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Ein Tag in der modernsten Stadt der Welt: Venedig

Ruhe statt Radar und Motoren: Fortbewegung in Venedig

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber wenn Sie mich fragen, ist Venedig die mit Abstand modernste Stadt der Welt. Die Beweisführung für diese These ist simpel. Sie beginnt schon damit, dass Sie in dieser Hochburg der Zivilisation niemals auf motorisierte Machos stoßen werden, denen die Hupe ihres hoffnungslos übertechnisierten Automobils als Ventil für den Frust über ihr Leben dient. [Weiterlesen]

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Am Beispiel Preziosa – Kostbare Momente einer Schiffstaufe (Teil 1)

Der Abend beginnt mit seinem Ende. Das für 18.30 Uhr angesetzte Dinner ist seit einer halben Stunde Geschichte, als ich um 21.00 Uhr durch die Sicherheitsschleuse der „MSC Preziosa“ schreite. Ich bin wie so häufig ein wenig hastig auf Reisen gegangen, schnell am Vorabend ein paar Sachen in den Koffer geworfen und online eingecheckt, Sitzplatz geändert. Der Rest muss schon klappen.

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Folge: eine leicht ansteigende Nervositätskurve am Ziel der Reise. Anzüge habe ich gemäß Dresscode zwar im Gepäck, nicht aber den Reisepass, der auf einer Kreuzfahrt in der Regel verlangt wird, sobald das Schiff ablegt. Das kommt mir wieder in den Sinn, als vor mir in der Schlange ausschließlich Menschen mit dem weinroten Reisedokument in der Hand auf Zutritt in den Schiffsbauch warten, der sich an der Pier am Porto Antico vor uns erhebt. Letztlich sieht mich der Sicherheitsmensch mit dem gedrehten Kabel am Ohr nur etwas komisch an, als ich ihm Personalausweis und Handy mit der Buchungsnummer auf dem Display hinhalte. Zutritt kein Problem – die MSC Preziosa wird vertäut liegen bleiben für diese beiden Tage der Taufzeremonie in Genua.

Porto Antico - Dort parkte die "MSC Preziosa" ein

Porto Antico – Dort parkte die „MSC Preziosa“ ein

Aber auch die Organisation der Reise bis in die ligurische Regionalhauptstadt war nicht gerade ein Meisterstück. Hinter mir liegen der Flug nach Nizza, drei Stunden Transfer in einem überhitzten, mit zehn Leuten völlig unterbesetzten Reisebus und ein Tagesprogramm mit Schiffsführungen ohne meine Anwesenheit. Immerhin: An der Rezeption sucht man aus hunderten von Schlüsselkarten (Fachsprech: Cruise Card) blitzschnell die passende zu Kabine 11195 heraus, eine mit Balkon von insgesamt 1751 Kabinen des neuen, 333 Meter langen Stolzes der Reederei MSC Crociere, der voll besetzt 4345 Menschen befördern kann.

Kabine mit Aussicht

Kabine mit Aussicht

Ein Page schnappt sich meinen Koffer, wir gehen über dicke, weiche Teppiche. Um uns herum glitzert es überall, Kronleuchter, Spiegel, Augen. Nur Menschen in Abendgarderobe, satt, angeschwipst, bester Laune.

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Ohne zu duschen, in dem Glauben, noch meinen Platz am Dinnertisch einnehmen zu können, werfe ich mich schnell in Schale und lasse Tür Nummer 11195 zufallen. Vorm L’Arabesque versperrt mir ein Schild „Restaurant closed“ sowie eine sediert-freundlich dreinblickende Servicekraft den Weg. Also ab in einen der 17 verspiegelten Gästeaufzüge.

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Auf Deck 14 wartet ein Buffet-Restaurant, das auf einem um Kurven und Ecken mäandernden Tisch von vielleicht 200 Meter Länge 20 Stunden am Tag Speisen vorhält. Als ich mir gerade ein paar Penne auf den Plastikteller löffeln will, ergießt sich ein Meer in die übergroße Pfanne. Ein Mann mit Eimer in der Hand lächelt mich an und beginnt zu rühren. Im Laufe des Tages hat sich die Tomatensauce ungewollt zu einer Art zäher Paste reduziert, da muss man nachbessern.

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Dinner for one

Dinner for one

Eine Tour über Deck

Nach dem Essen in Einsamkeit bleibt noch Zeit für eine self-guided Tour über die Decks. Kurz im verrauchten Casino vorbeigeschaut, zieht es mich an die Frischluft. An einer Eisdiele bestelle ich ein Pistazieneis. Ich komme vorbei an einigen comicartigen, bunten Figuren, die wohl Wasser spritzen können, dem nachts stillgelegten Planschbereich für Kinder. Unterhalb der Schornsteine mache ich ein Foto des MSC-Logos, wer weiß, wofür es gut ist. Dann flackert der Himmel grün auf. Ich drehe mich um…

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Alles ist erleuchtet

Alles ist erleuchtet

…und erblicke den altehrwürdigen Leuchtturm Genuas (Torre della Lanterna di Genova), den mit 77 Metern höchsten in Europa, an dem ebenfalls das Reederei-Logo aufleuchtet. Von seiner Spitze aus schießen grüne Laser in den Nachthimmel Genuas und erbeben eine matrix-artige Schraffur.

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Dann verfangen sie sich gebündelt in Höhe der verglasten Borddisko in luftiger Schiffshöhe, die selbst glitzert und blitzt. Ihr Wummern lässt chartskompatible Technoderivate erahnen. Ich hadere, ob ich mir die Interpretation des Nachtlebens à la MSC geben soll oder nicht, und schlendere leicht unentschlossen umher.

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Über zwei Treppen erreiche ich das „Adults-only Top 18 Exclusive Solarium“ – ein Rückzugsgebiet mit potenziell hoher Sonneneinstrahlung für die Schiffsreisenden, die keinen Bock auf Kinderlärm haben. Zwei der Premierengäste haben den Namen dieses offenen Decks wohl etwas überinterpretiert. Zumindest tummelt sich in einer der Liegemuscheln ein aktives Pärchen. Aus Gründen der Diskretion erhöhe ich meine Schrittfrequenz, muss im Vorbeihuschen aber doch sehen, dass er gerade auf ihrem Bauch sitzt und sich die Hose schließt. Mission accomplished.

Vertigo - Die längste Wasserrutsche auf hoher See (Bild: MCS Crociere)

Vertigo – Die längste Wasserrutsche auf hoher See (Bild: MCS Crociere)

(Bild: MCS Crociere)

(Bild: MCS Crociere)

0.30 Uhr zurück in der Kabine verweist die Reederei noch einmal auf die offiziell zu erlebenden Highlights einer Preziosa-Reise: Auf dem Bett liegt jetzt ein offener Brief von Kapitän Giuliano Bossi, der dieses zwölfte Schiff der Reederei und vierte der Fantasia-Klasse preist, als besondere Neuheit habe die Preziosa mit 120 Metern die längste „Single-Wasserrutsche auf hoher See“ an Bord. Zum Einschlafen entscheide ich mich aus dem für die Premierengäste freigeschalteten Angebot an Pay-TV-Filmen für „Men in Black 3“. Ich träume von parasitären Monsterkäfern und glibbrigen Fischmutanten.

(Fortsetzung folgt)

Autor: Stefan Weißenborn, April 2013

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Wie im Antonioni-Film: Ein Abend in Navigli, dem Ausgehviertel von Mailand

Abendlicht, das sich in Gewässern spiegelt. Vespas mit helmlosen Fahrern. Zur Kleinwüchsigkeit neigende Machos. Und hochhackig durch die Nacht staksende Amazonen mit olivfarbener Haut und kurzen Röcken. Wir wähnen uns wie im Fellini-Film. Tatsächlich aber sind wir in Mailand, einer Stadt, die von Deutschen kaum je besucht wird. Sie fahren lieber nach Florenz, Rom, Venedig, Verona oder Bologna.

Tatsächlich sind nicht alle Vorbehalte unbegründet. In Mailand etwa werden Schalke-Aufkleber gewaltsam von Autos entfernt. Außerdem geht es abends und nachts ziemlich gemächlich zu. Die Altstadt ist auch am Wochenende weitgehend verwaist. In den wenigen Bars läuft seltsame Musik, wer Glück hat, hört Bohemian Rhapsody von Queen.

Die große Ausnahme ist Navigli, ein Viertel im Südwesten der Stadt. Unweit der Stazione Genova ziehen sich zwei aufeinander zulaufende, kerzengrade Kanäle durch die Stadt, die Mailand im Mittelalter mit den Nachbarstädten verbunden haben. Als Reisejournalist wäre man geneigt, den Ort als Venedig Norditaliens zu bezeichnen, aber das klingt komisch. Egal.

An den Ufern der Kanäle jedenfalls sonnen sich tagsüber die Studentinnen. Gegen 18 Uhr dann beginnt die Stunde des rituellen Aperitivo. Dieser mutet zunächst etwas seltsam an, weil die Mailänder für ein Bier oder ein Glas Wein freiwillig 8 Euro abdrücken. Der Preis aber beinhaltet den Gang zum Büffet, das aus allerlei Antipasti besteht – und den Restaurants immer mehr die Kunden abgräbt. Die effektivste Kombination: Ein Pint Pilsener Urquell und zwei volle Plastikteller.

Der Habitus übrigens wird vom Personal der Bars nach Kräften unterstützt. Selten sind wir irgendwo so freundlich und in so entzückendem Englisch auf die vorteilhaften Regeln aufmerksam gemacht worden. Stühle wurden uns nachgetragen. Aufgrund akuter Dehydrierung ist die Wahl einmal gar auf ein Lokal namens Blues Canal gefallen. Ich betone das, weil ich sonst immer über die Einträge in Reiseführern lache, die Jazz-Clubs oder Blues-Bars empfehlen. Überall auf der Welt.

Nach dem Aperitivo ist erstmal ein gepflegtes Nickerchen fällig. Zum Glück ist unser Hotel, das hippe – in unmittelbarer Nähe zur örtlichen Filiale der Model-Agentur Elite gelegene – NHOW, nicht weit weg. Gegen 22 Uhr gehen wir essen. Auf den Tisch kommt Ossobucco mit Risotto Milanese, das für die Stadt beste und typischste Gericht.

Gegen Mitternacht ist es richtig voll in Navigli. Wir versorgen uns in einer kleinen Privatbrauerei, die reichhaltige Biere amerikanischer Machart aus dem Fass anbietet, mit Getränken und lassen uns am Kanal nieder. Es nieselt ein wenig. Alles sieht aus wie im Schwarzweiß-Film. Ich frage mich kurz, ob ich mir vielleicht nicht doch eher wie in einem Antonioni-Film vorkomme.

In den Clubs und Bars wird die Lage derweil langsam ein wenig unübersichtlich. Auch die Röcke scheinen kürzer als noch vor Stunden.

Ich lenke mich ab mit einem Blick auf die Brücken, die über die Kanäle führen. Kahler Beton, der von Grafitti-Künstlern signiert wurde. Vielleicht, denke ich, ist dieser signifikante architektonische Mangel auch der Grund dafür, warum ich Mailand besser nicht als Venedig Norditaliens bezeichnen sollte. Es wäre verantwortungslos.

Wie auch immer. Um uns nicht dem Konsum eines vierten (?) Bieres auszuliefern, laufen wir weiter. Nach einem kleinen Stopover in einer Weinbar landen wir vor einer Eisdiele, die aussieht wie eine Apotheke aus den 1920ern.

Ich bilde mir trotz entgegenläufiger Zeugenaussagen bis heute ein, zwei Kugeln Pinienkerneiscreme gegessen zu haben. Aber ich bin mir nicht ganz sicher. Wohl aber weiß ich, dass wir auf dem Heimweg noch einen Absacker genommen haben. Das, was wie ein bürgerliches Café ausgesehen hat, entpuppte sich bald als Openair-Kunstrasen-Riesenkugel-Boccia-Anlage mit Flutlicht. Hier ist der Beweis:

Aber auch ohne dieses durchaus surreale Finale werde ich wiederkommen. Tolle Stadt.

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Der Gardasee – Ein Selbstversuch in Technicolor (2)

Als wir zurück in unserem Domizil sind, werden wir umquartiert. Unsere Koffer stehen nun in den Murialdo Suites, einem Neubau auf dem Hotelgelände. Ein veritabler Tapetenwechsel, denn während das Interieur der Zimmer im Haupthaus grünblau gehalten ist, was mich – ohne dass ich es je gesehen hätte – an Urlaub in Jugoslawien erinnert, residieren wir nun in dezidiert modernem Ambiente.

Parkett und elegante Möbel verleihen den Suiten eine zurückgenommen stilvolle Aura, die dem Vernehmen nach jüngst die Profis eines deutschen Fußballvereins zu goutieren wussten, der in der vergangenen Saison drei zweite Preise zu gewinnen wusste. Auch die Küche ist an diesem Abend besser in Form: Das Vorspeisen-Büffet mit gegrillten Artischocken und Vitello Tonnato fällt ebenso angenehm auf wie die Gardasee-Forelle. Der Moscatello von Manincor aus dem Trento ist eine Granate.

Für den nächsten Tag haben wir uns den Monte Baldo vorgenommen. Doch wir überlegen es uns anders. Ganz gewiss haben wir ein wenig Scheu vor den 2200 Höhenmetern (OK, bis zur Gipfelstation der Bergbahn sind es machbare 1600 Meter), auch hängen ein paar Wolken am Berg. Der wahre Grund aber ist, dass wir gekommen sind, um die Urlaubstauglichkeit des Gardasees zu prüfen. Also nehmen wir die nächste Härteprüfung in Angriff: Bootstour nach Malcesine. Vorbei an den trinkenden Teutonen und den musizierenden Indios bahn en wir uns unseren Weg zum Ableger am bergseitigen Ende des Hafens von Riva. Wir kaufen Halbtagestickets für die Nordhälfte des Sees (20,70 Euro) und reihen uns ein in die Schlange nervöser Passagiere, die bereit sind für den Kampf um die 20 nicht überdachten Plätze im Bug des Schiffes.

Weil es ja Nebensaison ist, gelingt es auch uns Pazifisten einen passablen Platz zu ergattern. Schon geht es wieder los: Das grüne Wasser, die Berge, der blaue Himmel.

Die Synapsen arbeiten und arbeiten. Als wir in den Hafen von Limone einfahren, beugt sich in einem gelb angestrichenen Hotel ein alter Mann (er erinnert mich an Pablo Picasso) über die Reling eines Balkons. Ich bekomme Herzrasen. Die Auswertung meines Gehirns lautet: „Es ist zum Sterben schön.“ Obwohl ich mir solche Gedanken sonst gemeinhin verkneife. Schließlich bin ich Journalist.

In Malcesine folgt die Abkühlung. Es ist nicht das winzige Hafenbecken, in dem nur wenige Boote Platz finden, das den Synapsen nun Einhalt gebietet, nein, es sind die saufenden Touristen, die diesen Job übernehmen. Als ich höre, wie ein (abermals völlig dekontextualisiertes) Duo ihnen „No woman, no cry“ vordaddelt, beneide ich plötzlich Goethe. „Das ist eine Premiere“, denke ich kurz. Doch der Dichter hat diesen Ort zeitlebens in einem unberührten Zustand erlebt, was ihn zu einer Schwärmerei veranlasste.

Wir dagegen nehmen die Beine unter die Arme: Nichts wie weg hier. Vorbei an Lederfachgeschäften und Universal-Nippesläden mit Schaufensterlängen von gefühlten 60 Metern schreiten wir gen Süden.

Schon nach etwa fünf Minuten sind wir nahezu allein. Am Ufer des Sees stehen patinabefallene Villen, in deren verwunschenen Gärten Olivenbäume ihre Früchte großziehen. Der Gardasee produziert einige windbedingte Wellen, die mit einem angenehmen Plätschern die Aufmerksamkeit unserer Ohren erheischen. Unser Blick fällt auf knorrige Zedern und Zypressen, die vorwitzig in die Luft ragen. Dann nehmen wir auf einem Miniaturfelsen platz und vergessen die Zeit. An was ich gedacht habe, weiß ich nicht mehr. Beinahe aber hätten wir das letzte Boot zurück nach Riva verpasst.

Das Hotelrestaurant serviert Penne mit Zucchini und Kürbis-Risotto, danach ein gutes Saltimbooca. Inzwischen habe ich den Saal lieb gewonnen. Ich stelle mir vor, welch hippes Publikum hier verkehren würde, wenn das Ding in Köln oder Berlin stünde. Auch Giancarlo, der stets diskrete Kellner, der das Essen meist unter einer braunen Plastikabdeckung hervorzaubert, wird mir fehlen. Der Spagat zwischen Tradition und Gegenwart ist an diesem Ort halt nicht einfach. Doch wer in der Nebensaison reist und auch dann zu einigen Ausweichmanövern bereit ist, kann sich dem Gardasee ausliefern. Und das ist nur die kurze Version.

Informationen:

Die Übernachtungspreise variieren je nach Ssison und Zimmer stark. Ein einfaches Doppelzimmer im Haupthaus ist in der Nebensaison für 110 Euro zu haben, das große Penthouse mit Whirlpool auf dem Balkon kann in der Hauptsaison mit 1000 Euro (für vier Personen) zu Buche schlagen. Der prächtige Park, die drei Pools, der Marmorspeisesaal und die Frühstücksveranda stehen allen Gästen offen. Die Halbpension kostet 45 Euro pro Person und Tag. Die Weinkarte ist umfangreich und beinhaltet zahlreiche Positionen für den Kenner mit gehobenen Ansprüchen.

www.dulacetduparc.com

Der Autor hat auf Einladung des Hotels drei Nächte im Hotel du Lac et du Parc verbracht.