Galerie
1 Kommentar

42 Stunden Schienenklappern – Zugreise auf die Halbinsel Krim (Teil 1)

IMG_0658

Herr Kottik ist mittlerweile tot. Ich erinnere mich aber gut an ihn. Damals in den 1980er Jahren kam er immer herübergeknarrt. So nahm ich es wahr, wenn der Nachbar den kleinen Weg zur Haustür meiner Großeltern entlang humpelte. Er trug immer eine blaue Arbeitslatzhose und klobige Lederschuhe. Und ließ sich dann knarrend wie ein alter Ledersattel am Küchentisch nieder, um Oma und Opa zu fragen, ob er nicht etwas mitbringen könne.

Vor allem, als meine Großeltern aus gesundheitlichen Gründen ihr Auto abgegeben hatten, waren sie froh, Herrn Kottik zu haben. Mit ein paar Notizen mehr auf seinem Einkaufszettel stemmte der sich jedes Mal wieder auf seine Beine und knarrte davon. Herr Kottik hatte eine Beinprothese – irgendwo ab unterhalb des Knies, welches Bein, weiß ich nicht mehr.

Einmal schenkte ihm Oma ein Bier ein, und er erzählte seine Geschichte. Auf der Krim hatte Herr Kottik sein Bein verloren. Im Zweiten Weltkrieg. Fast hätte ihn die Verwundung das Leben gekostet. Doch er hatte Glück. Als Verwundeter wurde er aus dem Lazarett in die Heimat ausgeflogen. „Mehlwürmer haben mir das Leben gerettet.“ Dieser Satz, den Herr Kottik sagte, brannte sich mir damals ein. Irgendwelche Larven hatten sich in der Wunde eingenistet, Gewebe gefressen und Herrn Kottik so vor einer Infektion bewahrt, die er geschwächt nicht überstanden hätte. So erzählte er es, und mir lief ein Schauder den Rücken runter.

Ich stellte mir damals als Junge bildlich vor, wie sein verlorenes Bein da so verloren auf der Krim rumliegen würde, und wie es da wohl so aussähe auf der Krim. Das war der Keim für eine Reiselust, die Halbinsel im Schwarzen Meer irgendwann einmal zu besuchen.

70 Jahre ist Herrn Kottiks Kriegseinsatz her, und an seine Geschichte musste ich oft denken, als ich vor fast sieben Jahren mit dem Zug ab Berlin in über 40 Stunden nach Simferopol reiste. Ein Unternehmen, das ich heute angesichts der aktuellen Lage nicht wiederholen würde.

Damals hörte ich erstmals von den Krim-Tartaren, von der gesinnungsmäßigen Zweiteilung der Ukraine, der strategischen Bedeutung der Krim für Russland und der Schwarzmeerflotte. Doch die Reise war unbeschwert, und der Konflikt von heute noch nicht einmal graue Theorie, der Ost-West-Konflikt scheinbar Geschichte.

In dieser Zeit erlebte ich diese Geschichte:

„Die Waggons werden in der Russerei in alle Himmelsrichtungen verteilt“, sagt der Schaffner am Gleis 12 des Berliner Hauptbahnhofs kurz vor der Abfahrt. Bereit steht ein Zug der ukrainischen Staatsbahn, in den Länderfarben blau-gelb lackiert. Vielleicht 20 Waggons stehen aneinander gekoppelt da, nur einer mit 30 Passagieren an Bord wird den Weg bis auf die Krim finden. 2400 Kilometer, 42 Stunden.

IMG_0625

Ich steige ein. Der eigenwillige Stilmix im Abteil verabreicht mir die erste Dosis russischer Nostalgie, die ich als bis dahin nach Westen orientierter Reisender eigentlich gar nicht fühlen kann. Funktioniert trotzdem, einmal „Dr. Schiwago“ und „Michael Strogoff“ gucken, hat offenbar gereicht. Holzfurnier mit Patina, Teppiche mit Orientmuster, Satinvorhänge, rote Samtpolster. Diffuse Sehnsucht.

IMG_0594

Der Zug fährt quietschend an. Ich mache es mir auf einem der Stockbetten bequem und schlafe bald ein. Am Morgen weht frischer Wind durch den Gang. Wilhelm Rempel aus Kassel steht vor einem der offenen Fenster und raucht. Er ist mit seiner Frau Sofia und der anderthalbjährigen Eva unterwegs. Die Familie möchte Sofias Vater auf der Krim besuchen, der dort ein kleines Hotel betreibt.

IMG_0645

„Nach der Grenze geht’s los“, sagt Wilhelm, „dann kommen die illegalen Geldwechsler.“ Sein Gesichtsausdruck ist betont erst. „Und später die Miliz, die den illegalen Tausch aufdeckt. Da würde ich mich nie drauf einlassen.“

Dann die Passkontrolle im polnischen Dorohusk an der Grenze zur Ukraine: Ein Uniformierter mit einem Laser-Blick hat den Waggon betreten und gleicht die Konterfeis in den Pässen mit den lebendigen Gegenstücken ab. Ich vermute in ihm einen Cyborg, die maschinelle Staatsloyalität hat er sicher. Auf dem Kopf trägt er eine Schirmmütze mit dem Durchmesser einer Tortenplatte.

Wenig später trudelt der Zug in Jagodin ein, dem Umspurbahnhof jenseits der polnischen Grenze. Knapp zwei Stunden dauert es, bis die Waggons der rund zehn Zentimeter breiteren Spur angepasst sind.

IMG_0607

„Nehmen Sie bitte!“, fleht eine Alte mit bunter Schürze in kernig akzentuiertem Deutsch in Kowel. Sie steht am Bahnsteig des ersten Haltebahnhofs in der Ukraine und streckt den Zugreisenden an den Fenstern Trauben, Äpfel und Birnen entgegen. Ein anderer Händler zieht an einem Faden aufgereihten Trockenfisch aus einer speckigen Sporttasche. Eigentlich bin ich in lukullischer Hinsicht experimentierfreudig, habe bei anderer Gelegenheit schon Heuschrecken mit Sojasoße oder Flughundsuppe gegessen, doch ich verzichte.

IMG_0633

IMG_0613

Bordproviant, selbst kompiliert: Im Zug gibt es nichts zu kaufen. Zuletzt mussten es Salzstangen mit Senf richten

Später im Gang komme ich mit Valerij ins Gespräch, der auf der Krim seine Mutter besuchen will. Er bittet mich ins Abteil, wo seine Frau Ilyna sitzt. Die beiden sind in Simferopol geboren und leben seit Jahren in Deutschland, um ihren Ruhestand zu arrangieren: „Rente nicht gut in Ukraine“, sagt Ilyna. Nach Deutschland sind sie auch übergesiedelt, um nach Spuren von Ilynas Vater zu suchen. Als Jude musste der 1939 aus Berlin flüchten und seine kleine Schuhfabrik dem Schicksal überlassen. Gefunden haben Valerij und Ilyna bis heute nichts.

IMG_0597

In der zweiten Nacht wache ich auf. Der Zug hat angehalten. Draußen ist es neblig, einige Straßenlaternen tauchen herunter gekommene Gebäude in orangefarbenes Licht. Viel mehr bekomme ich von dem Zwischenstopp in Kiew, bei dem unser Waggon an einen anderen Zug angekoppelt wird, nicht mit. Ich schlafe schnell wieder ein.

IMG_0600

Am morgen strömt deutlich wärmere Luft durch den Gang. Hinter den Fenstern gleitet sandiges Land vorbei, Datschen, Gemüsegärten, Melonenfelder. Dann wandelt sich alles in eine gelb-silbrige Steppenlandschaft. Die Krim kündigt sich an.

IMG_0602

Nach 40 Stunden auf Gleisen passiert der Zug im Zeitlupentempo die Landenge von Prekop. Den Übergang zur Halbinsel markiert ein riesiges Schriftzug-Monument: Krim in kyrillischen Lettern. Zwei Stunden sind es von hier noch bis nach Simferopol.

IMG_0642

Im Waggon meldet sich das Leben zurück. Valerij und Ilyna tauschen wie viele andere ihre bequeme Reisekleidung gegen Schickeres. Gepäck wird verschnürt. Auch ich packe. Dann ist das Ziel mit lautem Quietschen und einem finalen Ruck erreicht.

Zu Teil 2: Russenkirmes und Faules Meer – Unterwegs auf der Krim

IMG_0664

Stefan Weißenborn, April 2014/Juni 2007

1 Kommentar

  1. Pingback: Der Beste Reiseblogartikel im Frühjahr | GoEuro Blog

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.