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Der Zirkus mit dem Eis: Eine Nacht im Iglu-Hotel

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Benoit und Cecile blicken sich etwas verunsichert um. Das also ist das Weihnachtsgeschenk, das ihnen ihre beiden Kinder vermacht haben. Eine Nacht im Iglu. In der Romantik-Suite. Das Ehepaar aus Genf scheint noch nicht so recht zu wissen. „Wollen uns die Kinder loswerden?“, fragt er mit französischem Akzent und lacht.

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Es ist 16.30 Uhr, die beiden haben sich gemeinsam mit 42 anderen auf 2000 Metern Höhe am Saanerlochsgrad bei Gstaad eingefunden. Mit einem weißen Glühwein in der Hand lauschen sie der Einführung von Michi, einem bärtigen Eidgenossen, der der menschlichen Subspezies der Skilehrer entsprungen ist: braun gebrannt, Vollbart, betont verwegen.

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Das Iglu-Dorf ist voll besetzt an diesem Abend – auch weil eine große Gruppe von IBM Switzerland die frostige Lokalität für ihre Incentive-Tour auserkoren hat. Durchgefroren und ermattet von einem langen Skitag, frage ich mich unwillkürlich, ob die 18 Männer hier eine Art Boot-Camp für kollektives Versagen absolvieren, oder aber ob ihre besonderen Leistungen gewürdigt werden.

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Es dauert nicht lange, ehe die Sonne gekonnt hinter den Gipfeln des Berner Oberlands abtaucht. Alpenglühen. Nun ist es an der Zeit, unser Quartier zu beziehen.

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Wie alle anderen Gäste außer Benoit und Cecile, nächtigen wir zu fünft in einem Schlafsaal. Auf einer Eisunterfläche liegen Tierfelle und dünne Matratzen, auf denen Expeditionsschlafsäcke aufgebahrt sind.

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In dem Konstrukt, das mit Hilfe riesiger Gummihülsen schockgefrostet wird, sobald der Dezember anbricht, ist es konstant null Grad. Ich schliddere um ein paar Ecken und bewundere eine Zirkus aus Eis: Überall an den Wänden sind Akrobaten und Tiere in die Wände gefräst – das Innenarchitekturkonzept der Saison. Alsbald finde in der Dorfmitte wieder: Der Bar, wo Irina und Patrick stehen. Beide studieren in Thun und verbringen ihre Wochenenden (zum Teil) im Igludorf, das aus rund 15 Gewölbehallen besteht. Ich staune ein wenig über die Beschallung: Dr. Dre und De la Soul.

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Nicht ungeeignet, denke ich, um mich zu späterer Stunde warm zu halten. Dehydriert von sechs Stunden auf der Piste bestelle ich mir einen halben Liter Bier. Dann lasse ich mich auf einen Fatboy plumpsen, der in einer Auswölbung auf mich wartet. Andere Gäste schlürfen Champagner.

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Nach zehn Minuten wird mir ernsthaft kalt. Kurz darauf stehe ich in Unterhose und T-Shirt im Schlafsaal, um mich in eine zusätzliche Textilschicht zu hüllen. Dann händigt mir Michi ein Paar viel zu große Stiefel aus, denn wir wollen zu einer Schneeschuwanderung aufbrechen. Draußen ist windstill und kalt – aber es ist nicht dunkel, denn wir haben Vollmond.

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Ich höre keine Zivilisationsgeräusche. Während die hartgefrorene Unterlage knirscht, bewegen wir uns langsam auf einen Abgrund zu. „Wer will“, sagt Patrick, „kann mal versuchen, hier wie auf Skiern herunterzugleiten“. Nachdem der erste Hasardeur den Hang in der Haltung eines Pinguins auf dem Bauch hinunterrutscht, finden sich keine weiteren Freiwilligen. Der Rest der Gruppe entscheidet sich für einen entschärften Umweg.

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So erhaben wie heute, sagt Patrick, hat er das Alpenpanorama noch nicht erlebt. Dennoch gebe es für jeden Besucher einen Grund wiederzukommen: Bei Neumond. Denn erst bei absoluter Finsternis entfalte der Sternenhimmel seine volle Wirkung. Heute, meint der 23-Jährige, wirke das Firmament fast banal. Lediglich Orion und der Große Wagen strahlen hell genug, um sich abzusetzen.

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Von der Bewegung aufgewärmt, stapfen wir nach einer knappen Stunde zurück zu unserem Domizil. Hier trinken wir Tee und Glühwein, bis Patrick das Käsefondue hergerichtet hat. Bevor es ins Bett geht, unterziehen sich einige Gäste einem erneuten Ritual: Nur in Badehosen gekleidet, schreiten sie barfuß durch den Schnee, um unter freiem Himmel in den Whirlpool zu klettern. Nach einem Saunagang dann sind sie so weit aufgewärmt, dass sie sich in ihre Expeditionsschlafsäcke begeben.

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Ich starre derweil auf das Bergpanorama. Es ist so hell, dass man ohne weiteres abfahren könnte. Danach gehe ich an die Bar, wo mir Patrick erzählt, dass seine Kollegin Nicole genau das jetzt machen wird. In den Baucontainern für das Personal ist kein Platz mehr. „Aber, sagt Patrick, „sie ist Skilehrerin“. Und die können das. Er selbst mag seinen Neben-Job. „Es ist cool hier oben in der Natur sein und mit den Leuten Party zu machen.“ Er händigt mir einen Mirabellenschnaps aus, der hier oben deutlich angebrachter ist, als das Bier, das die IBM-Leute unverdrossen in sich hineinkippen. Das Plumpsklo – für jedes Geschlcht eines – ist gut ausgelastet.

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Gegen 23 Uhr lege ich mich im Skiunterwäsche in den Schlafsack. Sonderlich gut schlafe ich in der unbekannten Umgebung nicht. Ich deliriere, dass das nahe gelegene Städtchen Interlaken ein DDR-Kombinat für Bettwäsche ist. Um 7.45 Uhr dann steht Patrick am Fußende des Bettes. Er bietet mir einen Ricola-Tee an, den ich dankend annehme.

Wir packen unsere Rücksäcke, holen die Skischuhe aus dem Saunawagen, schleppen unsere Ausrüstung 50 Höhenmeter zur Bergstation und frühstücken im Warmen. Hier treffe ich Benoit und Cecile. „Es war toll für eine Nacht“, sagt sie. „Speziell“, meint er. Sie hatten ihren eigenen Whirlpool und ihre Privatsauna. Ihre Kinder haben es doch ganz gut mit ihnen gemeint.

Informationen:

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Iglu-Dorf Gstaad: Übernachtung inklusive Abendessen, Schneeschuhwanderung und Sauna ab 159 Franken pro Person, Anleitung gut durchlesen! Die Saison dauert bis April, dann wird das Eisdorf abgerissen, um Unfälle zu verhindern.

iglu-dorf.com

gstaad.ch

myswitzerland.com/de

Die Reise wurde von den Tourismusbüros der Region Gstaad/Saanerland und der Schweiz unterstützt.

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Alle Tage wieder in Tennessee: Hotel feiert Weihnachten – immer

„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei…“. Der Weihnachts-Countdown hat ausgedient in Pigeon Forge. Denn am Rande der Smoky Mountains in Tennessee, im Herzen des amerikanischen Bibelgürtels, muss nicht auf Santa Claus warten, wer nicht will. Wer vor lauter Vorfreude auf das Fest nicht mehr kann, der checkt einfach im „Inn at Christmas Place“ ein. Denn dort ist heut‘ schon Weihnachten, und das 365 Tage im Jahr.

Alles ist erleuchtet: Inn at the Christmas Place in Pigeon Forge/Tennessee

Alles ist erleuchtet: Inn at the Christmas Place in Pigeon Forge/Tennessee

Da ist er also zu Hause, der Weihnachtsmann. Nicht am Nordpol wie es ihm in den USA nachgesagt wir. Nicht in Lappland, wie es die meisten Europäer ihren Kindern erzählen. Und auch nicht in Grönland, so die dänische Version über das mutmaßliche Domizil des großen Geschenkebringers. Nein Santa Claus, die amerikanische Version des Mannes mit dem roten Mantel und dem weißen Rauschebart, muss irgendwo in Tennessee wohnen (oder zumindest eine Residenz haben), alles andere grenzte an Gaukelei. Denn wie sonst könnte er den Hotelgästen täglich zum Frühstück die Hand schütteln? Oder zur regelmäßigen Bespaßung auftauchen: „Wir haben unseren eigenen Santa“, bestätigt Jan Trentham, im Hotel für die Pressearbeit zuständig. „Zwei Mal in der Woche gibt er Konzerte, spielt Gitarre und singt dazu.“

Singen mit Santa: Der Mann mit Rauschebart greift routinemäßig zur Klampfe

Singen mit Santa: Der Mann mit Rauschebart greift routinemäßig zur Klampfe

Überhaupt ist Santa und alles, was er im Schlepptau hat, präsent in der Herberge mit ihren 145 Zimmern für rund 350 Gäste, um die sich neben dem Bärtigen auch noch eine 90-köpfige Crew kümmert. Allerorten auf allen Stockwerken wacht Santa, auch wenn es nur kleine oder menschengroße Figuren sind, deren Blicke einen selbst durch die schließende Aufzugstür verfolgen. Girlanden und Tannenkränze schmücken Decken und Wände, Gestecke die Badezimmer. Omnipräsent sind zu Kitsch erstarrte Rentiere, Schäfchen, heilige Könige. Die Presidential Suite für 399 Dollar die Nacht ist mit zwei eigenen Weihnachtsbäumen ausgestattet, die günstigeren Zimmer ab 79 Dollar immerhin mit reichlich Tannenzeug.

Es weihnachtet sehr

Es weihnachtet sehr

„Unser überragendes Designteam sorgt dafür, dass stets frische Dekoration alle Räume verziert“, sagt Mary, die in der Hotelverwaltung arbeitet. Und wem’s gefalle, klar, der könne die gleichen Kränze, Gestecke und Girlanden käuflich erwerben: „Gleich gegenüber auf der anderen Seite der Straße in unserem ‚Incredible Christmas Place’.“

In diesem unglaublichen Laden, so zu sagen dem Outlet für Besinnlichkeitsklimbim und anderem Kram, kann alles erstanden werden, was irgendwie nach Zimt, Glühwein und gebrannten Mandeln riecht: Zapfen, rote Socken, Lichterketten und Figuren von Sängern, Predigern, Jesusbabys, Kamelen, Schafen nebst Krippen. Und Weihnachtsbäume aus Kunststoff – auch in der Version „upside down“, mit der Spitze nach unten. Santa himself ist als Figur in allen Varianten, Posen und Größen zu haben: Er tanzt als Mr. Claus mit der ebenfalls rotummantelten Mrs. Claus, er gibt als „Santa Barbecuing“ mit Flip-Flops und Schürze den Grillmeister, fährt selbstredend Schlitten und kniet vor dem Jesuskinde. Was er im Hotel zum besten gibt, kann auf CDs erworben werden. „Hier finden Sie alles, um ihr Zuhause in ein Weihnachtwunderland zu verwandeln“, so ein Werbetext.

Santa ist Herr über leere Hotelgänge

Santa ist Herr über leere Hotelgänge

Seit 200 Jahren ist der Weihnachtsmann oder eben die US-Version Symbol des weihnachtlichen Schenkens. Und damit begann der Kommerz, der in Herberge und Shop eine Art Vollendung gefunden hat. Der Beginn der Kommerzialisierung des heiligen Nikolaus von Myra, auf dessen Legende auch Santa Claus historisch zurückverfolgt wird, begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, schreibt der britische Journalist Jeremy Seal in seinem Buch „Nicholas: The Epic Journey from Saint to Santa Claus“, in dem er dem Phänomen Weihnachtsmann und der Erosion des Heiligen auf den Grund geht.

Weihnachtsland ist abgebrannt - Kritiker sprechen von Erosion des Heiligen und Sinnentleerung

Weihnachtsland ist abgebrannt – Kritiker sprechen von Erosion des Heiligen und Sinnentleerung

Zu der Zeit formierten sich Schlitten, Rentiere und Glocken um den Heiligen. „Man kann Verständnis dafür aufbringen, aber es ist eine Korrumpierung dessen, was eigentlich mit ihm verbunden war. Im Mittelalter war er ein reines Symbol der Barmherzigkeit. Heute ist er eine absonderliche Mischung aus dieser Barmherzigkeit und zügellosem Kommerz“, sagte Seal in einem Interview nach der Veröffentlichung seines Buches vor einigen Jahren. Adelheid Utters-Adam vom Erzbischöflichen Ordinariat München formuliert es so: Bei Santa Claus, dem Werbeträger der Coca-Cola-Industrie, gehe es schon lange nicht mehr um religiöse Inhalte. Ebenso klar ist ihre Meinung zum Hotelkonzept: „Wenn ich immer Weihnachten feiere, ist es völlig sinnentleert und ohne Bezug zu den wirklichen Hintergründen.“ Diese könnten im Alten Testament im Buch Kohelet 3, 1 – 8 nachgelesen werden: „Dort steht: Alles hat seine Stunde.“

Alles hat seine Stunde - auch das Glockenspiel

Alles hat seine Stunde – auch das Glockenspiel

Indes erklingt in der Hotellobby „We wish you a merry Christmas“, sommers wie winters. Was da klimpert und noch andere Weihnachtsweisen auf dem Kasten hat, ist „der größte Stolz“ des Hauses: das zweistimmige Glockenspiel. „14 Glocken und eine automatische Orgel läuten jede Stunde mit einem Weihnachtslied ein“, sagt Mary: „Das Glockenspiel begeistert Kinder jeden Alters!“

Im „Inn at Christmas Place“ ist Around-the-clock-Weihnachtsstimmung auch lukrativ. „Seit unserer Eröffnung im Juni 2007 läuft das Geschäft sehr gut“, meint PR-Frau Trentham und verortet den Erfolg emotional in der Erkenntnis: „Weihnachten ist Magie!“ und betriebswirtschaftlich in der „Belastbarkeit des Weihnachtsthemas“. Menschen, die die Besinnlichkeit liebten, hätten nichts dagegen, sich auch im Juni in Stimmung zu bringen.

Lebensgroß und leblos

Lebensgroß und leblos

 

Bis zum 23. Dezember sieht das Programm Gesang und die Verlesung von Psalmen im Akkord vor, während Santa zu Cornflakes und Pancakes weiter kräftig die Hände schüttelt. Aber dann ist erst einmal Schluss: „Wir haben kein Programm am Christmas Eve und Santa ist außer Haus, um all den lieben Mädchen und Jungs Geschenke zu bringen“, räumt Trentham ein und erklärt: „Wir wollen so vielen unserer Mitarbeitern wie möglich frei geben, damit sie zu Hause bei ihrem Familien sein können.“ Ab dem 26. ist dann wieder volles Lebkuchenhaus angesagt. Erst in Januar und Februar geht den Weihnachtshungrigen ein wenig die Luft aus. Trentham: „Das sind unsere schwächsten Monate.“ Will heißen: Ab März weihnachtet es dann schon wieder mehr.

Der Hotel-Santa reiht sich gern ein, wenn es um das Erinnerungsfoto geht

Der Hotel-Santa reiht sich gern ein, wenn es um das Erinnerungsfoto geht

Immer geöffnet hat übrigens auch das Weihnachtspostamt des Vier-Sterne-Inns. Seit der Hoteleröffnung haben tausende Kinder Santa ihre Briefe geschrieben und in den Kasten in der Lobby gesteckt. „Dear Santa,“, schreibt ein Mädchen, “es wird weihnachtlich, ich wünsche den armen und waisen Kindern eine Familie und ein tolles Weihnachten, und dass sie viel Spielzeug geschenkt bekommen. Merry Christmas Santa!“

Behälter für den Wunschzettel an die Anonymität

Behälter für den Wunschzettel an die Anonymität

Nur ein Wunsch dürfte fast nie in Erfüllung gehen – der nach Weißer Weihnacht. Auch wenn sich Betreiber-Familie Biggs für die Totalität der Besinnlichkeit ins Zeug legt, konnte sie bislang keinen Vertrag mit dem Wettergott aushandeln. Und so fällt der Schnee nur selten dort im Osten Tennessees. Und wenn, dann schmilzt er dahin, bevor er weiße Pracht genannt werden könnte.

Schild