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Gäste-Biathlon? Zum Schießen!

Skifahren, Luft anhalten, abdrücken: Mit schnellem Puls und dem Gewehr im Anschlag einmal so fühlen wie die Athleten bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang, das wär’s doch. Ich bin in den Weltcup-Ort Hochfilzen in Tirol gereist und habe Biathlon mal ausprobiert.

„Klack, klack … klack“. Patrone um Patrone schlägt ein, die Bergflanke wirft die metallenen Geräusche zurück. Das Gleiten von Ski auf vereistem Schnee, ab und an gibt eine Krähe ihren Senf dazu: „Kräh, kräh!“ So hört es sich an, wenn im Stadion Hochfilzen trainiert wird.

Schilderwarnung vorm Heeressport

Achtung, hier wird geschossen!

Der kleine Ort in Tirol, der von gut 1000 Einwohnern bei Weltcup-Rennen auf über 30 000 Menschen anschwillt, ist so etwas wie das Epizentrum des Biathlonsports in Österreich, hier wird der Nachwuchs gezüchtet, hier trainieren Top-Athleten aus vielen Ländern, darunter seit Jahren der erfolgreichste Biathlet der Geschichte, Ole Einar Bjørndalen aus Norwegen. Und es kommen Menschen wie ich, untrainiert bis zum Abwinken, aber schießwillig. Gäste-Biathlon heißt das dann.

Beleuchtet bis es Nacht ist: die Dorfloipe in Hochfilzen

Meine Motivation ist top, immerhin. Vorm Live-Stream habe ich Laura Dahlmeier und Co. die Daumen gedrückt, ich will endlich sagen können: „Ich weiß wie du dich fühlst, Laura.“ Ein bisschen Empathie sollte ich doch mit nach Hause nehmen, zumal Laura bei der WM 2017 in Hochfilzen, also hier, wo ich bin, gleich fünf mal Gold holte. So stelle ich mir das vor.

Indoor-Schießanlage: Training im sterilen Raum

Fritz Pinter, einst übers Bundesheer ins Weltcup-Team Österreichs gerutscht, war schon mal in Pyeongchang, 2008 war das. „Schwierige Strecke“, erinnert er sich. Zur Einstimmung auf meine militante Wintersporteinheit mit Knarre und Kufen zeigt er mir das neue Indoor-Trainingszentrum am Biathlonstadion.

Weißtebescheid, ne

Das Highlight: ein Laufband, das per Kippmeachnismus Gefälle simuliert. „Die Streckenprofile von Pyeongchang sind einprogrammiert, das ist, wie wenn du drüben laufen würdest“, sagt Pinter. Auf dem Band rackerte sich im Sommer mit Rollski unter den Füßen und dem TV-Bild mit der Korea-Strecke vor der Nase auch Überflieger Ole ab.

Eine nahezu perfekte Simulation: Friedrich „Fritz“ Pinter zeigt das Hightech-Laufband

Leider brachte es nicht viel. Das 44-jährige Ausnahmeathlet wurde nicht mehr nominiert. Zum ersten Mal seit 1992 finden Olympische Spiele ohne den achtfachen Goldmedaillen-Gewinner statt.

Men in red (and women): Das norwegische Biathlon-Team ist Stammgast in Hochfilzen

 

Doch mein Wettkampf steht an. Von Pinter, der seine Karriere mittlerweile an den Nagel gehängt hat, jetzt zwar abtrainieren muss, aber „entspannen kann und nicht mehr auf die Uhr gucken muss“, hole ich mir wertvolle Tipps. „Mit der Atmung fahre ich ins Ziel rein, dann schieße ich“, sagt er. Ich sage: „Verstehe ich nicht.

Pinter sagt: „Man macht das Gewehr klar, dann sofort einmal einatmen, einmal ausatmen. Dann atmest du nochmal ein und zwei Drittel wieder aus, und dann gehst du in die Apnoe.“ Luftanhalten ist also gefragt, damit nur eins nicht passiert: „den Abzug reißen“. Und damit den Schuss. Verstanden. Abtreten.

Am Abend beim Halbpensionsmahl im „Hotel Edelweiss“ bereite ich mich mit Sportlernahrung auf meinen Einsatz am kommenden Tag vor: Rinder-Rostbraten an Kartoffelstampf werden serviert, Apfelstrudel hinten dran, und auch ein isotonisches Getränk darf nicht fehlen: „Edelweiss“-Weißbier vom Fass, das nur zufällig so heißt wie das Hotel.

Selten einen sportlicheren Hotelflur gesehen – Ole war hier, das ist mal sicher

Ich ziehe mich auf Zimmer 12 zurück, für das Hotel-Chef Sebastian Trixl nach einer Recherche „im Computer“ bestätigt, Ole habe dort zuletzt anlässlich des Weltcups 2013 genächtigt. Über den Flur huschen ein paar Gestalten mit in Nylon verpackten Gewehren auf dem Rücken, Teilnehmer des Nachwuchswettbewerbs Alpencup, der am Wochenende stattfindet. Bester Dinge schlafe ich im Ole-Bett ein. Ich bin unter Sportlern – im Geiste und ganz real.

Sebastian Trixl mal 2: Der Vater netter Hotelier, der Sohn vielversprechender Nachwuchs-Biathlet

„Hast du schoa ma auf Schie g’stande“, fragt mich Gerhard Blaas am nächsten Morgen, als die Sonne von einem blauen, mit an die 3000 Meter hohen Gipfeln dekorierten Himmel strahlt. „Ein paar Mal“, antworte ich. „Passt, scho!“, kommt es aus dem braungebrannten Gesicht des Berufsgutgelaunten zurück, der trotz seiner 59 Jahre fitter als die ganze Freiwilligen-Truppe erscheint, die sich an der Skischule „Nordic Academy“ eingefunden hat.

Skischule, Sportgeschäft, Loipe vor der Hütte: das ist die Nordic Academy

Gebucht haben das Gäste-Biathlon: Stefan, der groß ist, vielleicht zu groß für einen Biathleten, der kleinere Andi, der unter seiner Steppjacke womöglich eher die Figur eines Gewichthebers verbirgt, und Theresa und Sophia, Zwillinge, mal sehen was die drauf haben.

Dann wäre da noch ich als zweiter Stefan, Bauchansatz, dünne Beine, aber gemäß Selbsteinschätzung immerhin mit ein paar Anlagen gerüstet. Was uns eint: Wir, alle um die 40, kommen zufällig alle aus Hessen, könnte gut für den Teamgeist sein.

Erste Versuche im Skating

Behänd bis unbehänd – Skaten muss sein

Zum Auftakt nimmt uns Gerhard erstmal die Stöcke weg. Denn bevor man auch nur irgendetwas, geschweige denn eine Wumme, in die Hand bekommt, muss man Skaten lernen, die Fortbewegungstechnik der Biathleten seit der pantomimenhafte Langlaufschritt aus der Mode ist. „Jetzt erstamal do hoch!“, weist der Fitte an.

„Gebt Druck auf die Innenkonte des Schie, dann zur Seite abstoßä, die Schispitzä leycht anheben“. An der Steigung kommt Andi schon ganz gut ins Gleiten, ich dagegen eher ins Rutschen. Gerhard lässt uns noch ein wenig „an unserer Technik“ arbeiten, dann der Satz, auf den alle warten: „Dann hauoa mal nen Rhythmus nei, und dann holn wio d’Gewehre roas.“ Also, noch ein bisschen den Stockeinsatz üben, und los soll’s gehen. „Jetzt wird geballert“, meint Andi.

Erläuterungen vor dem Schuss: Gerhard erklärt die Waffen

Unser Trainer verschwindet in einer kleinen Holzhütte und kommt mit den Gewehren zurück. Es handelt sich zwar nicht um Kleinkalibergewehre wie sie die Olympioniken verwenden, sondern um Luftgewehre. Doch die Nachwuchsknarren sind gar nicht so ungefährlich.

Gerhard hätte einmal beinahe einen Zeh verloren, als ein Gäste-Biathlet ihm aus Versehen eines der bleiernen Projektile auf den Fuß schoss. „I hob Gott sei Dank festes Schuhwerk chong-gchabt, so is der Zeh nurn bisserl geschwolln un blau woarn.“

Biathlon-Luftgewehr wie es der Nachwuchs benutzt: Auch 200 bar und Diabolos haben es in sich

Rechtshänder von links an die Matte, Linkshänder von rechts, dann ein leichter Kniefall, die Stöcke zur Seite, die Beine nach hinten ausstrecken und das Gewehr in den Anschlag, so geht Liegendschießen, lernen wir. Jeder darf zum Warmwerden mal ran, an die 3,8-Kilo-Waffe.

Durch das kleine Ringkorn mit normalem Blutdruck gelugt, bringe ich die Projektile sogar ganz gut unter, drei Mal schließt sich eine der fünf Klappen der Schießtafel, Pinters Apnoe-Trick ist Gold wert.

Theresa und ich: Ein weiteres Duell in der Strafrunde wartet

Aber unsere Distanz zum Ziel beträgt nur zehn Meter, bei den Profis sind es 50. Wobei: Wir müssen einen schwarzen Punkt mit 1,5 Zentimeter Durchmesser treffen, die Profis einen mit 4,5 Zentimetern. „Im Verhältnis ists die gleyche Schwierigkeyt“, beteuert Gerhard.

Es wird ernst, die Gästestaffel steht an – Männer gegen Frauen. Doch die Anzahl der Teilnehmer ist ungerade. Was tun? „Ich laufe zweimal“. Theresa stürmt an die Startlinie der abgesteckten 100-Meter-Runde. Ehrgeiz liegt in der Luft, der auch mich packt.

„Im Verhältnis ists die gleyche Schwierigkeyt.“

Ich muss drei Strafrunden um ein kleines Oval aus bunten Hütchen hinnehmen, weil der Puls nach einer unbeholfenen Schlitterpartie im Hals heftig pocht und ich das Blei drei mal verreiße. Zum Glück verdingt sich im Oval auch das Theresa. Bei einem stümperhaften Überholversuch grätsche ich ihr mit meinen Ski in ihre.

Da passiert es: Ich kippe einfach hintenüber und lande mit einem Knacken auf dem Steißbein. „Das hat sich übel angehört“, kommentiert Andi. „Das ist sicher was passiert.“ Ich denke an die Laura und ihre historische Hochfilzener WM-Leistung, ihre beiden Goldmedaillen von Pyeongchang, an Lokalmatador Dominik „Landi“ Landertinger, der nach seiner Bandscheiben-OP auch wieder da ist (siehe Bronze in Pyeongchang), und kann das Rennen – nachdem mich Gerhard unter Schnaufen „ausnahmsweise mal“ nach oben wuchtet – fortsetzen.

Zwischeninfo: Das Pillerseetal gilt, obwohl nur auf 1000 Meter gelegen, als das Schneeloch Tirols

Den Zeitverlust holt der lange Stefan fast wieder rein, indem er kurzerhand fünf Treffer landet, was Andi und mich zum TV-Jubel animiert (fünf Mal: „Jooooh!“). Seine Genialität am Schießstand führt er auf jugendliches Training an der Jahrmarktschießbude zurück. Wie sich bei mir auch in der nächsten Runde zeigt, hat das monatelange Zocken der „Winter Games“ am Schneider-Computer weniger gebracht, aber das ist ja auch schon über 30 Jahre her. Und in war auch der Langlaufstil noch.

Pixelig und treffsicher: Biathlon in den „Winter Games“

Zum Schluss war auch Andi nicht auf den Punkt fit, die Frauen, obwohl in der Unterzahl, sind einfach besser. Stefan lässt am Schießstand selbst im Stehen noch mal vier Scheiben zuklappen. Aber da ist Sophia schon längst in bester Uschi-Disl-Manier über die Ziellinie gesaust und Gerhard ruft: „Gold!“.

Eine Überraschung? Nein. „Die Erfahrung homma g’macht, dass die Froan guate Schützinnen sind“, sagt Gerhard nach dem Race, mit dem er sich ganz zufrieden zeigt, auch wenn er bei seinen männlichen Schützlingen vor allem läuferisch noch Potenzial sieht.

Stehendschießen mit Stefan und Andi: An der Jahrmarktschießbude gelernt ist gelernt

Mir tut der Po dann doch weh, als das Adrenalin abklingt. Abtrainieren, wie Fritz Pinter, muss ich zum Glück nicht, aber entspannen? Das wär jetzt was. Am Abend sitze ich in der Hotelsauna und fühle nach 15 Minuten bei 110 Grad wieder meinen Puls, als mir im Wahn des Kunstfiebers ein Gedanke kommt: „Auf diesen Brettern hat auch Ole sicher auch schon geschwitzt.“ Das nächste Mal fahre ich nach Olympia. Vielleicht treffe ich auf den Rängen dann auch wirklich mal auf Ole.

Nach dem Race ist vor dem Race – martialisches Abschlussfoto (ich musste es „schießen“, haha)

Tipps und Informationen

Anreise Mit der Bahn ab München mit einmaligem Umsteigen in Wörgl in gut zwei Stunden nach Hochfilzen. Vor Ort benötigt man kein Auto. Der Einstieg ins Loipennetz (Gebühr: 5 Euro/Tag; 19 Euro/Woche) ist von jedem Hotel nahezu direkt möglich. Von vielen Punkten im Loipennetz fährt ein Skibus stündlich bzw. halbstündlich zurück in den Ort. In Verbindung mit der Gästekarte (Kurtaxe: 1,50 Euro/Tag) kann er kostenfrei genutzt werden.

Biathlon „Mitten ins Schwarze“ heißt ein Biathlon-Angebot, das die Skischule Nordic Academy mehrmals wöchentlich für 39 Euro p.P. Anbietet, ein spezielles einstündiges Schießtraining kostet 25 Euro, Leihski kosten extra. Im Nachbarort St. Ullrich gibt es ein ähnliches Angebot, 55 Euro für 150 Minuten Einsteiger-Training. Auch andere Austragungsorte von Biathlon-Weltcups bieten „Gäste-Biathlon“: In Ruhpolding kann mit original Biathlongewehren geschossen werden, 15 Euro pro Person; in Oberhof werden „Gästewettkämpfe“ angeboten, im Sommer mit Mountainbikes statt Ski, ab 40 Euro. Wer sich schon fit fühlt, kann in Hochfilzen am 10. und 11. März am „9. Volksbiathlon“ teilnehmen, Startgeld ist 28 Euro, Anmeldungen unter volksbiathlon.com. Darauf vorbereiten können sich Interessierte beim viertägigen Biathloncamp 2018 ab dem 8. März, 490 Euro pro Person inklusive Übernachtung im „Landhotel Strasserwirt“ St. Ullrich, Vollpension und Sportausrüstung.

Unterkunft Im „Hotel Edelweiss“ in Hochfilzen logiert seit Jahren die norwegische Nationalmannschaft, Doppelzimmer mit Frühstück 100 Euro; im Gebäude der Nordic Academy befindet sich das modern gestaltetet „Fairhotel“, Doppelzimmer ab 110 Euro inklusive Frühstück.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Pillerseetal Kitzbüheler Alpen

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