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Sideways im Elsass: Ein Roadtrip über die Weinstraße (Tag 1)

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Kurz vor Straßburg drehe ich mich um. Ich öffne die Kühlbox und ziehe zielsicher einen Riesling Grand Cru heraus. Noch während ich die Flasche entkorke, höre ich einen entsetzten Aufschrei vom Fahrersitz: „Hey, das kannst du nicht machen. Diesen Wein produzieren sie nicht einmal mehr.“

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Doch die Fahrerin ist machtlos. Sie muss hilflos dabei zusehen, wie ich das edle Gesöff in mein Reiseglas aus dem Hause Riedel einschenke. Als kleine Entschädigung für meine frevelhafte Gier gieße ich auch ihr einen Schluck ein.

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So ungefähr hatte ich mir den Start unseres Roadtrips durch das Elsass vorgestellt, nachdem ich zum neunten Mal „Sideways“ gesehen hatte. Die Wahrheit aber sieht etwas anders aus: Nach einem eher enthaltsamen aber dafür umso ruhigen Tag im beschaulichen Colmar steigen wir an einem wolkenverhangenen Samstag im Juni ins Auto, um uns den Weg nach Katzenthal zu bahnen – zunächst durch eine nicht enden wollende Abfolge von Kreisverkehren, bald über Straßen, die durch die zunehmend hügelige Landschaft mäandern.

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In einer steil bergauf laufenden Sackgasse parken wir vor der Domaine Klur. Eine winzige Frau führt ihren Hund spazieren. Sie grüßt uns freundlich. Als wir klingeln, öffnet Francine Klur die Türe. In fließendem Deutsch erzählt die Winzerin von den sieben Rebsorten, über die sich der elsässische Wein definiert. Pinot Blanc, Pinot Gris und Gewürztraminer sind die Ingredienzien für den süffigen „Gentil“, eine Cuvée, die hier im Osten Frankreichs weit verbreitet ist.

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Zusätzlich zu dem etablierten „Netten“ aber produziert der kleine Familienbetrieb auch eine Eigenkreation: Den „Voyoux“ oder zu Deutsch den „Frechen“. Und der besteht aus den anderen weißen Rebsorten: Silvaner, Riesling und Muscadet. Ein frischer und durch den Muscadet doch würzigen Wein, der besonders an lauen Sommerabenden formidabel mundet. „Wir nennen die beiden auch unsere Montagsweine“, sagt Klur. Will heißen: Sie schmecken immer.

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Schon seit dem 17. Jahrhundert befindet sich das Weingut im Besitz der Familie. Die jetzige Generation allerdings hat so ziemlich mit allen Traditionen gebrochen: Die Klurs verzichten im Weinberg auf Pestizide, seit 1999 trägt der Betrieb ein Siegel, das ihn als biodynamisch ausweist. Die Trauben sollen ihren Charakter aus eigener Kraft ausbilden. „Wir machen ja keine Coca-Cola. Der Wein muss nicht in jedem Jahr gleich schmecken.“

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Eine ähnliche Philosophie gilt für das Anwesen in Katzenthal, wo allerorten Wildkräuter wuchern – auch die Gäste der Ferienwohnungen sollen Gelegenheit haben, die ruppigen Seiten der Natur zu erfahren. Im trüben Naturschwimmbad, oder auf den ungemähten Blumenwiesen. Ehe wir eine erste Beuteladung im Kofferraum verstauen, gilt es noch auf die Suggestionen anzuspringen, die der Terminus „Montagswein“ mit sich bringt. „Es gibt also auch Sonntagsweine?“ „Klar“, sagt Francine, während sie ein Gläschen Pinot Noir eingießt.

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Ich bin augenblicklich ein wenig nervös, weil ich an Miles denken muss, den unglücklichen Romancier mit dem feinen Näschen, der seinen Kumpel Jack, den megamaskulinen Schauspieler, mit einer Tour zu den Weingüter bei San Luis Obispo in den Hafen der Ehe verabschiedet. Als Miles über seine Agentin eine erneute Absage eines Verlegers erhält, stürzt er ein ebensolches Probiergläschen den Rachen hinunter – mit der Ansage, dass er gerne ein „richtiges“ Glas Pinot Noir hätte. Als ihm dieses mit dem Hinweis verweigert wird, dass er sich in einer Degustations-Stube befindet, greift er zum Spucknapf, um sich daran zu laben.

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Ich aber bewahre die Contenance. Nachdem ich den Wein mit seinem Bouquet von Kirschen und Gewürzen – vor allem Zimt – erkundet habe, gestatte ich mir dennoch eine kleine Schwärmerei: „Ja, der Pinot Noir gedeiht eben nicht überall. Er ist sensibel und bedarf großer Fürsorge. Manchmal ist er ein wenig dünnhäutig, aber wer ihn mit Liebe betreut, wird mit den besten Ergebnissen belohnt.“ Francine blickt mich ein wenig überrascht an. „So reden mein Mann und ich auch immer über diese Traube“, sagt sie. Ich werte das als Kompliment.

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Leicht beschickert und mit einem repräsentativen Überblick über das hauseigene Sortiment verabschieden wir uns. Im Gepäck haben wir je eine Kiste „Frechen“ und „Netten“, dazu ein paar Flaschen Sonntagswein. Zur frühmittaglichen Ausnüchterung treten wir eine kleine Wanderung an: Über den Weinberg laufen wir nach Niedermorschwihr, einem weiteren kleinen Winzerdorf, wo wir uns im Restaurant „Au Clocher Vrillé“ an Geflügelterrine und an „escargots“ versuchen – schließlich sind wir in Frankreich und nicht in Kalifornien. Um ein kleines Gläschen Riesling kommen wir folglich nicht herum.

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Viel später als geplant verlassen wir Katzenthal. Als wir die D 415 erreichen, befinden wir uns auf der elsässischen Weinstraße. Endlich können wir das Verdeck öffnen. Versonnen blicke ich auf die vielen Schilder, die auf weitere Güter weisen. Auch hätte ich jetzt nichts gegen ein Nickerchen.

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Ein Rundgang durch Kaysersberg aber ist kaum weniger kontemplativ. Fachwerkhäuser flankieren das Ufer eines Flusses, der sein Wasser aus den nahen Vogesen bezieht und der träge vor sich hinfließt, ehe ihn ein kleiner Wasserfall zu unerwartetem Temperament verhilft. Wir begutachten Delikatessengeschäfte und Vinotheken. Für den Besuch des Geburtshauses Albert Schweitzers genügt die Zeit nicht mehr.

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Neugierig werden wir, als wir zwischen den Ensembles historischer Bauten ein modernes Lokal entdecken. Weil Schnecken nun einmal nicht allzu lange vorhalten, beschließen wir bei Flamme & Co zu dinieren. Das Restaurant greift mit dem Flammkuchen die vermutlich am weitesten verbreitete kulinarische Errungenschaft des Elsass auf, um diesen in die Gegenwart zu überführen: Als Degustationsmenü.

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Auf kleinen Holzplatten reicht man uns hauchdünne Rechtecke, die mit Räucherlachs, Entenbrust und Foie Gras, Rucola und Parmesan oder eben mit Speck und Zwiebeln belegt sind. Ein Viertel Silvaner aus dem Dorf ist nun auch wieder drin. Zum Dessert geleitet uns das Personal in einen psychedelisch illuminierten Salon, wo ein „Küchle“ mit Erdbeeren und Baiser samt Espresso das Mahl abrundet. Lecker.

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Weit vor Einbruch der Dunkelheit suchen wir unserer Domizil für die Nacht auf: Die Auberge „Clos Froehn“ im nahen Zellenberg. Wir können unser Glück kaum fassen, dass wir im Turmzimmer aus dem 13. Jahrhundert untergebracht sind (aber das ist eine andere Geschichte). Während ich mit einiger Vorfreude eine Flasche Sonntagswein entkorke, denke ich wieder an Miles und Jack. Waren die nicht in „The old Mill“ untergebracht, einer ausgemusterten Windmühle? (Fortsetzung folgt)

Ralf Johnen, Mai 2014. Die Reise wurde teilweise vom französischen Tourismusbüro Rendez-Vouz en France unterstützt.

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