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Gummibrei, Nachtgestöber und ein polnisches Celebrity – Spaziergang zum kleinsten Haus von Paris

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Krystyna öffnet die Tür, und ich blicke in die Augen eines Huskys. Die Transparenz in ihrem Blick steht im Gegensatz zum Rest der präsenten Erscheinung. Eine Elfe steht hier nicht vor mir.

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Die abstehenden Haare sind in hellen Lila- und Pink-Tönen gefärbt, mit Farbverläufen, die wie nassgewordenes Krepppapier aussehen, der strähnige Pony ist schwarz. Auch Krystynas Kleid wölbt sich in alle Richtungen. Als hätte sie ein Gestell unter dem Patchwork-Tüll.

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„You are intellligent“, sagt Krsystyna, als sie mich die erste Tür aufschließen lässt und sieht, dass ich das kann. Die zweite, die zum „Loft d’Artiste“ führt, in dem ich nächtigen werde, klemmt etwas, ich muss an dem Griff zerren, bis die mit Kunstrasen bespannte Eisenpforte aufschwingt. „Your are strong“, sagt Krystyna und zeigt ihre Zähne.

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Loft, bei dem Wort hatte ich während der Buchung im Internet über die Website Only-Apartments,  Konkurrenz zu Airbnb und Wimdu aus Spanien, ein schwebendes Gefühl bekommen. Loft wie Luft, Kaffee trinken, vom Balkon in den hupenden Pariser Verkehr blicken und Croissants mit Marmelade essen. Oder so.

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Aber das Loft in der Rue Fabour de Denise im 9. Arrendissement ist im Erdgeschoss, ganz weit hinten in einem schluchtartigen Innenhof. Hinter der schweren Tür verbirgt sich ein gestreckter Raum, vollgerammelt mit allerlei Pseudo-Pop-Art-Plunder. Es gibt vier Fenster, die den Blick auf die Mauer in 1,5 Metern Entfernung führen. Jemand hat sie mit einem Baummotiv bemalt.

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„Ich bin ein bisschen verrückt“, sagt Krystyna zu meiner Beruhigung, denn nun gibt es einen plausiblen Grund für ihren Aufzug und das schillernde Interieur.

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Sie sei einmal Tänzerin gewesen. „In Polen.“ Wo sie 1939 geboren wurde, da gehörte Lemberg noch zu Polen.  Sie zeigt mir einen Lichtschalter und noch einen und noch einen und noch einen (später zähle ich über zwanzig Lichtquellen, Neonröhren, Klemmlampen, Deckenfluter). Im Innenhof hallen die Schreie eines Babys wieder.

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„Jetzt bin ich Künstlerin.“ Mit mehreren Knicksen zeigt Krystyna mir den Verzerrspiegel am Eingang, dann das Klo mit der Klopapier-Tapete und alles andere bis zu den Plastikbeinen einer Schaufensterpuppe, die sie am Fenster neben dem Bett angebracht hat.

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Dort stapeln sich zueinander verdreht auch drei kleine Tische, die Nachttischlampe steht schief oben drauf. Die Gestaltung des „Loft d’Artiste“ ist eines ihrer Werke. Gutes Geld vedient Krystyna mit dessen Vermietung, 100 Euro die Nacht. Wir sind mitten in Paris.

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Ich war auf dem Pariser Autosalon, um als Journalist über die Neuigkeiten auf vier Rädern zu berichten, und habe noch eine Nacht drangehängt. Was also tun in der Kürze der Zeit? Ich googele ein bisschen, W-Lan ist inklusive, und verliere mich in der Weite des Netzes. Ich verfluche die digitale Vermassung. Ich finde den Weg nicht und will den Rechner schon zuklappen, da lese ich von dem kleinsten Haus in Paris. Nur 1,4 Kilometer sind es vom „Loft d’Artiste“ bis dorthin.

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In der Rue du Château-d’Eau reiht sich ein Friseurladen an den anderen. Sie sind rappelvoll, auf dem Boden liegen schwarze Haare, es wird sich angeregt unterhalten, Musik läuft, Treffpunkt der Bürger mit afrikanischer Abstammung. Dann Hausnummer 39, an der ich fast vorbei schreite, so schnell folgt die 37 auf die 41.

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Denn Nummer 39 ist nur einen guten Meter breit und fünf Meter hoch. Ein heruntergelassener Rollladen, eine Leuchtreklame mit der Aufschrift „Alva Jenans S.A.R.I. Marque Chamacco“.  Im ersten Stock ein Doppelfenster mit hölzernem Rahmen, an dem die Farbe abblättert. Es steht einen Spalt offen.

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Ich mache Fotos. Passanten drehen sich um, ihre Gesichter suchen nach meinem Motiv. Einige Minuten bleibe ich stehen. Tut sich da etwas? Geht vielleicht Licht an, oder bewegt sich der Fensterflügel einen bisschen? Nichts. Also betrete ich in die Weinhandlung nebenan.

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Der Mann hinter dem Verkaufstisch weiß Bescheid: „Ja, das ist das kleinste Haus in Paris.“ Es werde als Laden genutzt, ein Großhändler verkaufe dort Textilien, im ersten Stock sei sein Büro. Und er kennt die Geschichte, die man sich über den Bau der Pariser Mikro-Immobilie erzählt.

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„Das Haus diente als Barriere.“ Es sei gebaut worden, um einen Streit zwischen Erben zu lösen, der an dem ehemaligen Durchgangs entbrannt sein soll.  „Es war einmal bewohnt, jetzt aber nicht mehr.“ Ein kleiner historischer Abgrenzungskampf in der französischen Hauptstadt, die heute mit anderen Problemen wie der Segragation oder der Ghettoisierung zu kämpfen hat. Wofür widerrum die ganze Rue du Château-d’Eau gutes Anschauungsmaterial ist.

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Ich habe Hunger und frage den Weinhändler noch nach einer guten Adresse. Er verweist mich auf das „La Pendule Occitane“ gleich um die Ecke, da gebe es gute französische Küche zu annehmbarem Preis. „Cuisine familiale“ verheißt die Markise, ich frage den vollbärtigen Kellner nach der Spezialität des Hauses.DSCN5952

Das sei Saucisse fraiche de l’Aveyron avec Aligot. Wurst aus den Pyrenäen und Käse aus der Mitte der Nation als Pariser Spezialität? Ich bestelle es, und bekomme vom Bärtigen Bratwurst mit Kartoffelpürée serviert – ein Gericht, wie es deutscher nicht sein könnte, wenn sich der Brei nicht verhalten würde wie Kaugummi. Der Anteil an Cantal muss immens sein.

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Beim Bezahlen an der Theke frage ich den Barmann nach dem kleinsten Haus von Paris. Ihm ist es unbekannt, obwohl es nur 50 Meter entfernt ist. „Komisch, habe ich noch nie etwas von gehört.“ Für den Abend habe ich mir vorgenommen, mich treiben zu lassen. „Geh‘ ins Le Cinquante in der Rue de Lancry“, so der Tipp des Burschen hinter der Theke.

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Es ist dunkel geworden. Ich schlendere hübsche haussmannsche Straßenzüge entlang und stehe schließlich vorm Cinquante. Die Tür ist geöffnet, hinter dem Zapfhahn einen Hipster mit Hut, der zur Musik wippt. Es ist noch warm in dieser Oktobernacht, und ich entscheide, lieber weiter zu wandern.

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Hinter einer der nächsten Straßenecken erreiche ich den Canal du Saint-Denise, der offenbar eine große Anziehungskraft hat. Auf den Kanalmäuerchen ist über Dutzende Meter kaum ein Platz frei, Weinkorken werden aus Flaschenhälsen gedreht, Baguettes gebrochen, Zigaretten glimmen auf, Pommes wandern aus Schaumstoff-Schalen in Münder. Die Wasserfläche ist wie mit dem Spachtel glatt gezogen, Laternen und Nachtschwärmer stehen dort Kopf.

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Ich habe Bierdurst und ergreife die erstbeste Gelegenheit: ein Junge mit einem riesigen Pappschuber Heineken. Ich halte ihm ein Zwei-Euro-Stück hin und frage in atavistischem Französisch nach einer Flasche. Mit einem „C’est bon“ reicht er mir das Getränk entgegen, ohne die Münze einzukassieren.

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Auf einer Kanalbrücke lasse ich mich nieder. Das Geländer ist behangen mit Vorhängeschlössern in allen Größen. Die Brücke stellt sich als kleine Variante der Pont des Arts heraus, an der Verliebte tausendfach ihre Liebesschlösser festgemacht und als Dokument ihrer Zuneigung anschließend den Schlüssel in die Seine geworfen haben. Zuletzt mussten Teile des Geländers stabilisiert und mit Brettern verrammelt werden.

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Ich aber muss aufpassen, dass mir der Schlüssel des „Loft d’Artiste“ nicht ins Wasser fällt, als ich ihn zweckentfremde, um an den zweifelhaften Inhalt der Bierflasche zu kommen. Durch einen Schlitz zwischen zwei Brettern entdecke ich unter der Brücke ein campierendes Grüppchen.

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Auf dem Rückweg in der Rue Delacry liegt Klaviermusik in der lauen Luft. In einem Altbau sind die Fenster geöffnet, und es schallt Gelächter nach draußen. Ich sehe nur den ornamentalen Stuck an der Decke und einen tätowierten Arm und stelle mir die Party vor.

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Am Straßenrand sitzt ein Mann auf einem Motorroller. Sein Gesicht ist fahl von einem Handydisplay beschienen, auf seinem Kopf eine Mütze mit Ohren aus Stoff. Ich frage ihn, ob ich ein Foto machen darf. Er sagt ja. Lachend trennen wir uns, ich gehe meines Weges.

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Zurück in der Rue du Château-d’Eau versuche ich noch, dem Geheimnis der in Dutzenden aneinander gereiten Friseurläden auf den Grund zu gehen und frage einen jungen Typen, der auf einem Stuhl vor einem der Läden sitzt. Er versteht mein Französisch nicht, und ich seines nicht. Nur, dass er irgendwann nach Kiel reisen wird, kommt bei mir an. Der eigenartigen Konversation lauscht kichernd eine dicke Frau mit dunklem Gesicht und strahlenden Zähnen, die sich ein Stück weiter auf dem Trottoir niedergelassen hat.

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Als ich den Hofgang zu meinem Loft entlang schleiche vernehme ich Applaus. Ich gehe bis ans Ende, luke durch eine Tür und sehe eine Bühne, auf der sich ein paar Gestalten herumtreiben und Zuschauer in den Rängen. Ich stehe offenbar im Türrahmen eines Theaterhintereingangs.

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Ich zücke den Schlüssel zum Loft, sperre die Kunstrasentür auf und versuche dem Lichtermeer Herr zu werden. Ausgerechnet die Nachtischlampe scheint ihren Geist aufgegeben zu haben, oder ich finde aufgrund der großen Auswahl den Schalter nicht.

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Als ich am nächten Tag bei Krystnyna klingele – sie wohnt über dem Loft –, um den Schlüssel wieder abzugeben, öffnet sie im Morgenmantel mit Zebramuster. In Polen, sagt sie, sei sie ein Celebtrity. Ja, so etwas wie ihr Einsatz als Jurorin bei der Talentshow im polnischen Fernsehen „Got to Dance – Tylko Taniec“ wolle sie bald mal wieder machen. „Jetzt muss ich erst einmal das Loft sauber machen. Die nächsten Gäste kommen gleich.“

IMG_5707Stefan Weißenborn, November 2014

Die Übernachtung in Paris wurde unterstützt von Only-Apartments.

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