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Schlösser und Landsitze in den Niederlanden: ein romantisches Wochenende

Eine weithin unbekannte Facette der Niederlande: Schlösser, Landsitze und Landgüter

Ich starre auf den Zeh eines alten Mannes. Der Zeh ist riesig – und er ist nicht sonderlich gut gepflegt. So hatte ich mir das romantische Wochenende in den Schlössern und Landsitzen in den Niederlanden nicht vorgestellt. Doch alles ist halb so wild, schließlich befinden uns nur in einem Museum.

Skulpturale Freuden: »Couple under an Umbrella« von Ron Mueck

Der formschöne Neubau von Voorlinden ist ganz der Elite der Gegenwartskunst gewidmet. 2016 wurde er zwischen Den Haag, Wassenaar und den Dünenlandschaften an der Nordseeküste auf Grund und Boden des Landguts Voorlinden eröffnet.

Die Miniatur einer Spielwiese: Installation von Maurizio Cattelan im Museum Voorlinden

Der alte Mann mit dem dicken Zeh übrigens ist nicht alleine im Museum Voorlinden. Viel mehr hängt  er gemeinsam mit seiner Gefährtin unter einem Sonnenschirm ab. Beide gemeinsam wurde vom britischen Bildhauer Ron Mueck geschaffen, dessen Skulpturen nicht nur in Holland für Heiterkeit sorgen. Dabei ist sein »Couple under an Umbrella« sinnbildlich für die Kunst, die in dem Ausstellungshaus zu sehen ist: sie ist lustig, originell – und nicht selten regt sie erst unter der Oberfläche zum Nachdenken an.

Elegant: der Neubau des Museums bei Wassenaar

Draußen an der frischen Luft sind die Dinge klarer geregelt: es weht eine Brise und es riecht nach Meersalz. Auf der Terrasse des Landguts runden die Museumsbesucher ihren Tag mit »koffie en appeltaart« ab, wir begnügen uns an diesem heißen Julitag mit einem Spaziergang über das Anwesen.

Mehr als 700 Schlösser und Landsitze in den Niederlanden

Vor dem Trip nach Holland habe ich mich in die Materie eingelesen. Erst dabei bin ich mir der Tatsache bewusst geworden, dass die ländlichen Prunkbauten zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Niederlande gehören: rund 700 Schlösser, Landgüter und Landsitze sind aus früheren Jahrhunderten erhalten geblieben. Im Unterschied zum Rest der Welt wurden zahlreiche von ihnen nicht etwa von Königen und anderen Adligen, sondern von wohlhabenden Privatpersonen errichtet.

Gediegenes Domizil: Das Hotel Central Park by Ron Blauw in Voorburg bei Den Haag

In einem davon checken wir wenig später ein. Das Haus trägt heute den Namen Central Park und es liegt in einem vornehmen Viertel von Voorburg. Der Vorort des Regierungssitzes Den Haag blickt auf eine lange Tradition als Domizil der niederländischen High Society zurück, die schon im 17. Jahrhundert Zuflucht an den Ufern des Flusses Vliet gesucht hat, um dem Lärm und Gestank der Städte zu entkommen.

Herrlich bequeme Betten aus dem Hause…

Die Geschichte des Central Park beginnt 1655, als der damalige Regent von Den Haag sich hier seinen Zweitwohnsitz errichtet. Er verleiht dem diskret klassizistischen Bau den Namen »Vreugd en Rust«, was so viel wie »Freude und Ruhe« bedeutet und was womöglich nie wahrer als heute war: die Zimmer sind mit Hästens-Betten ausgestattet, sehr ruhig – und unsere Suite verfügt darüber hinaus über einen herrlichen Austritt mit Blick auf den Park, der früher wohl als Jubelbalkon durchgegangen wäre. Ach ja: der heutige Namenspatron des Hauses ist mit Ron Blauw ein gefeierter Koch.

Zeitreise ins Goldene Jahrhundert

Am nächsten Morgen geht die Zeitreise weiter: mitten in Voorburg befindet sich Huygens’ Hofwijck. Als Wasserschloss mutet das Anwesen heute winzig an, doch hier lebten in Person von Constantijn Huygens und seinem Sohn Christiaan zwei der wichtigsten Persönlichkeiten, welche die Niederlande in ihrer langen Historie hervorgebracht haben.

Ein bescheidenes Wasserschloss: Huygens‘ Hofwijck

Vater Huygens (1596–1687) war Privatsekretär zweier Statthalter, Dichter und Komponist. Eine Vielseitigkeit, die sein Sohn (1629–1695) als Mathematiker, Linsenschleifer und Erfinder noch zu übertreffen wusste. Unter andere gilt es als erwiesen, dass Christiaan Huygens auf dem kleinen Schloss am Vliet mit Hilfe eines selbstgebauten Teleskops als erster Mensch die Ringe des Saturns gesehen hat.

Auf zum Blumenpark Keukenhof

Nachdem wir dieser Geschichte gebannt zugehört haben, setzen wir das romantische Wochenende weiter im Norden fort. Wir steuern den Keukenhof an, der neben der bekanntesten Blumenschau der Welt ebenfalls einen traditionsreichen Landsitz beherbergt. Dieser geht auf einen schillernden Bauherrn namens Adriaen Maertenszoon Block (ca. 1582–1661) zurück: Der Mann war bei Niederländischen Ostindien-Kompagnie (VOC) erst vom Schiffsjungen zum Flottenkommandeur und später zum Mitglied im Zentralgremium zur Verwaltung der niederländischen Kolonien aufgestiegen, dem Raad von Indie.

Fristet ein Schattendasein neben der Blumenschau: Kasteel Keukenhof

Um 1640 begann Block mit der Investition in Landgüter. Dazu gehört auch das heutige Kasteel Keukenhof, das in Laufdistanz zu dem vielbesuchten Blumenpark ein Schattendasein fristet. Wir staunen nicht schlecht als wir hören, dass zur bewegten Historie auch eine Belagerung durch deutsche Streitkräfte während des Zweiten Weltkriegs gehört. In den Gartenanlagen befand sich eine Abschussrampe für V-1-Raketen. Bis heute künden deutsche Inschriften von der Besetzung während der Nazizeit. Alle einschlägigen Unterlagen aber sind aus dem Gemeindearchiv von Lisse verschwunden. Doch das ist eine andere Geschichte.

Opulentes Innenleben in Kasteel Keukenhof

Romantik an der Vecht

Kunst, Geschichte und Wissenschaft sind wir also schon nahe gekommen während des romantischen Wochenendes in Holland. Nun wird es höchste Zeit für ein wenig Natur. Die finden wir am Fluss Vecht, der sich etwas umständlich seinen Weg von Utrecht zum Ijsselmeer bahnt, indem er viele Bögen schlägt. Das hat ihm das prädikat des schönsten Flusses der Niederlande beschert. An seinen Ufern haben die im Goldenen Jahrhundert reich gewordenen Amsterdamer unzählige Schlösser und Landsitze gebaut, von denen überraschend viele bis in die Gegenwart überdauert haben.

Endlich heißt es: alle Mann an Deck des Schiffes „De Kampioen“

Wir erkunden die Gegend zwischen Nieuwersluis und Breukelen auf die holländischste aller Möglichkeiten: an Bord eines Salonboots. In gemächlichem Tempo ziehen wir an den Landsitzen mit ihren hortensienbewachsenen Gärten, Teetempeln und Bootshäusern vorbei.

Life’s little tragedies: ein gekentertes Floatie

So wie im Goldenen Zeitalter, als ein Straßennetz in den Niederlanden noch nicht existierte und die von Pferden gezogenen Treckschuten das schnellste und effektivste Transportmittel waren – auch für die stadtmüden Landgutbesitzer.

Zu denen gehörte ganz in der Nähe auch Cornelis de Graeff. Der damalige Bürgermeister von Amsterdam ließ sich um 1650 zwischen den Städtchen Soest und Baarn die Hofstede aen Zoestdijck bauen. Das Domizil wurde in den folgenden Jahrhunderten zu einem Sinnbild für die eigenartige Historie der Niederlande. Anfangs als Jagdhaus konzipiert, geriet das Anwesen schon 1674 in den Besitz des Königshauses der Oranier. Nachdem die Franzosen das Haus konfisziert und in eine Kaserne umgewandelt hatten, wurde 1815 das Königreich der Niederlande ins Leben gerufen.

Pomp mit ungeklärter Zukunft: Palast Soestdijk

Neuer Bewohner war der spätere König Willem II., dessen Gemahlin, die Zarentochter Anna Paulowna, Soestdijk mit prestigeträchtigen Flügelbauten ausstatten ließ. 1937 schließlich sollten nach ihrer Hochzeit Prinzessin Juliana und Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld hier einziehen. Als Juliana 1948 zur Königin der Niederlande gekrönt wurde, blieb Soestdijk ihr Wohnsitz, der dank einer zunehmenden Anzahl von Fernsehauftritten nationale Bekanntheit erlangte.

Die Königsfamilie in früheren Zeiten

Die Geschichte ist noch nicht vorbei

Auch heute ist die Geschichte von Soestdijk noch nicht zu Ende geschrieben: So lebte das Königspaar Juliana und Bernhard nach seiner Abdankung bis 2004 in seiner modernen Wohnung, die in den Palast eingebettet ist. Danach stand der mittlerweile auf den Staat überschriebene Bau leer. In der Folge wurde das Anwesen an eine private Gesellschaft verkauft, doch über die zukünftige Verwendung herrscht Uneinigkeit: Pragmatische Niederländer sehen wenig Nutzen darin, die Gemächer der ehemaligen Landesfürsten auf Staatskosten der Nachwelt zu erhalten. Andere möchten wenigsten einen Teil zum Museum machen.

Barocker Glanz: Jagdtrophäen und Stillleben in Soestdijk

Der Rest könnte zu einem Hotel umgebaut werden. Für wohlhabende Bürger mit Sinn für ein romantisches Wochenende in den Niederlanden, die es sich gerne auf dem Land gut gehen lassen. Informationen zum Thema Schlösser und Landsitze in den Niederlanden:

Huygens’ Hofwijck: Westeinde 2a, 2275 AD Voorburg, Tel. 0031 70 38 72 31, tgl. außer Mo, Fr 10–17 Uhr, Eintritt 6/3 Euro, www.hofwijck.nl

Kasteel Keukenhof: Keukenhof 1, 2161 AN Lisse, der Schlosspark ist immer geöffnet, das Schloss (das eigentlich ein Landsitz ist) wird zurzeit restauriert und soll bald wieder für Besichtigungen offenstehen, kasteelkeukenhof.nl

Paleis Soestdijk: Amsterdamsestraatweg 1, 3744 AA Baarn, Tel. 0031 35 541 28 41, Fr–So 11–17 Uhr, 13,50/10 Euro, www.paleissoestdijk.nl

Bootstour auf der Vechte: Rundfahrt auf der Vecht (90 Minuten) ab Rederij de Kampioen, ab Zandpad 1, Nieuwersluis, Juli & August tgl. 11 Uhr, 18 Euro, rederijdekampioen.nl oder Rederij Loosdrecht (mit dem Seengebiet Loosdrechtse Plassen), Abfahrt Porseleinhaven ggü. Boegspriet 11, 1231 HC Loosdrecht, Ende April – Ende Oktober, 19,50/13,50 Euro, rederijloosdrecht.nl

Übernachtung in einem Landsitz in Voorburg am Vliet: Central Park by Ron Blauw, Oosteinde 14, 2271 EH Voorburg, www.centralparkronblaauw.com, ab 125 Euro/Nacht

Übernachtung in einem Landsitz an der Vecht: Logement aan de Vecht, Straatweg 30, 3621BN Breukelen, logement.aandevecht.com, ab 115 Euro/Nacht

Die Stichting Kastelen, Buitenplaatsen en Landgoederen bietet auf ihrer Webseite auch eine deutschsprachige Einführung in das Thema an: www.skbl.nl

Das Niederländische Büro für Tourismus unterhält eine deutschsprachige Seite zum Thema Schlösser und Landsitze in den Niederlanden: www.holland.com

Von René Dessing ist soeben im Verlag Schnell & Steiner (Regensburg) ein Buch mit dem Titel „Holländische Landsitze“ erschienen. Es ist das ersten seiner Art auf Deutsch.

Text und Bilder: Ralf Johnen, April 2019. Die Reise wurde teilweise von Niederländischen Büro für Tourismus und Convention (NBTC) unterstützt.

 

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