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Kastanienzeit auf Sizilien

Über weite Teile ist der Herbst auf Italiens größter Insel ein ganz normaler mediterraner Herbst: Mal regnet es heftig, anderentags scheint die Sonne auf Sizilien, und der Sommer kehrt zurück.

 

Piedro grinst. Eine große Zahnlücke wird sichtbar. Der alte Mann trägt knappe Badehose und ausgelatschte Schlappen, und er hat guten Grund für gute Laune, denn es gibt Bisse an diesem späten Oktobertag auf Sizilien. Schon die dritte Muräne hält er am Haken.

Catch of the day: Piedro hat eine Muräne am Haken. Später wird er sie braten

 

Das Verblüffende sind nicht nur die spartanischen Mittel, die zu Piedros Anglerglück reichen – eine Schnur mit Haken, die er von einem dicken Stein abwickelt. Auch den Ort hält man nicht gerade für ein Muränenrevier.

Denn das kleine zerklüftete Steinplateau, auf dem Piedro hin und her läuft und unter dem die länglichen Raubfische mit dem immer halboffenen Spitzmaul im Wasser lauern, liegt keine drei Meter vom Ufer entfernt, am Strand des Hotels „Belmond Villa Sant’Andrea“ an Siziliens Ostküste, wo sich im Sommer der Geldadel sonnt oder Menschen, die sich ihm zugehörig fühlen.

Piedro ist eine Herbsterscheinung. Käme man im August, wenn ganz Italien an die Küsten stürmt, und keinen Anlass sieht, irgendetwas anderes zu machen, als am Strand zu liegen oder in Kleingruppen bis zur Hüfte laut palavernd im Wasser zu stehen – man träfe nicht auf so urige Gestalten wie den alten Mann. Es ginge rein vom Platz her nicht: Wo sollte Piedro mit seinen Routen und Steinen vor lauter geölten Sonnenanbetern und planschenden Kindern auch hin?

Ganz großes Theater

Später, so sagt er, werde er eine der Muränen in Mehl wälzen und braten, fertig. Hinter ihm von einem weiteren Felsen in der Bucht, den man schwimmend erreicht, machen saisonverlängernde Urlauber Kopfsprünge, das Wasser hat noch gut 20 Grad. Auch ich tauche nochmal ein und dabei denke an Dinge wie Muränen.

Nochmal Sonne tanken: Der Privatstrand der „Villa Sant’Andrea“ Ende Oktober

 

Ich nutze den sonnigen Tag, an dem sich auch die Luft noch einmal auf 26 Grad erwärmt, um Taorminas berühmtestes Bauwerk zu besichtigen, denn schon der nächste Tag wird laut Wetter-App in Sizilien Regengüsse bringen: das Teatro Greco.

Das antike Theater, einst von den alten Griechen für Schauspiele im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in den Fels gehauen, von den Römern für Gladiatorenwettkämpfe zur Arena umgebaut und später von Goethe bewundert, ist an sich sehenswert. Doch allein die Aussicht ist bei Schönwetter den Aufstieg wert, und man hat die antike Atmosphäre im Herbst fast für sich allein. Die Arena, gut für ein paar Tausend, ist heute von vielleicht 40 Menschen besucht, darunter einige ältere Gestalten mit Selfie-Stick.

Stick to your ideals: Selbstportrait mit Device

 

Hinter einer Lücke im ruinösen Bühnengebäude erhebt sich in der Ferne „Mamma Etna“, mit über 3300 Metern Europas höchster aktiver Vulkan. Der Gipfel ist mal nicht wolkenverhangen, aber es hat schon Neuschnee gegeben da oben, früh im Jahr. Weiter unter erblickt man weiter südlich die Bucht von Giardini-Naxos, wo Giuseppe Ameno herkommt, der nächste Einheimische auf den ich treffe.

Große Bühne für Mamma Etna: Blick vom Teatro Greco auf Siziliens
alles beherrschenden Vulkan  

 

“Im antiken Naxos errichteten die Griechen im achten Jahrhundert vor Christus ihre erste Kolonie auf Sizilien“, sagt Giuseppe. Er wuchs im modernen Naxos auf, arbeite einige Zeit in der Hotellerie in Wien, doch kehrte zurück an einen Arbeitsplatz, von dem aus er bei Dunkelheit manchmal in der Ferne glühende Lavaströme am Ätna beobachten kann.

Als Maître im Restaurant des ersten Hotels am Ort, dem „Grand Hotel Timeo“ in direkter Nachbarschaft zum Teatro, kümmert er sich um das Wohl der Gäste, die auf der berühmten Terrasse des ältesten Hotels am Ort frühstücken, zu Mittag essen oder dinieren. Schon Tennessee Williams saß hier, D.H. Lawrence oder Kaiser Wilhelm II.

Umsorgt Gäste jeder Art, vom einfachen Blogger bis zum tückischen
Präsidenten: Giuseppe Ameno

 

Zuletzt kredenzte Ameno mit einer Kellner-Armada den Teilnehmern des G7-Gipfels 2017 auf Sizilien ein drei Gänge Menü mit hausgemachten Tortelli, Garnelen und Filetti di Dentice – Zahnbrassenfilet. Da saßen unter anderem Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni und Angela Merkel an der Tafel, Theresa May, Justin Trudeau und Donald Trump.

Das perfekte Psychogramm

„Hier war so viel Polizei“, sagt Ameno. Security, Bodyguards, und weil Trumps Entourage im Hotel nächtigte, postierten sich auf den umliegenden Terrassen und dem über der Stadt thronenden Castello saraceno Scharfschützen. Leben kommt bei dieser Geschichte in sein zuvor höflich-maskiertes Gesicht – so viel Politprominenz ist auch im Timeo nicht ganz alltäglich.

Ist Trump nett, frage ich ihn und will das Gegenteil hören. „Ja und und nein“, antwortet Giuseppe Ameno und macht dabei ein langes Gesicht, Augenbrauen noch oben, Mundwinkel nach unten. Wahrscheinlich hat er damit ein perfektes Kurzpsychogramm der blondierten Fönfrisur im Weißen Haus formuliert – persönlich womöglich kumpelhaft, strukturell ein kaltblütiger Vollstreckertyp.

Mittlerweile ist das „Timeo“ wieder entmilitarisiert, und man knüpft in diesem Herbst erstmals an eine Tradition an. Sizilien war einst Station vieler Adelssprösslinge auf der Grand Tour, jenem Vorläufer der modernen Bildungsreise, die den Privilegierten vorbehalten war – und die bevorzugten den Herbst, wenn es nicht mehr so bullig heiß ist auf Sizilien.

Erstmals bleibt das Luxushotel bis ins neue Jahr geöffnet. Mit Ätna-Treks bei milden Temperaturen oder Kochkursen in den Küchen sizilianischer „Mammas“ wirbt man – Aktivitäten, die man allerdings auch genießen kann, ohne im Grand Hotel einzuchecken, denn das Wetter ist überall.

Also ziehe ich um und beziehe eine Villa am Fuße des Ätna im weit verstreuten Dorf Sant’Alfio, ein ehemaliges Palmento, worunter man traditionell ein Gebäude versteht, in dem Wein oder Olivenöl hergestellt wird. In meinem Fall Wein, wie der Besitzer beim Einzug erläutert und dabei auf die erhaltene hölzerne Traubenpresse zeigt, die als Dekor den Wohnbereich dominiert.

Wooden interior: Die Ferienvilla war einmal eine Kellerei für Wein

 

Unter bleischwerem Himmel mache ich mich am Folgetag auf nach Zafferana, wo eines der Sagre läuft, so heißen die Dorffeste. Die Ausgabe in Zafferana nennt sich Ottobrata, Oktoberfest, und geht anders als das bayerische Original namensgetreu tatsächlich vom 1. bis 31. Oktober. Auf dem Weg dorthin hat sich in einer Straßensenke über Nacht soviel Regenwasser gesammelt, dass die durchfahrenden Autos bis zum Kühler eintauchen – eine Vorankündigung der heftigen, wohl vom Klimawandel bedingten Unwetter, die die Insel in die Schlagzeilen bringen werden.

Es dreht sich alles ums Essen: die Ottobrata in Zafferana

 

Doch in Zafferana ist es an diesem Tag ein normaler Herbst. Die Straßen sind feucht, die Leute gewappnet. Entlang der abgesperrten Straßen reiht sich Stand an Stand, sizilianische Spezialitäten werden feilgeboten: Miele di Zafferana (Honig aus Zafferana), große Porcini – 10.000 Pilzarten gedeihen zum Herbst am Ätna, nur zertifizierte Kenner dürfen sammeln – und Foglie da Tè, hauchdünne Kekse, Scacciata, eine Art gefüllter Pizza. Auch ein Kastanienröster darf nicht fehlen: An der Piazzale della Regione Siciliana dampft eine Tonne, aber selbst roh essen die Sizilianer ihre Castagne.

Weitere Röstöfen dampfen auf dem Rückweg zum Ferienhaus am Straßenrand in den sich über die Ostflanke des Ätna weit verteilenden Ortschaften. Es gibt viele Kastanienbäume. Aber in Sant’Alfio, fußläufig von meinem Palmento, steht die älteste Antwort auf diese herbstliche Esskultur: der Castagno dei cento Cavalli, der Kastanienbaum der hundert Pferde. Morgen mache ich mich auf den Weg. Ich schalte die Sauna an, allein, weil so etwas in einem süditalienischen Ferienhaus ungewöhnlich ist. 100 Grad. Danach wartet der Whirlpool im Olivengarten unter freiem Himmel. Kein Problem, dass es wieder reget.

Dick, dicker, Edelkastanie

Eine Legende besagt, dass eine Königin einmal während eines Gewitters mit ihren 100 Pferden und mehreren Liebhabern unter dem großen Blätterdach ein ganze Nacht lang Unterschlupf fand. So steht es auf einem Schild, das ich am nächsten Vormittag am uralten Baum studiere. Heute führt das Guiness-Buch der Rekorde die Edelkastanie als den dicksten Baum der Welt und nennt einen Umfang von 57,9 Metern. Umstritten ist allerdings, ob es sich tatsächlich um einen einzigen Baum handelt, auch das Alter von bis zu 4000 Jahren ist nur geschätzt.

Unwetter und Gewitter im herbstlichen Sizilien können auch heute noch lebensbedrohlich sein. Vor allem Ätna-Trekker sollten den Berg schnell wieder verlassen, wenn Blitz und Donner heraufziehen, sagt Vulkanführer Alessio Gagliano während einer Geländewagentour am Vulkan am darauffolgenden Tag.

Mit Alessio durch die Herbstwälder am Ätna

 

Anhand einer braunen Schicht in einer erkalteteren Lavaschicht erläutert er, warum: „Das hier ist oxidiertes Eisen – es zieht Blitze an.“ Zum Glück gießt es zwischenzeitlich nur wie aus Eimern, ohne dass sich der Himmel auch noch elektrisch entlädt. Wegen möglicher vulkanischer Aktivitäten sollten Wanderungen vor allem in der Nähe der vier aktiven Krater jedoch generell nicht ohne einen kundigen Bergführer wie dem 36-Jährigen unternommen werden.

Gepresst wird Basalt draus, das verdichtetste Vulkangestein. Die braune Schicht
zieht Blitze an 

 

Beim Ausbruch von 2002 fraß sich die glühende Lava durch das Skigebiet am Nordhang, der Wintersportort Piano Provenzana fiel der Naturgewalt zum Opfer, ein ausgebranntes Restaurant steht heute noch, und die Lava ist noch nicht sehr lange erkaltet, denn je nach Höhenlagen braucht es dazu über zehn Jahre. Schwarzer Boden zieht sich die Bergflanke hoch, wo ich die Liftanlage erblicke. Der erste Schnee ist hier noch nicht gefallen. „Den Betrieb nehmen die Lifte erst auf, wenn die Schneedecke dick genug ist – weil das Lavagestein äußerst schaftkantig sein kann“, sagt Alessio.

Raub der Lava: Beim Ausbruch 2002 brannte das Restaurant aus, wo Wintersportler nach der Abfahrt ihren Cappuccino zu genießen pflegten

 

Die Liftanlage baute man wieder auf, doch statt der 50 Souvenirshops, den beiden Hotels und drei Restaurants ist das neue Piano Provenzana nun ein Containerdorf, das bei Gefahr abtransportiert werden kann. „Die Botschaft von Mamma Etna ist: Wenn ihr Business auf meiner Schulter macht, dann bitte ein leichtes, verträgliches“, sagt Alessio.

Zum Abtransportieren: Piano Provenzana ist jetzt ein Containerdorf

 

Auch an diesem Tag sendet der in Sizilien gleichermaßen gefürchtete wie verehrte, weil Fruchtbarkeit bringende Vulkan – abzulesen an der noch im Spätherbst üppig grünen Vegetation, den guten Ätna-Weinen oder den schier unendlichen Mandarinenhainen – seine Zeichen aus. Vom Lift aus sieht man die schneeversiegelte Spitze, die von hetzenden Wolken bald wieder verdeckt ist.

Die geplante Kraterwanderung muss ausfallen, von einem Kollegen hat Alessio aufs Handy geschickt bekommen, dass es da oben mit 120 km/h stürmt. „Hier am Ätna kannst du innerhalb weniger Stunden alle Jahreszeiten durchmachen“, sagt der Vulkanführer.

Lavafeld im Gegenlicht

 

Als es noch keine Kühlschränke gab, wurde am Ätna sogar Eis produziert. Alessio hat uns in eine Lavahöhle unter die Erde geführt. „Hierher wurde der Schnee gebracht und meterhoch zusammengepresst“, sagt der Guide. Die dort über das ganze Jahr konstante, vergleichsweise niedrige Temperatur genügte, noch bis in die Saison Eis als Grundzutat für eine Inselspezialität zu haben – die Granita.

 

Grotta della Neve – die Schneegrotte auf 1545 Metern an der Nordostflanke des Ätna

 

Schon für den nächsten Tag scheint für die aus Eis, Zuckersirup und einer weiteren Zutat wie Zitronensaft, aber auch grobem Pistazien- oder Mandelmehl zusammengemischte Süßspeise wie gemacht. Der Himmel ist tiefblau, das Thermometer zeigt wieder 26 Grad, als ich in der Bucht von Fontane Bianche bei Syrakus ankomme.

Der Strand von Fontane Bianche – ein leerer Traum im Herbst

 

Ich lege mich in den Sand unter eine Palme, während vereinzelt Menschen in der wilden Brandung toben. Eine erste Schweißperle rollt mir die Schläfe herab, so viel Kraft hat die Sonne noch. Mittlerweile ist es November auf Sizilien. Zurück am Landhaus setzte ich mich unter einen Kakibaum. Die Früchte sind jetzt reif.

Wann kann man schon mal unter einem Baum mit reifen Kakifrüchten sitzen?

 

Die Reise wurde unterstützt von The Thinking Traveller und Belmond.

Anreise Von Deutschland aus steuern mehrere Fluggesellschaften Catania an, ab Berlin nonstop zum Beispiel EasyJet, ab München Lufthansa, Air Malta und Eurowings, letztere auch ab Düsseldorf und Köln. Weiter mit dem Mietwagen.

Unterkunft Luxuriöse Landhäuser für vier bis zu teils über 20 Personen vermittelt The Thinking Traveller. Über den Anbieter können Ätna-Touren, Kochkurse mit saisonalen Spezialitäten oder archäologische Stadtführungen gleich mit gebucht werden. Auch Privatköche können gebucht werden, die zum Beispiel den Pizzaofen in der Villa „Il Palmento dei Castagni“ am Osthang des Ätna anfeuern.

Teils verfügen die Häuser über Sauna und Freiluft-Whirlpool und können für den Herbstaufenthalt beheizt werden. Preise inklusive Strom, Gas, Wasser und Internet ab 1970 Euro für vier Personen. Wer im ältesten Hotel Taorminas, dem 1883 eröffneten „Grand Hotel Timeo“, nächtigen möchte, zahlt im Herbst / Winter ab 360 Euro für die Nacht im Doppelzimmer inklusive Frühstück. Ausgangspunkt für Wanderungen, Mountainbike- und Skitouren ist die Berghütte „Rifugio Citelli“ auf 1740 Metern, Übernachtung in einfachen Zimmern.

Aktivitäten Wer einen Fischmarktbesuch in Catania mit anschließendem Kochkurs einzeln buchen möchte, kann sich an den Veranstalter Cotumè in Catania wenden. Ätna-Touren im Geländewagen mit Wanderetappen bietet zum Beispiel Etna Unlimited. Im Herbst bietet sich auch der Besuch einer Therme an, zum Beispiel der Terme di Acireale.

Mehr Infos visitsicily.info

 

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