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Earth, Wind and Fire – Unter Segeln zur Vulkaninsel Stromboli in Italien

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„Er hatte vorne eine Haartolle und sonst eine Glatze“, sagt Andreas Steidle-Sailer, „und wenn man ihn erst von hinten packen wollte, hat man ihn nicht mehr gekriegt.“ Ich treffe den Schiffseigner an Bord des Zweimast-Seglers.

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Bordsprache des zierlichen Schoners ist offziell Deutsch, praktisch – wenn nur deutsche Gäste dabei sind – und Dutzen ist Ehrersache. Andreas also, rede ich den massigen Mann mit den grau melierten Locken und den Riesenpranken an, der da vom Gott des günstigen Augenblicks redet, dem, der in der griechischen Mythologie vorkommt.

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Dass er dies tut, hat natürlich einen handfesten Grund. Nach jenem Gott, der als Kairós bekannt ist, benannte Andreas seinen Segler. Kairós, das ist die Personifikation des Moments im Leben, der erkannt werden will und dem mitunter zugeschrieben wird, etwas verpasst zu haben, hat man ihn nicht ergriffen. Die schiffgewordene Version liegt nun vertäut vor uns, ein weitgehend authentischer Nachbau eines klassischen Renn-Schoners im Stil der 1920er Jahre, 38 Meter lang.

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„Delfine!“, ruft jemand an Deck, als die Kairós die Kaimauern von Syrakus längst passiert hat. In einiger Entfernung spielen ein paar Tümmler in der Dünung, Rückenflossen ragen aus den Fluten. 556 Quadratmeter Segelfläche stehen im rauen Wind.

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Dann die Sturmwarnung. Windstärke acht würde uns erwarten in der Straße von Messina, die Sizilien vom Rest Italiens trennt. „In der fernen Vergangenheit gab es hier Tsunamis mit 100 Meter hohen Wellen“, sagt Andreas. Er steht breitbeinig auf dem Achterdeck, seine Locken tanzen im Wind. Ganz so schlimm wie damals wird es nicht kommen, aber immerhin ist die Meerenge vielbefahren. Abwarten heißt es jetzt, den ersten günstigen Augenblick dieses Törns.

IMG_2579Seine liebe Mühe mit der Meerenge hatte während seiner großen Irrfahrt in der Antike auch Odysseus. Vor der Durchfahrt wurde er gewarnt vor Skylla, der „Zurückgebenden“ und Charybdis, der „Einsaugenden“. Skylla war ein Ungeheuer mit zwölf Schlangenhälsen, das aus einer Höhle nach Delfinen und Seeleuten schnappte; als Charybdis wurde ein Strudel bezeichnet, der mit gierigem Rachen alle Schiffe verschlang.

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Die Gegend mit ihren Strömungen und Wirbeln galt lange Zeit als gefährliches Fahrgebiet. Ein Erdbeben veränderte im 18. Jahrhundert dann den Meeresboden. Heute können Kite-Surfer den Tanz mit den Wellen wagen.

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In der Nacht war der griechische Gott der Winde, Aiolos, gnädig: Es hat kaum Wind gegeben, mit Hilfsmotor konnte der Schoner die Passage durchfahren. Am Morgen rasselt der Anker lautstark in die Tiefe. Kurz darauf treten die ersten Gäste mit verschlafenen Knautschgesichtern aufs Achterdeck und rümpfen die Nase. Es weht ein laues Lüftchen, mir steigt ein Geruch in die Nase, der nach faulen Eiern riecht: eindeutig Schwefel.

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Der Gestank wabert von der Insel Vulcano herüber. Wer an den Mythos glaubt, weiß: Im Innern der Vulkane hatte der Feuergott Hephaistos hier seine Schmiede, in der er mit seinem Gesellen, einem Zyklopen, gleißende Schwerte für die anderen Götter fertigte. Auch diesen Schwank hat Schiffseigner Andreas beim Frühstück, das dummerweise zu 95 Prozent aus Eiern besteht, auf dem Kasten.

Der Ätna

Der Ätna

Am Tisch sitzt auch Danny Schaffert. Er ist Geologe und hat für diesen „Vulkantörn“ angeheuert, um den Gästen das Anliegen der Themenreise näher zu bringen: „Die Dämpfe treten aus so genannten Fumarolen aus.“ Dass die Liparischen Inseln ihre Existenz der „konvergierenden Bewegung“ der afrikanischen und eurasischen Kontinentalplatten zu verdanken haben (Geologen sprechen von der Comiso-Messina-Linie). Dass die älteste über eine Million, die jüngste „nur“ 60 000 Jahre alt sei. Dass der Fachbegriff für sämtliches Auswurfmaterial „pyroklastisch“ heiße. Dass es in der Region noch vier aktive Vulkane gebe, nämlich Ätna, Stromboli, Vulcano und den Vesuv nahe Neapel als gefährlichstem. Mit diesem Wissen macht er seinen Job gut.

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So ganz ohne scheint aber auch der Cran Cratere auf Vulcano nicht zu sein. Wir machen uns an den Landgang. Während die Kairós auf mich und den Rest im klaren Wasser wartet, sind wir bald von dichten Rauchschwaden umhüllt. Aus Spalten und Furchen röchelt und raucht es. Auf grauem, sandigen Untergrund geht es steil bergauf. Immerhin 391 Höhenmeter sind möglich. „Wir laufen auf den Resten des letzten Ascheregens nach dem Ausbruch vor 300 000 Jahren“, sagt Danny der neben mir bergauf keucht.

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Die Eruption war einst so stark, dass sie die Insel überhaupt erst aus dem Meer hob. Es geht über ein Geröllfeld, Familien mit Sonnenhüten und knochige Wanderer kommen uns entgegen. Am Wegesrand lassen sich Vulkangesteine wie Trachyt, Rhyolith, Obsidian und Bimsstein finden, teils in der kaufbaren Version als Souvenir. Büsche und Bäume bald nicht mehr.

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„Donnerwetter, hier ist ja was los.“ Geologe Danny steht am Kraterrand. An den Hängen zischt und röchelt es, dort wo der heiße Dampf aus kleinen Öffnungen zu Tage tritt, bilden sich feinste Schwefelkristalle, zart wie Nadeln, leuchtend gelb und wunderschön.

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„Den letzten Rums hat es hier 1890 gemacht. Innerhalb der nächsten 100 Jahre wird er wieder ausbrechen.“ Dannys Stirn schlägt Falten. Ich stehe neben ihm, atme Schwefel und muss die Kulisse erst einmal verarbeiten.

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Der Kraterrand auf Vulcano ist der schönste Panoramapunkt der Liparischen Inselwelt. Von hier aus sieht man sie alle: Lipari im Vordergrund, links daneben Salina. Stromboli, das aktivste unter den brodelnden Eilanden, ist im Dunst nur schemenhaft auszumachen. Im Inselhafen Porto di Levante wartet immer noch die Kairós, klein wie ein Spielzeug.

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Dann rasselt die Ankerkette zurück in den Schiffsbug. So relativ die Zeit für den Bord-Geologen ist, so irrelevant wird sie auf der Kairós für die Gäste. „Stundenlang könnte ich hier so sitzen.“ Erika, eine ehemalige Bibliothekarin aus Bremen, die mit ihrem Mann schon auf vielen Törns war, macht das Abhängen an Deck ganz versonnen – wenn sie es nicht vorher ohnehin schon war. Sie sitzt an Deck, und genießt mit geschlossenen Augen Sonne und Fahrtwind, komischerweise selbst als der Schoner krachend in die Wellentäler hinabstürzt.

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Andere liegen auf dem Rücken und schauen die Takelage empor oder wagen sich auf den Bugsprit und spreizen zusammen dem Schiffseigner die Arme, das sieht dann so aus wie die bekannte Kitsch-Szene mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet aus „Titanic“. Auch mir lässt Andreas diese Erfahrung an der Schiffsspitze angedeihen.

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Maximal 20 Segelfreunde kann die Kairós aufnehmen. Die recht großen Doppelkabinen sind einzeln buchbar. Wer will, kann Hand anlegen. Die elektrische Winsch betätigen, mit der die Segel gesetzt und eingeholt werden. Oder das Steuer halten. „Betreutes Segeln“, nennt Andreas sein Angebot, lacht sein lautes Seebärenlachen, und beisst sich mit angezogenen Schultern sogleich auf die Zunge, weil er die Törns auf seiner Kairós so auf keinen Fall beworben wissen möchte. Eher als die intime Alternative zu den großen Kreuzfahrtschiffen. „Wir haben keine festen Fahrpläne“, sagt er, „all das erzeugt schnell ein Urlaubsgefühl.“

IMG_2244Wer will, kann den Segeltörn aber auch als Bildungsreise verstehen. Denn sie vermittelt auch ein Gefühl für die erdgeschichtliche Vergangenheit der Inselwelt. Mit seinem Geländebrett steht Geologe Danny an der Reling, macht Zeichnungen, um die geologische Genese zu veranschaulichen.

IMG_2240Steine in Kissenform entstünden, wenn Lava unter Wasser emporkommt und dort schnell abkühle. „Dort sind sie gut zu sehen“, sagt er, als die Kairós an den Ufern Liparis, der größten der sieben Schwesterinseln, entlang gleitet, Formationen, die vor 160 000 Jahren noch unter Wasser lagen und der Meeresspiegel rund 35 Meter höher war.

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In einer Bucht vor einem stillgelegten Steinbruch für Bims geht die Kairós erneut vor Anker. Einst wurde Geld gemacht mit dem dämmstarken Material, doch schon längst kann Ersatz künstlich hergestellt werden. Der helle Stein färbt das Wasser karibisch türkis.

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Ich steige mit einem anderen Gast die Admiralsleiter hinab, schon jammern wir beide. Das Wasser ist noch eiskalt in diesen Tagen des Frühjahrs. Das Bad versüßt eine Karettschildkröte, die kurz neben uns auf- und sogleich wieder abtaucht.

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Dann der nächste Landgang. Ein Stück Bilderbuchitalien wartet: Lipari, der Ort der gleichnamigen Insel. Motorroller knattern über altes Pflaster, alte Männer sitzen in Hauseingängen vor hölzernen Türen, von denen sich Placken bunter Farbe lösen, neue wird für die Saison an Fassaden und Türen gepinselt.

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Wer durch die engen Gassen wandert, sollte sich mit Kapern eindecken. In Essig eingelegt oder schlicht mit Mengen an Salz konserviert – hier werden sie säckeweise verkauft. Es sollen die besten sein, glaubt man den Inselbewohnern. Ich schlage zu. Drei Säcke verfrachte ich aufs Beiboot.

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„Sieben Perlen“ – so werden die Vulkaninseln im Tyrrhenischen Meer Vulcano, Panarea, Stromboli, Alicudi, Filicudi, Salina und Lipari auch genannt. Nicht alle können auf dem sechstägigen Törn an Bord der angesteuert werden.

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Doch die Vulkaninsel Stromboli in Italien darf nicht fehlen. In der Abenddämmerung, als die Sonne als Vorbote wie eine glühende Lavakugel mit dem Horizont verschmilzt, wird Kurs auf „den runden Leuchtturm des Mittelmeeres“ genommen. „Am Stromboli, sehen wir da was?“, fragt Andreas in die Runde. Danny nickt.

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Dann liegt die Kairós vor einer schwarzen Wand. Es ist die Nordwestflanke der Vulkaninsel, die berüchtigte „Sciara di Fuocu“ – Straße des Feuers. Die Brandung raunt und legt sich im Mondschein wie ein leuchtender Saum vor die Insel. „Jetzt“, ruft Andreas. Er hat Bange, dass die Gäste das evidente Schauspiel verpassen könnten. Lavaklumpen, groß wie Medizinbälle, auch größer und kleiner werden über den Kraterrand geschleudert. Glühendes Lametta schießt in den Nachthimmel und verglimmt.

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Zeitversetzt erreicht das Schiff der Schall: erst ein Grollen, dann ein tiefes Fauchen, sobald einer der Klumpen die Feuerwand hinab rollt und ins Wasser klatscht. „Seit 2000 Jahren spuckt der Stromboli“, sagt Geologe Danny. „Es ist der einzige Vulkan weltweit, der so oft und kontrolliert ausbricht.“ In Ölzeug gehüllt stehen die Gäste in einer Reihe an der Reling. Es ist ein empfindlich kühler Wind aufgekommen. Es ist trotzdem ein günstiger Moment, und man muss ausnahmsweise keinen Finger rühren und einfach nur hinsehen.

Stefan Weißenborn, März 2014. Der Autor war auf Einladung von Sailing Classics unterwegs.

Information:

Die Region

Die Liparischen – oder Äolischen Inseln liegen nördlich von Sizilien im Tyrrhenischen Meer genannten Teil des Mittelmeeres. Die Gruppe gehört seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe und umfasst sieben bewohnte Eilande – Lipari, Vulcano und Salina sind die größeren, Alicudi, Filicudi, Panarea und Stromboli die kleineren. Der gleichnamige Vulkan Stromboli ist ständig aktiv, was in der Vukanologie als weltweit einzigartig gilt.

Das Schiff

Die Kairós hat zehn, für diese Schiffsklasse vergleichsweise geräumige Doppelkabinen mit je eigenem Duschbad. In die Wände und unter die Betten sind praktische, fest verschließbare Fächer eingelassen. Bei Seegang purzelt so nichts umher. Bettlaken und Handtücher liegen bereit.  Nach draußen blicken die Gäste durch ein kleines Bullauge. Es gibt 230 V-Strom, die Leistung der Generatoren wird nachts und während des Segelns herunterfahren. Alle Räume unter Deck sind mit einer individuell regelbaren Klimaanlage und Heizung ausgestattet. Die Bordwährung ist Euro. Bei der Anreise wird für jeden Gast eine Art Konto eröffnet, mit dem alle persönlichen Ausgaben – für Landausflüge oder alkoholische Getränke –  bestritten werden.

Anreise

Flug nach Catania, zum Beispiel mit TuiFly. In Syrakus wird ausgeschifft.

Weitere Informationen im Internet (www.sailing-classics.com) oder unter +49 (0) 711/674 96 00.

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