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Implikationen einer Urlaubsreise: Oder wie mein Auto fast in der Schrottpresse gelandet wäre

Auto Schrottpresse Flugreise

Alles richtig gemacht, denke ich. Das Auto ist vor der Haustür von Freunden geparkt, in einer beschaulichen Straße im Stadtteil Pankow mit hübsch sanierten Altbauten. Es soll während der Flugreise, es ist der Sommerurlaub, nicht wochenlang allein an der mit Fernsehwracks, Kühlschrankschrott und Hundekot garnierten Bordsteinkante im rabiateren Neukölln stehen, wo ich hause.

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Denn dort kam vergangenes Jahr kurz vor Weihnachten das vermeintlich fest verbaute Navigationsgerät abhanden. Als ich Anfang Dezember morgens ins Auto einstieg, empfingen mich azurblaue Glassplitter auf dem Beifahrersitz und ein schwarzer Schlund in der Mittelkonsole, aus dem erschlaffte Kabelenden hingen.

Fotodokumente eines Autohändlers für die Versicherung, Teil 1

Fotodokumente eines Autohändlers für die Versicherung (Teil 1)

Das Schicksal des Einbruchsdiebstahls soll sich während des Urlaubs nicht wiederholen, denke ich. Pankow also. Und der Schlüssel in Verwahrung bei den Freunden, so dass sie das Auto im Falle von Spontan-Bauarbeiten oder ähnlichen Dingen, an die man als Langzeit-Laternenparker denken muss,  umparken können. Horrende Abschleppkosten müssen ja nicht sein.

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Sorgenfrei fahre ich mit meiner Familie per Taxi zum Flughafen. Fast drei Wochen ist alles schön auf Formentera. Zwischendurch erreicht uns eine SMS aus Pankow: „Mit dem Auto alles gut“. Doch dann, kurz vor dem Rückflug, der Anruf. Eine Berliner Nummer. Nicht die unserer Freunde.

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Die Verbindung ist schlecht. Im Stakkato erreichen mich Wortfragmente, die die Schlüsselinformation aber enthalten: „Kriminalpolizei“, „Einbruchdiebstahl“, „Auto“, „Navigationsgerät“. Erst denke ich, es handele sich um einen bürokratischen Nachklapp zum Vorfall im Dezember, was auch immer. Doch der Beamte redet vom Donnerstag. Dem vergangenen.

Fotodokumente eines Autohändlers für die Versicherung (Teil 2)

Fotodokumente eines Autohändlers für die Versicherung (Teil 2)

Das Handy-Signal wird besser, und es erreicht mich noch der Fließtext, dass mein „Fahrzeug“ sichergestellt worden sei, um es „vor weiteren Schäden“ zu bewahren. Es stehe jetzt auf einem Gelände der Kfz-Sicherstellung, was nur „wenige Euro am Tag“ koste.  Das Ganze bekäme ich aber noch einmal schriftlich, versichert der Beamte mit der netten Stimme.

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Im Grunde gut erholt, aber vom kriminellen Navi-Klau-Alltag der Hauptstadt, ein paar Tage zu früh eingeholt, landen wir nach dem Urlaub wieder in Berlin-Tegel.

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Mit zwei großen Koffern, einem Reiserucksack plus Handgepäck ächzen wir in der Dunkelheit des Abends auf den einen halben Kilometer entfernten Parkplatz für Carsharing-Autos. Eine Stunde später sind wir zu Hause in Neukölln. Immerhin: Die Taxifahrt nach Pankow, um unser Auto abzuholen, wäre wohl teurer gekommen.

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Zwei Tage später liegt die angekündigte Post der Polizei im Briefkasten. In dem Schreiben, überschrieben mit „Der Polizeipräsident Berlin ­– Zentrale Serviceeinheit“ heißt es: „Sehr geehrter Herr Weißenborn, die vorstehend genannte Sache (also mein gut zwei Jahre alter Wagen) ist für Sie freigegeben worden.“ Hört sich gut an, denke ich.

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Doch die Rhetorik der Serviceeinheit wird schärfer: Es werde gebeten, die Sache umgehend, spätestens jedoch bis zum 11. Juli „unter Glaubhaftmachung Ihres Anspruchs“ abzuholen. Falls nicht, werde gemäß § 40 des Allgemeinen Gesetzes zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Berlin über die „Verwertung (Versteigerung/Verschrottung)“ entschieden. Mir entfährt ein schrilles Lachen.

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Ich rechne nach. Das Schreiben ist vom 27. Juni. Man hat, wenn es ganz schlimm kommt, tatsächlich nur 14 Tage Zeit, um sein Auto vor der Presse zu retten? Was wäre, wenn der Schlamassel zum Anfang eines dreiwöchigen Urlaubs passiert? Und was wäre, wenn ich nicht einen Volkswagen, sondern einen Ferrari führe? Ich greife zum Hörer.

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„Es kommt ja noch ein zweites Schreiben“, beschwichtigt der Beamte am anderen Ende. Wieder mit dem Verschrottungsszenario, wieder mit 14-Tages-Frist. Nach vier Wochen dann würde aber ernst gemacht, und über jene Verwertung entschieden. „Die guten werden versteigert, die schlechten verschrottet“, höre ich es durch die Leitung. Absichern könne man sich bei längerer Abwesenheit nur durch jemanden, der den Briefkasten hüte und „über solche Fragen entscheiden“ könne.

Was ich in dem Telefonat noch erfahre ist, dass zu den pauschal sechs Euro täglicher Verwahrgebühr für mein Auto noch die Abschleppkosten und eine Bearbeitungsgebühr von insgesamt knapp 300 Euro hinzukommen. Ob die von der Kfz-Versicherung übernommen werden, ist noch unklar.

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Mein Sachbearbeiter am Telefon kann spontan nur die Auskunft geben, dass der Transport vom „Schadenort in eine nächstgelegene, geeignete Werkstatt“ gedeckt sei. Auf die Wirren, die der Polizeieinsatz in meiner Abwesenheit gestiftet hat, ist er nicht vorbereitet.

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So ist auch unklar, ob der Transfer vom Polizeigelände in die Werkstatt übernommen wird. Zum Glück beschäftigt die Werkstatt einen fliegenden Fahrer für solche Fälle, der den Wagen mit Vollmacht kostenfrei abholt.

Fotodokumente eines Autohändlers für die Versicherung (Teil 3)

Fotodokumente eines Autohändlers für die Versicherung (Teil 3)

Zum Navi sagt er, dies würde „in neuwertigem Zustand“ von der Versicherung gestellt und nicht von der Werkstatt als Neuteil bestellt. Das spare Kosten. Ich frage mich, über welche Quellen man wohl verfügen mag.

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Noch längst nicht habe ich das Versicherungsverfahren hinter mir. Auch dieses Mal wird mein Auto vermutlich wieder wochenlang blockiert sein, bis es nach der noch ausstehenden Reparaturfreigabe durch die Versicherung und dem Hick-Hack mit dem Gutachter wieder instand gesetzt bei mir am dreckigen Neuköllner Bordstein steht. Von den Kosten für Alternativmobilität in dieser Zeit ganz zu schweigen.

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In der Werkstatt schließt sich der Kreis dieser Geschichte gewissermaßen. Der Mitarbeiter. „Sobald wir die Freigabe haben, können wir loslegen“, sagt der junge Mann zwischen Schreibtisch und Hebebühne. Da sei das Navi gewissermaßen ausgeschlossen.

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Im letzten Fall von Einbruchdiebstahl im Dezember hatte die Werkstatt über die Versicherung noch ein Paket mit einem Navi erreicht. „Ein gestohlenes, woher sollen die denn sonst die Teile herkriegen?“, sagt der Werkstattmitarbeiter. Mein Scherz, dass ich dann mit einem bisschen Glück genau mein Navi wieder bekäme, bleibt mir allerdings im Halse stecken.

Stefan Weißenborn, Juli 2014. Die Geschichte ist zuvor bei Welt.de erschienen.

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