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Bagamoyo Blues: Zu Besuch in der ehemaligen Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas

Gestrandet in den Fußnoten der Geschichte: Bagamoyo war einst die Hauptstadt von »Deutsch-Ostafrika«

Gestrandet in den Fußnoten der Geschichtsbücher: Bagamoyo war einst die Hauptstadt von »Deutsch-Ostafrika«

Ein gewisser A. Thon aus Coblenz am Rhein suchte für den Vertrieb vor Ort einen »tüchtigen Vertreter«. B. Reichel hatte »Präparierte Kautschuksaat« im Angebot. Und das Hansa-Haus in Moschi am Kilimanjaro hat für die Deutschen vor Ort gar eine Versorgungskette mit Tropenkoffern, Gänsekeulen in Gelee und anderen Produkten aus der Heimat aufgebaut.

Das einstige Domizil katholischer Missionare verwittert träge vor sich hin

Das einstige Domizil katholischer Missionare verwittert träge vor sich hin

Diese Worte lese ich auf einer der hinteren Seiten der »Usambara Post«, dem »Unabhängigen Organ für die Interessen der Wirtschaft in Deutsch Ostafrika«. Das Inserat stammt aus dem Jahr 1913, als die Geschäfte mit der Kolonie offenbar prächtig genug liefen, um Abenteurer ins heutige Tansania zu locken.

Die Missionskirche hingegen ist gut erhalten

Die Missionskirche hingegen ist gut erhalten

Die Verwaltung der Besatzer war damals schon nach Daressalam weitergezogen. Zunächst jedoch hatten sich die Gesandten des Deutschen Reichs 70 Kilometer weiter nördlich in Bagamoyo niedergelassen. Dort sind ihre Hinterlassenschaften seitdem einem langsamen Verfall ausgesetzt.

Das Wall Street von vor 100 Jahren: Die »Usambara Post« listet die Rohstoffpreise auf

Das Wall Street von vor 100 Jahren: Die »Usambara Post« listet die Rohstoffpreise auf

Die Ausgabe der »Usambara Post« liegt im Katholischen Museum von Bagamoyo. Um dort hinzulangen, müssen wir zunächst eine Allee aus ausgewachsenen Mangobäumen durchqueren. Anschließend finde ich mich auf einem merkwürdigen Anwesen wieder: In der Luft liegt der süßliche Duft der Mangos. Vor mir sehe ich eine gut erhaltene Kirche, ein verfallenes Missionshaus, besagtes Museum und einen prächtigen Baobab.

Auch die Fassade des 1868 errichteten Gotteshauses befindet sich in gutem Zustand

Auch die Fassade des 1868 errichteten Gotteshauses befindet sich in gutem Zustand

Im Museum springt mir zunächst der übliche Folklorekitsch ins Auge: Die Geweihe von Savannenbewohnern, regionsspezifisches Kunsthandwerk und so weiter. Bald aber stoße ich auf notdürftig eingerahmte Bleistiftzeichnungen jener Missionare, die zeitgleich mit den Kolonialisten nach Afrika gekommen waren. Es dauert nicht lange, bis ich mich in ihren Hinterlassenschaften verliere.

Im Innern: ein katholisches Heilsversprechen der bunteren Art

Im Innern: ein katholisches Heilsversprechen der bunteren Art

Wo die Sklaven ihr Herz niedergelegt haben

Grade einmal 150 Jahre ist es her, dass hier Deutsche unterwegs waren, die man heute wohl als »religiöse Eiferer« bezeichnen würde, weil sie das Neuland im Namen von Jesus Christus betreten haben. Vorgefunden haben sie eine komplexe Situation. Ich erfahre, dass Bagamoyo wörtlich übersetzt »Leg dein Herz nieder« heißt. Eine traurige Referenz an die Geschichte der Stadt als Endpunkt einer Sklavenroute, die nach mehr als 1000 Kilometern am Hafen endete. Wer einmal hier gelandet war, hatte keine Chance mehr auf ein Leben, für das ein Herz erforderlich wäre.

Ein mächtiger Baobab spendet dem Anwesen Schatten

Ein mächtiger Baobab spendet dem Anwesen Schatten

Mehrere Hunderttausend wehrlose Menschen wurden von Bagamoyo ins nahe Sansibar und in arabische Länder verschifft. Es war der traurige Tiefpunkt der lokalen Geschichte, die immer wieder von den Ansprüchen von Eindringlingen geprägt war: Perser, Araber, Inder und die Sultane von Sansibar haben sich vor der europäischen Kolonialmacht an Tansania gütlich getan.

Die geschnitzten Holztüren, für die Stonetown berühmt ist, sind auch in Bagamoyo zu sehen

Die geschnitzten Holztüren, für die Stonetown berühmt ist, sind auch in Bagamoyo zu sehen

Mit dem Wertekanon der Missionare aber war nicht zu vereinbaren, was sie in Bagamoyo vorgefunden haben. Ich lese, dass die Katholiken ab 1868 so vielen Sklaven wie möglich die Freiheit erkauft haben. Dabei hat sich besonders der schottische Missionar und Abenteurer David Livingston hervorgetan. Der liegt in Westminster Abbey begraben. Doch das wäre wohl eine Geschichte für sich.

In der Boma saßen einst die deutschen Regierungsräte. Nun soll sie tatsächlich restauriert werden

TBA und TBC: In der Boma saßen einst die deutschen Regierungsräte. Nun soll sie tatsächlich restauriert werden.

All dies aber ändert nichts daran, dass ich mich in dem seltsam verlassen wirkenden Museum inmitten eines Kapitels deutscher Historie wähne, das von den beiden Weltkriegen in die Fußnoten der Geschichtsbücher verdrängt wurde: dem Kolonialismus. In Bagamoyo ist es allgegenwärtig. Doch es ist in einem rasanten Verfall begriffen.

Heilige Stätte: Die Ruine einer Moschee aus Korallen sind in Kaole zu sehen

Heilige Stätte: Die Ruine einer Moschee aus Korallen sind in Kaole zu sehen

Lediglich für die Missionskirche gilt das nicht. Nachdem uns ein freundlicher Herr das Portal aufgeschlossen hat, kann ich offiziell die Wandmalereien begutachten, die nicht nur bunt sind, sondern auch erstaunlich plump. Eine Sonne, eine Friedenstaube und eine Jesusfigur. Das musste genügen für das katholische Heilsversprechen.

Der Autor sinniert in der Ruinenlandschaft darüber, ob er wohl das Zeug zum Abenteurer hätte

Der Autor sinniert in der Ruinenlandschaft darüber, ob er wohl das Zeug zum Abenteurer hätte

Das Missionshaus mit seinen meterdicken Mauern allerdings möchte ich nicht betreten. Als »Old father’s house« steht es hier zu Buche. Doch niemand fühlt sich zuständig für das Bauwerk, das zusehends von tropischen Gewächsen zu verschlungen werden droht. Wenn es in Tansania für irgendetwas Geld gibt, dann bestimmt nicht für den Erhalt der Baudenkmäler der Kolonialherren. Oder?

In dem Doppelgrab soll eine traurige Geschichte ihr Ende gefunden haben

In dem Doppelgrab soll eine traurige Geschichte ihr Ende gefunden haben

Eine ostafrikanische Sklavenroute

Nachdem wir dort, wo die Innenstadt ausgewiesen ist, einige hoffnungslos verwitterte Türen aus Sansibar und ein restauriertes arabische Teehaus passiert haben, gerate ich wieder ins Staunen: Die alte Boma, ein mächtiger Solitär mit einst strahlend weißem Anstrich, wird offenkundig doch restauriert. Die 1895-97 erbaute Trutzburg hat bis zu deren Umzug nach Dar, wie Expats und Tansanier den Namen der Kapitale einvernehmlich abkürzen, die koloniale Bezirksverwaltung beheimatet. 1998 ist die Vorderfront eingestürzt. Dennoch soll der Bau Bestandteil einer »Ostafrikanische Sklavenroute« werden, deren Relevanz bereits der UNESCO vorgestellt wurde.

Die maritime Vergangenheit in Öl

Die maritime Vergangenheit in Öl

Ich bekomme meinen Bagaymoyo Blues und werde zunehmend melancholisch an diesem merkwürdig vergessenen Flecken Erde. Da haben sich Besatzer, Kolonialisten und sonstige Ausbeuter seit mehr als 800 Jahren die Klinke in die Hand gegeben. Doch ihre Hinterlassenschaften wurden weder beseitigt noch zu Bestandteil der allgegenwärtigen Mahnmalskultur. Vielmehr verwittern sie mit tropischer Trägheit vor sich hin.

Trotz Gezeiten: Bald soll der größte Hafen Afrikas das Idyll für immer zerstören

Trotz Gezeiten: Bald soll der größte Hafen Afrikas das Idyll für immer zerstören

Südlich der Stadt etwa stehen die Kaole-Ruinen. Es sind die Rückstände einer ganzen Siedlung, die aus Mitte des 13. Jahrhunderts von den Shirazi aus Korallengestein errichtet wurde. Die Bewohner der persischen Stadt gelten als die ersten Besatzer Bagaymoyos. Sie haben hier unter anderem die wahrscheinlich erste Moschee auf dem afrikanischen Kontinent gebaut, deren Ruine wir barfuß betreten. Zu ihrer Siedlung gehören auch ein paar traurige Gräber. In einem, so erzählt uns ein freundlicher Tansanier, soll ein Ehepaar gelegen haben, das während eines Schiffsuntergangs vor Sansibar ums Leben gekommen ist. Als sie aus dem Indischen Ozean geborgen wurden, so die Legende, waren ihre Körper eng umschlungen.

Bis es soweit ist, bleibt Müßiggang Trumpf in Bagamoyo

Bis es soweit ist, bleibt Müßiggang Trumpf in Bagamoyo

Wie unser Guide erklärt, sind wir nur ein paar Schritte vom Meer entfernt. An vielen Tagen puhlen Frauen hier die Muscheln, die sie vorher bei Ebbe gesammelt haben. Der Geruch der zurückgebliebenen Schalen ist nicht angenehm. Mit rustikalen Eindrücken dieser Art aber könnte es bald vorbei sein. Hier, wo die Abenteurer John Hanning Speke und Richard Francis Burton 1857 ihre Suche nach den Quellen des Nils gestartet haben, wird wahrscheinlich noch in diesem Jahr mit dem Bau des größten Hafens Afrikas begonnen. Zehn Milliarden Euro wollen die hier allgegenwärtigen Investoren aus China in die Hand nehmen, um die verbliebenen Rohstoffe aus dem südlichen Afrika so schnell wie möglich gen Osten verschiffen zu können.

Die Travellers Lodge gehört zu den wenigen Touristenunterkünften

Die Travellers Lodge gehört zu den wenigen Touristenunterkünften

Wieder geht ein Heilsversprechen damit einher: 20 000 Arbeitsplätze, eine neue Bahnlinie, Anschluss an die Moderne. Oder kurzum – Wohlstand für alle. Noch aber ist es nicht so weit. Ein Umweltverträglichkeitsgutachten liegt noch nicht vor. Zudem gilt die vorgelagerte Lagune als Hindernis – es droht permanente Versandung.

Bis zum palmengesäumten Strand sind es nur ein paar Meter

Bis zum palmengesäumten Strand sind es nur ein paar Meter

Vielleicht also bleibt in Bagamoyo alles so, wie es ist: Ein träges Städtchen, etwas aus der Zeit gefallen, wo ältere Männer im Schatten einer Palme bedächtig an hölzernen Booten herumzimmern, während die wenigen Urlauber hier einen Landstrich vorfinden, der so gar nicht an die Hektik des nahen Daressalam und den organisierten Tourismus von Sansibar erinnert.

So lange die Mungos hier nach Schlangen suchen, ist die Welt in Bagamoyo noch in Ordnung

So lange die Mungos hier nach Schlangen suchen, ist die Welt in Bagamoyo noch in Ordnung

Am Nachmittag sitzen wir im Restaurant der Travelers Lodge, wo wir Hühnchencurry und Ingwerlimonade zu uns nehmen. Wir sehen eine Brigade Mungos, die eine Wiese nach Schlangen und Echsen durchkämmt. Wir denken uns: ein ziemlich perfekter Ort für ein paar Tage. Und wahrscheinlich eine ergiebige Fundgrube für Anekdoten über die Abenteurer vergangener Jahrhunderte.

Text und Bilder: Ralf Johnen, Februar 2016. Der Autor war privat in Bagamoyo.

1000 Dank an Ben und Sabine for taking us.

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