Galerie
3 Kommentare

Auf heißem Reifen zu heißen Quellen – Mit dem RV durch Colorado (Teil 3)

IMG_0392

Am Morgen blinkt das funky Autoradio immer noch. Eine Etage weiter oben, im Kabuff über dem Cockpit, rumort es. Ralf wacht auf und verharrt zum Booten des eigenen Organismus‘ erst einmal in einer kleopatrahaften Haltung und blickt mich wortlos an.

Funky boy, funky radio

Funky boy, funky radio

Wir haben noch einen Termin mit Linda. Sie ist die Besitzerin des Wiesbaden Hot Springs Motel. Eine äußerst aparte Erscheinung jenseits der Siebzig, die uns schon erwartet, als wir wieder im Motel auftauchen.

Wiesbaden in Colorados Schweiz von Amerika

Wiesbaden in Colorados Schweiz von Amerika

Mit durchgedrücktem Rücken sitzt sie regegungslos, als sei sie Teil des Interieurs, in einem Korbsessel, dessen Lehne sich wie riesige Elfenflügel hinter der Dame auffaltet. Linda trägt ein goldenes Amulett um den Hals und Ringe an den Fingern, ein cremefarbenes Fleece. Die Frau an der Rezeption hatte gesagt, sie sei nicht mehr ganz besammen, seit sie die Treppe runter gefallen ist.

Unter dieser Wohnzimmerlobby gibt es einen Spa-Bereich, der sich unterirdisch bis in den Berg erstreckt

Unter dieser Wohnzimmerlobby gibt es einen Spa-Bereich, der sich unterirdisch bis in den Berg erstreckt

Aber Linda erzählt wunderbare Geschichten. Von Bären, die ihr fast ins Haus gestiegen seien („We have lots of bear experiences here!“), dass sie einmal Wölfe gehalten habe, auch ein Opossum und sogar ein Stinktier, das sie als Waise aufnahm. Und dass sie eine Entdeckung gemacht habe, nachdem sie das Anwesen mit der heißen Quelle in den Siebzigern gekauft habe: „Unter der Hütte am Hang verbirgt sich die Ruine von Chief Ourays Zuhause.“  Nach dem Indianerhäuptling wurde später der Ort benannt.

Und unter dieser Hütte verbirgt sich im Erdreich die Ruine von Chief Ourays Zuhause

Und unter dieser Hütte verbirgt sich im Erdreich die Ruine von Chief Ourays Zuhause

Weil sich Linda leider nicht fotografieren lassen will, knipsen Ralf und ich uns übersprungshandlungshaft selbst am heißen Pool. Als wir die Wiesbaden Hot Springs verlassen, winkt Linda uns nach, als habe sie uns in ihr Herz geschlossen.

Wenn sie nicht will, dann halt wir

Wenn sie nicht will, dann halt wir

Als wir uns auf Ourays Hauptstraße mit Proviant eindecken wollen, legen wir einen Stunt mit unserem 11-Meter-Vehikel hin. Die Parkbuchten im Bergdorf haben ein Gefälle wie der Trapezgiebel einer Almhütte. Mit unserem langen Ding könnten wir kaum einparken, ohne gleichsam als Straßenblockade zu wirken.

Chief Ouray – nach ihm wurde der Ort benannt

Chief Ouray – nach ihm wurde der Ort benannt

Also stellen wir uns quer über vier Lücken und kippen dabei fast um. Mit gefährlicher Seitenneigung steht das RV da, wie ein um 45-Grad gedrehter Quader. Ich traue mich kaum auszusteigen. „Ey, Alter, bleib mal als Gegengewicht auf dem Fahrersitz“, bitte ich Ralf – die Zeitungsüberschrift schon vor Augen: „Deutscher Honk von gigantischem Wohnmobil zerquetscht.“

Kipplaster – oder wie man ein RV in Ouray nicht parken sollte

Kipplaster – oder wie man ein RV in Ouray nicht parken sollte

Vor lauter Schreck fällt unser Einkauf etwas einseitig aus. Als Ralf das Wohnmobil zur Weiterfahrt ehrfürchtig langsam aus seiner akrobatischen Haltung auf die Fahrbahn zurück bugsiert, liegen auf meinem Schoß sechs bis zwölt Tüten eingeschweißten Trockenfleisches: Beef Jerky, Elk Jerky, gepfeffert und Teryaki-Style. Das Kleingedruckte weist etliche Geschmacksverstärker und Zusatzstoffe aus. Immerhin hat Ralf geistesgegenwärtig noch ein paar Flaschen Wasser besorgt.

Fette Beute – Trockenfleisch satt

Fette Beute – Trockenfleisch satt

Wieder geht es in Serpentinen bergan, dann Kilometer um Kilometer im Schatten einer Felswand entlang. Links der Stein, rechts der Abgrund. „So lange uns hier niemand entgegen kommt, ist alles gut“, sagt Ralf. Etwas nackensteif wirkt er. Dann eine lange Kehre gen Himmel. Selbst der 400 PS V10 hat seine liebe Mühe und klingt erkältet. Und es kommt jemand.

Mittendurch, nicht nur vorbei

Mittendurch, nicht nur vorbei

Ein Sattelschlepper mit Baumstämmen. Alles hübsch anzusehen: Ein typischer US-Truck vor blauem Himmel und einer Rockys-Kulisse, doch leider mit einer Ladung, die sich der Kurve schlechterdings anpassen wird. Den Gesetzen der Physik folgend schneidet der Fernfahrer die Kurve, in unserem rechten Seitenspiegel ist kein Fitzelchen Fahrbahn mehr zu sehen. Wir fliegen.

Als die Straßen wieder breit waren griff ich erst zum Fotoapparat

Als die Straßen wieder breit waren griff ich erst zum Fotoapparat

Wir müssen geisterhaft kreidebleich sein, aber wir leben und sind immer noch an Bord unseres Erholungsfahrzeugs, in dem wir uns jetzt erstmal wieder locker machen müssen. Aber wir werden abgelenkt. Beziehungsweise denken wir wieder an unser Vorhaben, die Geisterstadt außerhalb Ourays aufzusuchen – von der Ironton Townsite war die Rede.

IMG_0390

Einige Meilen außerhalb des Ortes bringen wir unser RV auf einer Art Parkplatz zum Stehen. Zum ersten Mal kommen unsere Fahrräder am Heck zum Einsatz. Mit halbschlaffen Reifen radeln Ralf und ich in den Wald hinein, dann teilt sich der Weg. „Wo lang?“, frage ich. Recht geht es relativ steil bergan, der Pfad ist morastig, links sieht es wegsamer aus, aber wenig nach Ghost Town. „Und was ist mit Bären?“, fragt Ralf.

Auf die Passhöhe in über 3000 Metern

Per Wohnmobilmonster auf die Passhöhe in 3366 Metern Höhe

Wer brechen das Pedalritterintermezzo ab, auch weil wir keinen Plan haben, wo die zivilisatorischen Überreste der Gold- und Silbergräberzeit sein könnten. Dann regelt sich alles von selbst: Als wir uns mit dem fetten Ford wieder die Straße entlang schlängeln, blitzen links hinter einigen Koniferen ein paar Hütten auf.

Ironton Townsite – obwohl verfallen, mit dem Auto so gut erreich bar wie alles in den USA

Ironton Townsite – obwohl verfallen, mit dem Auto so gut erreichbar wie alles in den USA

Wie könnten wir es vergessen? In den USA sind die Attraktionen mit dem Auto erreichbar! Wir halten in einer breiten Kehre und laufen ein paar Meter die Straße zurück. Wir schießen ein paar Fotos der windschiefen Bretterbuden, trauen uns aber nicht, sie zu betreten. Sie wirken instabil wie ein Haufen Mikadostäbchen. Ein sich selbst überlassenes museales Relikt ohne Souvenirshop in der freien Natur.

Die Geisterstadt bot einst Silbersuchern Bleibe

Die Geisterstadt bot einst Silbersuchern Bleibe

Als die Straße auf dem Weg nach Silverton wieder interstate-mäßig breit ist, verspüren wir schon wieder Fotolust, die Landschaft ist schuld. „Hier können wir anhalten“, schlage ich vor. Gesagt getan, und im Kamerasucher findet sich die Szenerie wieder: Leuchtend gelbes Laub des Espen, dahinter die schneebedeckte Spitze eines der 50 Fourteener in Colorado, der Berge mit einer Höhe von 14.000 Feet. Die Grillen zirpen, die Luft tut gut. Die Straße heißt jetzt Silverton Skyroad. Viel Himmel, der sich in blauen Seen spiegelt, Bäume, Berge mit Schneeresten.

Ausblicke, die ein Leben verändern

Ausblicke, die ein Leben verändern

Dann muss Treibstoff ran, nach über 400 Meilen ist der Tank fast leer, was einem Verbrauch von mehr oder weniger 30 Litern gleich kommt. Wie sich an der nächsten Zapfsäule zeigt, ist das eine Prozedur: Nur bis zu 100 Dollar pro Vorgang erlauben die meisten Self-Service-Tankstellen. Wir müssen die Kreditkarte zwei Mal zücken, am Ende sind wir um 180 Dollar erleichtert. Unser Interesse weckt ein alter Dampfzug in der Entfernung, die Durango and Silverton Narrow Gauge Railroad, die regelmäßig vom Bergbaustädtchen Silverton 70 Kilometer nach Durango sich an Felswände schmiegend durch die hübsche Berglandschaft gondelt.

Museumsbahn auf schmaler Spur – die Durango and Silverton Narrow Gauge Railroad

Museumsbahn auf schmaler Spur – die Durango and Silverton Narrow Gauge Railroad

Wir aber haben unserer Wohnung dabei und müssen auf Eisenbahnromantik verzichten. Dafür legt sich der Herbst ins Zeug. Foliage. Indian Summer. Am Straßenrand wachsen stockrosenartige Gewächse, die Gipfel der San Juan Mountains werden sanfter und weniger kantig und tragen keine Schneekrönchen mehr.

Zittern wie Espenlaub at it`s best

Zittern wie Espenlaub at it`s best

Einmal halten wir neben einer Reihe von Espen und erfreuen uns daran, dass die Bäume die sprachliche Wendung „zittern wie Espenlaub“ aufs Heftigste veranschaulichen. (Später schlage ich nach und erhalte eine weitere Bestätigung: „Populus tremuloides – Amerikanische Zitterpappel.)

Besser in Schuss als die Bretterbuden vom Straßenrand – Die museale Schalterhalle der Museumsbahn

Besser in Schuss als die Bretterbuden vom Straßenrand – Die museale Schalterhalle der Museumsbahn

Wo bleibt sie die Tiefenentspannung auf diesem Tripp im Recreational Vehicle? Sie naht mit jeder Meile, die wir uns Pagosa Springs nähern, einem Ort, in dem sie die Bürgersteige beheizen und über ein neues Geothermiekraftwerk nachdenken, denn man hat vor kurzem eine neue heiße Quelle entdeckt.

Wenns denn sein muss

Wenns denn sein muss

Zum Dinner checken wir in der Riff Raff Brewing Company ein und stürzen zum Feierabend Chilli Beer unsere Kehlen hinunter. Dazu Burger. Mit am Tisch sitzt Jennifer Green vom örtlichen Tourismusbüro, die über die Vorzüge ihres Ortes referiert, zum Beispiel, dass die nahe Wolf Creek Ski Area mit 11,80 Meter im Jahr den meisten Schneefall in Colorado abbekommt.

Dann erörtern wir eine interessantere Frage. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Cannabis in Colorado legalisiert wurde. „Man darf aber nur zu Hause kiffen, wer im Auto erwischt wird, muss 10.000 Dollar Strafe zahlen“, sagt Jennifer. Ist unser RV unser neues Zuhause? Wir können die Sache nicht abschließend klären.

Die Nacht gewährt uns unser Trumm erneut den Schutz vor der Wildnis da draußen. Ein Schatten schleicht auf dem Campground umher, der einer großen Katze verdächtig ähnlich sieht.

IMG_0487

Teil 1 und 2 der Geschichte lest ihr hier und hier.

Text & Bilder: Stefan Weißenborn. Die Reise wurde von Colorado Tourism, Icelandair und CRD International unterstützt. Vielen Dank an Kathrin Berns und Julia Stubenböck für ihre Hilfe.

Icelandair fliegt ganzjährig direkt ab Frankfurt/Main und München, saisonal auch ab Hamburg, Zürich und Genf erst nach Island und von dort weiter zu 16 Destinationen in den USA und Kanada – unter anderem ins tolle Denver.

Das hat zwei gravierende Vorteile: Nordamerika-Reisende können auf allen Transatlantikflügen 2 x 23 kg Freigepäck mitnehmen, in der Saga Class können diese jeweils 32 kg wiegen. Zudem haben Amerika-Passagiere die Möglichkeit zu einem bis zu siebentägigen Stopover in Island ohne Flugaufpreis.

Das haben wir gemacht – mit folgendem Ergebnis: Die isländische Ringstraße in 48 Stunden

3 Kommentare

  1. Pingback: Auf heißem Reifen zu heißen Quellen – Mit dem RV durch Colorado (Teil 3) | LilaFine.com

  2. Gute Geschichte. Erinnert etwas an das Buch On the Road von Jack Kerouac! Nur weiter so!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.