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Boise: Ein Loblied auf die Provinz in 15 Strophen

Zwei Mal bin ich binnen weniger Tage in einer vermeintlichen Traumstadt gestrandet. Zwischendurch habe ich mich in ein Provinzstädtchen verguckt, das mit hoher Lebensqualität lockt. 

Eine Nacht in San Francisco. Eine Nacht in Chicago. Das mag ziemlich glamourös klingen. In Wahrheit aber habe ich im Anflug nur für einen Sekundenbruchteil die Skyline der kalifornischen Metropole gesehen. »The Windy City« hat sich gar im Nebel versteckt. So waren meine beiden unplanmäßigen Stopps in den amerikanischen Traumstädten alles andere als glamourös.

Charmante Solitäre prägen die City von Boise

Charmante Solitäre prägen die City von Boise

Zugleich aber waren sie sehr lehrreich. Denn die überteuerten Hotels mit ihren eiterfarbigen Wänden, ihrem Plastikinterieur und ihren desillusionierten Dienstleistungsdrohnen spiegeln ein Stück Amerika wider, das für viele, ja vielleicht sogar für die meisten Bewohner dieses einst großartigen Landes zum demütigenden Alltag geworden ist.

Restaurants unter freiem Himmel: Boise ist nicht nur »walkable«, sondern auch »sittable«

Restaurants unter freiem Himmel: Boise ist nicht nur »walkable«, sondern auch »sittable«

Sie leben und arbeiten in den Einflugschneisen der Städte, in Industriegebieten, die so groß geworden sind, wie andernorts die Nationalparks, und die von Autobahnen durchschnitten werden, deren Betriebsamkeit einem jede Lebensfreude nehmen kann. In einem Suburb von San Francisco konnte ich mich davon aus nächster Nähe überzeugen, denn mein Zimmer im »Crown Plaza« (!) befand sich ungefähr sechs Meter neben dem Standstreifen des Highway 101 nach Los Angeles.

Das Umland ist unverfälscht westlich. Hier: Idaho City

Das Umland ist unverfälscht westlich. Hier: Idaho City

Auch mit knapp 24 Stunden Reise in den Knochen konnte ich der Versuchung nicht wiederstehen, über die rund einen Kilometer lange Fußgängerbrücke in den Ort zu gehen, der mir auf Snapchat in Form eines Filters angezeigt wurde: Burlingame. Obwohl es dort mit Fine Dining Restaurants (»local, organic ans seasonal farm to table food«), Coffee Bars (»hand roasted«) und so weiter neuamerikanisch nett war, wurde ich von einer inneren Unruhe erfasst: Alles wirkte aufgeblasen, satt und gigantisch teuer. Von dem Kalifornien, das ich als Student kennengelernt hatte, war rein gar nichts mehr übrig.

Everything is better in California? Not anymore

Everything is better in California? Not anymore

Unwillkürlich habe ich in der Nacht den Tocotronic-Hit »Aber hier leben, nein Danke« im Kopf gehabt. Neun Stunden nach dem Einschlafen bin ich schließlich in Boise gelandet. Das ist die Hauptstadt von Idaho, einem Bundesstaat, von dem auch viele Amerikaner nicht wissen, wo genau der liegt. »Pacific Northwest« kommt einer Kategorisierung vielleicht am nächsten. Nur ohne Regen.

Trotz Alaska Center: this is Boise calling

Trotz Alaska Center: this is Boise calling

Ebenso wie San Francisco und Chicago sollte auch Boise während der kommenden Woche eine größere Rolle einnehmen, als dies eigentlich geplant war. Und obwohl es dort im engeren Sinne nicht viel zu sehen gibt, hat mich die Stadt davon überzeugt, ein gelungener Gegenentwurf zu den beiden Megacities zu sein. Abgesehen davon, dass Boise mit seinen 200 000 Einwohnern (und einer Metro-Area von immerhin 700 000 Bewohnern) naturgegebenermaßen nicht der Nabel der Welt ist, fallen mir nicht weniger als 15 höchst positive Merkmale ein. Unter dem Strich würden sie mich vielleicht sogar dazu verleiten, meine Zelte in Idaho aufzuschlagen, wenn ich denn tatsächlich in den Vereinigten Staaten leben müsste.

Ein Traum oder Wirklichkeit: Radweg mit Trinkstelle

Ein Traum oder Wirklichkeit: Radweg mit Trinkstelle

1. Die Leute lieben ihre Fahrräder

Das heißt natürlich nicht, dass nicht überall Pick-ups mit acht Zylindern durch die Gegend wummern. Aber sie müssen sich viele Straßen mit Radwegen teilen. Und der Boise River wird auf einer Strecke von 25 Meilen beidseitig von »bike lanes« flankiert. Luftpumpen und Trinkwasserbrunnen gewähren eine vorbildliche Infrastruktur.

Kurze Wege, große Vielfalt: In Boise läuft es sich gut

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2. Downtown ist »walkable«

Hinter diesen beiden Achtbuchstabenwörtern verbergen sich zwei Schlüsselvokabeln des neuamerikanischen Selbstverständnisses. Während sich andere Orte wegen grobschlächtiger Stadtplanung, Franchise-Wüsten oder Sicherheitsfragen kaum für die Erkundung per pedes eignen, erfüllt Boise alle Voraussetzungen: Es ist überschaubar, aber nicht winzig. Und jeden Abend ist es mehr oder weniger voll.

3. The Record Exchange

Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben ist die geographische Nähe zu einem formidablen Plattenladen – und in dieser Hinsicht verdient Boise Höchstbewertungen: The Record Exchange verfügt über ein riesiges Vinyllager. Besitzer John fängt mit mir ein spontanes Gespräch über die großen Sleaford Mods an. Und der Laden trägt mit In-store-appearances erheblich zum städtischen Kulturleben bei. Die haben Größen wie Beach House zu Gast, einen der Headliner von Primavera Sound. So lässt es sich leben.

Lokalmatadoren: Built to Spill haben Boise einst auf die kulturelle Landkarte gebracht

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4. Built to Spill

Wo wir schon dabei sind: Das erste Mal zu Ohren gekommen ist mir der Name Boise als Heimatort von Built to Spill, einer der wenigen Rockbands aka Power-Trios, die nach der Ende der 90er Jahre mit ihren komplexes Song-Strukturen und ihren einfachen Lyrics neue Akzente setzen konnten. Seinerzeit dachte ich noch, der Name würde frankophon »Bwoise« ausgesprochen. Doch man sagt in Wahrheit »Beussiee«. Doug Martsch und seine beiden Mitstreiter geben regelmäßig Konzerte in der Heimat. Eine verlockende Aussicht.

 

5. Günstige Anbindungen

Rein geographisch gesehen mag Boise recht isoliert liegen. Angenommen ich würde dort leben, könnte ich jedoch regelmäßig Ausflüge in vier meiner amerikanischen Lieblingsstädte unternehmen: Portland, Seattle, Denver und San Fran sind mit dem Flieger in weniger als 120 Minuten erreichbar, Flugtickets sind mit Preisen zwischen 80 und 150 $ pro Strecke recht erschwinglich. Auch Salt Lake City ist nicht weit. Aber ich habe noch nie gehört, dass jemand freiwillig ins Mormonenland gereist wäre.

Endless summer: In und um Boise regnet es selten. Das Dünensurfen gehört zu den bevorzugten Abkühlungen

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6. Das Klima

Unsere avisierte Mountainbike-Tour durch die nahen Rocky Mountains hat unter der extremen Sommerhitze gelitten (dazu vielleicht ein andermal mehr). Grundsätzlich aber verfügt Boise über ein sehr angenehmes Klima: an der Ostflanke des Gebirgszuges ist es heiß und es ist trocken. Dabei kühlt es nachts auch dann auf unter 20 Grad ab, wenn das Thermometer tagsüber an der 40-Gradmarke kratzt. Ideale Voraussetzungen für die Kombination von langen Abenden im Freien und Frühsport. Im State Park bei Bruneau frönt der Kenner gerne dem Dünensurfen.

Erhabene Landschaften: Nur wenige Meilen außerhalb von Boise beginnt die Wildnis

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7. The Outdoors

Für sportliche Aktivitäten muss man Boise nicht verlassen – aber man kann. Schon nach wenigen Meilen beginnt die Wildnis. Idaho City etwa ist ein Anziehungspunkt für Abenteurer, die hier mit Angelroute, Wanderschuhen oder Outback-Equipment zu mehr oder weniger umfangreichen Expeditionen in die raue Gebirgslandschaft starten. Gute Vorbereitung freilich ist unabdingbar, schließlich befinden wir uns hier im Land der Schwarzbären, Elche, Klapperschlangen und Berglöwen. Hitze und Waldbrände können für zusätzliche Kalamitäten sorgen.

8. Street Art

Grundsätzlich halte ich dieses Ding ja für leicht überbewertet. Allerdings ist es mehr als nur ein geschmäcklerisches Hipster-Thema. Vielleicht so wie Craft Beer, nur ohne Alkohol. Aber egal: Die durchaus kunstvoll bemalten Wände dienen als recht zuverlässiger Indikator für intellektuelles Leben und Subkultur. In Boise ist dieser Zustand institutionalisiert, da die »Freak Alley Gallery« in der North 9th Street bereits seit 2002 Bestand hat. Tatsächlich werden hier sogar Schulklassen durchgeschleust. Awesome.

15 000 Menschen baskischer Herkunft bilden die größte Community in den USA

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9. Die Baskische Exklave

Ein Superlativ gefällig? Nun, Boise beherbergt die größte baskische Exklave Nordamerikas. 15 000 Menschen baskischer Abstammung sollen hier leben, was rund 7,5 Prozent der Bevölkerung entspricht. Das ist erstaunlich, denn anders als im immergrün-verregneten Golf von Biskaya zeigt sich das Klima in Idahos Hauptstadt heiß und trocken. Vor allem für die Esskultur aber sind die Migranten ein Segen, gelten die Basken doch als die originellsten und konsequentesten Feinschmecker des Planeten. Dies äußert sich auch in einer unerwarteten Pintxos-Kultur, zum Beispiel im »Basque Market« oder im Restaurant »Gernika«. Wer hätte das für möglich gehalten im alten Amerika?

Klein Washington: Das Capitol von Boise

Klein Washington: Das Capitol von Boise

10. Das Capitol

Regierungsbauten gehören gemeinhin nicht zu den Glanzstücken der Architektur. Das Kapitol in Washington hingegen stand dereinst für alle guten amerikanischen Werte. Auch in Zeiten neototalitärer Trampel wie Trump strahlt das klassizistische Gebäude eine demokratische Anmut aus. Boise verfügt über eine Replik im beeindruckenden Maßstab 1:2/3, die an das anständige Amerika erinnert.

Schluss mit Bud und Coors light

Schluss mit Bud und Coors light

11. Craft Beer

Über Hipster-Dinge habe ich mich ja bereits ausgelassen. Aber nichts hat die Aufenthaltsqualität in den USA so verbessert, wie der Boom der Mikrobrauereien. Rund ein Dutzend davon tragen allein im kleinen Boise dazu bei, den Alltag lebenswerter zu machen. Dabei sind es hier keineswegs die allgegenwärtigen IPAs, die den Ton angeben. Viel mehr haben sich die leichteren Cream Ales oder Belgian Style Whites am besten im allgegenwärtigen Kampf gegen die ungeheuerlich trockene Luft bewährt. Mein Favorit ist »10 Barrell Brewing«, ein Brauhaus mit Ursprung in Bend, OR, das eine angenehme Lagerhallenatmosphäre mit einem Rocky-Mountains-Touch vereint.

Daft Punk is playing at my House

Daft Punk is playing at my House

Außer Konkurrenz läuft das »Prost«. In diesem Lokal gibt es ausschließlich deutsche Biersorten. Während meines Besuchs wurde hier sogar ein Kölschfest ausgetragen – mit Originalgläsern. Da kommt so schnell kein Heimweh auf.

Ob Fine Dining oder Currywurst: Gegessen wird in Boise unter freiem Himmel

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12. Restaurants unter freiem Himmel

Die Behauptung, man könne in Amerika nur schlecht oder überteuert-prätentiös essen, ist natürlich haarstäubender Unsinn. In Boise habe ich ausschließlich vorzüglich gegessen – und das unter freiem Himmel und zu kleinen Preisen. Formidabel waren Spargel-Tempura, Forelle und Pulled-Pork-Burger bei »The Fork«. Die Fish Tacos bei »10 Barrell« haben mich ebenfalls überzeugt. Das Mussaman Curry bei »Mai Thai« gefiel mit Fleisch vom Hähnchenschenkel, das in den USA gemeinhin verschmäht wird. Und bei »Wild Root« greift das »Farm-to-Table«-Konzept auf vorbildliche Weise.

River deep, mountain high

River deep, mountain high

13. Der Boise River

Den Fluss erwähnte ich bereits. Er bringt kleine Wasserfälle und ein angenehmes Grundrauschen in die Stadt. Von einstigen Eisenbahnbrücken, die nun als Radwege fungieren, springen übermütige Teenager ins kalte Gebirgswasser. Und weder Studentinnen noch ältere Damen haben ein Problem damit, hier bei Dunkelheit alleine mit dem Velo entlang zu pedalieren.

Der Tag geht, Donnie Darko kommt

Der Tag geht, Donnie Darko kommt

14. Die Sonnenuntergänge

Jeden Abend vollzieht sich in der Stadt dasselbe langatmige Ritual: Wenn der Abend fortschreitet, taucht die Sonne Boise in ein sanftes Licht. Ein Schauspiel, das aufgrund der klaren, feuchtigkeitsarmen Luft besonders melodramatisch ausfällt.

Coors light, verpiss Dich!

Coors light, verpiss Dich!

15. No Corporate America

Die ganzen finsteren Ketten, die Amerika gleichförmig gemacht haben, haben in den Blocks der City kaum Fuß fassen können. Wollen wir hoffen, dass das so bleibt.

Migration is beautiful!

Migration is beautiful!

Kurzum: Für eine Stadt in einem Land, das politisch, gesellschaftlich und ökonomisch mehr oder weniger bewusst auf den Abgrund zusteuert, sind das erstaunlich viele Pluspunkte. Unter dem Strich dürfte es denn auch nicht überraschen, dass die Leute in Boise einen weitaus glücklicheren Eindruck machen, als ihre Landsleute, die ich in den Einflugschneisen, Wartehallen und Industriegebieten der vermeintlich superattraktiven Megacities getroffen habe. Ja, Boise hat sich sogar das Ziel gesetzt, die amerikanische Stadt mit der höchsten Lebensqualität zu werden. Hoffentlich lesen das jetzt keine Immobilienmakler.

Stetige Bedrohung im Hintergrund: Waldbrände sind ein großes Thema in Idaho

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Text und Bilder: Ralf Johnen, August 2016. Der Autor war auf Einladung von Visit Idaho in Boise. Dank an Nancy Richardson, die mich und meinen Reisegefährten aus der ein oder anderen Situation befreit hat.

Informationen:

Boise ist von Deutschland aus nur mit Zwischenstopp an einem Hub erreichbar. Das Attribut »am besten« verkneife ich mir an dieser Stelle, der Text sollte diesbezüglich für sich sprechen. Mir scheint es indes eine ganz gute Idee zu sein, mit der Condor nach Portland zu fliegen und von dort aus einen Roadtrip in Angriff zu nehmen, der auch nach McCall und Ketchum führt. Die Lebenshaltungskosten sind in Idaho deutlich niedriger als an den meisten Orten der USA. Das überschüssige Budget kann man also getrost in Vinyl, Bier oder Essen investieren.

www.visitidaho.com

www.boise.org

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  1. Sehr schöne Geschichte über einen Ort, von dem ich noch nie gehört habe! Aber vom Thema Craft Beer in den USA bin ich begeistert. Eigentlich trinke ich überhaupt kein Bier, aber die ausgefallenen Sorten haben es mir angetan. Idaho steht sowieso auf meiner Reiseliste und da sollte doch ein Abstecher nach Boise drin sein. Am besten finde ich Deinen ersten Punkt mit den Fahrrädern. Ich ärgere mich in den USA immer, dass alle mit dem Auto fahren – egal wohin! Klingt also sehr charmant!

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