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Right Here: Ein Besuch auf der Go Between Bridge in Brisbane

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»In the distance there’s a bridge, and on the bridge there is a rail«

Eine Brücke über einen mächtigen Fluss mitten in einer Millionenstadt, die nach einer Band benannt ist? Einen solchen Kniefall haben weder Liverpool vor den Beatles noch Dublin vor U2 gemacht. Meine ewige Lieblingsband aber ist sehr wohl in den Genuss dieses Privilegs gekomme, und das obwohl sie selbst auf dem Höhepunkt ihres Schaffens nur einem überschaubaren Publikum bekannt war.

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»Right and round, up and down, through the streets of your town«

In Ermangelung von Hits sind die Go-Betweens nur eine Fußnote in der Musikgeschichte geblieben. Ihr größter Erfolg: 1989 waren sie die Vorgruppe auf der Europa-Tour von REM.

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»They shut it down, They closed it down« (Brisbane sieht immer noch sehr unfertig aus)

Brisbane, am anderen Ende der Welt

Die Go-Betweens haben mich sofort berührt, als ich das erste Mal »Your turn, my turn« gehört habe. Sie sind literarisch, ein bisschen enigmatisch und voller Sehnsucht nach einem relevanten Leben, nach Kultur, Liebe und anderen großen Emotionen. Dinge, die es so in Brisbane nicht zu geben schien, weil sich die Stadt, in der nun die Go Between Bridge steht, nicht nur am anderen Ende der Welt, sondern noch dazu im Würgegriff eines erzkonservativen Despoten befand, der jede Art von Gegenkultur unterdrückt hat.

»The traffic lights on the streets of love have just turned red«

Die wenigen Male, in denen die Songs ganz explizit von Queensland oder Brisbane handeln, hieß der Autor Grant McLennan. »I recall a schoolboy coming home, through fields of cattle, through fields of cane«, lauteten die unaufgeregten Zeilen eines Songs, in dem er sich an seinen früh verstorbenen Vater erinnert. So war es eher den Interviews vorbehalten, die er und sein Co-Songwriter Robert Forster gegeben haben, ihre Heimat zu thematisieren.

The Go-Betweens bei einem ihrer letzten Auftritte in Luzern, 2005

Das Verlangen nach einer Identität und nach dem Anschluss an die große, weite Welt, wo die vermeintlich wichtigen Dinge passieren. Die Machtlosigkeit, so weit weg von all dem zu sein. Aber auch diese fast uneingeschränkte Zuneigung zu Brisbane, zu Queensland und zu Australien. Die Band war produktiv und ihre Songs wurden zum Soundtrack meines Lebens. Ich habe keine Gelegenheit ausgelassen, Konzerte zu besuchen. Erst in Düsseldorf, dann in Bielefeld und Frankfurt, bald in Amsterdam, Brüssel, Berlin, London, Basel und Luzern.

Stilikonen für einen Tag: Das Cover von »Liberty Belle«

Dabei hat für festgestanden, dass ich eines Tages nach Brisbane kommen würde, um mir die Stadt, ihre Vororte, ihre Strände, ihre Gebäude und ihre Bewohner anzusehen – obwohl ich wusste, dass das wenig dazu beitragen würde, mir ein konkretes Bild davon zu machen, wo genau die Wurzeln dieser Musik verborgen sind.

Stopover in Brisbane

Ziemlich genau vor einem Jahr wurde dieser Wunsch Gewissheit. Ich hatte Gelegenheit, die Whitsundays zu besuchen und einen Road Trip durch Nord-Queensland zu machen. In Brisbane aber würden wir nach 26 Stunden Anreise lediglich am Flughafen übernachten, um am nächsten Morgen früh weiterzufliegen. Da war nichts zu machen. Bei der Rückreise aber sollte der Aufenthalt immerhin sechs Stunden betragen. Das konnte reichen für einen produktiven Stopover in Brisbane.

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»I want surprises. Just like spring rain«

Nach einer kurzen Nacht in Cairns und zwei Stunden Flug stehe ich um 7.45 Uhr im Domestic Terminal des Flughafens von Brisbane. Weit im voraus habe ich mir ein Ticket für den Airtrain bestellt, den ich sofort nach der Landung aufsuche. Ein sehr effizientes Fortbewegungsmittel, das mich innerhalb von knapp 30 Minuten ins Stadtzentrum von Brisbane bringt.

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The clouds are here, they are not in the sky

Ich steige an der Central Station aus, inmitten von Wolkenkratern und den unvermeidlichen Büroangestellten, die mit Pappkaffeebechern, Sonnenbrillen und Mobiltelefonen bewaffnet in ihre Büros sprinten. Ich bin versucht einen kleinen Abstecher in das nahe Viertel Spring Hill zu machen, das immerhin den Titel des dritten Go-Betweens-Albums »Spring Hill Fair« geprägt hat, entscheide ich aber aus Zeitgründen dagegen.

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Here comes a city

Auf dem Weg zur Go Between Bridge

Stattdessen versuche ich zielstrebig in Richtung Brücke zu laufen, was aber nicht so einfach ist, denn Brisbane ist trotz seiner funktionalen Bahn eine absolute Autostadt. Stau, wütendes Gehupe und Abgase dominieren die Roma Street und den Riverside Expressway in der Rush Hour in einem Maße, wie es mich in meiner Heimatstadt in tiefe Schockstarre versetzen würde. Fußgänger sind hier nicht vorgesehen. Neue Welt eben. Ich versuche unbeirrt, mir entlang der viel befahrenen Magistralen meinen Weg zu bahnen, um endlich die Brücke zu betreten, die der besten Band meiner Welt gewidmet ist.

Eine sparsame Choreographie darf natürlich nicht fehlen. Speziell für diesen Tag habe ich mein Original-T-Shirt mit Go-Betweens-Aufdruck mitgebracht. Die Brücke selbst befindet sich an einem der vielen Bögen, die der Brisbane River schlägt. Ich wundere mich, dass sie etwas inakkurat als »Go Between«-Bridge ausgeschildert ist. Für ihre Benutzung wird eine Maut in Höhe von 3,19 AUD erhoben, was zu einem deutlich geringeren Verkehrsaufkommen als auf den umliegenden Straßen führt. Als ich sie betrete, höre ich »Streets of your town«.

Mr. Robert Forster in Köln, 2017

Here comes a city

Ich blicke auf die Skyline Brisbanes und sehe die Silhouette einer Stadt, wie sie nur in der neuen Welt sein kann: Wolkenkratzer aus Glas und Stahl, Baukräne, noch mehr Brücken. Ein auch nach 195 Jahren ziemlich unfertiges Gebilde. Grant singt unterdessen: »I ride your river under the bridge, I take your boat out to the reach, ‚Cause I love that engine roar, But I still don’t know what I’m here for.«

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»I’ll dive for your memory…«

Gut eine halbe Stunde bleibe ich auf der Go Between Bridge und sinniere darüber, welche Merkwürdigkeiten Musik mit einem Menschen anstellen kann. Wenn Grant McLennan, Robert Forster und Lindy Morrison sich nicht in den finalen Monaten des Jahres 1978 in dieser Stadt zusammengefunden hätten, um die Leere ihres Lebens in der Provinz mit Songs auszufüllen, wäre der Soundtrack meines Lebens ein komplett anderer gewesen. Bei meinen Gedanken habe ich die Uhr im Blick, schließlich geht um 13.30 Uhr der Flieger nach Bangkok. Noch aber weiß ich nicht, was diese teils überdachte und architektonisch durchaus gelungene Brücke und ihre verschlungenen Zufahrten mit der Band zu tun haben sollen.

»Was there anything I could do?«

Am deutlich freundlicheren Südufer ändert sich das endlich: Ich entdecke eine Plakette mit einem Band-Foto, das ich von einem Sampler kenne. »Celebrating Brisbane’s musical heart«, heißt es darauf durchaus feierlich. Demnach waren es tatsächlich die Einwohner der Stadt, die sich bei einer Abstimmung für den Namen der Brücke entschieden haben. Eine späte Würdigung für eine Band, die mein halber Freundeskreis vergöttert – und ganz nebenbei eine passende Bezeichnung für ein Bauwerk, das zwei Ufer miteinander verbindet.

Eine Can-Brücke für Köln?

Als ich schon längst im Flugzeug sitze, werde ich mir darüber im Klaren, welche Besonderheit das ist. Für den Fall, dass eines Tages noch mal eine achte Rheinbrücke in Köln – vorzugsweise nur für Fußgänger und Radfahrer – gebaut wird, nehme ich mir auf jeden Fall vor, mich für den Namen Can-Brücke stark zu machen. Und eine Kraftwerk-Brücke in Düsseldorf hätte auch etwas. Übrigens kann sich seit Juni 2019 eine weitere Band rühmen, dass eine Brücke in ihrer Heimatstadt nach ihr benannt ist. Sie kommt aus Birmingham in England und heißt Black Sabbath. Allerdings überspannt diese keinen mächtigen Fluss wie den Brisbane River, sondern eher einen begradigten Bach. So sieht Gerechtigkeit aus.

Informationen zum Stopover in Brisbane

Nach über 1000 Wörtern ein späte Botschaft für all jene, die sich nicht für Musik interessieren: schon bei einem Stopover in Brisbane mit sechs Stunden Aufenthalt lohnt es sich, in die Stadt zu fahren. Der Transfer mit dem Brisbane Airtrain dauert je nach Zielhaltestelle zwischen 20 und 30 Minuten. Ein Ticket kostet 34 AUD und kann auf das Smartphone geladen werden. Die Go-Betweens

Die Go-Betweens haben in zwei Schaffensphasen von 1978 bis 1989 sowie von 2000 bis 2006 acht zeitlose Schallplatten produziert. Der frühe Tod von Grant McLennan hat ihrem Dasein ein abruptes Ende bereitet. Robert Forster hat die Geschichte der Band in seinem wunderbaren Buch »Grant & Ich« verewigt.

Meine zehn Lieblingssongs der Go-Betweens (in unbestimmter Reihenfolge)

»Finding You« (Oceans Apart, 2005)

»Surfing Magazines« (The Friends of Rachel Worth, 2000)

»Your Turn, My Turn« (Send Me a Lullaby, 1981)

»Too Much of One Thing« (Bright Yellow, Bright Orange)

»Quiet Heart« (16 Lover’s Lane, 1988)

»The House That Jack Kerouac Built« (Tallulah, 1987)

»Spring Rain« (Liberty Belle and the Black Diamond Express, 1986)

»People Say« (Single, 1979)

»The Wrong Road« (Liberty Belle and the Black Diamond Express, 1986)

»Cattle and Cane« (Before Hollywood, 1982)

Text und Bilder: Ralf Johnen, August 2019. Der Autor war auf Einladung von Visit Queensland in Brisbane.

Mr. Robert Forster in Essen, 2017

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