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Mein Hurtigruten-Tagebuch. Teil 2: Vom Trollfjord nach Tromsø

Auf meinem Teller befindet sich eine Komposition aus Roter Beete, eingelegtem Hering, geräucherter Makrele und ein wenig Smörrebröd. Ein Frühstück für Champions, das ich mit Grünem Tee bedächtig zu mir nehme. Es ist halb zehn und es schneit heftig. Das Licht ist wie gehabt: diffus. Und obwohl wir nah an der Küste entlangfahren, ist außer Bergen,  Schnee und aufgewühltem Wasser nicht viel zu sehen.

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Wir überlegen, ob wir die widrigen Bedingungen für einen Sprung in den Whirlpool nutzen, doch wir entscheiden uns für Latte Macchiato an Deck 7. Urlaub bedeutet schließlich auch, die Zeitung von vorgestern zu lesen. An einem ruhigen Ort.

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Als die Finnmarken wenig später in dem kleinen Städtchen Finnsnes anlegt, gehen wir kurz von Bord. Zum Herumtoben – es ist schließlich der erste Neuschnee des Winters.

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Ein freundlicher Norweger beobachtet uns und kommt auf uns zu. Er sagt „hello“, drückt mir eine Papprolle in die Hand und schlendert zurück in sein hell beleuchtetes Hafenkontor.

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Erst viel später sehe ich, dass er mir ein Nostalgieposter geschenkt hat, dass die Hurtigruten als  unverzichtbare Lebensader der Region ausweist. Nach 20 Minuten ertönt das Schiffshorn wieder. Für einen Moment bricht die Wolkendecke auf. Ich frage mich, ob der Tag doch noch anbricht.

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Die Illusion aber währt nicht lange.

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Nun steuern wir auf eine Brücke zu. Ein schmales Bauwerk, dessen Bogen auffällig steil ausfällt, weil die Schiffe der Hurtigruten drunter durchpassen müssen. Die mit 1500 Metern zu den längsten Pfeilerbrücken der Welt zählende Konstruktion nämlich verbindet das Festland mit Senja, der zweitgrößten Insel des Landes. Ein Umweg wäre da unpässlich. 

HurtigrutenTag213

Als es schon längst wieder dämmert, erreichen wir Tromsø. Wir befinden uns 344 Kilometer nördlich des Polarkreises, in einer Stadt mit 70 000 Einwohnern, die in der kommenden Woche in der Europa League gegen Tottenham Hotspur antritt und die Heimat der nördlichsten Universität der Welt ist.

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Wir sehen steile Berge, in die Skipisten hineingefräst sind. Wir sehen wieder eine dieser Brücken, die in Form eines Kamelbuckels den Gisund überspannt – und die sich kein anderes Land der Welt leisten würde. Schließlich fällt unser Blick auf eine Kathedrale, die natürlich die nördlichste der Welt ist. Sie wird die „Arktische Kathedrale“ genannt. 

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Trotz aller Superlative entscheiden wir uns gegen eine Stadtbesichtigung und für einen Ausflug. Zwar fährt der Bus durch die City, doch die Scheiben sind derart zugefroren, dass wir kaum einen Eindruck von der Stadt bekommen – außer vielleicht, dass der Verkehr einer Großstadt durchaus würdig ist.

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Der Bus ist bis auf den letzten Platz gefüllt mit Passagieren, die ein gemeinsames Ziel haben: die Hundeschlittenfarm auf der nahen Walinsel. Die Bedingungen in Villmarkssenter sind perfekt. Als wir nach 45 Minuten bei den Huskies arrivieren, hat es mehr als 30 Zentimeter Neuschnee. Mit Schneeanzügen und Stiefel, die man wohl am ehesten als Moon Boots bezeichnen kann, wähnen wir uns gerüstet für eine Reise bis zum Nordkap.

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Eine winterliche Kakophonie

Die 300 Huskies heulen, jaulen, winseln, und knurren, wobei sie allerlei kapriziöse Posen einnehmen. Vorzugsweise stützen sie sich mit den Vorderbeinen auf einer Holzkiste ab, um die Schnauzen melodramatisch gen Himmel strecken. Vor allem aber bellen sie. Eine winterliche Kakophonie.

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Weil die Uhr schon 15.30 Uhr anzeigt, ist er längst zappenduster, als Kristina unseren Schlitten vorbereitet. Sie ist ein junges Mädchen mit blonden Haaren. Sie stammt aus dem hohen Norden und verbringt ihren ersten Winter auf der Farm, wo sie auch lebt.

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Kristina hat ihre drei eigenen Hunde mitgebracht, wovon sie zwei vor unseren Schlitten spannt. Gemeinsam mit acht Artgenossen bilden sie das Gespann, das sich auf Kommando in Bewegung setzt. Erst langsam. Dann plötzlich.

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Auf der Strecke angelangt wird es schlagartig still. Die Tiere brauchen ihre Luft zum Atmen, um den mit drei Mann besetzte Schlitten durch den notdürftig vorgespurten Tiefschnee zu zerren. Dicke Schneeflocken treffen unweigerlich auf die ungeschützten Augen. Auf einmal sehe ich links von mir zwei weitere Hunde die scheinbar überholen wollen, obwohl sie wissen, dass dafür kein Platz ist. Der Übermut des frühen Winters – oder auch der Jugend, das weiß nicht einmal Kristina genau.

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Fünf Kilometer in 45 Minuten sollen wir zurücklegen. Die einzige Lichtquelle bildet eine Stirnleuchte. Kristina erzählt vom einfachen Leben, von der großen Kraft der Hunde, vom langen Winter, den sie liebt und zum Ski- und Schlittschuhlaufen nutzt. Mitten im Satz kommen wir mit einem Ruck zum Stillstand. Die Hunde haben den Schlitten gegen eine Birke gesteuert. Wir hängen fest und kommen erst wieder los, als es Kristina und mir gelingt, den Schlitten gegen den Druck der Hunde zu versetzen. Dadurch können die Huskies voll abgehen und Kristina, mit den Zügeln in der Hand, wird umgerissen.

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Nur Sekundenbruchteile später hängen wir wieder fest. Jetzt hat sich der Anker des Schlittens um die Birke gewickelt. Wieder stehen wir bis zu den Knien im Schnee, um das vermaledeite Ding zu lösen. Nach ein paar Minuten – hinter uns hat sich ein veritabler Stau gebildet – gelingt uns das endlich. Kristina mag diesen Baum nicht sonderlich. Aber sie nimmt es hin, sich gelegentlich kleinere Verletzungen zuzuziehen. Das gehört zum Leben an der frischen Luft.

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Arktisches Winterwunderland

Mit dem Wind nun im Rücken, genießen wir die lautlose Spritztour durch das arktische Winterwunderland. Zurück im Camp werden wir in eine traditionelle Hütte geleitet, wie sie der im hohen Norden lebende Volksstamm der  Samen früher gebaut hat.

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Wir erhalten köstlichen Schokoladenkuchen und heißen Tee. Max, ein hochgewachsener Däne, der hier im Winter sein Geld verdient, erklärt uns, dass die meisten Nicht-Kreuzfahrer nach Kvaløysletta kommen, um das Polarlicht zu sehen. Im Giftshop schaue ich ein wenig sehnsuchtsvoll auf die Fotos, auf denen grünlich-weißliche Schleier zu sehen sind.

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An Tisch 35 des Bordrestaurants lernen wir Ellie aus England kennen. Bei Blumenkohlsuppe und arktischem Saibling erzählt sie uns von ihrem ersten Arbeitstag als Journalistin. An dem Tag, als sie bei einem Lokalblatt in Plymouth angefangen hat, war einem Fischer ein Lobster in Netz gegangen, der in seinen Zangen eine Brieftasche eingeklemmt hatte.

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Darin befand sich tatsächlich der noch lesbare Ausweis eines Mannes, den Ellie nun ausfindig machen sollte. Das gelang ihr, doch der Mann entpuppte sich als Kleinkrimineller, der sich ständig vor Gericht verantworten musste, der sich sehr an der jungen Reporterin interessiert zeigte und nichts gegen einen hübschen Auftritt in der Zeitung hatte. Später wurde Ellie Gerichtsreporterin – und der Mann winkte ihr regelmäßig von der Anklagebank aus zu, wobei er sich einen Spaß daraus gemacht hat, mit den Händen die Bewegungen von Hummerscheren zu imitieren.

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Wir lachen uns fett bei dieser Story. Nach dem Dessert und einer leckeren Flasche Riesling ziehen wir uns auf Deck 8 zurück, um die Zeitung von vorgestern weiterzulesen. Immer wieder blicke ich aus hoffnungsvoll aus dem Fenster: Finsternis. Lediglich wenn wir wieder einen Mini-Hafen ansteuern, um eine Handvoll Paletten auszuspucken, sehe ich Licht. Ich frage mich, ob ich diese Orte wohl jemals wieder zu Gesicht bekommen werde.

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Wird fortgesetzt. Zu Teil 1 des Tagebuchs geht es hier

Ralf Johnen, Dezember 2013. Der Autor war zu Recherchezwecken auf Einladung von Hurtigruten an Bord.

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