einmal draußen sehe ich, dass die Crew alle Lichter abgeschaltet hat, um die Sicht zu optimieren. Mit unseren Weingläsern noch in der Hand, stellt sich jedoch bald Ernüchterung ein: Außer ein paar blassen Sternen ist nicht viel zu sehen. Ich, der stoisch mit Kamera in den Himmel gezielt hat, suche nun meine Begleitung, die verschwunden ist. Bald höre ich ihr Lachen: Sie hat sich in der Dunkelheit in die Arme eines älteren Herren begeben, der ungefähr meine Statur hat. Nun schämt sie sich grad ein klein wenig – während der ältere Herr sich geschmeichelt fühlt.

Hurtigruten-Tagebuch

Wir trinken den Rest unseres Rieslings abermals an Deck 8. Ich fotografiere noch den einsamen Hafen von Berlevåg. Ein Dorf, das sich für seine sommerlichen Naturerlebnisse rühmt. Inzwischen bin ich soweit, dass ich wiederkommen möchte. Wegen der Mitternachtssonne. Aber auch, um das Polarlicht weiter zu jagen. Ich denke: Noch haben wir ja einen Tag im hohen Norden.

Ralf Johnen, Dezember 2013. Der Autor war auf Einladung von Hurtigruten auf Recherchereise. 

Teil 1 des Tagbuchs

Teil 2
 

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